Logbuch
WENN DIE AUTOMATEN DICHTEN.
Das Feuilleton macht sich Sorgen. Die Wahrnehmung, was „Künstliche Intelligenz“ so alles kann, ist inzwischen auch bei den für Kultur und Kunst zuständigen Redakteuren angekommen. Jetzt greift eine doppelte Furcht. Die erste ist schon ganz real, nämlich der vollständige Ersatz der Edelfedern selbst durch den Apparat, der jetzt auch noch den „content“ macht. In der Frage sind Journalisten schon einiges gewohnt. Stichwort Ersatz von Journaille durch PR. Nun könnten die Verleger auf die Idee kommen, sich gleich das ganze Blatt von der KI schreiben zu lassen; würde eine Menge Ärger mit diesen ewigen Querulanten ersparen.
Die zweite Furcht des Feuilletons, die entlegenere, ist die, dass man seiner Expertise in Sachen Genie völlig beraubt würde, indem man auf einen KI-Text reinfällt, den man reinen Herzens zur Weltliteratur hochschreibt und am Ende von dem Apparat getäuscht ist. Von einem stochastischen Papagei! Die Blamage wäre ja perfekt. Das gibt es ja durchaus, dass ein literarischer Welterfolg zunächst unentdeckt bleibt, sich dann seine Bahn zu großem Ruhm bricht und dem Feuilleton die Ehre zuteil wird, das Jahrhundertwerk entdeckt zu haben. Wehe, wenn dann herauskommt, dass hier eine Maschine am Werk war. Und die FAZ es nicht gemerkt hat.
Wir wissen schon, dass der Apparat regelrechte Gedichte verfassen kann; die abgegriffenen Allgemeinplätze verzeiht man noch, da ja Versmaß und Reimschema stimmen. Aber würde er ein Sonett des großen Shakespeare hinkriegen? „Soll ich dich einem Sommertage gleichen?
Du bist viel lieblicher und sanfter noch.
Raue Winde schütteln Maienknospen,
und viel zu kurz ist Sommers schöne Frist.
Bisweilen brennt des Himmels Auge heiß,
und oft verdunkelt sich sein goldner Schein;
und alles Schöne muss vom Schönen weichen,
durch Zufall oder Wandel der Natur.
Doch dein unvergänglicher Sommer wird nicht schwinden,
noch wirst du jene Schönheit je verlieren,
noch wird der Tod sich rühmen, dass du wandelst
in seinem Schatten, wenn in ewigen Versen
du mit der Zeit fortlebst.
Solange Menschen atmen, Augen sehen,
solange lebt dies – und dies gibt Leben dir.“
Natürlich kann das auch die KI; alles eine Frage des Prompt. So heißt der Befehl zu dichten. Es wird der Tag kommen, da führen sie auch noch das Logbuch, die Rechner. Und der früher frühe Vogel kann lässig liegenbleiben. Keine unvergänglichen Verse mehr von legasthenischer Menschenhand. Bitter.
Logbuch
DAS GENIE UND DIE BIOLOGIE DER SOZIOLOGIE.
Eigentlich wäre es eine Tätigkeit für den Herbst, wenn grässliches Wetter dunkle Gedanken befördert. Aber wie das Leben so geht, ich lese Nachrufe im Hochsommer, da die Sonne, wie unpassend, zu breitem Lachen ansteht. Und komme zu einer Einsicht, die ein Frühlingserwachen sein könnte. Aber gemach.
In meinem Fach hat es einen Weisen gegeben, den ich selbst nie kennengelernt habe; wohl weil mir Bamberg immer ein Unort war, terra incognita. Aber dort hat schon sehr früh ein Manfred Rühl den Bielefelder Niklas Luhmann aufgenommen und anzuwenden gesucht. Muss einem das was sagen? Na ja, räumen wir zunächst ein, dass der Soziologe Luhmann aus Bielefeld sehr viel getan hat, um sich selbst zu vergeheimnissen. Das ist ein akademisches Verfahren, das konsequent Plausibilität vermeidet, während es behauptet, eben diese zu gewähren. Man könnte auch von Okkultisierung reden. Treibt Doofe schlicht in den Wahnsinn.
So begründet man eine „Schule“, deren „Schüler“ den Trick durchschauen und sich darüber amüsieren, mit welch hohlen Augen der Rest der Menschheit in Unverständnis untergeht. Das Marketing im Akademischen besteht nämlich darin, dass man die Ware verknappt, die man zu verkaufen hätte, aber trotzig unter der Theke hält. Früher hat man sich in diesen inneren Zirkel des Wissens nur durch Fleiß und Genie vorkämpfen können. Das ist heute anders. Es reicht Genie & ChatGPT.
