Logbuch

BRITAIN IS NOT YET BACK.

Schon vor vier Wochen, da ich in London die Köpfe der Demoskopie traf, war klar, was gestern dann passierte: Die vier Völker der britischen Inseln werden die Konservativen zum Teufel jagen. Die Sozialdemokratie bestimmt die Zukunft des Mutterlandes der Demokratie. Der neue Premier ist ein Sozi. Satte Mehrheit dank des Wahlrechtes. Aber ist damit Westminster zurück in Europa? Gemach.

Erste Regel: Es werden bei so klaren Entscheidungen immer nur schlechte Regierungen abgewählt. Niemals kommen gute so ins Amt. Die Wähler haben sich von den Konservativen schlicht verarscht gefühlt; dafür gab es eine deutliche Quittung. Die Tories wurden Opfer ihrer zynischen Dekadenz. Stichwort PARTYGATE: Als Kinder Hausarrest hatten und Großeltern allein zu sterben, feierte die politische Elite. Bring your own booze. Bottle Party in Downing Street.

Zweite Regel: Selbst die Leidensfähigkeit jener Menschen, die die Leidensfähigkeit erfunden haben, ist irgendwann erschöpft. Der BREXIT war vor allem eines: chaotisch. Staatsversagen. Aber Vorsicht: Auch Labour hat es nicht gewagt, den Elefanten im Raum beim Namen zu nennen. Zu viele Veränderungsverlierer glauben noch immer daran, dass die EU die Quelle ihres Übels sei. Der Slogan davon, dass man seine Souveränität zurückgewinnen könne, wenn man Nostalgisches pflegt, wirkt noch.

Dritte Regel: Medienmacht wirkt nur solange, wie nicht für jedermann offensichtlich ist, dass sie lügt. Und im Vergleich zur englischen Boulevardpresse, da ist BILD ein Kirchenblättchen. Propaganda kennt aber einen „point of no return“, wo weitere Demagogie nicht mehr hilft. Etwa, wenn es um Leib und Leben geht; da hat das staatliche Gesundheitssystem namens NHS einige Hässlichkeiten zu bieten.

Vierter Rat zur Vorsicht: Jetzt kommen lauter Anfänger. Das Mehrheitswahlrecht tauscht ja praktisch das komplette Parlament aus. Jetzt kommen die, die reinen Herzens sind, aber unter Umständen leer in der Birne. Auf deren Fehler lauert eine zynische Oberklasse und deren Schmierenpresse. Die Messe ist noch nicht gesungen.

Aber es ist Hoffnung in meinem Herzen. Ich grüße den englischen Teil meiner Familie und die vielen Freunde an ihren Teetassen. Respekt! Man muss jetzt wieder öfter mit unserem Besuch rechnen. Well, sorry, but there are no free lunches.

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KASINO-KULTUR.

Schon als Grundschüler hat mich beeindruckt, wie die Fabrikdirektoren zu speisen pflegten. Es geht um jene Restauration, die beim Militär Messe heißt oder Kasino und den Offizieren vorbehalten ist. Das Kasino der GHH in Oberhausen-Sterkrade lag auf meinem Schulweg und hatte eine regelrechte Vorfahrt für die Limousinen, die dezent gekleidete Fahrer dort einsteuerten, um dann den Schlag aufzureißen und den Herrn Generaldirektor in die geheimnisumwitterten Räume zu lassen. Das schien mir, dem Enkel eines GHH-Bergmanns ein Olymp. Ich staunte.

Gestern saß ich bei einem vortrefflichen Türken über einer Seezunge und blicke auf der anderen Straßenseite in eine Baulücke. Man hat die Hauptverwaltung des RWE in Essen an der Huyssenallee abgerissen. Dort staunte ich als Berufsanfänger über deren Kantine. Ein riesiges Restaurant mit bestimmt dreißig Separees, die dem kommunalen Universum „private dining“ boten. Viel zu tun war da nicht. Dem Pressechef des Hauses verdanken wir den Satz: „Wer keinen Fahrer hat, soll auch nicht saufen!“ Man hatte Fahrer.

Das letzte große Werksgasthaus habe ich bei BAYER besucht, heute ein Fossil in einem „Chem Park“, wie sie die Mega-Factory einer vergangenen Zeit nennen. Zum wesentlichen Phänomen aller Offiziersmessen gehört die sogenannte Ordonnanz. Ich bin bei gelegentlichen Vorträgen bei der Bundeswehr völlig fasziniert darüber, dass so ein Offizier nicht mal eine Kaffeetasse selbst von links nach rechts schiebt. Das macht die Ordonnanz, sprich Schütze Arsch.

