Logbuch
SPREZZATURA.
Man kann es auskosten oder nur probieren. Das ist der Unterschied von Vielfraß und Feinschmecker. Früher kam ich zu Partys immer später und blieb bis zum bitteren Schluss; westfälische Reihe: Sekt, Wein, Bier, Schnaps, in dieser Reihenfolge. Jetzt komme ich sehr früh, zum sogenannten Einlass und putze mit Eröffnung des Buffets wieder die Platte.
Wenn Du als erster Gast da bist, hast Du eine Chance zu sehen, wie sich der Abend aufbaut. Wen man ansprechen sollte, wem aus dem Weg zu gehen ist. Gestern Abend in der riesigen Hauptstadtrepräsentanz der Telekom ein Parlamentarischer Abend des Wirtschaftsforums der SPD, ein vorparteilicher Lobbyclub. Ich bin dort, weil eine persönliche Freundin dort in Funktion ist; sie zu sehen, das freut mich einfach.
Dann treffe ich einen guten Bekannten, ein Pfadfinder wie ich, der es in der Immobilien-Mafia zu was gebracht hat. Da man sich in den Sozialen Medien beobachtet, reicht ein kurzer Abgleich dazu, was davon stimmte und was nicht, um sich abzudäten (sic). Wir schauen uns zusammen an, wie der Veranstalter sich die Arme bricht. Man soll einem völlig belanglosen Kabinettsmitglied lauschen, das nichts zu sagen hat. Die Moderatorin entblödet sich, während dieser salbadert, nicht, durch das munter schwätzende Publikum zu laufen und mittels alberner Gesten zum schweigsamen Zuhören aufzufordern. Vergeblich.
Dann einer meiner Lieblingsgegner, mit dem mich eine tiefe Abneigung verbindet. Der Mann sieht aus, als schlafe er unter Brücken. Aus einem schlechtsitzenden Baumwollanzug („Kombination“) ragt ein ungesund geröteter Glatzkopf mit dramatisch ungepflegter Nackenbehaarung, der sich ein Hundefrisör anzunehmen hätte. Er redet impulsiv auf sein Gegenüber ein; er redet immer ein. Zu meiden, der Mann. Dann Kumpels und, sehr nett, Kumpelinnen, eine davon inzwischen eine Frau Doktor designata, alle Achtung.
Erfreulicher Abschluss: Ich treffe meine Bundestagsabgeordnete am Eingang; sie kommt, als ich gehe. Kann ihr gratulieren zu der wirklich guten Kommunikation ihrer Mandatsausübung. Man fühlt sich als Wähler gut informiert, auch wenn man nicht jede parteipolitische Grille teilt. Ich lobe sie darob und man stellt sich ein baldiges Treffen im Wahlkreis in Aussicht. Auf der Straße ankommendes Taxi geschnappt und zur Tagesschau wieder zu Hause. Ha!
Man erkennt den Meister eines Fachs daran, wie leicht ihm die Dinge von der Hand gehen. Scheinbar mühelos. Sprezzatura, so nennt das der italienische Edelmann.
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PROJEKTION.
Das eigene Übel hineinzulesen in sein Gegenüber, das nennt der Soziologe eine PROJEKTION. Darum darf man Feindbildern nie trauen; es kann sein, dass sie nur ein Umkehrbild sind und das Unterbewusste des Freundes zum Wesen des Feindes machen.
Das gilt aber auch im sozialen Nahbereich. Beispiel Geschlechterrollen, heutzutage GENDER genannt und Sex. Ich lese in der New York Review of Books einen Essay einer Historikerin über das Werk einer Autorin über die Rolle des Weiblichen im Mittelalter, also vor mehr als tausend Jahren. Die Grundannahme der männlichen Quellen dieser Zeit war, lese ich, dass Männer kalt und trocken seien, Frauen dagegen heiß und feucht. Das schreibt das Frauenbild der bösen Verführerin fort, beginnend mit Eva im Garten Eden.
Ein wesentliches Motiv für die Sittenlehrer, die Fehlverhalten kanonisieren wollten, war die Frage, welche Ausreden die BEICHTE für Fehlverhalten zulassen sollte. Dabei fand die gewollte Nachsicht für männliche Delinquenz natürlich Eingang in die Beschreibung der Wirklichen. Es gibt interessante gynäkologische Spekulationen, warum Prostituierte bei Ausübung ihres Berufes nicht schwanger werden können. Natürlich gegen jeden Augenschein, aber mit der angenehmen Konsequenz, dass Freiern keine Vaterschaft zugerechnet werden konnte.
