Logbuch
DAS GEHEIMNIS.
Eine KI, die unsere wichtigsten Fragen zu beantworten weiß, gibt es schon seit fast fünfzig Jahren. Sie heißt DEEP THOUGHT und hat im Hitchhiker durch die Galaxie, dem Roman, die Antwort auf alle finalen Fragen der Menschheit benannt: 42. Zweiundvierzig also. Die zeitgenössischen Rechner ergänzen das durch 67 (sprich: six seven). Man wird demnach den Brockhaus und die Encyclopedia Britannica ersetzen können durch „fortytwo six seven“.
In diesem Moment warnen die Besitzer der gigantischen Rechner davor, dass die Entwicklung der KI so rasant, dass man sie besser verlangsamen solle, da sie sonst schon bald in der Lage sei, die Menschheit als ganze Art auszulöschen. Die Büchse der Pandora ruht in ihren Händen. Anteile daran gibt es zu kaufen.
Auch andere Skurrilitäten sind zu berichten. Etwa von sich selbst erhaltenden Kolonien auf dem Mars. Ich habe dazu nur eine Anmerkung. Es handelt sich um Kurspflege. Immer und überall. Alles, was erzählt wird, dient der Manipulation der Finanzströme auf den Kapitalmärkten. Es gibt keine andere Entelechie, nur die.
Die Herrschaften sind keine genialen Erfinder oder fantastischen Ingenieure, sie wissen nichts wirklich Neues in der Sache oder etwas epochal Sensationelles der Wissenschaft; sie verdienen ordentlich Geld. Darum twittern sie. Kurspflege, mehr ist nicht.
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VERLUST DER MITTE.
Ein Freund, der Literatur liest, berichtet mir von einem Zitat, das ihn beeindruckt. Es lautet: „Standing in the middle of the road is very dangerous; you get knocked down by the traffic from both sides.” Zu gut Deutsch: Sich in der Mitte der Straße aufzuhalten, das ist sehr gefährlich; man wird vom Verkehr beider Seiten überfahren. Das ist als Bonmot hübsch, stammt aber von einer umstrittenen Politikerin, der englischen Rechten Margret Thatcher, dem Vorbild von Alice Weidel. Es gibt solche radikalen Revolutionärinnen der Rechten allerorten, in Italien und Frankreich, dorten an der Macht oder hier in Wartestellung (wie vielleicht auch bei uns). Aber es geht mir heute nicht um Parteipolitik.
Was mich beschäftigt, ist dieser Mythos der Mitte. Das ist ja eine Denkfigur, die uns ganz natürlich erscheint. Das Leben ist ein Kreis und der Mittelpunkt einfachste Geometrie. Ähnlich bauen wir Parlamente; links und rechts außen die Extreme, in der Mitte die Ausgewogenen mit Augenmaß. Der Mythos der Mitte belebt, was die antiken Philosophen das Maß genannt haben, das den Weisen gegeben, die frei von Todsünden. Die Mitte erscheint uns als Ort der Vernunft. Der Geschichtsphilosoph Hegel hat uns den Fortschritt als ein Aufsteigen von These und Antithese zur Synthese beschrieben. Danach wäre die immer wieder neue Mitte der Ort des Weltgeistes.
Wähler haben sich früher so leiten lassen. Die Institution der Volkspartei ist eine solche Illusion der Mitte; es gab sie als Mitte-Rechts und Mitte-Links. Aber immer als Mitte. Und es gab Revolutionen von Rechts wie von Links. Heute hat das zentripetale Denken seine Attraktivität verloren. Man faselt von Hufeisen, was aber auch nur ein Zirkelschluss ist. Die Mitte ist ein bloßer Mythos.