Ein Schüler (sic) ruft Rühl epilogisch nach, er sei sein Professor gewesen, aber das mit der „Autopoesis“ habe er noch immer nicht verstanden. Schatz, Du hast gar nichts kapiert. Für normale Menschen: Der Soziologe hatte einen abseitigen Biologen benutzt, um eine Denkfigur dieses Typen so oft zu wiederholen, dass jedermann den Verstand verlor; da hat er dann noch einen abseitigen Kybernetiker draufgesetzt. Humberto Manturana und Heinz von Förster. Alta Schwede. Damit war die Allgemeinverständlichkeit echt im Arsch.
Wenn aber nun ein Schüler dessen in seinem Nachruf auf ihn sagt, dass er die zentrale Figur („Autopoesis“) noch immer nicht kapiert habe, so sagt er, dass er eben kein Schüler war. Man kann nicht Mathematik vertreten, aber Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben. Oder Goethe kennen, nur Faust nicht. Jetzt die Auflösung: Mit meiner KI habe ich den gesamten Komplex, obwohl Details vergessen, in vier Fragen wieder komplett geklärt. Ich verstehe jetzt wieder die Biologie der Soziologie. Luhmann entzaubert. Am Handy zum ersten Kaffee. Das Genie und die ChatGPT.
Logbuch
KLEIDERORDNUNG.
Man betritt ein feines Gebäude, den Sitz einer Manufaktur für Spezialuhren, ein Haus mit Tradition und Anspruch. Das Preisniveau ist knapp unter den Schweizer Häusern, aber immer noch stattlich. Mein Handgelenkwecker ist mir auf einen Steinboden gefallen, das hat die komplizierte Mechanik nicht so gern. Für die Revision nimmt der Laden 600€ und ein neues Metallband kostet das noch mal, so dass ich mit Polieren des Stahlgehäuses einen KVA von 1400 Ocken habe. Dauern wird es etwa ein Quartal; man hat gut zu tun. So sieht ein gutes Geschäft aus.
Ich erzähle das nur als soziale Kennung. Schon ein gehobenes Niveau. Jetzt die Geschichte. Ich entdecke im Show Room den Inhaber. In Shorts und barfuß in Sandalen. Ein buntes Sommerhemdchen mit kurzen Ärmeln spannt sich über den Bauch. Männerkleidung im Hochsommer, ein einziger Offenbarungseid üblen Geschmacks. Was treibt diese Idioten zu Hawaiihemden? Warum darf die Sandale innen eine Schweißgerbung aufweisen? Wenn schon T-Shirts, warum dann labberig am schlaffen Männerbusen, aber gespannt über der Plauze? Das schlimmste aber sind kurze Hosen, die erweisen, ob die Kronjuwelen links oder rechts getragen werden.
Keine Frau würde sich so unter Menschen wagen. Ferner entdecke ich zunehmend die Handgelenktasche, sie ist zurück, jenes Täschchen mit Gurt, in dem der Talahon seine Autoschlüssel, Brieftasche und die Zaretten mit Feuerzeuch sowie Präser und den Kamm versteckt. Unsagbar peinlich. Neuerdings auch als Cross Over mit langem Gurt geschultert vor der Brust zu tragen. Alta Schwede, wie diese Heinis zu Begattungshandlungen kommen, wird mir immer schleierhaft bleiben. Frauen müssen ein großes Herz und schlechte Augen haben; anders ist ein Bevölkerungswachstum nach dem Sommer nicht zu erklären.
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Davos: Da, wo’s wirklich kracht
So ist Kapitalismus heute: Philanthropisch gesinnte Menschen aus den Spitzen der Weltwirtschaft treffen sich in einem Bergdorf und tragen keine Krawatten. Die Welt ist zu retten, da will man sich moralisch nicht lumpen lassen und ist dabei. Das World Economic Forum (WEF) tagt, die Elite der Welt ist in dem Schweizer Örtchen Davos versammelt. Aus alter Gewohnheit lungere ich hier herum und starre auf die Klinik, in der Thomas Mann den „Zauberberg“ geschrieben hat und Susanne Klatten sich verführen ließ oder so ähnlich. Von zwei meiner Begegnungen in Davos ist dem Rest der Menschheit zu berichten, weil sie vom Zustand der Welt künden.
Bevor die Großkopfeten ins Bett gehen, nehmen sie als letzten Termin des Abends einen sogenannten „Nightcap“ wahr, also einen Umtrunk, bei dem ein Absacker angeboten wird. Und gepflegte Konversation mit Bill Gates und Joe Kaeser, jedenfalls mit Joe Kaeser, der noch immer nicht anständig rasiert ist. Ich verlaufe mich im Belvedere, dem Bums der Steigenbergers in Davos, und scheitere auf dem Weg von der Bar zu „Herren“ an einer jungen Dame, die mein rotes Bändchen sehen will. Ich habe kein rotes Bändchen, weil ich zu diesem Nightcap nicht geladen bin. Also muss ich woanders für kleine Jungs gehen.
