Logbuch

FAILED CITY BERLIN.

Mich faszinieren Redewendungen, die ich aus meiner Kindheit erinnere, gerade weil sie sich damals meinem naiven Verständnis verschlossen. Rhetorische Fossilien. So pflegte mein Vater gelegentlich Debatten damit zu beenden, dass er mit leicht erhobener Stimme feststellte: „Könige und Bettler haben das Recht, unter Brücken zu schlafen!“

Ich entdecke unter den Brücken über die Spree aufwendige Vergitterungen, die verhindern sollen, dass hier Könige oder Bettler zu ihrem Recht kommen. Die große Stadt hat an einigen Orten provisorische Biwags, in denen Obdachlose zu hausen versuchen, viele davon drogensüchtig und in bedenklichem Zustand der seelischen wie körperlichen Verwahrlosung. Ich bin mir wirklich unsicher, ob ich den notorischen Versuchen der Bettelei zum Erfolg verhelfen soll und so das Elend verlängern.

Dem hageren Zeitungsverkäufer am Kreisverkehr gebe ich immer einen Heiermann, wenn ich ihn antreffe; ich bremse frühzeitig, damit mir der Uber-Idiot nicht hinten draufrutscht. Der Mann am Ernst-Reuter-Platz hat es mittlerweile schon in die Feuilletons geschafft. Weniger Sozialromantik erzeugen bandenbewehrte Messerstechereien im Kleinen Tiergarten, unmittelbar vor dem Kinderspielplatz. Auf den Bänken wird Crack geraucht; es gibt wohl auch Fentanyl. Man trägt als Schals Küchentücher.

Könige und Bettler haben das Recht, nicht in achtlos weggeworfene Heroinspritzen treten zu müssen. Oder Ratten zuzusehen, die aus einer Legion umherliegender Pizzakartons die Käsereste fressen. Wo? Auf einem Spielplatz an der Spree, den früher die benachbarte Kita nutzte. Wohin wird die Verwahrlosung des öffentlichen Raums führen? Zu dem, was im Ausland „gated communities“ heißt, zu Gettos, in denen die Könige hinter Gittern wohnen, die es leid sind, mit den Bettlern unter Brücken schlafen zu dürfen.

Ich hebe auf meinem Kiez gelegentlich Müll auf und werfe ihn in die Tonne. Noch was. Da ich dem aggressiv bettelnden Junkie nichts mehr gebe, fördere ich mit einem ordentlichen Betrag eine ärztliche Ambulanz für Nichtsesshafte. Nicht aus schlechtem Gewissen. Aus gutem.

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DEUTSCHTUM.

Tag der Deutschen Einheit, unser Nationalfeiertag. So geregelt, als die marode DDR der blühenden BRD beitrat, etwas lax formuliert. Sprich die Russen, klug und versöhnlich, ihren Siegermachtanspruch auf Mittel- und Ostdeutschland aufgaben. Die territorialen Folgen des Zweiten Weltkriegs schienen überwunden. Deutschland, einig Vaterland. In der Reichshauptstadt, der fail city Berlin, ein grauer Herbstmorgen. Lustlos krame ich in meiner Erinnerung nach Nationalstolz. Fangen wir vorne an.

Da wir alle an unserer Zeugung, der Schwangerschaft wie der Geburt keinen Anteil haben, ist es schwer, nein, unmöglich darüber berechtigterweise Stolz zu empfinden; alles Zufall, Fügung oder Geschenk Gottes, jedenfalls kein Verdienst. Auch die Aufzucht, nennen wir es mal so, lag wesentlich nicht in unseren Händen als kleine Kinder der deutschen Nation. Was das betrifft, empfinde ich Dankbarkeit meinen Eltern gegenüber, die sich nun wirklich um mich gesorgt haben. Wenn das deutsch ist, seine Familie zu pflegen, bin ich stolz, Kind Deutscher zu sein. Aber eigentlich ist die Kinderliebe aus Italien.

Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, habe ich es ins Gymnasium geschafft und auf eine respektable Uni. Ich spreche Latein und man hat mich Herr Doktor zu nennen. Das ist auch eine Folge sozialdemokratischer Bildungspolitik und des staatlichen Versprechens, dass Privilegien durch Arbeiten erlangt werden können. Wenn das deutsch ist, bin ich stolz, Deutscher zu sein. Es hat allerdings der Unterstützung meiner Eltern bedurft, die da nicht kleinlich waren.

Ich habe den Kriegsdienst verweigern können und bin im liberalen Klima westlicher Demokratie aufgewachsen und habe schon als Schüler und Student die Meinungsfreiheit sehr weitgehend genutzt.

Mit 17 bewunderte ich Rudi Dutschke, der für seine Aufmüpfigkeit später mit dem Leben zahlte. Ich verehre Otto Wels. Wenn das deutsch ist, solche Helden zu haben, bin ich ein stolzer Deutscher. In die Reihe der Vorbilder wuchsen durch Lektüre Kant, Hegel, Marx und Freud. Wenn es deutsch ist, belesen sein zu wollen, so … Siehe oben. Obwohl wesentliche Inspiration kam für meine Generation aus Frankreich.

Religionsfreiheit ist mir ganz entschieden die Freiheit von der Religion, für mich wie meinen Nachbarn. Von privaten Dingen rede ich hier prinzipiell nicht. Auch das ist deutsch: Privatheit wahren. Politische Dinge nicht persönlich nehmen. Professionelle Fragen im Beruf zu lassen. Sich seine Feinde selbst auszusuchen. Eigentlich bin ich ein europäischer Intellektueller liberaler Prägung und aufgeklärter Gesinnung. Also ein guter Deutscher. Man zweifele nicht an meinen Verteidigungswillen.

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LEGENDEN.

Ein Urahn des Internets ist der Hörfunk, im Englischen „broadcast“ genannt, der Radiogeräte bediente, die der vorgenannte Tommy witzigerweise „wireless“ nennt, die Drahtlosen. Hitlers PR-Chef brachte den Volksempfänger dann ganz groß raus, verbot aber das Abhören der British Broadcasting Company und anderer Feindsender; was nicht half. In meiner Generation, die im Rundfunk mit der audiovisuellen Version, dem Fernsehen, aufwuchs, begeisterten sich nur noch jene für das olle Dampfradio, denen das Augenlicht genommen. Ich erinnere mich noch gut an den Hörspielpreis der Kriegsblinden, die die Opfer des Giftgaseinsatzes adressierten und dramatische Ereignisse für Hörer, im Wortsinn.

Vor zwanzig Jahren begann der Musikkonsum aus dem Internet mittels eines Produktes von Apple, das iPod hieß; seitdem sehen wir die weißen Knöpfe in den Ohren auch der hohlsten Schädel. Dazu unmotiviertes Kopfwackeln wegen Rhythmus, wo jeder mit muss. Gleich haben wir es geschafft. Wir müssen nur noch das Broadcasting mit dem iPod zusammenziehen, und schon ist er da, der PODCAST. Schwere Geburt. Aber es wird überall beworben, das neue Format der Hörspielerei aus dem Internet. Und wer glaubt, dass hier nur Benjamin Blümchen oder die Drei Fragezeichen ins World Wide Web gefunden haben, der irrt. Die Journalistenlegende Gabor Steingart produziert sie, der Briefing-Papst Christian Turner, die truschige Gerichtsreporterin der ZEIT, alle, die etwas auf sich halten, wollen in unser Ohr. Für unser Geld. Ein Gewerbe.

Der Siegeszug der Podcaster beruht auf einem simplen Vorteil pragmatischer Natur, der durch nichts zu schlagen ist: Man hat die Hände und die Äuglein frei, weil sie nur unser Ohr geliehen haben wollen. Man kann es im Auto nutzen, die Hände am Steuer und die Augen in Verkehr. In der U-Bahn. Im Wartezimmer für Kassenpatienten, während die Privatversicherten behandelt werden. Vor allem aber im Werkkeller. Ich bin leidenschaftlicher Velo-Verehrer und restauriere gerade ein Schweizer Militärrad aus dem Jahr 1937 und höre dabei gern Podcast.

