Logbuch

WAHRE PREISE.

Tofu-Terror: Die grüne Verbotspolitik greift nach den Lebensmitteln. „Preise müssen die Wahrheit sagen“, so Frau Künast. Ihre Wahrheit. Eine Gesundheitsdiktatur formt sich, gegen normale Bürger.

Was die einfachen Menschen essen, das soll gesund sein für sie selbst und die Natur. So die neue Staatsräson. Die Grünen wollen über eine vorsätzliche Verteuerung entscheiden, was die Menschen essen. Wurst teuer, Möhre billig. Man will staatlich die Fehlernährung korrigieren, insbesondere der Bürger mit niedrigem Einkommen. Wir werden entmündigt. Jedenfalls die Normalverdiener, die es sich nicht mehr leisten können. Kaviar und Austern außen vor; da sind die Preise schon wahr.

Preise rauf! Aber zu unserem Guten und dem der Natur. Das ist TOTALITÄR im Wortsinn. Nicht nur mein Abendbrot unterliegt dem Urteil der Grünen, auch „die Natur“, der ganze Planet. Dazwischen wird eine ohnehin hoch subventionierte Landwirtschaft mit weiteren Profiten belohnt, soweit sie deutsch ist und kleinteilig und zur politischen Klientel der Grünen gehört. Das TOTALITÄRE des schwäbischen Protestantismus.

Künast ist eine Idiotin der Ökonomie; sie kennt den Unterschied von KOSTEN und PREISEN nicht. Preise spiegeln Wettbewerbsverhältnisse am Markt, aber doch nicht, Herr hilf, die WAHRHEIT. Das Leben wird nicht wahrhaftiger, wenn bei Lidl die Kasse noch mehr klingelt. Welch eine Naivität. Vor allem, wenn die WAHRHEIT eine IDEOLOGIE ist. Eine Ideologie, die Eiweiß von Tieren verdammt, aber aus Erbsen seligspricht. TOFU-TERROR: VEGETARISCH oder besser VEGAN als Staatsräson.

Dass Hitler Vegetarier gewesen sein soll, das erwähne ich hier nicht. Aber dass eine GELENKTE WAHRHEITS-DIKTATUR nicht meinem Verständnis von FREIHEIT &GLEICHHEIT&BRÜDERLICHKEIT entspricht, das schon. Ich gebe meine Rechte als CITOYEN nicht bei Aldi oder Tönnies ab, eh klar, aber auch nicht bei Demeter oder auf dem symbolträchtigen Bauernmarkt; auf dem ich mit einem Bastkörbchen Erdäpfel und solche von der Fallobstwiese zusammenklaube, weil es bei uns „Himmel & Erde“ geben soll. Mutti am Herd wartet schon. Gottesfürchtig & erdverbunden. Die braune Tradition der Grünen.

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HAUSSTAND.

Idylle des Landlebens. Die Architektur eines Bauernhauses von 1759 betrachtend sehe ich damals 29 Lebewesen unter einem Dach. Heile Welt. Landliebe.

Eigentlich sind es zwei Dächer, das des kleinen beheizten Wohnhauses und das der großen Scheune mit Stall. Deren riesiges Tor musste dem Heuwagen Platz geben, der die Nahrung für den ganzen Winter heranschaffte. Im Wohnhaus drei Generationen, man war mit sechzig schon alt. Sieben Personen. Kein Knecht, keine Magd, eher arm. Der Familienvater zog mit dem ersten Tageslicht im Nebenerwerb in die nahe Erzgrube, Frühschicht. Spätschicht auf dem Acker.

Im Stall drei Rinder, zwei Säue, vierzehn Hühner. Und der ganze Stolz: ein Pferd, das den Karren zog. Ohne die Mäuse zu zählen also 27 Lebewesen. Die Kinder arbeiteten mit, die glücklichen auf dem Feld, die unglücklicheren unter Tage. Das ist jetzt gerade mal ein Vierteljahrtausend her. Kurze Zeit? Lange Zeit? Das Haus wurde immerhin vor der Französischen Revolution gebaut. Auf dem Speicher eine gemauerte Kammer am Kamin, durch die das Rauchgas zog und so Wurst wie Schinken konservierte, die hier geräuchert wurden. Altes Fett auf den Steinen. Im Keller Einmachgläser. Kaltliegender Wein von der Mosel.

Vergangene Zeiten. Alle sind sie mittlerweile verschwunden, jedenfalls die Haustiere. Versteht man gut. Nur einer nicht, der verdammte Steinmarder, ein Pärchen, das gerade wieder unters Dach eingezogen ist und vom Nachbarn zwei tote Hühner mitgebracht hat, die es, da es Aas liebt, nun noch etwas gammeln lässt. Verdammte Viecher. Von wegen Landliebe.

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FRÜHER WAR MEHR LAMETTA.

Streit mit einem Urgestein. Ein verdienter PR-Manager der SPD, der dieser 45% gebracht habe, hadert mit mir wegen meines Vorwortes zu Bernays „Propaganda“ von 1928. Altersstarrsinn.

