Logbuch
NULLA SALUS BELLO.
Im Krieg liegt kein Heil. Keine Heilung durch den Krieg. So denkt der Pazifist. Der deutsche Pazifist, weil sein Vaterland noch jüngst zwei Weltkriege angezettelt hat. Was aber ist der KRIEGSGRUND?
Es gehört zur militärischen Paradoxie, dass für jeden ANGRIFF die VERTEIDIGUNG bemüht wird. Möglicherweise ist das selbst für den willentlichen ANGREIFER jene Lüge, die ihm das Morden leichter macht. In der Sprache der Politik SICHERHEITSINTERESSEN, meist territorial gedacht, als Reich, das sich selbst arrondiert. Eine GRENZE garantieren. LIMES für den Römer. Das Römische Reich lebte im Kern vom Korn seiner Satelliten. Diese IMPORTABHÄNGIGKEIT brachte es zu Fall.
Und dann sehe ich den Namen jenes ukrainischen Ortes im Fernsehen wieder, der für mein berufliches Leben wichtig wurde: Tschernobyl. Fanal der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Ein Gau nach Experimenten in dem graphitmoderierten Reaktor führte im April 1986 zu radioaktiven Niederschlägen auch hier bei uns. Eine berufliche Fortüne machte mich damals zum Sprecher der Hersteller und Betreiber der Kernkraftwerke in der Bundesrepublik Deutschland. Es ist klar, dass ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war.
Aber wir haben damals versucht, der Branche ihre technokratische Arroganz abzugewöhnen. Der eigenen! Dass das nicht so recht gelungen war, wusste ich als ich ALLENSBACH vortragen hörte, dass die Bevölkerung zurück zur Normalität wolle. Nix passiert, das war das Gefühl der Hierarchen. Back to business. Der Kern des Problems war wieder verdeckt. Er liegt darin, dass man schlecht eine deutsche Bevölkerung überreden kann, die Risiken einer Technik zu tragen, wenn man das damit verdiente Geld in New York an der Börse abliefern will. Aber wie stolz waren sie, die gelernten Kohlebarone, als sie in den USA gelistet waren. Technokraten. Ich habe in der Elektrizität, in der Kohle, dem Öl und dem Gas gearbeitet; ich weiß wohl wie die da ticken.
Kernenergie steht immer in einem militärischen Kontext; sie kann daher im nationalen Maßstab und zur Stromerzeugung nur hoheitlich betrieben werden. Damit ist noch nichts zur Betriebssicherheit oder der Entsorgung, etwa der Lagerung der Abfälle gesagt, aber zur Verantwortung. Nur der Staat kann sie für meine Begriffe tragen. Wenn man sie als Gesellschaft tragen will. Und da sollte es kein Prerogativ einer Elite geben. Eine Gesellschaft, die dies Risiko nicht mehrheitlich und nicht dauerhaft will, wird keinen Staat haben, der es tragen kann. Mein altes Credo: Die Kernenergie hat allenfalls eine Zukunft, wenn auch die Grünen sie wollen.
Nun also wieder Verteilungskämpfe um Erdgas. Schon immer Verteilungskämpfe um Öl. Früher, obwohl vergessen, welche um Kohle. Selig die Nation, die ihren ENERGIEHUNGER stillen kann mit dem, was sie auch erntet. Weil uns das Glück der Vögel fehlt, die nicht säen und ernten, aber doch vom Herrgott genährt werden. Jetzt die wirkliche Kernfrage: Wie sät man Energie? Gute Frage. Jedenfalls erntet man nicht mit Krieg. An die Freunde des russischen Gases: Nulla salus bello.
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DICHTERWORT.
Spaziergang mit Robert Walser, eigentlich eine Wanderung. Stattliche Strecke von St. Gallen nach Trogen. Lunch. Zurück nach St. Gallen. Walser ist gerüstet für die Exkursion.
Die schlimmste Farbe? Beige. Auch Creme genannt. Entsteht durch das Mischen von Braun, Gelb und Weiß. Nichts trister als die MUFIS, jene alten weißen Leute in Multifunktionskleidung im Farbton „beige“, ein Habit, mit der sich der deutsche Wandersmann und -frau zwecks Freizeit kleiden. Zwölf Taschen oder mehr, aber kein Stil. Praktisch und regensicher. Unerträglich insbesondere das Kleidungsstück namens Anorak. Neuerdings auch als wattierte Plastikwurstpelle. Und dann schwadronieren sie in Gottes Natur. Man sollte ihnen den Wald verbieten.
