Logbuch
KOCH & KÜCHENJUNGE.
Der Chef de Cuisine, das ist kein Familiengrad, also nicht etwa mein Onkel. So nennt sich im französischen System der jeweilige Meister der Speisenzubereitung. Die Franzmänner sind im Kulinarischen Weltmeister, weil sie den Kochbetrieb wie eine Brigade organisieren. Es wird der Kommiss zum Vorbild genommen, weshalb der Jungkoch auch Commis de Cuisine heißt. Genug der Kalauer. Es geht darum, dass die Küche eines Restaurants zu einem symbolischen Muster des Zusammenlebens geworden ist. Die Welt im Spiegel der Kochmützen.
Schuld ist das englische Boulevard-TV, das aus dem Koch Gordon Ramsay einen gnadenlosen Tyrannen stilisiert hat, der fluchend, beleidigend und erniedrigend seine Mannschaft schikaniert. Mit ihm zu arbeiten, wurde schon im Titel der Fernsehfilmchen als Alptraum bezeichnet. Warum fasziniert das die Zuschauer im Unterschichtsfernsehen? Kein Vorbild, sollte man meinen.
Es gab auch eine nette Alternative, Jamie Olivier, der Junge von Nebenan, der der englischen Hausfrau erklärte, wie man es zu mehr bringt als Heinz seinen gebackenen Bohnen in Zuckersauce auf Toast. Beide haben aus den Koch-Exerzitien ein Vermögen gemacht. Auch im Spott über das, was die Ammis unter Kochen verstehen. Bei uns ahmen das mittlere Größen wie Tim Mälzer und Frank Rosin nach; peinliche Kopien einer spektakulären Idee.
Jetzt zur Generation Z am Kochlöffel. Ich rede mit einem Sternekoch im Bayrischen, ein Mann mittleren Alters, der mir berichtet, der neue Küchenjunge habe das Bewerbungsgespräch damit begonnen, dass er ein vertrautes Du als Anrede intonierte, worauf der Chef erwiderte, dass er zwar duze, aber nicht geduzt werde. Das hat den Küchenjungen überrascht.
Das Gutsherren-Du war früher üblich, aber immer mit dem Nachnamen. Ältere Herrschaften redete man ohnehin mit einer gewissen Ehrfurcht an. Und „Sie plus Vornamen“ galt bei Chauffeuren und dem Frisör. Der Küchenjunge aus Bayern ist übrigens trotz Vertrag am ersten Arbeitstag gar nicht erst erschienen, wohl weil ihm das Klima nicht behagte. Man ist nicht auf der Welt, um alle fünf Minuten „Oui, Chef!“ zu brüllen.
Ein Chef de Cuisine im Elsass erzählt mir von der losen Arbeitsmoral seines angehenden Commis, der absehbaren Arbeitsspitzen, etwa an Feiertagen oder zu gutem Wetter, durch Krankmeldung zu entgehen wusste. Natürlich gibt es eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, meist ohne Brimborium eines ärztlichen Attestes und es wird ohnehin anständig gezahlt. Aber verblüfft sei er doch gewesen, als die Frau Mama den erwachsenen Filius mittels handgefertigtem Briefchen abmeldete vor dem Kirchweihfest. Wegen einer Essig-Allergie und dieserhalb zu beklagendem Durchfall. Gute Besserung.
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GENERATION Z.
Der Bewerber erscheint in sehr lockerer Freizeitkleidung, was mich weniger irritiert als die weißen Knöpfe in seinen Ohren, die aber, so lerne ich, kompensieren, dass sein Smartphone leise gestellt sei, da er ja im Gespräch. Im Verlauf dessen spricht er dann auch offensichtlich mit einem Anrufer, während er mich anschaut; es verlautet: „Du, kann grad nicht, bin im Business.“ Dann setzt er die Ansprache vermutlich mit mir fort, da er erläutert, warum er 36 Arbeitstage gerne als Urlaub hätte, den er jeweils spontan zu nehmen gedenkt. Weil ja vorher nicht klar, wann das Wetter geeignet.
