Logbuch

Besuch in einer Redaktion einer internationalen Nachrichtenagentur in einem Büroturm. FREE LUNCHES in der Mitte des Großraums. Wasser, Säfte, Obst, Riegel. Ich wage gar nicht nach einer Kantine zu fragen. Oder gar nach dem Casino. Ich bin ein Fossil. Meine Familie stammt arbeitsseitig aus der GHH in Oberhausen-Sterkrade; deren Casino lag auf meinem Schulweg; eine Vorfahrt wie bei einem Regierungspalais (schwarze Daimler mit Chauffeur) und, dem Vernehmen nach, einen Weinkeller mit tausend Flaschen. Und selbst für die Untertage-Belegschaft gab es zum Schichtende einen halben Liter Schnaps. Noch dreißig Jahre später hatte ein Vorsitzender hinter seinem Büro ein Boudoir mit Speisezimmer, privatem Bad und einem Bettchen für den kleinen Bubu nach dem dritten Riesling. Heißt heute „power napping“ oder so. Das macht jene Hälfte der Belegschaft, die zu Hause ist. Für zwei Wochen. Dann ist die andere im Home Office. Die, die da sind, schieben ihre Umhängetaschen unter den Tisch und hängen die vom Radeln durchschwitzte Vliesjacken über die Stuhllehne. Man trägt Sportkleidung in smart, sprich Freizeitdress. Das Büro ähnelt insgesamt einer Wasserstelle für Nomaden.

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Der HÄSSLICHE HOF macht zu, weil er Corona nicht überlebt hat, ein wirklicher Verlust. Er war noch ein wirkliches Privathotel der alten Grandhotellklasse. Ich liebte es, dort zum Lunch in dem wienerischen Speisesaal den Empfehlungen des Kellners zu folgen, der zunächst das Tagesgericht für die Handlungsreisenden anbot und dann den Hummer als Tagesfang nachschob. Oder einen geangelten Fisch (kein Beifang aus dem Netz). Es war nicht alles auf dem neuesten Stand, aber Patina hat ja Charme. Das wirkliche Asset aber war die Bar. Ich habe vergessen, wie sie hieß. Jimmy's mit Idioten-Apostroph, glaube ich. Eine klassische Bar, wie die von Harry in München am Platzl. Zur Buchmesse musste man sich dort so gegen halb Neun einen strategisch guten Platz suchen und bis morgens um drei durchhalten. Ab elf segelte die gesamte Intelligenzia der Republik dort rein und brachte sich auf Touren. Wer sich im Glückszustand des Harald Juhncke ("Leicht einen im Tee und keine Termine.") fit hielt, kriegte eine Menge mit. Die Führung des Suhrkamp Verlages habe ich dort erlebt, als der noch was galt. Den strohdummen Typen von den Publikumsbeschimpfungen. Den ambitionierten Philosophen von der Kunsthochschule in Karlsruhe. Und die Damen der Branche, die definitiv keine waren. Wehmut. Das werde ich denen aus Wuhan nicht verzeihen.

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FLEISCHERSATZ.

Man kann gegen die intensive Tierhaltung eine Menge einwenden. Gilt für den norwegischen Lachs aus einem Netzkäfig im Fjord wie das dänische Schwein und die irische Kuh, beide aus engen Ställen. Und Grünzeug kann natürlich sehr gut schmecken. Warum aber , wenn ich kein Fleisch will oder mag, muss das Surrogat genau so aussehen wie das verpönte Original? Im Werbefernsehen sehe ich „veganes“ Gehacktes, das es auch der Form nach als „Griller“-Würstchen gibt, ausdrücklich aus Fleischersatz. Man könnte damit fleischlose Frikadellen fertigen, Buletten, neudeutsch Pättis, Gehacktes für den Hamburger, sagt man mir. Es muss, stelle ich mir vor, eigenartig schmecken, das Surrogat, aber das ist nicht mein Punkt. Ich hatte gestern Salat, der aussah wie Salat, und Gemüse, das aussah wie Gemüse. War lecker. Die surrogativen Fleischprodukte der Lügenwalder Mühle erscheinen mir typisch für eine bestimmte zeitgenössische Doppelmoral: Hamburger mit Rinderpätti wollen, aber keine toten Kühe. Warum dann nicht Käsebrötchen oder mit Marmelade? Fleischersatzfleisch ist von einer typischen Inkonsequenz. Eigentlich Halbmoral, nicht Doppel. Es gab in dem Restaurant meiner Wahl gestern übrigens zum Salat französischen Schafskäse und zum Gemüse ein australisches Rinderfilet, englisch gebraten, medium rare.

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STOLZ.

Der Mensch ist vielleicht kein Herdentier, aber ein Gruppenwesen. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ebenbürtigkeit. Im Englischen spricht man deshalb von peer groups.

Worauf Menschen stolz sind. Zum Beispiel ihren Beruf. Ich wurde vor vierzig Jahren in einem Bewerbungsgespräch ernsthaft vom einem Vorstand des einstellenden Unternehmens gefragt, auf welchem Pütt mein Großvater war. „Neue Hoffnung!“ „Ah“, sagte er, „GHH!“ und ich war drin. GHH stand für Gute Hoffnungs Hütte in Sterkrade. Guter Laden, fand er.

Es soll sowas bei Landsmannschaften geben, bei Religionszugehörigkeit, bei Parteibuch oder studentischer Verbindung. Erstaunlich wie vordergründig. Ich war frisch promoviert; er hätte mich nach meiner Dissertation fragen können. War ihm egal. Der Pütt (von engl. pit; Bergwerk) musste stimmen. Gemeinsamer Stallgeruch verbindet. Aus dem gleichen Stall, das riecht man also.

Heute versucht Personalpolitik solche Milieus durch den Vorsatz der DIVERSITÄT zu verhindern. Solche Vielfalt kann man nur vorsätzlich, sprich durch gezielte Auswahl erreichen. Überlässt man das dem naturwüchsigen Prozess greift die Selbsterhaltung des alten Systems. Bei Luhmann: Autopoesis. In den Bergbau zogen niemals Frauen ein, jedenfalls nicht untertage. „Frauen im Pütt bringen Unglück!“ Das war strikte Regel. Ausnahmen nur in der Kohlewäsche, aber dann auch nur eher ungern.

Die vorsätzlich erzwungene Vielfalt mischt die Stallgerüche nicht, es erzeugt einen neuen, zwar synthetischen, aber eben im Sinne der DIVERSITÄT. Da dann alle Milieus präsent sein sollen, also jede Diskriminierung erkennbar vermieden, entsteht eine neue Kultur nach einem symbolischen INKLUSIONS-GEBOT. Und der STOLZ müsste sich dann an etwas anderem entwickeln als der alten Gleichförmigkeit.

Mir fällt auf, dass in diesen neuen diversen Gruppen alle die gleichen weißen Turnschuhe (sagt man das noch zu sneakers?) anhaben, alle genau die gleichen. Darauf ist man wohl stolz.