Ich misstraue dem Wolkigen dieser Metapher. Und ruiniere unsere klammheimliche Freude am harmonischen Weltbild mit dem Hinweis: Mitte, das war Mutti. Das will niemand mehr. Deshalb gilt: „In Gefahr und grosser Noth / Bringt der Mittel-Weg den Tod.“ Aber ist das so? Stehen wir schutzlos in der Straßenmitte und müssen bald dranglauben? Ich rate zum Trottoir, was ganz treffend Bürgersteig heißt. Da lässt sich sicher flanieren.
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FRAGE: WER TANZT DA DEN FREUDENTANZ.
Die Kandidatur einer jungen Frau mit türkischen Wurzeln und akademischer Qualifikation sowie sozialer Empathie hatte für das bunte Berlin eine gewisse politische Erotik, hinter der die weißen Männer der Mitte sprichwörtlich verblassten. Da sie explizit Brot und Spiele versprach, zu denen vor allem die Reichen mittels Enteignung beizutragen hätten, schienen einem Viertel der Bevölkerung paradiesische Zeiten möglich. Jedenfalls ein wenig. Von den Jungwählern ließ sich gar die Hälfte für die Links-Partei begeistern.
Der Traum ist schnell verflogen. Ich will nicht wieder damit anfangen, dass es sich bei der Linkspartei um die Nachfolgerin der SED-Diktatur der DDR handelt. Ich will nicht noch weiter in der Mottenkiste kramen und erläutern, was ich von Kommunisten halte. Man gilt dann gleich immer als sauertöpfisch und ewig-gestrig. Gut. Versuchen wir es mit Feuilleton. Wen also sehe ich auf der Party dieser Partei deren Sieg feiern? Und wie? Was tanzen sie dort? Schauen wir auf die Party der Party.
Ich sehe unter den Gästen Oberhäupter der Organisierten Kriminalität arabischer Herkunft, die sich jede Diskriminierung verbitten, da sie nur Teil der libanesischen Immobilienwirtschaft seien, was ich zu akzeptieren habe. Wir sehen die örtlichen Repräsentanten paramilitärischer Organisationen aus dem Nahen Osten, die die Meinungsfreiheit am Ort weidlich nutzen. Dabei immer wieder Grenzüberschreitung bis zur Volksverhetzung. Man sieht Aktivisten des Islamismus. Ich werde mit Elogen aus den Sozialen konfrontiert, in denen sich Bundestagsabgeordnete der Linken bei diesem Milieu liebkind machen.
Und dann sehe ich, was sie tanzen. Darf ich sagen, dass der Zauber, den ich eingangs eine erotische Politik genannt habe, verflogen ist? Ein seltsames Gemisch, das sich hier zusammenbraut. Strange brew. Ich bin froh, dass ich den Lippenbekenntnissen der jungen Frau keinen Glauben schenken muss. Es fiele mir schwer. Nein, ich traue denen nicht. Nicht meine Party.
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Schrift ist Gift
Mein Berufskollege Max Clifford muss möglicherweise wegen sexuellen Missbrauchs in den Knast. Die Delikte sollen in den siebziger Jahren stattgefunden haben und minderjährige Frauen betreffen. Die Ermittlungen wurden erst vor zwei Jahren aufgenommen und die Klagezulassung ist zwei Tage alt. Ich halte das für eine fabrizierte Anklage, aber vor einem englischen Gericht ist man bei Fragen des Sexuallebens nun wirklich in Gottes Hand. Oder der des Teufels. So geht es denen, die immer mit dem Fegefeuer spielen.
Und Max Clifford ist unter den Spin Doktoren eine ganz große Nummer. Ich kenne Max gar nicht aus dem Job, sondern aus dem Polo. Das ist diese grellgrüne Bar im Westbury, gleich bei seinem Büro um die Ecke. Das heißt, sie war grellgrün; inzwischen hat irgendein australischer Hotelmanager die Sitzmöbel blau beziehen lassen. Man kann sich fragen, ob man grellgrün in einem solchen fünfziger Jahre Bau erträgt, aber blau, das geht gar nicht, schon gar nicht, wenn das Ding Polo heißt. Wie man sich bei Vorwürfen dieser Schwere über Polsterfarben unterhalten kann? Im Polo kann man.
