Logbuch

IM ÜBRIGEN BIN ICH DER MEINUNG.

Ein von wilden Affen besiedelter Fels. Die Meeresenge von Gibraltar, welch ein Thema für jene, deren Lieblingsfächer vor allem Geschichte oder Erdkunde waren. Hier stoßen zwei Kontinente aneinander, jedenfalls Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zu Afrika weiß ich nichts zu sagen; und das charakterisiert schon das Problem, die kolonialistische Perspektive. Ein vergessener Erdteil.

Was haben die Europäer in Marokko zu suchen? Auf den beiden Seiten des „Mare Nostrum“ mit Schutzburgen die frühen Weltmächte: England, das die Wellen beherrscht, und die spanische Konkurrenz, beide mit einer Enklave am Übergang vom salzigen Mittelmeer in den großen kalten Atlantik. Brecht hat vor den imperialen Mythen gewarnt: „„Lest die Geschichte und seht in wilder Flucht die unbesieglichen Heere. Allenthalben. Stürzen unzerstörbare Festungen ein. Und wenn die auslaufende Armada unzählbar war, die zurückkehrenden Schiffe waren zählbar.“

Die frühen Weltreiche waren Folgen der Fertigkeiten in der Schifffahrt und dem Handel; übrigens zunächst und lange unter portugiesischer Ägide. Die Straße von Gibraltar dabei eine sehr tückische Düse mit gewaltigen Strömungen in der Tiefe und gegenläufigen Bewegungen an der Oberfläche, nur die kühnsten Nautiker wussten sie zu passieren. Schleppanker rissen die Segelschiffe heraus. Heute sind es dank der großen Diesel dreihundert Schiffe am Tag. Ja, der Diesel; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die beiden Säulen des Herkules. Man hat schon über Brücken nachgedacht, die die Welten verbänden. Oder Tunnel, wie sie den Ärmelkanal unterqueren. Oder Stromkabel, die die Sonne der Sahara als Solarstrom nach Europa brächten. Öl- und Gasrohre liegen schon, glaube ich; aber da sollte man diskret sein, bevor die Ukrainer wieder auf Ideen kommen. Alle Pläne, mit denen zusammenwüchse, was zusammen gehörte, sind aber verworfen. Das ist das Geheimnis des Commonwealth: Man hat die Welt ausrauben wollen, aber nicht ins eigene Haus bitten.

So wachen bis heute die Warlords britischer wie spanischer Zunge darüber, dass getrennt bleibt, was nicht zusammengehört. Und die eigentlichen Herren des Mittelmeers, die Italiener; sie alle mal. Da hat die Führerin Meloni die unerbittliche Logik des alten Cato: Die Karthager in Nordafrika gehören, da frech geworden, gründlich zerstört. Nichts Neues im Römischen Reich. Schon gar nicht bei den Affen auf den Felsen von Gibraltar.

Logbuch

MÖBIUSBÄNDER.

Es gab eine Zeit, da konnte man noch nicht mit Maschinen reden und diese mit ihrem Nutzer. Man hatte noch allein das Sagen. Man konnte die Apparate an- und abstellen. Den Stecker ziehen. Sie auf den Müll werfen. Diese Zeiten gehen zu Ende.

Am Abend des 14. April 1912 erklangt im Äther das Morsesignal CQD für „an alle Stationen: Notfall“. Keine Reaktion. Die Funker der Titanic versuchten es deshalb noch mit dem neueren Code SOS, also drei kurz, drei lang, drei kurz, vertextet als „save our souls“. Die Carpathia hörte den Notruf, nahm Kurs auf die Unglücksstelle und rettete 700 Passagiere aus den Booten. Seitdem dient das Modell von Sender und Empfänger zur Erklärung von Kommunikation; und die Frage des gemeinsamen Codes erscheint auch Doofen plausibel.

