Logbuch
DEMENTI-FALLE.
Die Balten hassen die Russen mehr als es unsere kosmopolitischen Seelen ertragen. Sie mögen die Nachbarn zur anderen Seite, die Finnen aber auch nicht, weil die so was Schwedisches haben. Beherrschungsfolgen.
Episode im estnischen Reval, heute Tallinn genannt. Sehe mich im Hotel um, während ich auf meinen Freund warte. Im obersten Stock des Hotel Viru in der Viru Väkjak hatte der KGB früher ein geheimes Büro, nahe seiner dortigen Abhöreinrichtungen an Tisch und Bett. Auf der Zugangstür steht noch immer ein sorgsam gemaltes Schild mit einer Aufschrift in Estnisch und in Russisch. Ich lasse es mir übersetzen. Dort wurde verkündet: „Hier ist nichts!“
Tjo. Wo ich früher noch russischen Wodka kriegte, der MOSKWA-Bar, heißt der Laden jetzt WABADUS (Vabaduse Väljak), das estnische Wort für „Freiheit“, und es gibt Cocktails. Selbst die mit roter Beete. Die unvermeidliche rote Rübe. Das müssen die Russen aus Rache nachgelassen haben, die Vorliebe für Rote Beete. Nicht nur im Borschtsch, auch im Sling. Nachwehen im Land der Sänger.
Kommunismus ist Kohlsuppe und Elektrizität; ich glaube, das ist von Lenin. Lenin ist übrigens das historische Exempel dafür, dass auf die BAHN kein Verlass ist. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Logbuch
CHARISMA, FEHLENDES.
So wird also Frank-Walter Steinmeier wieder unser STAATSOBERHAUPT. Ein Kaiser in bürgerlichen Zeiten. Ein langweiliger Mann, ohne jedes Charisma. Gut so.
Unser Staatsoberhaupt ist ein dramatisch schlechter Redner. Selbst halbwegs anständige Redetexte, die ihm sein beachtliches Team verfasst hat, weiß er zu Brei zu verarbeiten. Der Mann hat keine Ausstrahlung, jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem man von CHARISMA, einer geradezu göttlichen Gabe spricht. Ich höre in Berlin oft das Attribut "bräsig", ohne so genau zu wissen, was das ist. Ich vermute, eine Form von INDOLENZ.
Was ist mit dem Gegenteil der göttlichen Gabe, mit dem Gegenteil von Charisma? Nämlich dem STIGMA? Damit meint man die Kainszeichen, die manche mit sich tragen. Haftet ihm etwas an, dass uns warnt oder warnen sollte? Nein. Der Mann ist normal. Er hat kein Stigma, er hat kein Charisma. Ich kenne ihn jetzt gut dreißig Jahre; sehe ihn, mal näher, mal ferner, insgesamt aus mittlerem Abstand. Ich schätze ihn. Viele Dinge sind mir sympathisch. Seine Herkunft aus dem Lippischen etwa und aus einfachen Verhältnissen. Sein Fleiß. Seine Treue. Seine sozialdemokratische Prägung.
Was begeistert mich davon? Beglückt mich? Könnte mich in die Verzückung treiben? Was macht mich zum Fan? Nun, eigentlich nichts. Dieses STAASOBERHAUPT ist nüchtern. Nicht nur, was Drogen angeht. Er wirkt uneitel und schmerzfrei und stets in allem nüchtern. NOTORISCH NÜCHTERN. Ob ich ihm vertraue? Ich vertraue keinem Politiker. Einer meiner ganz festen Grundsätze. Bei Steinmeier bin ich aber gelegentlich versucht dagegen zu verstoßen. Eigentlich ein anständiger Kerl.
Logbuch
LEBENSTRAUM.
Statt ins ALTERSHEIM als ADEL auf ein Schloss in der Normandie und im Renovierten romantisch Hochzeitsgesellschaften geben. ALTERSADEL. Bekloppt.
Auf jenem Fernsehsender um HOME & GARDEN, auf dem sonst Amis ihre Pappschachteln, die sie für Häuser halten, mit einem Styroporkamin und dem Tacker renovieren, läuft jetzt eine Serie zum LEBENSTRAUM arrivierter Engländer: Schlossherr in der Normandie werden. Ich staune.
Man kauft ein mittelalterliches Gemäuer, durch das ein halbes Jahrhundert der Wind gegangen ist, legt mal eben ratzfatz Strom da rein und Wasser und ab geht es. Ein Paradies mit Wassergraben und Schlossgespenst. Jetzt liegt die ganze Konzentration der Renovierung darauf, Blumendekoration zu fertigen und einen Kräutergarten anzulegen. Deko statt Kanalisation. Tjo.
Ich habe mal auf Einladung eines geschätzten Fürsten vom Ort mit Burgherren des Mittelrheintals über den Aufwand für die Erhaltung der alten Gemäuer reden dürfen und mir großen Respekt zugelegt. Der Staat zeigt sich hier bürgerlich; das möchte er dem Adel schon überlassen, jedenfalls vom Aufwand her. Was es kostet? Viel Geld, sehr viel Mühe, titanische Anstrengungen. Denn, was da solide und ewig zu stehen scheint, rast unerkannt in den Verfall, wenn man sich nicht sputet.
Das ist immer so. ENTROPIE. Denkmalschutz hat nichts behaglich Konservatorisches, es ist immer ein permanenter Neubau unter stark erschwerten Bedingungen und erheblichen geschmacklichen Voraussetzungen. Rekonstruktion ist Konstruktion. Was aber machen die Inglesen in der Normandie dann mit dem frisch getünchten Gemäuer? Geschäftsidee? Sie veranstalten HOCHZEITEN. Ich bin fassungslos.
