Logbuch
DAS ENDE EINES TABUS.
Ein Tabu versucht, etwas im Leben zum Unsagbaren zu erklären und damit verschwinden zu lassen. Früher galt dieses vorsätzliche Verschweigen für sexuelle Themen. Darüber sprach man nicht. Heute gilt es für rechte. Gemeint ist jene politische Realität, die es, ginge es nach den Gutmeinenden, gar nicht geben sollte. Etwa die Tatsache, dass ein Viertel der Wählerschaft der AfD ihre Stimme gibt. Das ist zur Zeit die stärkste Partei.
Eine solche Tabu-Zone gibt es auch in der Publizistik, neuerdings mit abgetakelten Springer-Leuten unter dem unverständlichen Kürzel NUIS. Hier landet wohl auch Geld rechter Kreise des Mittelrheins, die mir, weil Nachbarn zum Westerwald, schon länger in der Nase stechen. Die CDU in Rheinland-Pfalz ist hier offenbar verfilzt, einschließlich der fidelen Weinkönigin Klöckner, die es zur Bundestagspräsidentin geschafft hat. Da ich mal eine Kolumne in der örtlichen Rheinzeitung hatte, als diese noch unzweifelhaft liberal war, sind mir Anfeindungen aus genau diesem rechten Milieu vertraut. Mich beschimpfte etwa ein Herr Fuchs, CDU-MdB, inzwischen wohl verstorben.
Alle Hoffnungen, den rechtspopulistischen Kram der AfD loszuwerden, indem man eine Debatte um deren Propaganda-Themen tabuisiert, sind hinfällig. Man hat auch den Sexualtrieb nicht erledigt durch das Schweige-Zölibat. Zudem gibt es dazu keinen Grund. Man kann offen und klar sagen, warum man die Volksgemeinschaft von Weidels Gnaden nicht will. Das ist ja auch nicht schwer. Was die da wollen, ist nicht meine Welt. Können wir Punkt für Punkt durchgehen.
Das gilt zum Beispiel für meine Nachbarn, insbesondere die in Berlin. Den Sohn des italienischen Zuwanderers, der eine Pizzeria betreibt. Den armenischen Schuhmacher, den ich gestern um neue Sohlen bat. Die vietnamesische Blumenfrau, die mir von ihrem Besuch in der Heimat erzählt. Die türkischen Bäcker an der Ecke. Die kurdische Schneiderin. Der griechische Physiotherapeut, mein Freund Leo. Und meine Osteopathin aus Südafrika. Meine Nachbarn und zum Teil eben auch meine Freunde. Wir leben gut zusammen. Migration muss man gestalten wollen; wir wollen das.
Ich könnte aus den gleichen Milieus auch meine Gegner benennen, sogar die Feinde. Da ist vieles unverträglich und bedarf des Verbots wie der Verfolgung. Ich lasse das aber hier, da wir uns schon verstanden haben und ich nicht Lohnschreiber bei einem Hetzer aus Koblenz bin, der mit seinem kleinen Vermögen die CDU nach rechts zu drängen gedenkt, wozu sich Julia Klöckner im neuen Sommerkleid auftakelt. Die Aufgetakelte bei den Abgetakelten. Staccato von rechts.
Die Brandmauer war eine Metapher der Feigheit. Man wollte damit ein Tabu festigen, das nicht zu festigen ist. Das Böse ist in der Welt, bieten wir ihm die Stirn. Vielleicht könnte in diesem Sinne auch Jörg Pilawa auf seine neue Flamme einwirken.
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PROTZEREI.
Friede den Hütten! Krieg den Palästen! Diesen doppelten Wunsch äußert 1834 Georg Büchner in einer Kampfschrift, dem berühmten Hessischen Landboten. Die Nachrichten unserer Tage sind voll von Gipfeltreffen weltweit, die uns einen Blick in die Paläste werfen lassen. Man sieht Phänomene der OPULENZ in arabischen Staaten und Russland. Die amerikanische Welt des Weißen Hauses hat da eher eine bescheidenere Atmosphäre; das Oval Office ist halt nur ein Büro. Man weicht auf Golf Clubs aus. Und wird zubauen.
Der revolutionäre Wunsch des Georg Büchner will die feudale OPULENZ beenden. Einen guten Eindruck von der neuen Nüchternheit erhält, wer mal in den Sitz der britischen Regierung schauen durfte. Die sprichwörtliche Nummer 10 ist vor allem eines, zu klein. In Berlin korrigiert man die halbe Prahlsucht des bisherigen Kanzleramtes gerade durch einen massiven Zubau. Aus der Kohlschen Waschmaschine (lokaler Spott) wird etwas Monströses. So hatte der Führer die Stadt ja auch gedacht.