Dem Morser gerät die Abfolge von kurzen und langen Tönen zu einer Melodie, die als zweite Sprache vertraut wird. Mit dem tippenden Finger an der Taste und dem Ohrhörer auf dem Schädel entwickelt sich eine Symbiose von Mensch und Maschine, heutzutage von Computer und Gehirn; kein Wunder, dass der kalifornische Capo di tutti capi der Informationstechnologie heutzutage über „Neurolinks“ nachdenkt, sprich die Implantierung von Chips ins menschliche Hirn, die den Morsefinger überflüssig machen. Es fallen alte Trennungen.

Ich lese bei Anna-Verona Nosthoff, dass früher widersprüchliche Kategorien miteinander vermählt werden: „Sender und Empfänger, Mensch und Maschine, Gehirn und Computer, Dezentralität und Zentralität, Freiheit und Kontrolle.“ Damit eröffne sich ein neues Reich der Freiheit, das ein Imperium der vollständigen Unterwerfung sei. Heute genießt das schon das Auto. Der von der EU verpflichtend eingeführte E-Call, erkennt unabhängig vom Fahrer einen gravierenden Unfall und fordert die Rettungskräfte seiner Wahl automatisch an. Dafür muss er wissen, wo die Titanic gerade ist; was kein Problem ist, wenn er die Schüssel dort schon autonom hingesteuert hat. Nicht die Eisberge werden gesteuert, die Schiffe. Klar?

Das ist die wahre Dystopie des Internets: Es fallen alle Modi der Abgrenzung. Nur noch Möbiusbänder. Es fallen zusammen: Wirklichkeit und ihre Darstellung, Original und Kopie, sowohl privat wie öffentlich, vor allem Wahrheit und deren Inszenierung.

Logbuch

KÄLTEPUMPE.

Ich lese einen mittelhochdeutschen Text, in dem die Herrschaften in den Gefilden Apuliens zur Jagd gingen. Irre Anreise, wenn man bedenkt, dass es zu Pferde ging. Aber auch der Karthager Hannibal war im Süden Italiens, auf Elefanten. Man hatte offensichtlich Zeit und Muße: „Glücklich der, der jetzt auf den Gefilden Apuliens zur Beizjagd gehen kann! Wer dort auf die Pirsch zieht, kommt auf seine Kosten, so viel Wild gibt es dort. Die einen gehen zu den Brunnen, die anderen reiten spazieren…“

Es erreichen die brütenden Lande, über deren Höhen sonst der Wind so kalt weht, Nachrichten aus dem fernen Apulien, wo der Lorenz mit 45 Grad brennt. Das ist der Absatz des italienischen Stiefels, also tiefer Süden und einst so fruchtbar, dass die Griechen sich zur Kolonialisierung entschlossen. Berichten will ich von einem alten Bürgerhaus in Ostuni, vor dessen Baustelle ich einst voller Staunen hockte, die Weisheit früheren Handwerks bestaunend. Überhaupt haben die Städte der Region den Ruf, ein Florenz des Südens zu sein, aber dieses eine Domizil hat es mir angetan.

Zur Straße dreigeschossig und bescheiden wirkend, birgt es, wie dem neugierigen Touristen offenbart, untereinander drei Kellergeschosse, geräumig und solide in den massiven Fels gehauen. Und im untersten, wo ganz sicher der kühle Berg die angenehmste Temperatur bietet, ein Brunnen mit frischem Quellwasser. Unnötig zu erwähnen, dass zu der einen Seite in ein paar Schritten der Markt und in der anderen Richtung nur einen Steinwurf entfernt, aber deutlich tiefer, der Hafen. Ein in den Fels gehauenes Paradies. Die Weiße Stadt hat sich mit Wehrtürmen und Mauern seit der Renaissance vor dem Türken geschützt, die den Balkan beherrschten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Meine Fantasie regt der quellbewehrte Tiefbau an, da er von einem Klima kündet, das heute nur noch diese entsetzlich hässlichen Maschinen aus Asien zu liefern suchen. Plötzlich ist auch in unseren Breiten von A/C die Rede. Brüllsommer. Bei diesem Wetter hätte der tragische Habeck seine Pumpe als Raumklimatisierung durchgesetzt bekommen. Kältepumpe. Wäre es den Grünen nur gegeben, mehr an die Überzeugung der Menschen zu appellieren als mit dem Staat zu drohen. Aber Trittins Heroin, Frau Baerbock, das erfahren wir nun, kommt ja nicht nur aus dem Völkerrecht, sondern eigentlich aus dem Leistungssport.

