Logbuch
DIE KAUENWÄRTER.
Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nur als junger Bengel gekannt, der seinen wortkargen Erzählungen, oft nur Episoden oder Spitznamen lauschte, ohne sie ergründen zu können. Er war ein einfacher und stolzer Mann, der sein gesamtes Berufsleben lang Nachtschichten im Ausbau verfahren hatte; als Rentner in seiner Siedlung zum Knappschaftsältesten gewählt. Sonntags trug er zum Anzug und Mantel einen steifen Hut.
Heinrich verachtete Schwätzer. Er war ein ostpreußischer Protestant und seine oberschlesischen Kumpel, polnisch sprechende Katholiken, durften seines Spottes über Antek & Frantek sicher sein. Er hasste den Barbara-Kult. Die tiefste Verachtung aber legte er in die Verballhornung eines Zeitgenossen als „Kauenwärter“. Damit hatte es folgende Bewandtnis.
Bergleute fahren über eine Weißkaue an und legen in einer Schwarzkaue ab. Dort steht dann eine ganze Schicht unter einer Dusche, nackt und dreckig und bereit, sich gegenseitig den Rücken zu schrubben. Man kannte sich. Das ist kein Ort der Förmlichkeiten. Vorher hatte man gemeinsam im Loch sein Leben riskiert. Und irgendwann hat der Steinstaub allen die Luft genommen. Der Begriff Kumpel hat in dieser Welt einen sehr konkreten Inhalt.
Die Einrichtung von Schwarz- und Weißkauen war eine Verbesserung elender Arbeitsbedingungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Infektionskrankheiten war vorzubeugen. Und irgendjemand musste die Massendusche sauberhalten. Man übertrug dies jenen Invaliden, die nicht mehr vor Kohle konnten. Und diese Jungs hatten eine halbe Schicht Zeit, dummes Zeug zu reden, bis sich die Schwarzkaue wieder füllte. Dort trafen sie dann auf die Verachtung der wirklichen Helden.
Dem Assessor gebührte eine Steigerkaue, mit Wanne. Für Antek & Frantek unerreichbarer Luxus. Und von den sogenannten Kauenfrühstücken der Steiger, da wüsste ich auch zu berichten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jedenfalls klingt mir noch die abgrundtiefe Geringschätzung in den Ohren, mit der der Hauer Heinrich Kocks jemand einen „Kauenwärter“ nannte.
Deformation professionell. Man hört mit diesen Ohren das woke Geschwätz unserer Tage anders als die Blasierten, die es trällern. Vor Hacke ist duster. Glückauf.
Logbuch
FERIENBEGINN.
Ich hätte gern ganzjährig August. Das ist doch kein verwegener Traum. Damit wäre man im Streben nach Glück („the pursuit of happiness“) schon ein ganzes Stück weiter. Weil die anderen Leute sich dafür verpissen und hier nicht mehr im Wege stehen. Da bin ich wie der Philosoph Diogenes, dem man nicht den Sonnenschein nehmen soll. Geht mir aus der Sonne!
Es beginnt nun ja die wahrlich seltsamste Jahreszeit. Die Kinder müssen nicht mehr in die Schule; für die Pauker beginnt die „unterrichtsfreie Zeit“ (nach all den Klassenfahrten gegönnt), die Professoren schlafen durch. Der Beamte bettet sich um. Den hartarbeitenden Menschen ist natürlich von Herzen gegönnt, dass die Fabrikglocke mal verstummt. Jene beförderten Werktätigen, die noch nicht vom Amt leben, sondern Home-Office machen, dürfen jetzt auch offiziell den Herrgott einen lieben Mann sein lassen. Die Republik wechselt geschlossen in den Gammelmodus. Man legt kurze Hosen an.
Wesentliche Teile der Leute wollen nun partout verreisen; erst das bringt die wirkliche Erleichterung. Die Leute folgen einem Lockruf in ferne Paradiese. Für viele Migranten die schwierige Zeit, in der sie die Orte ihres Heimwehs aufsuchen, dabei aber in der Gewissheit bestärkt werden, den Ruhestand hier nicht verbringen zu wollen. Andere pflegen einen Exotismus des Ortes, sagen wir in Ägypten oder auf Mali, bei tiefster Normalität des Lebens: fressen, saufen, ficken, am Pool liegen. Meist ohne die behaupteten Eskapaden. Der Plebs sucht die Lager auf, Ferienlager.