Jetzt habe ich die Rubrik für Podcasts auch in meinem Autoradio gefunden und folge mit großem Gewinn dem Podcast „Machtwechsel“ von Robin Alexander und Franca Magnani. Jüngst eine detaillierte Darstellung des Salonfaschismus bei Springer und Spahn. Wie bitte? Die heißt Dagmar Rosenfeld, echt? Na gut, die Angabe zu dem Radhobby stimmt auch nicht; das ist mein Freund Uli. Und ob der Bötchen-Pionier Gabor wirklich eine Legende im Journalismus? Ich höre es wohl, allein, mir fehlt der Glaube. Alles wie bei allem: Sie wollen unser Ohr, weil sie unser Gewissen wollen und unser Geld. Sei kein Volksempfänger.

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SONNTAGSBRATEN.

Heute in der SUNDAY TIMES von Charlotte Ivers ein Mörderverriss eines Restaurants, so vernichtend, dass man vor Vergnügen schreien möchte. Tatar wie Tierkotze und Kuhfladen in der Sonne, solche Schoten. Aber natürlich ist die Restaurantkritik im sozialen Nahbereich eine literarische Ambition für die Köche auch schon mal Strychnin an den Reis geben könnten. Jedenfalls Restaurantleiterinnen. Neulich hatte die Blonde ein Zeh-Wie-Che, das aussah wie Zunge in Maurermörtel und schmeckte wie Sjöströmling, um nicht körperlich explizit zu werden. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Sonntagsvergnügen. Den Tag des Herrn mit einer englischen Sonntagszeitung in gedruckter Form zu verbringen, ist ein Vergnügen, das diese nicht mehr gewähren; sie waren mal kiloschwer und randvoll, mit Gewichtigem und endlosen Nebensächlichkeiten. Die kulturelle Flur ist zu einer Schneise verkommen. Ich habe keine Freude mehr daran. Wie mir überhaupt die Herzenswärme abhanden gekommen ist, seit der idiotischste Rechtspopulismus hier seinen Besteckkasten ausgepackt hat. Brexit. Und ab dafür!

Eine kleine Sonntagsmarotte besteht darin, dass ich RESKIS REPUBLIK lese. Da habe ich das mit dem Besteckkasten her. Jeden Sonntag schickt die fabelhafte Petra Reski ein kleines Feuilleton, mit dem sie sich als Autorin und uns als ihre Lesegemeinde pflegt. Immer eine Freude! Sie hat den Charme des Reviers und die Grazie Venedigs vereint und schreibt in einem journalistisch geprägten Stil deutlich oberhalb von Genre. Ich habe sie mal im San Martino in Venedig hinter der Oper angesprochen; sie saß da mit „dem Italiener an meiner Seite“ und nannte mich vor ihrem pissig aufblickenden Gatten „ein Freund von Facebook“; auch hübsch.

Mit Reski verbindet mich auch, dass ihr Vater in Bergkamen eine Lange Schicht verfährt; so nennen das die Montanen, wenn der Berg sie nicht mehr hergibt. Sie gehört zu den stolzen Töchtern der Migranten aus Ostpreußen und Masuren, die an die Ruhr kamen, bevor die Türken für Schicht im Schacht sorgten. Man versteht sich hier ohne den Besteckkasten der rechten Idioten, die sich anschicken, die Welt zu beherrschen. Das werden seltene Orte, an denen noch bodenständig und weltläufig zusammengehen.

Was könnte man am Sonntag noch anstellen? Ein Buch lesen. Vor mir liegt „Krähen im Park“ von Christoph Peters; lässt sich aber schleppend an. Ich könnte eine Restaurantkritik verfassen. Das Problem? Dann habe ich anschließend noch einen Laden weniger, in den ich gehen kann. Ich sollte vielleicht mir ein Pseudonym zulegen. Ich hatte an Jürgen Dollase oder Gabriele Heins gedacht. Hau auf den Putz im Rutz. Obwohl.