Alles wäre gut, wenn wir weise bauen würden, die Kräfte der Natur nützten, ohne die Landschaft zu verschandeln und in der Grundlast eine staatlich geführte Kernenergie zur Industriepolitik nutzten. Billiger Strom ist Wachstum. Dann gäbe es Florenz und Grundstoffindustrie, beides. Man würde sich dann nur noch der Kolonialisierung durch den Balkan erwehren müssen. Aber da hat „Pülle“ (mittelhochdeutsch für Apulien) seine Erfahrung. Das kriegen wir dann schon hin „ze Pülle ûf dem gevilde.“

Logbuch

SONNTAGSBRATEN.

Heute in der SUNDAY TIMES von Charlotte Ivers ein Mörderverriss eines Restaurants, so vernichtend, dass man vor Vergnügen schreien möchte. Tatar wie Tierkotze und Kuhfladen in der Sonne, solche Schoten. Aber natürlich ist die Restaurantkritik im sozialen Nahbereich eine literarische Ambition für die Köche auch schon mal Strychnin an den Reis geben könnten. Jedenfalls Restaurantleiterinnen. Neulich hatte die Blonde ein Zeh-Wie-Che, das aussah wie Zunge in Maurermörtel und schmeckte wie Sjöströmling, um nicht körperlich explizit zu werden. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Sonntagsvergnügen. Den Tag des Herrn mit einer englischen Sonntagszeitung in gedruckter Form zu verbringen, ist ein Vergnügen, das diese nicht mehr gewähren; sie waren mal kiloschwer und randvoll, mit Gewichtigem und endlosen Nebensächlichkeiten. Die kulturelle Flur ist zu einer Schneise verkommen. Ich habe keine Freude mehr daran. Wie mir überhaupt die Herzenswärme abhanden gekommen ist, seit der idiotischste Rechtspopulismus hier seinen Besteckkasten ausgepackt hat. Brexit. Und ab dafür!

Eine kleine Sonntagsmarotte besteht darin, dass ich RESKIS REPUBLIK lese. Da habe ich das mit dem Besteckkasten her. Jeden Sonntag schickt die fabelhafte Petra Reski ein kleines Feuilleton, mit dem sie sich als Autorin und uns als ihre Lesegemeinde pflegt. Immer eine Freude! Sie hat den Charme des Reviers und die Grazie Venedigs vereint und schreibt in einem journalistisch geprägten Stil deutlich oberhalb von Genre. Ich habe sie mal im San Martino in Venedig hinter der Oper angesprochen; sie saß da mit „dem Italiener an meiner Seite“ und nannte mich vor ihrem pissig aufblickenden Gatten „ein Freund von Facebook“; auch hübsch.

Mit Reski verbindet mich auch, dass ihr Vater in Bergkamen eine Lange Schicht verfährt; so nennen das die Montanen, wenn der Berg sie nicht mehr hergibt. Sie gehört zu den stolzen Töchtern der Migranten aus Ostpreußen und Masuren, die an die Ruhr kamen, bevor die Türken für Schicht im Schacht sorgten. Man versteht sich hier ohne den Besteckkasten der rechten Idioten, die sich anschicken, die Welt zu beherrschen. Das werden seltene Orte, an denen noch bodenständig und weltläufig zusammengehen.

Was könnte man am Sonntag noch anstellen? Ein Buch lesen. Vor mir liegt „Krähen im Park“ von Christoph Peters; lässt sich aber schleppend an. Ich könnte eine Restaurantkritik verfassen. Das Problem? Dann habe ich anschließend noch einen Laden weniger, in den ich gehen kann. Ich sollte vielleicht mir ein Pseudonym zulegen. Ich hatte an Jürgen Dollase oder Gabriele Heins gedacht. Hau auf den Putz im Rutz. Obwohl.