Das Urgestein findet es läppisch, dass man heute mit 15% Kanzler werde. Und er preist einen gewissen HARRY WALTER. Den mag ich nicht. Dieser galt als der Spin Doctor hinter Willy Brandt und Helmut Schmidt. Das Genie dieses ungepflegten Zottels bestand darin, dass er ein schlichtes Gemüt war. Er beherrschte die REDUKTION von KOMPLEXITÄT, weil sie ihn beherrschte. Er war ein Werbe-Fuzzi (und eben kein PR-Mann).

Die Zeiten waren so. Es funktionierte noch POLITISCHE WERBUNG. Da konnte ein gelernter Pressefotograf mit Zopf die Boulevardzeitung-Maxime HPS durchsetzen (Headline-Picture-Story). Und Millionen verschalten. Sigmar Gabriel hat mir erzählt, wie Harry Walter ihm ein berühmtes Foto von Brandt („Willy wählen!“) ins Büro stellte und sich rühmte, dass seinerzeit nur noch dieses eine Bild gedruckt wurde. So ginge das. Vorherrschaft. Wie erreicht man das unter den Bedingungen des Internets?

WERBUNG setzt keine Trends mehr. Sie folgt Trends der Sozialen Medien und verstärkt sie, bestenfalls. Wir haben eine Partikularisierung von Meinungsbildung im Internet und das in den Händen weniger Privatpersonen und deren Imperien. Das ist nach außen ein verstreutes WELTPUBLIKUM und nach innen ein strikter MONOPOLKAPITALISMUS. Hier kann man Kampagnen anzetteln oder sie bestellen oder beides. Es braucht IT-kundige Experten in den Händen sehr großer Budgets. Der BOULEVARD kann das nicht, trotz aller Bereitschaft zur Niedertracht. Propaganda geht nur noch smart.

Davon hat man 1969 nichts gewusst. Auch 1972 nicht. Die Urgesteine dieser Zeiten sind längst Fossile. Man misstraue Opa, wenn er vom Krieg erzählt.

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Alle Bosse fliegen übers Kuckucksnest

Die FAZ schickt mit der Erfindung eines „Middelhoff-Syndroms“ die politische wie wirtschaftliche Elite ins Irrenhaus. Es werden Namen genannt: Thomas Middelhoff, Jürgen Schrempp, Christian Wulff, Gerhard Cromme, Heinrich von Pierer, Wendelin Wiedeking, Klaus Zumwinkel, Josef Ackermann, Gerhard Schröder: alles Menschen mit pathologischen Zügen, die an der Grenze zum Irrsinn wandern.

Warum? Sie werden ständig gelobt, sind umgeben von Speichelleckern und identifizieren irgendwann ihre Rolle mit der Person. Das wissen im Wirtschaftsteil der FAZ Georg Meck und Bettina Weiguny, die ein partnerschaftliches Essay zum Größenwahn vorlegen. Was mich von der Groschenheft-Psychologie des dichtenden Ehepaares Meck-Weiguny unterscheidet? Ich kenne die so abgehandelten Personen recht lange, zum größten Teil persönlich. Die Persönlichkeiten werden banal verkannt.

Die Deutungsversuche des Größenwahns gehen mir aber auch fachlich, als Ökonom und Soziologe, schwer durch den Hals. Psychologen als Weltendeuter sind  schwer zu ertragen. Menschelndes Klugscheißen nicht  nur als  konversationsfüllendes Hobby, sondern als Ausweis der Weltweisen. Hitler war Vegetarier und Stalin ließ sich nur von Veterinären behandeln: Was sagt uns das über den Zweiten Weltkrieg? Solche Vulgärpsychologien werden zu Recht als gänzlich unerträglich empfunden, wenn sie in andere Gebiete oder gar alle Gebiete der Menschheit vordringen und dort Sinn stiften wollen. Nun halten diese Menschendeuter also auch Einzug in die Wirtschaftspublizistik, um die Größenwahnsinnigen unter den CEOs der deutschen AGs von den postheroischen Helden zu unterscheiden. Hier steht der Henkel-Chef Kasper Rorsted als Prototyp zur Argumentation. An ihm rühmt man, dass er in der Firma Freundschaften vermeide und nicht werksnah in Hösel, sondern am Starnberger See wohne. Aha.

Man unterstellt den charismatischen Führern, die nicht mehr zuhören können und so zu unwiderstehlichen Verführern werden, dass sie sich zwanghaft ihre eigene Welt simulieren und dieses Wahnreich dann nicht mehr verlassen können. Mit dieser Psychiatrierung der Elite als Cluster entrückter Irrer erklären sich dann für den geneigten FAZ-Leser wirtschaftliche Vorgänge wie das Scheitern der Fusion von Daimler und Chrysler oder der Niedergang der Kaufhäuser im Internet-Zeitalter.  Die Sozialpsychologie vom Küchentisch ersetzt hier die Geschichtswissenschaft und die Volkswirtschaftslehre. Das ist ein Gewinn an Unterhaltung. Wenn man liest, was Herr Middelhoff in einem Gefälligkeitsinterview der BILD am SONNTAG über seine Rolle als taschengepfändeter Sündenbock zu erzählen weiß, fühlt man sich eh im Reich der Seifenopern. Da kann ein wenig Hedwig-Courths-Mahler nicht schaden.

