Logbuch
WIEDERGEBURT.
Reparieren. Eine hohe Form der Wertschätzung. Wegwerfen? Die niederste. Keine.
Kleinmöbel aus wiederverwertetem Holz („reclaimed pine“). Die Spuren ihres vorigen Lebens zeigend. Im dritten oder vierten Leben beweist sich ihr eigener Charakter.
Da ist der Anzug mit der gestopften Hose; ein Durchschussloch. Beim Vorbesitzer, der Türsteher auf dem Kiez war und Maßanzüge trug. Die geänderten Maße, neuer Wohlgefallen.
Da ist der Stuhl, dessen Bein ersetzt wurde, weil das alte nicht mehr zu verleimen war. Ein englischer „Hall Chair“, immer nur für Nebensächliches gedacht, nie saß da wer, Handschuhablage. Aber er ist wieder stabil.
Da ist der Füllfederhalter, dessen Sprung mit Zyankleber überdeckt wurde, eine Narbe, an der man heute fühlt, dass dies das Schreibgerät mit der roten Tinte ist.
Das geklebte Notizbuch. Der Flicken. Die frisch besohlten alten Schuhe. Die Uhr mit dem neuen Armband. Ein schlecht restauriertes Bild, von einer vorherigen Verwendung kündend.
Und der unsägliche abgenutzte Witz: „Kommt ein Einarmiger in einen Second-Hand-Shop…“
Logbuch
TARZAN & JANE.
Jäger & Sammler waren unsere Vorfahren. Die Jungs erlegten Bären, die Mädchen pflückten Beeren. Tarzan und seine Jane. Unsinn. GENDER-NEWS.
In den Gräbern der Jäger finden sich Jagdwerkzeuge und an ihren Skelette die Spuren von Jagdunfällen. Soweit alles klar. Raue Zeiten. Jetzt kann man in den Zähnen ein Eiweiß isolieren, dass Auskunft über das biologische Geschlecht liefert. Böse Überraschung.
Knapp die Hälfte der Jägergräber haben Damen zu Gast. Jäger:innen. Es gab damals keine Geschlechterrollen bei der Berufswahl. Von der Forschung wurde die eigene soziale Tradition in die Historie hineingelesen. Man sah, was man sehen wollte: Männer mit der Axt und Frauen mit einem Körbchen. So verlängerte sich der Spießer und seine Kleinfamilie bis in die Steinzeit.
Es wird anders gewesen sein. Die Taffen gingen zur Jagd, die Weicheier zum Pilze sammeln. Ich sehe die Tucken mit ihren Körbchen geradezu vor mir. Beerensammlerchen. Und die kühnen Amazonen hatten sich eine Brust amputieren lassen, um den Bogen besser spannen zu können. Kämpfer:innen. Ha!
Oder ist das auch nur ein Bündel an Vorurteilen, das wir in die Vorzeit projizieren? Am Ende gab es die Unterscheidung der Geschlechter noch gar nicht, weil auch der Zusammenhang zwischen Sex und Schwangerschaft noch nicht erkannt war? Poch, was für ein Durcheinander.
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PAT & PATACHON.
RUSSLAND ist eine zentraleuropöische Nation. Zugegeben mit tiefem Hinterhof, aber doch eine Art naher Osten, kulturell gesehen. Man empfindet das ohne geopolitische Ressentiments, wenn man durch St. Petersburg schlendert. Paris klingt an. Amsterdam.
Dieses St. Petersburg ist zwar nur die zweitgrößte Stadt Russlands, aber sicherlich noch immer die schönste. Schon der Zar hatte sie als Ostseehafen geplant, aber als Tor zu Europa gemeint. Man darf sie ruhig weiterhin als Ausdruck der europäischen Identität Russlands sehen. Daran hat auch die vorübergehende Benennung als Leningrad nichts geändert.
Ohnehin hatte der Marxismus-Leninismus nichts Asiatisches; Mao Tse-tung möge mir verzeihen. Wo kam Lenin, dessen Mutter ja Deutsch war, eigentlich landsmannschaftlich her? Bei Karl Marx ist dies ja klar. Er kam aus Trier und war damit Pfälzer. Friedrich Engels kam aus dem Bergischen Land, genauer gesagt war er Oberberger, und zwar aus Engelskirchen; nahe dem Siegerland. Ein Pfälzer und ein Oberberger. Strange brew.
Wollte man zeitgenössische Repräsentanten für das Pfälzische und das Bergische nennen, so fielen einem Kurt Beck und Friedrich Merz ein. Eine Mischung aus Kurt Beck und Friedrich Merz? Damit ist klar, dass der Marxismus scheitern musste. Das konnte auch der Genosse Stalin nicht mehr retten.
