Logbuch

DAS TINTENKLECKSENDE SÄKULUM.

Wenn der Schweizer Martin Suter, ein lesenswerter Gegenwartsdichter, seine Hauptfigur „Allmen“ nennt, Johann Friedrich von Allmen, um genau zu sein, so klingt in der Anspielung auf „all men“ ein JEDERMANN. Das ist der Literatur nicht fremd.

Bert Brecht kürzt in seinem Protagonisten „Herr K.“ den Nachnamen „Keuner“ ab. Er erzählt Geschichten von Herrn Keuner. Wenn man nun weiß, dass der Wahlberliner Brecht den Augsburger Ton seiner Jugend nie ganz verloren hat, so hört man „keiner“ in dem Eigennamen; auch ein JEDERMANN.

So geht’s Kennern mit dem „Josef K.“ des Franz Kafka, dessen Verständnis dem Fernsehpublikum gerade durch eine ambitionierte Verfilmung einer elenden Biografie schwer gemacht wird. Auch Kafkas Josef K., der vor dem Gesetz verharrt, ist JEDERMANN.

Die Gutbetuchten unter uns erinnern von den Salzburger Festspielen das so benannte Drama des Hugo von Hofmannsthal, auch das nur eine neue Version des mittelalterlichen Mysterienspiels. Auch den Reichen droht der Tod. Was will ich sagen? Jeder Dichter ist anmaßend; er erzählt von sich und meint doch die ganze Menschheit.

Eigentlich also eine Unverschämtheit, die Nabelschau zur Weltsicht zu machen, aber so sind sie, die Tintenkleckser. „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen!" (Karl Moor in Schillers Räubern).

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HASENTAG.

Car-Friday, also. Omma und Oppa einsam auf dem Ostermarsch. Warum ausgerechnet Hasen? Weil sie soviel rammeln. Und bunte Eier. Osterglocken wecken mich. Wie passend. Es streitet sich ja die Christenheit, ob der Karfreitag der höchste Feiertag sei oder Ostern. Tatsächlich ist es Pfingsten, aber das versteht niemand mehr.

Gestern Abend eine Oper des barocken Händel im Fernsehen, ein Spätwerk, das er nicht zum Erfolg hat führen können. Eine Christin adliger Abstammung zu Zeiten der römischen Christenverfolgung namens Theodora, die, weil sie nicht dem Jupiter opfern will, ins Bordell soll, dem sie durch Kleidertausch entflieht, um im Finale den Märtyrertod zu wählen. Das also war dem 17. Jahrhundert ein Freudentempel. Tugend opfert sich. Versteht niemand mehr.

Im Netz hält der Bundeswirtschaftsminister eine längliche Osteransprache mit bellizistischen Durchhalteparolen, vermutlich weil er Vizekanzler ist und der Chef der Bundesregierung sich im Lakonischen übt, was überdecken soll, dass er einst als Sprechautomat galt. Mit der Freigabe von Haschisch als Alltagsdroge fällt Herrn Habeck das Extemporieren zum Kriegswillen offenbar leichter als Herrn Scholz, der gesteht, dass er und seine frugale Gattin sich in der Potsdamer Mietwohnung gegen- und wechselseitig bekochen; sein Favorit sei der Königsberger Klops. Dabei wird im Ostpreußischen einem mit Salzhering gewürzten Kalbshack Sahne und Kapern beigeben. Keine Kochkunst. Eher ein Ritual in der Häschen-Schule.

Osteröde. Wie gesagt, warten wir auf Pfingsten.

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OBDACHLOS.  

Wenn eine Sache beschönigt wird, sprechen wir von einem EUPHEMISMUS; eine „frohe Vorbedeutung“ soll entstehen. Sanfte Lügen. Die Engländer sind darin besonders gut. Wenn jemand auf der Straße leben muss, weil ihm kein Dach mehr über dem Kopf gewährt wird, sprechen sie davon, dass er „rau schlafe“: SLEEPING ROUGH. Obdachlose gehören zum Alltagsbild großer Städte, in denen sie Nischen bevölkern, die ihnen ein Überleben ermöglichen.

Ja, vieles ist eine Plage. Ob der Drogenkonsum die Ursache des Elends ist oder ein Versuch dieses Schicksal erträglich zu machen, darüber will ich nicht richten. Viele dieser Menschen, so lese ich in einer amerikanischen Studie, haben eine von Missbrauch gekennzeichnete Kindheit hinter sich; auch darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Wenn das nur Junkie-Prosa ist, nehme ich es halt als Metapher an. Es kann nicht leicht sein, ohne Heimat oder „Überdach“ (althochdeutsch obadach), also schutzlos, zu überleben.

Ich habe eine österliche Anregung. Nicht nur, dass man sein Wechselgeld spendiert. Das ist ja eh klar. Oder zumindest als Geste die karitativen Einrichtungen stützt (ich fördere in Berlin eine medizinische Ambulanz für Nichtsesshafte). Mein Vorschlag ist: Schauen Sie dem Bettler ins Gesicht. Ja, wir sehen nämlich alle weg. Weil es uns selbst peinlich ist, nicht um den Obdachlosen zu schützen. Wir wollen unsere englischen Teenerven schonen, nicht den abgerissenen Hobo. Schauen Sie der zerlumpten Frau ins Gesicht, wenn Sie ihr den Euro geben oder eben verweigern.

Sagt man im Angesicht des Elends auch NEIN? Na klar. Ich habe es nicht gern, wenn die Bittenden dazu Kinder einsetzen oder ich das Gefühl habe, dass das Geld an der nächsten Ecke in einem rumänischen Mercedes abgeliefert wird. Aber das sind Ausnahmen und schlechte Ausreden dafür, dass man dem Elend nicht ins Gesicht schauen will.