Ich frage, wie er auf die Zahl kommt. Nun, die hätte man im Öffentlichen Dienst auch, wo seine Freundin tätig sei. Er könne die ja schlecht allein in Urlaub fahren lassen. Das ist wahr. Also stellen wir den Pinsel ein. Er würde gern morgens nicht so ganz früh beginnen und bietet „halbe neun“ an; bereits am ersten Tag erscheint er erst um 09.05 h, weil es mit Parkplätzen im Schatten schwierig war. Echt, in Berlin ist es schwierig einen freien Parkplatz zu finden? Ich nehme das Ende der Debatte vorweg. Es geht nicht nur um den Schatten; er kann zudem nicht rückwärts einparken.
Bei einer anstehenden Literaturrecherche verwechselt er dann eine Bibliothek mit einer Buchhandlung und meldet sich per Handy (siehe oben) von Dussmann; die hätten das Buch nicht vorrätig. Er hat es aber bei „Audible“ bestellt. Da müsse ich (!) dann nicht so elend viel blättern und könne es mir in der U-Bahn vorlesen lassen. Praktisch. Ich habe nicht den Mut zu erwähnen, dass ich nicht U-Bahn fahre. Nicht in Berlin. Nicht im weißen Stöpseln im Ohr. Und nicht mein eigener Hiwi bin.
Wegen des Sommers erörtern wir in der Folgewoche das Institut „Hitzefrei“ unter der Überschrift „Home Office“, weil das Angebot eines Büros mit Klimaanlage ökologisch nicht zu rechtfertigen. Davon würden die Polkappen abschmelzen. Im Zuge der Debatte um schattige Parkplätze, die jeden zweiten Tag wieder aufflammt, erfahre ich, dass er gar keinen Führerschein hat. Wie er dann mit dem PKW ins Office komme (in das vom Business), möchte ich wissen. Nun, seine Freundin, die Beamtin, bringe ihn. Und die sei es auch, die nicht rückwärts fahren könne. Und sie müsse von dort ja auch noch zu Fuß ins Amt kommen. Und er ohnehin pünktlich Schluss machen, weil sie unter dem Baum auf ihn warte, wo sie im Schatten parke.
Man kann in der Probezeit fristgerecht kündigen. Und zwar jederzeit. Ich weiß jetzt, was „work-life-balance“ ist. Alta Schwede.
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HAMLET.
In Berlin nix los. Wie beim ollen Hamlet im Staate Dänemark. Gestern die Sopranistin bei den Symphonikern barfuß auf der Bühne. Gab die Ophelia, Hamlets Geliebte, musikalisch allenfalls mittelmäßig. In der Pause gegangen. Damit Hamlets Empfehlung gefolgt: „Geh in ein Kloster!“ Hamlet, das ist der, der schon mal aus Versehen seine Berater umbringt. Wie der Merz den Schnieder.
Die journalistischen Auguren der Hauptstadt murmeln dunkle Gerüchte um das politische Ende des Friedrich Merz als Kanzler von Schwarz-Rot. Dabei kommt immer wieder der Vergleich zu Angela Merkel, die länger durchgehalten habe. Was war Muttis Geheimnis? Ich habe die Antwort. Die Protestantin aus dem Osten lebte unter der Patronage von Volker Kauder.
Das ist das Geheimnis: Kauder machte Merkel möglich. Immer steht hinter der Lichtgestalt eine dunkle. Franz Müntefering hinter Gerhard Schröder, Herbert Wehner hinter Willy Brandt. Die Rolle sollte Jens Spahn für Merz spielen, aber der fällt aus wg. Mutterschaftsurlaub.
Moment mal. Wehner hat Brandt doch zu stürzen geholfen. Und Münte war weiß Gott nicht Gerds Glück. Stimmt. Achtet auf die dunklen Gestalten, namentlich die Fraktionsvorsitzenden. Wo ist er, der ewige Luca Brasi? Wer macht für Merz diese Dreckarbeit? Der macht die Drecksarbeit selbst? Echt? Dann ist allerdings etwas faul im Staate Dänemark. Tja, das könnte es sein.
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Die Revolution der Parteien durch Gabriel: Entmachtung der Lähmschicht
Nichts überzeugt mehr von den Vorteilen einer Diktatur als eine halbstündige Diskussion in einer Fussgängerzone. Das hat Winston Churchill gesagt. Ich ergänze: Wer dann trotzdem noch an eine Demokratie glaubt, sollte bei irgendeiner Partei auf eine Ortsvereinssitzung gehen. Den ultimativen Schock kriegt, wer sich sehenden Auges in der Kantine einer Partei ansieht, wer da so arbeitet.