Mein Kumpel arbeitet bei einem Versteigerungsladen nebenan und wir trafen uns, wenn ich in der City zu tun hatte, hier zum Lunch. Die Küche ist ganz passabel und die Cocktails großartig. Zwei Tische weiter residierte der legendäre Max Clifford. An seinem Tisch saßen nur Gesichter. Damit meint der Engländer, dass man diese Leute nun wirklich kennen müsste. Ich erinnere mich an David Mellor, den schlecht bezahnten Kulturminister und Chelsea-Fan, und an Joe Cocker, diesen Sänger, der die Motorik von Herbert Grönemeyer erfunden hat.
Clifford gilt als PR-Guru; er habe mehr Stories aus den Medien rausgehalten als reingebracht, sagt man. Er war sicher für dreißig Jahre der mächtigste Strippenzieher im Vereinigten Königreich. Eine seiner Erfindungen ist die „Kiss-and-Tell-Story“, also sexuell animierte Indiskretionen. Er hat Popstars versenkt und ganze Regierungen wanken lassen. Dabei war die Quellenlage, wenn man den Gazetten glauben darf, so diffizil nicht: Vieles soll aus den Kundenkarteien von Londons Edelbordellen stammen. Man erinnert sich noch an die Serie um das Callgirl, das in den Commons, dem örtlichen Bundestag, arbeitete.
Max sagt, das seien alles nur frei erfundene Rachegeschichten von miesen Tabloidreportern, denen er zuvor eine andere Geschichte kaputt geschossen habe. Max hatte zum Beispiel die Geschäftsidee mit den Schwulen in der Politik und im Sport. Da sie, jedenfalls früher, am Ende der Karriere waren, wenn das bekannt wurde, hat Max ihnen gesagt, kommt zu mir und es gibt niemals ein „coming out“. Er behauptet, bis heute habe keiner seiner schwulen Klienten eine Enthüllung in der Presse erfahren, obwohl schon manche Story im Rohr gewesen sei.
Wie aber macht er das? Er weist auf seinen Schlüsselbund auf dem Glastischchen und sagt: „Das sind die Schlüssel, die die Türen zu vielen Geheimnissen aufsperren können. Aber zu noch viel, viel mehr Geschichten für immer schließen.“ Ich bin echt beeindruckt. Und verstört. Der Mann lügt doch. Ein Angeber. Wie soll das gehen, eine Geschichte aus der Presse wieder rauszuholen, also zu verhindern, dass sie erscheint? Dazu müsste er ja Dinge über die Entscheidungsebene in den Verlagen und Redaktionen wissen, die man gar nicht wissen kann.
Aber ich habe ihn eben auch erlebt, wenn das Lunch so langsam über den Nachmittag in den Abend wuchs und draußen die Laternen angingen. Da waren wir alle acht oder zehn Martinis weiter. Und niemand, der diese Menge Gin im Bauch hat, kann sich noch verstellen. Ein netter Kerl, etwas einfach gestrickt vielleicht und in der Eitelkeit der Grauhaarigen, klar, mit allen Wassern gewaschen, aber bodenständig. Ein Angeber, kein Verbrecher, schien mir.
Eskapaden gab es durchaus in seinem Leben. Aber eben nicht solche. Sagt er. Und in der alten Tante FAZ zitiert die London-Korrespondentin Gina Thomas ihn mit dem Bekenntnis, das seien nur „grundsolide Sauereien für Erwachsene, die alt genug waren, um zu wissen, was sie taten.“ Auch das halte ich für Angeberei. Was mich skeptisch macht: Das Belastungsmaterial will die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung gefunden haben. Bezichtigungsbriefe aus 2011. Niemand von der Profession eines Max Cliffort hat so etwas rumliegen, niemand. Das erste, was man in diesem Job lernt, ist: Schrift ist Gift.
Quelle: starke-meinungen.de