Walser trägt einen schwarzen Dreiteiler mit weißem Oberhemd und Krawatte. Schwer Wollstoff, aber eng geschnitten. Die Weste sitzt geradezu stramm. Die Hosen selbstverständlich mit Umschlag. Dazu einen grauen Filzhut mit schwarzer Binde. Sehr gut geschnittene Lederschuhe mit Kappe und penibler Schnürung.
Bis in jede Kleinigkeit ein Herr in vornehm schlichtem Sonntagsstaat, sportliche Erscheinung, aber frei vom jeder Anspielung auf etwas Lässiges. Kein Stock. Natürlich kein Rucksack. Sollte es regnen, so sind Filz des Hutes und Wolle des Anzugs Schutz, sonst nichts. Die Schuhe im übrigen geputzt. Gewienert würde man sagen, wenn es das Wort im Schweizer Deutsch gäbe.
Beim Essen redet er, nachdem wir die lange Strecke in ausgiebigem Schweigen bewältigt haben. Er nennt meine Glossen im Logbuch „Prosastückli“. Diese wunderbare Art der Schweizer, die Dinge in der Verkleinerungsform zu benennen, rührt mich hier besonders an. Auf dem Rückweg schweige ich, um meinen Dank zu zeigen, mit noch größerer Inbrunst.
Logbuch
DIE SILICON ELITE.
Das digitale Zeitalter blickt auf Gründungsväter zurück, die so altväterlich gar nicht erscheinen. Das ist gewollt. Sie möchten nämlich auf immer als kreative Jugendliche gelten.
Was braucht es? Wenn man den Gerüchten glauben kann. Zunächst ein abgebrochenes Studium in Florida. Auf keinen Fall ein Examen. Man ist als Genie aus der Pubertät entlassen, scheut jedweden Abschluss und schraubt schon seit Kindertagen mit einem Kumpel in der elterlichen Garage an etwas, das einmal sensationell sein wird.
Man kommt, typisch für das Einwanderungsland Amerika, aus aller Herren Länder und ergreift mit ein, zwei Campusfreunden eine schräge Start-up-chance, die man sehr bald wieder verscheuert. So kommt das erste Geld zusammen. Man lungert dann am Kapitalmarkt rum und gebiert exotische Trends.
Keine Scheu vor dem Einsatz des eigenen Knowhows bei Geheimdiensten und in der Rüstungsindustrie. Überhaupt ist die militärische Eignung der Hobbys immer mitgedacht, wenn man das All, andere Gestirne oder auch nur ferne Reiche zu erobern gedenkt. Dabei locker bleiben: Turnschuhe, nicht Stiefel.
Politisch kann man zugleich sogenannte libertäre Vorstellungen haben, also den tiefen Staat verachten und rigoroses Unternehmertum predigen. Manchem ist auch die Neue Rechte kein Graus. Mit der Gewaltenteilung nach europäischen Muster oder dem Kartellrecht muss man es nicht übertreiben.
Man hat Billionen. Die amerikanische Mathematik nimmt es da nicht so genau, das können Milliarden sein oder auch nur Millionen. Der aktuelle Börsenwert gilt als verfügbares Vermögen. Pseudo-Währungen gelten als wirkliches Geld. Man spekuliert.
Der Mythos ist zu pflegen. Millionen schlichter Gemüter folgen ihrem Führer im Netz. Abgedrehtes gilt als Kult. Alle sind kerngesund und werden als juvenile Narzissten ewig leben.
Warum nur hinterlassen diese modernen Heldensagen einen so schalen Nachgeschmack?
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Könige und Bettler haben das Recht, unter Brücken zu schlafen
Soziale Gerechtigkeit ist kein Staatsziel. Davon steht auch nichts, rein gar nichts in unserer Verfassung. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist etwas ganz anderes. Nein, es ist nicht Aufgabe der Politik für eine Vergleichbarkeit der Lebensverhältnisse zu sorgen. Nein, es ist nicht erstrebenswert, wenn das soziale Gefälle in einer Gesellschaft von Staats wegen durch Transferkulturen abgebaut wird.