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Peer, der Besserverdiener, ist für die SPD die Pest
Was wählen die Menschen? Einen Charakterkopf. Was ist ein Charakter? Eine Person, die uns eine Geschichte erzählt, mit der wir eine Story verbinden, einen Mythos. John F Kennedy war so ein Mythos oder Willy Brandt. Welche Geschichte gewinnt Wahlen? Jene, die uns am besten gefällt und von der wir was halten. Dafür muss sie Spaß machen oder Sinn, am besten beides. „Frage, was Du für Dein Land tun kannst!“: Das ist so eine Story, die gewinnt. Oder: „Mehr Demokratie wagen!“ Der politische Mythos darf uns belehren, wenn er uns erfreut, erleuchtet, begeistert. Die Belehrungen des pissigen Peer sind nur noch peinlich.
Peer Steinbrück ist der Kanzler der Besserverdienenden. Das ist die Botschaft der SPD-Kampagne. Wir hören in immer neuen Varianten, wie er Geld schneidet, wie er Geldschneiden geil findet und dass er seine Profite versteuert. Er erscheint uns raffgierig, geldgeil und arrogant. Ein Schnösel mit dem piefigen Ton eines hanseatischen Oberlehrers, ein ministerialer Zyniker. Noch so ein Sparkassen-Obermufti wie der demissionierte Herr Köhler. Dieser Trivialmythos kann vielleicht für die FDP klappen, für die SPD ist er die Pest. Seit Bochum-Gate wissen wir: er kann es nicht, der Peer. Der Wähler folgt nicht dem blasierten Schachkalkül von Helmut Schmidt und seiner ZEIT; er durchschaut die abgekartete Sache. Selbst das Foto zum Kanzlerschach mit Schmidt-Schnauze und dem Knete-Kandidaten war getürkt. Der Wähler will unterhalten sein, aber nicht erkennbar verarscht.
Peer ist ein Autist, er weiß nicht, wo er ist. Ich lausche ihm auf einer Veranstaltung im sogenannten Gourmetrestaurant Hugos im Berliner Hotel Interconti in der Budapester. Der gastronomische Edelschuppen ist das Aushängeschild des schon in die Jahre gekommenen Hotels. Wer dort einen Tisch reserviert, erhält mit der Bestätigung einen Wisch mit der Kleiderordnung: Man möge bitte nicht in Sportklamotten aufschlagen,gar in Jeans oder Sneakers. Krawatte muss nicht, teilen sie gönnerhaft mit, aber bitte nicht im Habit der neureichen Russen, die gerade bei Adidas waren. Die Abgehobenen unter sich. Das Essen ist mäßig, die Preise astronomisch, der Ausblick auf Berlins City West gut. Wer hier hingeht, hat es nötig. Der Kellner stellt schon bei der Reservierung klar, dass er bessere Manieren als seine Gäste hat. Hier nun spricht Peer Steinbrück vor hundert geladenen Gästen. Es gibt Beelitzer Spargel mit Kartoffeln; die Kartoffeln sind für den skeptischen Gaumen vermutlich maschinengeschälte Dosenware aus der Pfannifabrik und schmecken rundheraus ekelhaft. Peer meint unter seines Gleichen zu sein und wäscht den Anwesenden den Kopf.
Eingeladen hatte der alte Westberliner Presseklub. Im Saal sitzen Edelarbeitslose und Hartz-Vier-Aufstocker, die von ihrem journalistischen Handwerk kaum noch die Miete zahlen können. Der Redner weiß zwar, dank sonstigem Lebenswandel, in welchem Lokal er ist; er weiß aber nicht, vor wem er redet. Der Grund ist einfach und allzu verständlich: Er redet dauernd, er ist auf Tour, Peer tingelt für Geld, da kann so was schon mal vorkommen. Ich werde am Tisch als Sozi identifiziert und von der verarmten Schreibenden Zunft zur Rede gestellt: Was denn diese Unverschämtheit solle? Ich schäme mich für Peer. Und beiße zurück: Warum man denn in ein Edelrestaurant eingeladen habe? Es war vergleichsweise die billigste Lokalität unter den Besserverdienerkneipen, sagen die Pressekollegen. So schmecken die kalten Kartoffeln aus der Dose auch. Willkommen in Berlin West, genauer in Wowereits City West. Während der Autist sein finanzpolitisches Mantra extemporiert, kommt der Nachtisch: erinnert an Plastikschaum mit Tiefkühlfrucht. Abgeschmackt. Ein Hugo bei Hugos.
Warum schleppt die SPD den Irrtum Steinbrück bis zur Wahlniederlage gegen den siegesgewissen Trivialmythos Mutti Merkel durch? Wer sagt, dass sie das tut? Nach dem Wahldebakel in Niedersachsen wird Peer Steinbrück am Folgemontag zerknirscht als Medienopfer zurücktreten und Frank Walter Steinmeier nominiert, von dem wir schon wissen, dass er es auch nicht kann, jedenfalls nicht gegen Mutti. Der bräsige Steinmeier wird 2013 in die Grütze fahren; die SPD landet bei 24 Prozent: von der Volks- zur Viertelpartei. Bei der nächsten Bundestagswahl kommt dann Sigmar Gabriel. Wetten?
Quelle: starke-meinungen.de