Geladen sind aber Herr Doktor Philipp Rösler und Ehefrau Wiebke. Herr Rösler, vormals „Fipps“ und bundesdeutscher Wirtschaftsminister sowie FDP-Vorsitzender, gehört hier hin, denn Herr Rösler ist designierter Geschäftsführer des WEF. Er hat sein Leben als Politiker für beendet erklärt und wird nun die Beratungsfirma des calvinistischen Veranstalters weltweit vermarkten. „Fipps is the upcoming Host of Davos“, heißt es. Er dürfte für viele Asiaten so aussehen, wie einer, der es geschafft hat, selbst wenn er für deutsche Augen aussieht wie einer, der rein gar nichts geregelt gekriegt hat. Na ja, dann kann er den Freunden des Reises ja das mit dem Fröschekochen und seinem unglaublich schlauen Trick noch mal erzählen. Neben dem FDP-Granden im Bonsai-Format stehen der Multimillionär Carsten Maschmeyer, Ex-AWD-Chef, und seine Begleiterin Veronica Ferres. So geht heute Elite.
Die Motti der Veranstaltung beschwören in einem rührend schlechten Schwyzerdütsch-Englisch die globale Verantwortung der Eliten für die Zukunft der Welt. In diesem Jahr ist man ganz besonders für sauberes Wasser. Der Genfer Calvinismus, dort vor über 450 Jahren geboren,erlebt hier fröhliche Urstände. Rückenwind kommt aus der amerikanischen Weltmacht, die ja in diesem Geist groß geworden ist. Der Liberalismus dieser Prägung will nicht nur unser Geld, sondern auch noch den Eindruck erzeugen, dass er zu den Auserwählten gehört, denen das Himmelreich sicher ist. Sie nehmen uns die Knete und die Moral. Die Rutenläufer der Weltwirtschaft geben sich hier für eine Woche wie die Schulbuben im Kindergottesdienst. Es wabert ein Ausmaß an bigotter Doppelmoral durch das Örtchen, dass der Brechreiz zum ständigen Begleiter wird.
Zweite Begegnung. An der Bar, von der ich kurz zur Toilette strebte, sitzt neben mir, echt steil anzusehen, eine Italienerin namens Monica, die in Florenz einen Catering-Service betreibt und hier in Davos zum WEF als Escort tätig ist. Sie wissen schon… Ich hatte den Mut, sie gleich anzusprechen, da ich am Vortag im Schweizer BLICK, der örtlichen BILD, eine nette Story über sie gelesen hatte, einschließlich einschlägiger Nobelfotos. In der Preisklasse gibt es keine Pornobilder, die Damen wollen aussehen wie Damen. Nach einem eher steifen Martini beklagte sie, dass die Herren in Davos trotz des strammen Fallhonorars von 2500 Franken meist „nur reden“ wollten, über Kunst und so…, sprich „einen Freund suchen und keine Geliebte“. Und dass das Gelabere eben länger dauere als die ursprünglichen horizontalen Handlungen ihres Gewerbes. Das senke die Frequenz. Sie macht, zugegeben von mir nachdrücklich befragt, Bemerkungen über „die Männer“ in der Elite, die ich hier nicht wiederholen möchte.
Cara mia, sage ich, warum bist Du hier? Sie will nicht so richtig raus mit der Sprache. Als ich nachfasse, rhetorisch versteht sich, deutet sie auf einen Zeitungsartikel in „La Repubblica“, den sie umkringelt hat. Der 77-jährige Silvio Berlusconi hat das Abonnement gekündigt, das er bisher mit 14 jungen Damen hatte, die regelmäßig seine Parties bevölkerten oder sonst irgendwie bei ihm nach dem Rechten sahen. Die Damen hatten eine Bereitstellungspauschale von 2500 Euro pro Monat bezogen, alles andere gab es on top im sogenannten Arbeitspreis. Er sei großzügig gewesen, wird mir versichert. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau Veronica Lario könne er sich den Hofstaat nicht mehr leisten. Monica seufzt über die guten alten Zeiten. Das ist der Niedergang des mediterranen Katholizismus und der Einzug amerikanischer Verhältnisse, findet Monica. Man muss ihr Entsetzen über die Weltherrschaft des Calvinismus teilen. Selbst in Italien geht der rheinische Kapitalismus zu Ende und der brandenburgische zieht ein. Gruß in die Heimat!
Quelle: starke-meinungen.de