Die Ungleichheit der Menschen ist es, die die Dynamik einer Gesellschaft ausmacht. Diese Ungleichheit in einer nivellierenden Tugenddiktatur aufheben zu wollen, endet in einem Steinzeitkommunismus. Am Ende schlafen dann alle unter Brücken.
Erfolgreiche Gesellschaften sind nicht durch Egalität und Harmonie gekennzeichnet, sondern durch Differenz und Wettbewerb, ja auch durch Neid und Gier. Der Klassenkampf derer, die nach oben wollen, gegen die, die noch oben sind, ist ein Ausdruck demokratischen Lebens. Man muss diese Turbulenzen wollen. Das darf jetzt wieder gesagt werden. Es gibt in der europäischen Politik wieder eine konservative Stimme, die die egalistische „Volksheim“-Idylle der schwedischen Sozialdemokratie durchbricht. Der Bürgermeister von London Boris Johnson formuliert auf seinem Weg an die Spitze der Konservativen kühn Thesen, wie wir sie zuletzt von der Eisernen Lady Thatcher oder dem öligen Spekulanten Gordon Gecko gehört haben. Er ist aber kein ewig Gestriger.
In Fragen der Bildung spricht man vorsichtiger von der Chancengleichheit, da unübersehbar ist, dass die Menschen nicht gleich sind, dass es Begabte und weniger Begabte gibt, so Begabte oder anders Begabte, jedenfalls Geförderte und weniger Geförderte, auch Fleißige und Faule. Das hat politisch nichts mit ethnischen oder genetischen Fragen zu tun, sondern mit dem konkreten Bildungsangebot, etwa der Frage, ob ein Teil des staatlichen Bildungsauftrages auf die Familien zurückgeworfen wird, womit bestimmten Schichten mehr Chancen zuwachsen als anderen. Die Schulpflicht, eine große aufklärerische Errungenschaft, erwächst aus der Erkenntnis, dass die Menschen nicht gleich sind.
Differenz ist das entscheidende Momentum der kulturelen, aber auch der politischen Entwicklung einer Gesellschaft. Konkurrenz ist ihr Lebensprinzip, nicht staatlich verordnete Homogenität. Das bedingt keinesfalls eine liberalistisches Chaos des Marktes. Natürlich kann die Gesellschaft politisch definieren, wie die Rahmenbedingungen auszusehen haben, und zwar dort, wo es um Mindeststandards geht. Weder Könige noch Bettler sollen unter Brücken schlafen müssen. Die Themen sind bekannt: eine Krankenversicherung für jeden Nordamerikaner, Mindestlöhne in Deutschland, Steuerpflicht auch für Unternehmen, Korruptionsbekämpfung auf dem Balkan, durchgesetzte Schulpflicht auch in Neukölln.
Weniger Staat, mehr Wettbewerb, Multikulti und Unternehmertum… Die englische Sozialdemokratie ist fassungslos gegenüber dem neuen Individualismus des Boris Johnson. Vieler ihrer politischen Konzepte stammen aus einer Zeit, in der in einer Fabrikhalle ein durchorganisiertes Kollektiv agierte und in Siedlungen wohnte sowie klassenkonform gewählt wurde. Das neueste ist für sie noch immer der Fürsorgestaat, der bedingungslose Grundeinkommen gewährt, also das Recht und die Pflicht auf Selbstverwirklichung verweigert. Mit diesen Vorstellungswelten erreicht sie nicht mehr die jüngeren Generationen und die dezentralisierte Dienstleistungsgesellschaft. Nachdem New Labour schon im vergangenen Jahrzehnt die Sozialdemokratisierung und Ökologisierung der konservativen Politik wehrlos hat mit ansehen müssen, droht nun die nächste Runde ideologisch verloren zu gehen. Der nächste englische Premierminister jedenfalls wird Boris Johnson heißen. Nur kein Neid. Auf die Frage, ob er den aktuellen Brotpreis kenne, hat er geantwortet: Nein, aber den einer Flasche Champagner.
Quelle: starke-meinungen.de