Logbuch

KAFKA & LEGAL TECH.

Gespräch mit einem Experten namens Vir Romanus. Danach Nachdenklichkeit über UNGLEICHZEITIGKEIT. Ein Begriff von Ernst Bloch.

Szene Nummer Eins: Ein Aktenwagen, der schon bessere Tage gesehen hat, wird einen langen Gang herunter geschoben, prall gefüllte Aktendeckel verschwinden in Büros und andere tauchen von dort auf, ganz am Ende des Korridors ein einzelner Raum, in dem ein Faxgerät steht: es blinkt, Papier fehlt.

Szene Nummer Zwei: Ein Rundfunkwerbespot aus England sucht Besitzer eines bestimmten Autotyps, genauer eines Dieselmotors, und verspricht, wenn die Kanzlei beauftragt, eine kostenlose Klage bei Gewährung von 30 Prozent der dabei erwirkten Summe. Kein Risiko. Das Verfahren führt der Computer der Kanzlei automatisch. Er hat das schon tausendfach geübt.

Beide Szenen sind simultan. Die eine Welt trifft auf die andere.

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KEIN THEMA.

Wenn der Hausmeister ein Problem leichterdings zu lösen weiß, dann sagt er mit fröhlichem Ton: „Kein Thema!“ Eine praktische Begabung. Weil es auf irgendeine Lösung ankommt. Fünf darf dann gerade sein. Krause ist übrigens geimpft.

Lazarett kommt von Lazarus und der hatte Lepra. Das ist aber nicht der Aussätzige, der sich von Jesus reinigen, sprich heilen lässt. Gereinigt, so nannte man in biblischen Zeiten die Genesenen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zurück zum Thema. Wenn die tintenklecksenden Schriftgelehrten etwas suchen, an dem sie sich geraume Zeit versuchen können, dann machen sie es zum Thema. Das Querdenkertum, zum Beispiel. Weil es auf die perfekte Problematisierung ankommt. Nur keine Notlösungen.

Wenn die Herrschenden früher ein Problem nicht lösen konnten, untersagten sie es. Ihr Gebot lautet dann ANATHEMA („kein Thema“). Eine Sequestierung. Sie meinten es allerdings anders als Hausmeister Krause, der übrigens geimpft ist.

Das Untersagen des Aberglaubens funktionierte nur in mittelalterlichen Diktaturen. Wer keinen Scheiterhaufen mehr hat, auf dem er die Hexen auch verbrennen kann, sollte das Gemaule mit ihnen über den bösen Blick erst gar nicht beginnen.

Da man in finsteren Zeiten die Pandemie namens Lepra zunächst nur durch Aussatz der Aussätzigen zu lösen wusste, erklärte man die Infizierten für „bürgerlich tot“. Und wenn sie dann doch noch umherliefen, mussten sie mit einem Lazaruskleid und der Lepraklappe vor sich warnen. Keine Pointe.

Hausmeister Krause ist übrigens, ach ja, das hatten wir schon: kein Thema.

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WAY OF LIFE.

Der BREXIT hat ein Vergnügen aus unserem Leben genommen, den gelegentlichen Genuss der englischen Lebensart. Ich meide die Inseln, seit sie uns, die Europäer, zu meiden gedenken. Ein Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Schon gar nicht durch Französisches.

Vielen große Denker hat es vom Kontinent auf die grünen Inseln gezogen, über Jahrhunderte. Und eben auch kleine; dabei waren es nicht nur die Metropolen Züge Londons, der Hauptstadt der Welt, wie noch Kipling fand. Auch die hässlichen Seiten hatten ihren Charme. In 26 Marine Parade, Sheerness, Kent, wohnte Uwe Johnson, dem New York zu doof war.

Ich traf UWE JOHNSON irgendwann Anfang der Achtziger Jahre zufällig in seinem Exil auf der Isle of Sheppey, in jenem runtergekommenen Hafen namens Sheerness. Die Kneipe heiß The Napier. Ich erkannte ihn erst auf den zweiten Blick, den großen Suhrkamp-Autoren, nach seinem Foto auf den Buchklappen. Auf den ersten war er mir aufgefallen, weil er Hürlimann Lager trank, hier in England; ich bestellte stets ein Bitter. Dazu rauchte er unentwegt Gauloises.