Nun gut, ich räume es ein: Wir fahren nicht weg. Nicht weil es am Geld mangelte, es fehlt uns an Fantasie und Gestaltungskraft. Zu lange haben wir uns in Edelhotels großer Metropolen interniert und den Bustouristen bei der Vulgarisierung edler Stätte zugesehen. Was soll ich da? Von den Weltreisenden in den Viehtrieben der Jets auf andere Hälften des Globus ganz zu schweigen. Man wird mich nicht in kurzen Hosen auf Bali sehen. Oder sonst wo.
Jetzt, da die Städte leer und das Landleben ruhig, da genießen wir die Heimat, wie sie sein könnte, wenn nicht überall so viele Leute wären. Der Mensch ist gut, die Leute sind ein Dreck. Und im August weg.
Logbuch
DICHTER UND DENKER.
Ich lese gerade die Berlin-Romane eines Gegenwartsdichters, der mit erstaunlicher Wortgewalt auf Dinge anzuspielen weiß, die die Zeitgenossen noch deutlich in Erinnerung haben. Große Sprache, eine Bereicherung zu lesen; und oben drauf die Freude des Wiedererkennens von Zeitgenössischem. Etwa wie er Jens Spahn als Gesundheitsminister verarscht. Was aber ist mit dieser Literatur, wenn künftige Generationen sie in Händen halten, denen diese Erinnerung bereits fehlt? Es ist ja sicher, dass der klebrige Spahn schlicht vergessen wird.
Gestern ein Erlebnis bei Fabrizio, meinem Italiener (Rigatoni mit Speck und Dicken Bohnen, Kalbsleber hauchdünn mit Kartoffelstampf, Cassata in Schnaps). Es stellt sich mir ein Herr vor, den ich als frühen Leser dieses Logbuchs sehr schätze, aber real noch nie getroffen hatte. Mein Leser, die Zweite. Das ist der Lange von der Welle (meint Deutsche Welle). Es gibt hier aber auch den Kurzen von der Welle, den sie auch Dreggers Dreckschleuder nennen. Der Riese ein Mann von Bildung und liberalem Format. Der Giftzwerg ein unangenehmer Rechthaber der klassischen Rechten. Unterschiedlicher können Journalisten nicht sein. Im San Giorgio in der Mommsen dürfen alle sein. Der Lange ist mir lieber.
Spaß an diesen Worten kann man eigentlich nur haben, wenn man noch weiß, wer Dr. Alfred Dregger war, der schon AfD konnte, als diese noch in der hessischen CDU schlummerte. Wem das fehlt, dem fehlt halt was. Oder dieser Art von anspielender Literatur. Sie hat etwas von der Vergänglichkeit des Kabaretts. Große Literatur braucht ihrem Wesen nach mehr als die Anspielung auf den Moment. Jetzt fällt mir ein, der Pimpf war Intendant bei der Welle, der Titan Chefredakteur, sicher zu unterschiedlichen Zeiten. Die angeberische Dreckschleuder hatte das nämlich an seiner Berliner Klingel stehen: „Intendant“. Seine Spesen zahlte damals ein Stadtwerk. Aber wen interessiert das heute noch?
Wem große Literatur nicht gegeben, der muss sich auf das Tagebuchschreiben bescheiden. Logbuch ist vielleicht auch eine Lösung.
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Schluss mit Schlecker und Soli finito: Das Ende der Auffanggesellschaft
Der Ruf nach Vater Staat erklingt immer zur falschen Zeit. Er soll auffangen, was schon gefallen ist. „Papa Staat, mach es ungeschehen, fange uns zumindest auf!“
Die Kinder, die bereits im Brunnen sind, erheben ihre Stimme. Wenn die Geschichte endlich jene straft, die notorisch zu spät kommen, soll plötzlich Solidarität walten. Da soll dann die Politik Herz zeigen. Es wäre besser, wenn sie früher Verstand annähme. Natürlich gehört der Soli abgeschafft und Schlecker abgewickelt. Oder wollen wir das Modell Nürburgring national wiederholen?
Wenn den Deutschen was einfallen soll, bauen sie Autobahnen. Dann kurbelt die so verballerte Staatsknete die Konjunktur an. Und alles ist wieder gut. Wenn der strohdumme Metzger Schlecker seine Kramläden an die Wand fährt, dann behält der Multimillionär sein Vermögen und die Verkäuferinnen werden staatlich aufgefangen. Wenn die Mineralölgesellschaften demonstrieren, was Marktwirtschaft ist, dann kompensieren wir das durch eine Erhöhung der Pendlerpauschale. Auch die FDP fordert: Volltanken auf Kosten der Allgemeinheit.