„Denn die einen sind im Dunkeln /
Und die andern sind im Licht./
Und man siehet die im Licht /
Die im Dunkeln sieht man nicht.“ /
So das Finale zum Dreigroschenfilm des großen Bert Brecht, der ein sehr nüchternes Bild vom Handwerk des Bettelns hatte. Egal, schauen wir hin.

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Schrift ist Gift

Mein Berufskollege Max Clifford muss möglicherweise wegen sexuellen Missbrauchs in den Knast. Die Delikte sollen in den siebziger Jahren stattgefunden haben und minderjährige Frauen betreffen. Die Ermittlungen wurden erst vor zwei Jahren aufgenommen und die Klagezulassung ist zwei Tage alt. Ich halte das für eine fabrizierte Anklage, aber vor einem englischen Gericht ist man bei Fragen des Sexuallebens nun wirklich in Gottes Hand. Oder der des Teufels. So geht es denen, die immer mit dem Fegefeuer spielen.

Und Max Clifford ist unter den Spin Doktoren eine ganz große Nummer. Ich kenne Max gar nicht aus dem Job, sondern aus dem Polo. Das ist diese grellgrüne Bar im Westbury, gleich bei seinem Büro um die Ecke. Das heißt, sie war grellgrün; inzwischen hat irgendein australischer Hotelmanager die Sitzmöbel blau beziehen lassen. Man kann sich fragen, ob man grellgrün in einem solchen fünfziger Jahre Bau erträgt, aber blau, das geht gar nicht, schon gar nicht, wenn das Ding Polo heißt. Wie man sich bei Vorwürfen dieser Schwere über Polsterfarben unterhalten kann? Im Polo kann man.

Mein Kumpel arbeitet bei einem Versteigerungsladen nebenan und wir trafen uns, wenn ich in der City zu tun hatte, hier zum Lunch. Die Küche ist ganz passabel und die Cocktails großartig. Zwei Tische weiter residierte der legendäre Max Clifford. An seinem Tisch saßen nur Gesichter. Damit meint der Engländer, dass man diese Leute nun wirklich kennen müsste. Ich erinnere mich an David Mellor, den schlecht bezahnten Kulturminister und Chelsea-Fan, und an Joe Cocker, diesen Sänger, der die Motorik von Herbert Grönemeyer erfunden hat.

Clifford gilt als PR-Guru; er habe mehr Stories aus den Medien rausgehalten als reingebracht, sagt man. Er war sicher für dreißig Jahre der mächtigste Strippenzieher im Vereinigten Königreich. Eine seiner Erfindungen ist die „Kiss-and-Tell-Story“, also sexuell animierte Indiskretionen. Er hat Popstars versenkt und ganze Regierungen wanken lassen. Dabei war die Quellenlage, wenn man den Gazetten glauben darf, so diffizil nicht: Vieles soll aus den Kundenkarteien von Londons Edelbordellen stammen. Man erinnert sich noch an die Serie um das Callgirl, das in den Commons, dem örtlichen Bundestag, arbeitete.

Max sagt, das seien alles nur frei erfundene Rachegeschichten von miesen Tabloidreportern, denen er zuvor eine andere Geschichte kaputt geschossen habe. Max hatte zum Beispiel die Geschäftsidee mit den Schwulen in der Politik und im Sport. Da sie, jedenfalls früher, am Ende der Karriere waren, wenn das bekannt wurde, hat Max ihnen gesagt, kommt zu mir und es gibt niemals ein „coming out“. Er behauptet, bis heute habe keiner seiner schwulen Klienten eine Enthüllung in der Presse erfahren, obwohl schon manche Story im Rohr gewesen sei.

Wie aber macht er das? Er weist auf seinen Schlüsselbund auf dem Glastischchen und sagt: „Das sind die Schlüssel, die die Türen zu vielen Geheimnissen aufsperren können. Aber zu noch viel, viel mehr Geschichten für immer schließen.“ Ich bin echt beeindruckt. Und verstört. Der Mann lügt doch. Ein Angeber. Wie soll das gehen, eine Geschichte aus der  Presse wieder rauszuholen, also zu verhindern, dass sie erscheint? Dazu müsste er ja Dinge über die Entscheidungsebene in den Verlagen und Redaktionen wissen, die man gar nicht wissen kann.

Aber ich habe ihn eben auch erlebt, wenn das Lunch so langsam über den Nachmittag in den Abend wuchs und draußen die Laternen angingen. Da waren wir alle acht oder zehn Martinis weiter. Und niemand, der diese Menge Gin im Bauch hat, kann sich noch verstellen. Ein netter Kerl, etwas einfach gestrickt vielleicht und in der Eitelkeit der Grauhaarigen, klar, mit allen Wassern gewaschen, aber bodenständig. Ein Angeber, kein Verbrecher, schien mir.

Eskapaden gab es durchaus  in seinem Leben. Aber eben nicht solche. Sagt er. Und in der alten Tante FAZ zitiert die London-Korrespondentin Gina Thomas ihn mit dem Bekenntnis, das seien nur „grundsolide Sauereien für Erwachsene, die alt genug waren, um zu wissen, was sie taten.“ Auch das halte ich für Angeberei. Was mich skeptisch macht: Das Belastungsmaterial will die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung gefunden haben. Bezichtigungsbriefe aus 2011. Niemand von der Profession eines Max Cliffort hat so etwas rumliegen, niemand. Das erste, was man in diesem Job lernt, ist: Schrift ist Gift.

Quelle: starke-meinungen.de