Der dombauende Bischof von Worms namens Burchard erörtert in seinem berühmten Buch, dem Liber Decretum, eine Ursache für übersteigerte sexuelle Lust bei Männern (die natürlich zu entschuldigen war, weil wesensfremd). Gesteigerte Leidenschaft sei auf eine fehlzubereitete Fischmahlzeit zurück zu führen, also Schuld der häuslichen Köchin. Unter hoher kanonischer Strafe stand eine Hexentechnik, die man nur mit Vorsicht zitieren kann, da unsere Zeiten das Drastische des Mittelalters verloren haben.
Man solle, so Bischof Burchard zu Worms, weibliche Kirchgänger darauf befragen, ob sie lebenden Fisch intravaginal verborgen hätten, den sie später ihren Gatten häuslich zubereitet zu servieren gedenkten, weil diese Zubereitungsart diabolisches Verlangen bei Männern auslöse. Hohe Strafen waren dafür angesetzt; höhere, berichten die Quellen, als für Kindesmord. Projektion als Wahrheitsbeweis der Inquisition. Dunkle Zeiten.
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GRATISMUT.
Den Kriegsparteien im Ukraine-Konflikt habe ich keine Ratschläge zu geben, schon gar nicht solche, deren Konsequenzen ich nicht zu tragen hätte. Da ist die Londoner Korrespondentin des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens Anette Dittert meinungsfreudiger. Die verlässlich linksliberale Stimme kritisiert den Papst mit der Unterstellung, er habe zur Unterwerfung unter das Böse aufgefordert. Ein Jesuit, der die Ehre Gottes schmälert? Ein Jesuit, der die Gegen-Reformation aufgibt? Gemach.
Als 2013 der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio als erster Anhänger der Societas Jesu (SJ) überhaupt zum Papst gewählt wurde und sich dann noch nach einem Hallodri aus Assisi ausgerechnet Franz nannte, war das eine wirkliche Überraschung in katholischen Kreisen. Er hatte eine persönliche Geschichte als Intimus der argentinischen Diktatoren in den 70. und 80. Jahren, war bei den Jesuiten, nach allem, was man da wissen kann, nicht sehr beliebt und galt dem intelligenten Benedict XVI nicht als besonders helle. Seit seiner Gründung im 16. Jahrhundert hatten die SJ-Leute stets herausgehobene Ämter gescheut, zumal das höchste ihrer Kirche. Jetzt dieser Dummbüttel als Stellvertreter Christi.
Man muss wissen, dass die Mitglieder der „Gesellschaft Jesu“ keine Mönche sind und nicht Priester sein müssen, also auch Laienstatus haben können. Was diese Elite eint, weiß man nicht gesichert, aber es muss mit der Gegen-Reformation zu tun haben. Eine Förderung der russischen Orthodoxie scheint Experten unwahrscheinlich. Warum dann die weiße Fahne als Rat an die Ukraine? Ich hole die Geschichte der SJ des Hamburger Zeitgeschichtlers Markus Friedrich aus dem Regal, werde aber nicht schlauer.
Jetzt also rät Papa Franz den Ukrainern zur weißen Flagge. Eine Stimme der Vernunft oder Ausdruck einer Weltverschwörung? Wer ist der salbadernde Opa zu Rom? Ich lege das zur Seite. Welchen Säulenheiligen ziehen wir jetzt zu Rat? Man darf diese Welt nicht mit den Augen Luthers sehen oder in der eisernen Logik Hegels, gar mit dem Zynismus eines Nietzsche. Es gilt das Wort Kants, nach dem der Friedensschluss ein Sieg der Vernunft sei. Sagt jetzt auch der Papst.
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So geht Wirtschaftspolitik: von der Entlassung in die Freiheit
Der Staat ist dazu da, dass er sich zurückhält, nachdem er sich ins Zeug gelegt hat. Beides, eins nach dem anderen. Er sorgt für Infrastruktur, aber nicht für Steuerung der Bürger. Fürsorge ist Diktatur, Infrastruktur Freiheit. Politik soll mir nicht sagen, was ich tun soll. Sie soll aktiv ermöglichen, dass möglichst alle tun können, was sie tun wollen. Ich will Wege, Brücken, Straßen, aber nicht gesagt kriegen, wo ich hingehen soll. Das ist doch mal eine Vision! Dazu könnte ich mich in Hitze reden.