Wie alle Vorurteile, stimmt das Vorurteil gegenüber den Kolleginnen und Kollegen, die man „fee burner“ oder Sesselfurzer nennt, und es stimmt nicht. Ungerecht ist es allemal, für Einzelfälle, vielleicht sogar für die Mehrheit. Aber keine Bürokratie hat Sex Appeal; die Beamtenschaft möge mir verzeihen. Wer sich das Funktionärswesen in Parteien, Gewerkschaften und Verbänden ansieht, weiss, dass Franz Kafka mit seinen Alpträumen von der Bürokratie noch untertrieben hat.
In der Industrie unterscheidet man zwischen der „workforce“, die im Blaumann in der Fabrikhalle baut und schraubt, und der Leitung, die mit weißem Kragen in der Büroetage entscheidet, wo die Reise hingeht. Wir gehen mal davon aus, dass die Arbeiter anständig bezahlt sind und die Bedingungen menschengerecht. Und der Vorstand sein unverschämt hohes Gehalt durch übergroße Weitsicht auch tatsächlich verdient.
Nach diesen kühnen Annahmen scheint das wirkliche Problem auf. Zwischen diesen beiden Ebenen der Führung und der Ausführung liegt das sogenannte Mittelmanagement. Im übelsten Fall ist die Organisation eine Zwiebel: oben dünn, unten dünn, in der Mitte ein fetter Bauch. Unten arbeiten die „fee earner“ und vielleicht auch oben, aber in der Mitte das sitzt die Lehmschicht. Der Lehm verhindert, dass irgendetwas von oben nach unten dringt. Und wohl auch, dass etwas von unten nach oben.
Ein berühmter spanischer Kollege, den ich mal im Vorstand eines Industrieunternehmens erleben durfte, nannte die Lehmschicht immer Lähmschicht. Ob das an seiner schlechten Intonation lag oder an höherer Einsicht, ist egal. Er hatte recht. Dieser Teil des Managements beeinträchtigt die Führungsfähigkeit der Institution; man spricht von großen Tankern, die nicht mehr steuerbar sind.
Die Mitgliederbefragung beendet die Funktionärsdiktatur der Lähmschicht in Parteien. Deshalb heult die Kaste der Funktionäre auf: Machtverlust. Das ist die Revolution, die Sigmar Gabriel für die SPD durchgesetzt hat: Die wirklichen Mitglieder bekommen wieder das Sagen, jedenfalls bei den prinzipiellen Fragen. Alle anderen Parteien werden sich künftig genau so verhalten müssen.
Deshalb springt Horst Seehofer Gabriel bei. Und der Ingrimm in der CDU gegenüber dem Regime Merkel ist groß. Warum, fragen die Mitglieder der Union, wird über unsere Köpfe entschieden? Innerparteiliche Demokratie wird künftig sehr oft Mitgliederbefragungen nutzen. Das Internet eröffnet da völlig neue Möglichkeiten. Und das ist keine Piraterie…
Zu den dümmlichen Unterstellungen von Frau Slomka in dem sogenannten Interview mit Gabriel ist alles gesagt. Es geht natürlich nicht um imperative Mandate für Abgeordnete. Der Bundestag ist gewählt. Eine Partei entscheidet anschließend, weil es keine klare Mehrheit gibt, ob sie ihrer Führung empfiehlt eine bestimmte Koalition einzugehen. Man kann nun beckmessern, dass die Parteien nicht die Fraktionen sind; die Frage hat eine ordnungspolitische Dynamik. Da können die Verfassungsrechtler mal was Kluges sagen.
Es geht bei der Mitgliederbefragung innerhalb der eigenen Organisation darum, die Lähmschicht in den Organisationen zu entmachten. Es geht um das Ende der Funktionärsdiktatur. Es geht um Mitwirkung, um Teilhabe. Das wird Politikverdrossenheit mindern. Wir reden also über den demokratischen Kern unseres Landes. Die Verdienste von Sigmar Gabriel genau darum sind schon jetzt historisch.
Quelle: starke-meinungen.de