Logbuch

DOTTORE.

Man kann sich so weit dem Medienprozess unterwerfen, dass nichts mehr übrig ist von jener Substanz, die man früher CHARAKTER genannt hat. Der Verlust an WÜRDE und RESPEKT ist aber nicht umkehrbar.

In der Volkskunst der Commedia dell Arte gibt es eine populäre Figur, die durch kluges Schwätzen auffällt, die aber zugleich keine AUTORITÄT genießt. Lächerlich erscheint sie den Ernsthaften. Sie nennt sich DOTTORE, der Doktor. Daran muss ich denken, wenn mich der Kellner in meiner Trattoria mit einem lauten Ruf als „dottore“ begrüßt. Man kann sich nie sicher sein, wieviel IRONIE dabei mitschwingt. Der Hund!

So GEFÄHRLICH sind die Rollen im Kasperl-Theater. Auch die Sozialen Medien entwerfen für ihre Marionetten solche Possen, denen viele Zeitgenossen mit Manie folgen. Dieses leichte Spiel wird bitterer Ernst, wenn sich dahinter der sprichwörtliche Ernst des Lebens verliert. Eine Spur an SCHERZ, SATIRE und IRONIE, das macht die Haupt- und Staatsakte in den großen Dramen leichtgängiger. Niemand mag den Bierernst mittlerer Talente ertragen. Aber man kann des Guten zu viel tun.

Der sicherste Hinweis des Schargierens liegt darin, dass sich die Sprache zum JARGON verändert. Etwa, indem man in seiner Sprechweise ein anderes soziales Milieu imitiert oder eine andere Generation. Erste Vorboten liegen im völlig unnötigen Auftauchen fremdsprachlicher Begriffe. Gestern las ich von einer Aufsichtsrätin, die wörtlich angab, sich für „Leadership und Menschen zu interessieren“, beides. Leadership, also. Aha.

Die Gradwanderung in der Kommunikation der neuen Zeiten liegt darin, dass die komischen Züge, die die Komödie braucht, aber auch die Tragödie aushalten muss, von einer Philosophie künden und nicht nur Schall und Rauch sind.

Die Größe des Clowns liegt in der einzelnen Träne, die sein Lachen begleitet. Nicht im Übermaß der Schminke.

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UNERHÖRT.

In der Polo Bar im Westbury an der unteren New Bond Street schnappe ich eine unerhörte Geschichte auf. Es geht um das teuerste Gemälde. 450 Millionen Dollar. Aber das ist nicht der eigentliche Skandal. Es geht um das größte religiöse Tabu.

Beginnen wir mit dem Geld. Ein New Yorker Kunsthändler aus bescheidenen jüdischen Verhältnissen erwirbt von einem tumben Südstaatler für 120.000 Dollar ein Bild, das, restauriert und einige Stationen später, das englische Auktionshaus für 450.000.000 Dollar einem saudischen Prinzen andreht.

Dazwischen bescheisst ein schweizer Spediteur noch einen in Monaco lebenden russischen Oligarchen um 50.000.000 Dollar, der es für 130.000.000 Dollar erwirbt, aber sogleich, weil gekränkt, wieder abstößt. Die wirkliche kriminelle Energie liegt aber in Oxford und in London am Trafalgar Square.

Die National Galary hat das Bild ungewisser Herkunft in eine Ausstellung LEONARDO DA VINCIS geschmuggelt und durch den Publikumsgeschmack authentisch werden lassen. Ein Streich! Sie haben die Betrachter mit einer versteckten Kamera gefilmt. Andächtige Menschen vor VERA ICON, dem wahren Bild Jesu. Oder war das bei der Präsentation in New York? Egal. Die RÜHRUNG des Betrachters bewies die Echtheit. So das Kalkül.

Das Porträt Jesu sollte wirken wie das Lächeln der MONA LISA: eine unerhörte und ewige Faszination aus ein wenig Farbe und Holz. Ein Wunder. Zumal es den segnenden Jesus zeigt. Den HEILAND, RETTER DER WELT, zu Latein „salvator mundi.“ Aber ich ahne lauschend, was den alerten Managern des Auktionators in der Polo Bar nicht klar ist: hier geht es um viel mehr, um sehr viel mehr.

Wer das Bild anschaut, der sieht in das Gesicht Jesu; er schaut Gott. Und Gott erkennt ihn, den Sünder, und segnet ihn mit dem berühmten Handzeichen und einem milden Lächeln. Der so Geschaute weint vor Rührung; nicht nur er, die ganze Welt ist in diesem Moment gerettet. Die Aussage des RENAISSANCE-Malers ist eine Ungeheuerlichkeit. Das Stichwort lautet IKONOKLASMUS, ein riesiges Tabu bei Juden wie Christen wie Moslems: „Du sollst Dir kein Bildnis machen.“

Ein Verkauf des SALVATOR MUNDI an den Vatikan, wo Jesus ja hingehört, war schon gescheitert, als die amerikanischen Besitzer sich in der Vermarktung versuchten. Der Französische Staat hatte sich geweigert, es in Paris neben die Mona Lisa zu hängen. Jetzt aber ist der HEILAND, man denke in kulturpolitischen Bezügen, im Louvre Abu Dhabi und wird von seinen neuen saudischen Besitzern nicht mehr gezeigt.