Aber wir leben in lauwarmen Zeiten. Früher war nicht nur mehr Lametta, es war auch noch richtig Wetter. Es war entweder kackig kalt oder brütend heiß, Jahreszeiten genannt. Es gab Visionen. Die von der weißen Weihnacht oder die von unbegrenzter Freiheit, in der man auf einer Harley mit nacktem Oberkörper die Highway runterraste. Born to be wild.
Die Visionen sind alle. Aus den Ruf nach Freiheit ist das Verwalten des Freiheitlichen geworden. Oder Versuche der Tugenddiktatur. Zurück in den Mief der Nachkriegszeit. Die Politik verspricht immer seltener wirklichen Fortschritt. Das liegt am Basiseffekt, an der Frage, wo man herkommt. Eine glückliche Geschichte macht Sprünge. Sensationen bestehen in Brüchen. Wo es keinen Willen zu Revolutionen mehr gibt, zieht die Gemütlichkeit ein.
Zu berichten ist von einer politischen Einrichtung in dem kleinen baltischen Staat Estland. Ein liebenswertes Bonsailand an der östlichen Ostsee, zwei Fährstunden gegenüber von Helsinki, Anrainer von Herrn Putin, ehemals Heimat der Schwarzhäupter, sprich der Hanse und anderer deutscher Raubritter. Der berühmte Kotzbue lebte hier, man sprach deutsch, wurde im Laufe der Geschichte gleich mehrmals russifiziert und ist nun wieder estnisch.
Ein kleines Land, das der Hitler-Stalin-Pakt den Sowjets zugeschoben hat, ein Volk mit gerupfter Vergangenheit. Vieles gefällt mir hier auch heutzutage nicht, der rassistische Umgang mit der russischen Bevölkerungsgruppe allem voran. Man versteht schon, warum auf einer Müllhalde hinter den Heimatmuseum die gestürzten Statuen von Stalin und Konsorten liegen. In der Verschrottung der alten Denkmäler schüttelt ein Volk jene Herren ab, unter deren Diktatur man allzu lange gelitten hat.
Aber nicht tadeln wollten wir, sondern preisen. Was begeistert? Nun, schon im Bus der touristischen Stadtführung, einem Uraltgefährt von MAN mit deutschsprachigen Verbotsschildern, entdecke ich, dass der klapprige Bus einen eigenen WLAN-Anschluss bietet. Gratis. Im Hotel, im Restaurant, im Hafen, auf den Friedhof…man entrinnt in einem Land, das dünner besiedelt ist als Meck-Pomm, nicht den kostenlosen WiFi-Angeboten.
Die von Stalin hinterlassenen Kupferdrähte der KGB-Telefone waren so schlecht, dass die estnische Wirtschaftspolitik schon vor Jahren beschlossen hat, mit einem Sprung ins Internetzeitalter zu springen. Und das richtig. Es gibt einen gesetzlichen Anspruch aller Bürger auf freien Internetzugang an jedem Ort, zu jeder Zeit, zu keinen Kosten…Und wer kein iPhone besitzt, der mag eine die öffentlichen Einrichtungen zum Surfen nutzen, an jeder Straßenecke.
So springt man vom Ende der Welt, vom dunklen Ende der Welt mitten die hell erleuchtete Globalität. Wirtschaftspolitik als Infrastrukturleistung: ein sperriger Begriff, aber ein großartiges Konzept. Das Land ist nicht nur vernetzt, es funktioniert bargeldlos. Wer an der Sushi-Bude oder dem Hisburger-Stand Cash rausholt, hält die Förderung auf. Meinen Parkplatz zahle ich mit dem Handy. Die volkswirtschaftlichen Kostenersparnisse müssen gewaltig sein. Durch einen wirtschaftspolitisch mutigen Federstrich sprießt der Fortschritt. Born to be wild. Alle Metropolen in jedem Dorf. Alles Dinge, für die sich in Berlin Kai D. einen Bart stehen lässt.
Quelle: starke-meinungen.de