All die Mühe, um den Event Clown für irgendwelche Hochzeitsgesellschaften zu geben? Darf ich den Prospekt von dem Altersheim noch mal sehen?
Logbuch
Peer, der Besserverdiener, ist für die SPD die Pest
Was wählen die Menschen? Einen Charakterkopf. Was ist ein Charakter? Eine Person, die uns eine Geschichte erzählt, mit der wir eine Story verbinden, einen Mythos. John F Kennedy war so ein Mythos oder Willy Brandt. Welche Geschichte gewinnt Wahlen? Jene, die uns am besten gefällt und von der wir was halten. Dafür muss sie Spaß machen oder Sinn, am besten beides. „Frage, was Du für Dein Land tun kannst!“: Das ist so eine Story, die gewinnt. Oder: „Mehr Demokratie wagen!“ Der politische Mythos darf uns belehren, wenn er uns erfreut, erleuchtet, begeistert. Die Belehrungen des pissigen Peer sind nur noch peinlich.
Peer Steinbrück ist der Kanzler der Besserverdienenden. Das ist die Botschaft der SPD-Kampagne. Wir hören in immer neuen Varianten, wie er Geld schneidet, wie er Geldschneiden geil findet und dass er seine Profite versteuert. Er erscheint uns raffgierig, geldgeil und arrogant. Ein Schnösel mit dem piefigen Ton eines hanseatischen Oberlehrers, ein ministerialer Zyniker. Noch so ein Sparkassen-Obermufti wie der demissionierte Herr Köhler. Dieser Trivialmythos kann vielleicht für die FDP klappen, für die SPD ist er die Pest. Seit Bochum-Gate wissen wir: er kann es nicht, der Peer. Der Wähler folgt nicht dem blasierten Schachkalkül von Helmut Schmidt und seiner ZEIT; er durchschaut die abgekartete Sache. Selbst das Foto zum Kanzlerschach mit Schmidt-Schnauze und dem Knete-Kandidaten war getürkt. Der Wähler will unterhalten sein, aber nicht erkennbar verarscht.
Peer ist ein Autist, er weiß nicht, wo er ist. Ich lausche ihm auf einer Veranstaltung im sogenannten Gourmetrestaurant Hugos im Berliner Hotel Interconti in der Budapester. Der gastronomische Edelschuppen ist das Aushängeschild des schon in die Jahre gekommenen Hotels. Wer dort einen Tisch reserviert, erhält mit der Bestätigung einen Wisch mit der Kleiderordnung: Man möge bitte nicht in Sportklamotten aufschlagen,gar in Jeans oder Sneakers. Krawatte muss nicht, teilen sie gönnerhaft mit, aber bitte nicht im Habit der neureichen Russen, die gerade bei Adidas waren. Die Abgehobenen unter sich. Das Essen ist mäßig, die Preise astronomisch, der Ausblick auf Berlins City West gut. Wer hier hingeht, hat es nötig. Der Kellner stellt schon bei der Reservierung klar, dass er bessere Manieren als seine Gäste hat. Hier nun spricht Peer Steinbrück vor hundert geladenen Gästen. Es gibt Beelitzer Spargel mit Kartoffeln; die Kartoffeln sind für den skeptischen Gaumen vermutlich maschinengeschälte Dosenware aus der Pfannifabrik und schmecken rundheraus ekelhaft. Peer meint unter seines Gleichen zu sein und wäscht den Anwesenden den Kopf.
Eingeladen hatte der alte Westberliner Presseklub. Im Saal sitzen Edelarbeitslose und Hartz-Vier-Aufstocker, die von ihrem journalistischen Handwerk kaum noch die Miete zahlen können. Der Redner weiß zwar, dank sonstigem Lebenswandel, in welchem Lokal er ist; er weiß aber nicht, vor wem er redet. Der Grund ist einfach und allzu verständlich: Er redet dauernd, er ist auf Tour, Peer tingelt für Geld, da kann so was schon mal vorkommen. Ich werde am Tisch als Sozi identifiziert und von der verarmten Schreibenden Zunft zur Rede gestellt: Was denn diese Unverschämtheit solle? Ich schäme mich für Peer. Und beiße zurück: Warum man denn in ein Edelrestaurant eingeladen habe? Es war vergleichsweise die billigste Lokalität unter den Besserverdienerkneipen, sagen die Pressekollegen. So schmecken die kalten Kartoffeln aus der Dose auch. Willkommen in Berlin West, genauer in Wowereits City West. Während der Autist sein finanzpolitisches Mantra extemporiert, kommt der Nachtisch: erinnert an Plastikschaum mit Tiefkühlfrucht. Abgeschmackt. Ein Hugo bei Hugos.
Warum schleppt die SPD den Irrtum Steinbrück bis zur Wahlniederlage gegen den siegesgewissen Trivialmythos Mutti Merkel durch? Wer sagt, dass sie das tut? Nach dem Wahldebakel in Niedersachsen wird Peer Steinbrück am Folgemontag zerknirscht als Medienopfer zurücktreten und Frank Walter Steinmeier nominiert, von dem wir schon wissen, dass er es auch nicht kann, jedenfalls nicht gegen Mutti. Der bräsige Steinmeier wird 2013 in die Grütze fahren; die SPD landet bei 24 Prozent: von der Volks- zur Viertelpartei. Bei der nächsten Bundestagswahl kommt dann Sigmar Gabriel. Wetten?
Quelle: starke-meinungen.de