Meck-Weiguny als Courths-Malheur, das ist einfach nicht gut genug. Die Psycho-Nummer verpasst die wirklichen Geschichten. Ich will das an der Person des Thomas Middelhoff, genannt Big T, erläutern. Ich habe ihn beraten und werde keine Indiskretionen begehen, aber doch ist aus seinem Leben etwas zu erzählen. Der Mann hatte sich mit seiner Familie auf einem alten Fabrikgelände in Bielefeld, einer C-Lage in einer D-Gegend, in einem ganzen Areal ein eigenes Dorf gebaut. Es gab neben seinem Herrensitz in bescheidener Vorstadtvillenqualität das Häuschen seines pensionierten Vaters, das Gebäude der Domestiken, den mit Enten besetzten Teich und den englischen Garten mit geometrischen Buchshecken, alles in allem eine Idylle. Von hier jettete er nach New York, wo er durch geschickte Deals mit Herren, die er beim Vornamen nannte, die Bertelsmann-Gründerfamilie zu Milliardären machte. Zur Kommunion seiner Tochter soll er dreißig Minuten vorher aus NY einfliegend gelandet sein, gerade noch rechtzeitig. Der Bürger als Edelmann, würde der Franzose sagen.

Thomas Middelhoff ist ein katholischer Junge aus dem Düsseldorfer Kleinbürgertum, der in der Dot-Com-Blase eine besonders große Blase blasen wollte und das in einem Haus, das aus Buchclubs erwachsen war, auch konnte. Und er traf auf Eigner, die nicht von den Kapitalmärkten träumten, sondern davon die Firma den Kindern lassen zu können. In diesem Kontext fiel Big T aus der Zeit. Ein Held auf der Waldbühne in Ostwestfalen (einschließlich Gastspiel am Broadway) ist nicht notwendig der Staats- und Hauptakt in einem Shakespearedrama.  Uns sollten also die alten und die neuen Zeiten interessieren, nicht, was irgendwelche Headhunter oder sogenannte Coaches in die Seelen jener lesen, die sie nur aus zweiter Hand, bestenfalls dem Manager Magazin kennen. Diese journalistische Psychiatrierung erklärt nichts, selbst wenn die Gemeinten wirklich eine Klatsche haben. It’s the economy, stupid!

Wir reden von ursprünglich inhabergeführten Verlagshäusern zwischen Hamburg und Gütersloh, die ihre Führungskräfte bezahlten wie Vorstände von Investmentbanken. Wir reden von der Internetblase vor dem großen Zusammenbruch der Kapitalmärkte. Wir reden von etwas, das „deal making“ heißt und Millionen bringt. Wir reden von Jetset. Ich habe mal in Davos mitbekommen, wie eine Figur aus diesem Geschäft, die auch nur einen Vornamen hatte, meine Mitarbeiterin anmachte, um dann mit ihr nach London zum Frühstück zu fliegen, und nachmittags wieder in Davos war, weil Jürgen G. da zu einem Skilauf geladen hatte. Geld spielt keine Rolex. Das ist eine andere Welt als die des Einzelhandels in bigotten Großstadtkaufhäusern, in denen schlecht gelaunte Verkäuferinnen miteinander über die Belastungen des Klimakteriums plauschen, statt Kunden zu bedienen. Und nicht alle Irren sind gleich.

Der Sturz von der Spanischen Treppe beispielsweise hat eine andere Logik, die Dietmar Hawranek gerade im SPIEGEL am Beispiel GM/Opel aufschließt:  in der Autoindustrie geht es um Autos, also um Technik, zu denen Finanzer, die sich um Controlling, ihre Trinkgewohnheiten und Assistentinnen kümmern, einen anderen Zugang haben als begabte Ingenieure. Alles Krimis der Wirtschaft, Romane der Technik, Dramen des historischen Wandels, aber doch nicht der Courths-Mahler-Motive, die die Heftchenromane füllen.

Auf JFK treffe ich Edward N. Luttwak, der neben seinen Bemühungen als Historiker eben auch im Aufsichtsrat einer bedeutende Airline sitzt. Er verflucht die Kleingeister in den Vorständen und lobt die Größenwahnsinnigen: „Yet everyone in the industry has to accept the fact that contrary to all logic entire airlines can go up with a charismatic leader or go down with an earnest plodder.“ Bei der Lufthansa haben sie sich für den zweiten Weg entschlossen. Luttwak zitiert Napoleon: „In war, moral power is to physical three parts out of four.“ Er empfiehlt mir das neue Buch seines Kumpels in Oxford Archie Brown (The Myth of the Strong Leader), der sich vierhundert Seiten daran abarbeite, dass bei den Charismatischen etwas nicht stimme. „Right he is, but who the fuck cares?“

Quelle: starke-meinungen.de