Er kannte sie alle: Enzensberger, Grass, Max Frisch, Christa Wolf, Habermas. Und er wusste zu erzählen. Wir gingen dann raus in den kleinen Biergarten, weil es trotz des Straßenlärms ruhiger war. Nach einer Weile merkte ich, dass er auch von sich selbst in der dritten Person sprach. Er stand neben sich. Und irgendwann holte ihn damals die Schreibblockade, aus der ihn das Saufen nicht befreite. Also sog er den milden Exotismus der englischen Lebensart in sich auf.

Die Gründung eines „Institute for the Preservation of British Customs“, ich gebe es zu, es war meine Idee, die sich Johnson sofort notierte. Ich weiß nicht, ob daraus jemals mehr geworden ist. Ein böser Sturz beim Öffnen seiner dritten Flasche Wein, nach einem extensiven Besuch des „Napier“,

hat ihn aus dem Leben gerissen. Ein einsamer Tod, gefunden wurde er erst nach Tagen, weil sein Thekenplatz im Pub freigeblieben war.

Sheerness hatte einen morbiden Charme. Im ehemaligen Kriegshafen lag damals noch immer ein gesunkener amerikanischer Munitionstransporter, Masten aus dem Wasser, mit einer Bombenlast auf dem Seeboden, die die Stadt wie die ganze Insel hätte sprengen können. Sagt UWE JOHNSON zu mir: „Charles liebt diesen Anblick.“ Er meinte sich, den Exilanten, von 26 Marine Parade, drei Blocks weiter als das „Napier“. Keine Pointe.

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FAIRPLAY.

Wenn in London, nutze ich ein altes Privileg; ich speise im Club. Das ist in meinem Fall das Garrick in Covent Garden, eines der bunteren Häuser, in der historisch vor allem Freunde des Theaterlebens verkehrten. Ich nehme dann den High Tea, was nichts anderes ist als ein ordentliches Essen am Nachmittag, angeblich eine schottische Tradition, andere sagen, eine der Arbeitenden Klasse. Den Spott halten aus, die da in ihrem Tee rühren und Sandwiches verzehren. Ich treffe dort meist ein pensioniertes Militär, das alle im Club den Brigadier nennen; er ist ein Regulärer, wie man hier sagt, weil immer da um halb nach vier.

Der Brigadier erklärt mir die Welt des Militärischen, was bitter nötig, da ich nicht gedient habe und gar nichts weiß von den Gentlemen in Khaki. Die Kameradschaft gehört im Soldatischen zur Pflicht. Das hätte ich nicht gedacht. Man weiß auch als Zivilist um die Befehlskette und den angeblichen Kadavergehorsam, der die militärische Disziplin bestimmt. Aber dass dem Soldaten die Kameradschaft befohlen, das hatte ich so noch nicht gehört. Es gibt in dieser Welt des Gegeneinanders, der Feind ist ja zu besiegen, natürlich ein Unter- und Übereinander, aber eben auch ein Füreinander. Ein feiner Gedanke. Bei solchen Hinweisen wird in mir der Soziologe wach. Und der Hobby-Historiker.

Man kann dem englischen Motto „mates and mission first, later me“ als Ausdruck der Inneren Loyalität des Regiments als Deutscher nicht folgen, ohne an die unwürdige Tradition der Wehrmacht zu denken, die die Komplizenschaft bei Verbrechen zum Gebot der Kameradschaft gemacht hat. Verbrechen in Uniform bleiben Verbrechen; sagen wir heute. Das kann auch eine falsch empfundene Kollegialität nicht auslöschen.

Als ich dem Brigadier im Garrick sage, da fände ich die deutsche Bundeswehr geläuterter als seine Regimentswelt, wirft er seine Stirn in Falten und sagt mit einem wunderbaren Englisch Akzent: „Aus gegebenem Anlass, junger Mann!“ Das ist wahr. Deshalb schmerzt mich auch so, wenn in meinem Vaterland heutzutage wieder von Volksgemeinschaft gefaselt wird, der angeblichen Kameraderie der vermeintlich reinen Rasse. Ein Verbrechen schon im Begriff. Reden wir also von Solidarität und Loyalität, der besseren Seite unseres Charakters.

Die Tommies haben da ein Wort, das mich fasziniert, weil so klar und einfach. Ihm liegt eine Vorstellung zugrunde, was sportlich sei. Es lautet: „fair play“. Welch eine wunderbare Gesellschaftsidee. Let‘s play it fair. Das ist mal eine politische Idee!