Gelegenheit, über Prahlsucht nachzudenken. Der Narzissmus ist eine furchtbare Krankheit; wen diese Manie zur Onanie in Besitz genommen hat, der leidet fürderhin unheilbar an sich selbst. Man ist ja geneigt, die großkotzige Inszenierung von Macht den Orientalen zuzuweisen. Oder als Relikt absolutistischer Hofkultur zu betrachten. Den eigentlichen Stimmungswandel im Sinne der schmucklosen Bescheidenheit hat aber die Reformation gebracht, das Wüten des calvinistischen Bildersturms. Danach gab es Gotteshäuser von der Anmut einer Lagerhalle. OPULENZ ade!
Trotzdem oder deswegen scheint mir das englische UNDERSTATEMENT lobenswert, die vorsätzliche Untertreibung, die eine feine Leichtigkeit ins Zusammenleben bringt. Die höchste Perfektion erreicht hier, wer die italienische SPREZZATURA zu leben weiß. Das ist die Kunst, auch schwierige Dinge, schwerste Aufgaben mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit zu versehen, die auch große Anstrengung als beinahe mühelos erscheinen lässt. Arbeit, auch schwere, wird zum leichten Spiel.
Bescheidenheit ist eine Zier; weiter kommt man ohne ihr.
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KISS.
Es gibt die große Weltgeschichte und die kleinen Histörchen; die eine handelt vom Friedensfürsten und dem pösen Putin, die andere spielten in den Niederungen der Parteipolitik. Mir geht es heute um eine Episode für kleinere Lichter. Um mich und dich.
Der amerikanische Präsident glaubt bei seinem ersten Versuch der Wiederwahl Opfer eines Wahlbetruges gewordenen zu sein, bei dem sich die gegnerischen Demokraten der Unterstützung russischer Geheimdienste bedient hätten. Insbesondere glaubt das der rechte Flügel seiner Partei, der Republikaner, der das Motto „Make America Great Again“ (MAGA) führt. Man sah sich angesichts des Betrugs sogar zu Hochverrat berechtigt.
Jetzt hat Trump bei seinem Treffen mit Putin in Alaska ebendiesen gefragt. Und eine klare Bestätigung erhalten. Es wurde sogar zugegeben, wie man das gemacht habe. Das Schlüsselwort lautet „mail“; der Wahlbetrug war möglich wegen der Möglichkeit zur Briefwahl. Kruzitürken, so haben die schlimmen Finger das also gemacht. Ich meine, jetzt kann sich der Friedensfürst seiner Sache sicher sein. Der Beelzebub hat es ja ihm gegenüber eingeräumt. Wer mail in der Wahl hat, der ist geliefert.
Der durchschnittliche Trumpwähler, er heißt Joe Six-Pack und ist vor allem betont männlich, aber nicht notwendig übermäßig gebildet, weiß damit auch, woran er ist. Die der Briefwahl zugewandten Eliten haben mit intellektueller Raffinesse hinter seinem breiten Rücken das Volk um seinen Willen gebracht. Der Helfershelfer aus dem Reich des Bösen räumt es ja ein, wenn zur Rede gestellt. Mail! Ein Mega-Moment für Maga.
Gerd Schröder hat mal über Russland gesagt, dass dies keine Westminster-Demokratie sei, eh klar, aber eben auch keine Diktatur. Steile These. Ob das britische Mutterland der Westminster-Philosophie mit seinem Mehrheitswahlrecht eine lupenreine Volksherrschaft hat, darf auch diskutiert werden. Eine klare Schieflage haben jene autoritären Staaten, in denen neuerdings Liberalität und Gewaltenteilung getilgt werden. Aber all das ist dem europäischen Joe Six-Pack, er heißt Karl Arsch oder Lieschen Müller, schlicht zu kompliziert. Das mit der mistigen mail, das kapiert er.
Man versteht, was Propaganda in moderner Macht macht: Keep it simple and stupid. Die gute alte KISS-Regel.
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Legale Kinderpornos? Ekelhaft
FKK-Fotos von Kindern, und zwar harmloser Natur, jedenfalls legaler, stehen im Hintergrund der jüngsten Staatskrise. Ein Bundestagsabgeordneter räumt ein, sich Aktbilder von Knaben im Internet besorgt zu haben, über einen Zeitraum von fünf Jahren in erheblichem Umfang. Mit dem Bekanntwerden dieser Tatsache war er politisch erledigt. Und er hat rechtzeitig (vielleicht zu rechtzeitig) die entsprechenden Konsequenzen gezogen. So weit, so gut; oder so schlecht.