Reise durch Deutschland. Im Westen von Schlagloch zu Schlagloch. Im Osten über nagelneue Highways. Zwischen Frankfurt an der Oder und Frankfurt am Main liegt meine Vaterstadt Oberhausen. Einst ein Juwel, jetzt ein Ghetto. Hier stand im 19. Jahrhundert die Wiege der Montanindustrie. Kohle und Stahl ermöglichten einen beispiellosen industriellen Aufschwung. Das rückständige Germanien wurde zum ernsthaften Konkurrenten Englands. Hier gingen stolze Proletarier wie ihre Meister wie Beamte sonntags im weißen Kragen, während in Bayern und Schwaben die Bauernsöhne verhungerten. Gewonnen und zerronnen.
So finster wie heute an der Ruhr, sah es nach der Wende im Osten aus. Eine Zentralverwaltungswirtschaft war implodiert: in sich zusammengefallen. Blühende Landschaften hatte der Kanzler der Einheit den Ossis versprochen, wenn sie vom Kommunismus ablassen und, so im Westen angekommen, von den Sozis. Ein Instrument, diese Auffang-Lüge wahr zu machen, war die Solidaritätsabgabe, Soli genannt, die den Aufbau Ost durch eine Sondersteuer finanzierte. Im Ergebnis gibt es tolle Autobahnen. Mal wieder.
Die Kramläden des Anton Schlecker und die heruntergekommenen Kommunen an der Ruhr haben eines ganz sicher gemeinsam: Sie haben die Zeichen der Zeit verschlafen. Sie haben versucht, dem notwendigen Wandel zu entgehen. Durch Starrsinn, Kirchturmsdenken und mittels Griff in die Kasse. In welche Kasse? Nun, in unsere. Steuergelder, das will in Deutschland niemand begreifen, sind gestohlene Löhne und Gehälter: „taxpayers money.“
Griechenland ist überall. Man kann, so dürfen wir lernen, nicht ungestraft mehr ausgeben, als man verdient. Und die Hilfe von Vater Staat, die er aus Krediten finanziert, ist keine. Das Geld wird unseren Kindern und Enkeln fehlen. Deren Erbe ist tiefrot, bevor diese überhaupt Kindergarten und Schule verlassen haben. Und die Banken, bei denen man sich verschuldet hat, zeigen, dass sie bei Geld keinen Spaß verstehen. Aufgabe staatlicher Souveränität.
Das Ruhrgebiet ist ein gleichförmiges Sammelsurium von selbstbezogenen Kommunen, die ihre Kirchturmspolitik verteidigen. Die Ruhr könnte eine Metropole sein, ist es aber nicht. Gemeinsames Marodieren macht noch keine Metropole. Aus zwei oder drei Dutzend Einbeinigen wird kein Marathonteam, nur weil es immer noch eine stattliche Zahl an Beinen ist, statistisch gesehen. Nabelschau statt Blick in die Welt. Es fehlt die politische Kraft zu einer wirklichen Differenzierung. Wie bei den Schleckerläden: viele kleine Klitschen, alle nach demselben Muster. For you. Vor Ort.
So wie viele miese Schleckerläden noch kein tolles Einkaufszentrum ausmachen, so wird aus vielen miesen Kommunen noch keine Metropole. Und Zauberworte wie Kreativwirtschaft wie Wissengesellschaft bewirken nur ein Fortdauern des dösigen Dösen. Schlecker hat jetzt einen Insolvenzverwalter. Dem Ruhrgebiet steht das bevor. Und dieser Prozess ist nicht durch das Subventionskarussell aufzuhalten. Wollen wir nicht auf der ewigen Kirmes der Auffangbemühungen verblöden, brauchen wir einen anderen Staat.
Statt Pflaster zu verteilen zu den Wunden, die die Zeit geschlagen hat, muss ein starker Staat den Wandel beschleunigen. Wenn er die Märkte nicht bremsen kann, muss er sie leiten und beschleunigen. Es macht keinen Sinn, sich mit Subventionen gegen den Strukturwandel zu stemmen, man muss ihn in die richtigen Bahnen leiten. Wenn man aber die Schleckers nicht zwingen kann, ihr Elend einzusehen, dann muss man sie halt vor die Hunde gehen lassen. Unter Verlust des zusammengeklaubten Vermögens. Und an Rhein und Ruhr muss die kommunale Selbstverwaltung geknackt werden. Ein ins Lächerliche dezentralisierter Staat ist keiner. Schluss mit dem Schrebergartendenken. Keinen warmen Regen auf die Kommunen durch einen Soli West, sondern eine einheitliche Metropolregierung. Kehraus im Rathaus. Oder es kommt die Treuhand West. Dann wird die Ruhr nicht aufgefangen, sondern abgewickelt. Siehe Schlecker.
Quelle: starke-meinungen.de