Was das bedeutet, ist, wie Kipling sagt, nun wahrlich eine andere Geschichte.

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FREUNDLICH SEIN.

Als Lob höre ich über einen Dritten, er kümmere sich um die Seinen. Das gefällt mir irgendwie. Die Zuwendung zum Leben wird in Sorge um den Nächsten konkret; wenn in Maßen, versteht sich.

Dies ist keine Predigt, nur eine Randnotiz. Was die Leute so reden. Beim Bäcker sagt mein Vordermann zu meinem Hintermann ein anerkennendes Wort über einen davonschlurfenden Nachbarn, der seine Familie brav mit Brötchen versorgt. Er kümmere sich um die Seinen.

Das Wort ist beiläufig, aber von Gewicht. Sich wenigstens um seine Familie kümmern; Freunde, so man noch welche hat, bedenken. Eine lapidare ANNOTATION, aber aus einer anderen Welt. Es gibt so vieles, was dabei nicht erwähnt wird. Was jener besitzt, was er denkt, was er wählt, ob BitCoins zu empfehlen sind, wer gerade wo fremdgeht, was das Heizöl kostet …

Jener kümmert sich um die Seinen. Der Dichter Brecht nannte es FREUNDLICHKEIT; eine Tugend, zu der ihm sein Schicksal als politischer Emigrant wenig Gelegenheit bot. Das Pathos ohne jedes Pathos. Ein FAMILIENMANN, ein anständiger Kerl. Und in dem Werbespot, den ich gestern auf „Claasical FM“ hörte, nannte eine sonore Norwegerstimme das dazugehörige Dreigestirn: „Honesty, kindness and hard work.“

So denkt im Grunde seines Herzens das christliche Gesindel protestantischer Prägung.

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Krim-Krieg? Kann sein. Der Schlüssel liegt in Brüssel

Weltkriegsgefahr liegt in der Luft. Ich traue keiner der beiden Seiten, die gerade die nationale Integrität der Ukraine zerreißen, wenn es sie denn vorher gegeben hat. Ich weiß nicht, ob das Gebilde überhaupt noch ein Staat war, ökonomisch, rechtspolitisch, international. Mir gefallen diese beiden Preisboxer als Politiker nicht. Oder diese Trulla mit dem Zopf. Ich bin nicht überzeugt.

Ich bin nicht überzeugt, dass hier eine europäische Demokratiebewegung gegen einen russischen Imperialismus steht. In Kiew waren Bilder zu sehen, die bestenfalls eine Revolte kennzeichnen. Mordende Heckenschützen, Pogromstimmungen und Hitlergruß eingeschlossen. Darüber wird man mit Abstand urteilen müssen. Ob die orangene Revolution denn nun rot oder braun war oder was auch immer, ich habe Zweifel.

Ich verstehe nichts von den wirtschaftlichen Verflechtungen im Land und traue diesen Oligarchen nicht. Man erzählt  mir von gewaltigen Ausprägungen der Organisierten Kriminalität. Historische Exempel dafür gibt es zweifelsfrei. Volksaufstand oder zieht dort wer die Fäden? Ich weiß es nicht.

Ich bin von den amerikanischen Interpretationen notorisch nicht überzeugt. Die Propaganda aus den USA ist weniger plump als die aus Moskau, ja. Putin hat keine Reputation zu verlieren. Aber ich erinnere an den Einmarsch in den Irak, für den man einen Kriegsgrund erfunden hat. Und wenn die Amis militärisch reingehen, gehen wir dann mit? Uschi von der Leyen mit Stahlhelm voran?

Wer eine kriegerische Konfrontation der NATO mit Russland in der Ukraine verhindern will, wird die Interessen der Russen am Krimschen Stützpunkt ihrer Schwarzmeerflotte als legitim anerkennen müssen. Und noch andere Bedürfnisse territorialer Art. Wer in den Kategorien des Kalten Krieges denkt, wird ihn bekommen.

Wo liegt das Problem? In Europa. Europa endet am Ural, nicht in der Ukraine. Also hat Brüssel eine Aufgabe. Endlich mal eine, die das Geld rechtfertigen könnte, das wir für die Heerscharen von EU-Politkern verballern. Ich will Diplomatie sehen. Keine Kanonen. Davon bin ich überzeugt, zumindest davon.

Quelle: starke-meinungen.de