Wer eine Vorliebe für Kinderpornos öffentlich einräumt, kann auf Nachsicht der Medien und des Mobs nicht hoffen. Kinderschänder, tatsächliche oder vermeintliche, sehen sich meist einer Lynchstimmung gegenüber, die ein Unrecht unter allen Umständen zu sühnen sucht und dabei zur Not ein weiteres begeht. Ich habe, bevor das alles bekannt wurde, Sebastian Edathy als anständigen Menschen kennengelernt und wusste nichts von den Schattenseiten seiner Seele, die nun unseren Zorn erwecken. Es geht mir aber auch nicht um den Täter, sondern um die Tat.
Vor bald zwanzig Jahre hatte ich die Ehre, einen sehr berühmten britischen Maler kennenzulernen, Lucian Freud, Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Er war einer der begehrtesten Porträtmaler und selbst die Queen hat ihm Modell gesessen. Freud pflegte einen gewaltigen, zum Teil gewalttätigen Realismus und hatte eine Obsession zu nackten Körpern. Ich traf ihn auf einem Empfang von Francis Bacon, seinem Malerkollegen, irgendwo in Chelsea, und die beiden zogen ein Besäufnis ab, das, wie ich von denen hörte, die es länger ausgehalten hatten als ich, gegen Morgen infernalische Züge annahm und nicht frei von derben homosexuellen Übergriffen war. So sind sie, die dionysischen Seelen, dachte ich. Von Stund an gehörte ich zu den Bewunderern des groben Realismus aus der ekstatischen Malerei Freuds.
Ich kann auch noch auf die Stunde genau sagen, wann das endete. In einem Katalog, den ich in einer Mailänder Ausstellung erwarb, sehe ich das wirklich obszöne Aktbild eines jungen Mädchens. Man war bei Lucian Freud an sehr voluminöse ältere Frauen und raue Gesellen gewöhnt, aber eben nicht an Mädchen. Ich erfahre, dass das Modell seine minderjährige Tochter war, die mit der Einlassung zitiert wird, dass sie so wenig von ihrem häufig abwesenden Vater gehabt habe, dass sie das Modellliegen als Zuwendung empfunden habe. Nun liegt sie dort vor den Augen der Welt, ihre Scham nicht verbergend. Rundheraus ekelhaft. Damit war der Fall Freud für mich erledigt. Ich schaue heute weg, wenn ich was von ihm sehe. So ein Arschloch.
Zweiter Fall. Das Museum Folkwang in Essen hat in diesen Tagen eine Ausstellung mit „Bildern des Begehrens“ abgesagt, die sich den Fotoarbeiten des Malers Balthasar Kossowski de Rola, genannt Balthus (1908 bis 2001) widmen sollte. Ein acht Jahre altes Mädchen war von ihm in 2400 Polaroids verewigt worden, teils in Posen, die gespreizte Beine einschlossen. Die Kunstkritik bemerkt in seinem Werk eine unmittelbare Lüsternheit, die auf pädophiler Gier beruhe. Nehmen wir mal an, dass die kunstgeschichtliche Relevanz des Werkes unzweifelhaft ist, rechtfertigt das eine Ausstellung? Oder handelt es sich bei der Absage um einen Akt der Zensur? Man kann nun die Weltliteratur nach den Lolitas durchstreifen oder die Wandervögelalben nach Schnappschüssen von unverdorbenen Pfadfindern beim Baden. Es geht nicht um die Abbildungen, sondern um die Augen des Betrachters.
Unausgesprochen wirkt bei den Betroffenen und ihrer Lobby das Argument, dass die Onaniervorlagen ja ein privates Vergnügen seien und das Privatleben auch von Abgeordneten niemand etwas angehe. Die Triebabfuhr bei legalen Pornos verhindere, so höre ich als weiteres Argument, tatsächlichen Missbrauch. Ich will mich auf diese Debatte nicht einlassen, weil sie am Kern vorbei geht. Wenn alle Tabus dieser Welt fallen mögen, eines stelle ich nicht zur Disposition: Kinder sind unsere Schutzbefohlenen. Sie haben jedes Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Balthus und Freud sind für mich verachtenswert. Ob das auch für Edathy gilt, dazu kann er sich nun äußern. Wir werden ihm zuhören. Geben wir ihm eine faire Chance. Wie gesagt, auf mich hat er immer einen guten Eindruck gemacht. Ich will wissen, ob und wo ich mich getäuscht habe.
Quelle: starke-meinungen.de