Ich habe auch noch die Zeit erlebt, als sich selbst Kreissparkassen für ihr Kasino Sterneköche engagierten, die dort Weinkeller verwalteten, die ihresgleichen in der Gastronomie suchten. Dekadente Bourgeoise. Dabei spielte dann auch eine Kölner Privatbank und ein gewisser Polier eine Rolle. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Als ich selbst es endlich zum Generalbevollmächtigten gebracht hatte, war keine Zeit, das Kasino zu besuchen. Wir hatten einen Vorstandsvorsitzenden mit einigem Arbeitsdruck (to say the least) und der tiefen Überzeugung, dass man seine Karre als car guy bitte schön selbst steuert. Keine Fahrer. Ich kam nie zum Lunch und hatte Dinner spät nachts vor dem Schlafen gehen in einer Einrichtung, die sie Bullenkloster nannten. Keine Ordonnanz. Man war selbst der Schütze.

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PLUS SIEBEN JAHRE.

Vortrag im örtlichen Altersheim. Ich lausche einem Podcaster (was immer das ist); es geht um die ALTENREPUBLIK. Damit war er bei Lanz, jetzt hier. Was alle Welt schreckt: es treten die geburtenstarken Jahrgänge (1958 ff) in Rente, ohne dass in gleichem Maß Kinder nachrücken. Das beunruhigt jene, die glauben, eine Gesellschaft müsse gebaut sein wie ein Tannenbaum. Diese Pyramide scheint nun auf dem Kopf zu stehen.

Der Podcaster (keine Ahnung, womit der sein Geld verdient) zieht weitreichende Schlüsse, die mich nicht überzeugen. Es geht mir wie bei den anderen APOKALYPSEN der Schlagworte, der des Klimas oder der Überfremdung oder des Iwans: die Extrapolation eines vermeintlichen Ungleichgewichts in die unvermeidliche Katastrophe scheint mir zu hysterisch. Der podcastende Soziologe erzählt, wir hätten in meiner Generation eine um sieben Jahre höhere Lebenserwartung. Das allein kann ja niemanden schrecken.

Alle Vergleiche zu früheren Generationen leiden an einem Denkfehler. Man nimmt an, dass der heutige Rentner mit 63 Lebensjahren der gleiche Mensch sei wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Eben nur plus sieben. Das ist grundfalsch. Noch immer gilt zwar biologisch, dass, wer Kinder groß gezogen hat, jedenfalls Enkel, eigentlich für die Erhaltung der Art überflüssig ist. Zweck erfüllt. Und das der sprichwörtliche Dachdecker nicht mehr auf‘s Dach soll. Na gut.

Aber wir rechnen falsch. Wir zählen falsch herum. Wir rechnen von der Geburt hoch. Man müsste aber vom Tod runter rechnen. Zwischen 100, so alt werden Menschen heute, und 63, dem Rentenalter, liegen nach Adam Riese 37 Jahre, fast zwei Generationen. Wir erleben als Gattung ein volles drittes Lebensalter, das es menschheitsgeschichtlich noch niemals in der Form gab. Und wer die Verschleißteile ersetzt und regelmäßig zum TÜV geht, der könnte da noch einiges anstellen, bevor die Demenz Zug um Zug seinen Kopf ausschaltet. Stellt was an, ihr alten Säcke! Ihr seid in der Mehrheit. Und damit meinte ich jetzt nicht, AfD zu wählen.

Werbeblock: Der Podcaster heißt Stefan Schulz, geboren zu Jena, studiert in Bielefeld, jetzt in Frankfurt. Überall zu hören, wo es Podcasts gibt. Keine Ahnung, wo das ist. Kann der nicht Bücher schreiben, wie alle anderen auch?

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Alle Bosse fliegen übers Kuckucksnest

Die FAZ schickt mit der Erfindung eines „Middelhoff-Syndroms“ die politische wie wirtschaftliche Elite ins Irrenhaus. Es werden Namen genannt: Thomas Middelhoff, Jürgen Schrempp, Christian Wulff, Gerhard Cromme, Heinrich von Pierer, Wendelin Wiedeking, Klaus Zumwinkel, Josef Ackermann, Gerhard Schröder: alles Menschen mit pathologischen Zügen, die an der Grenze zum Irrsinn wandern.

Warum? Sie werden ständig gelobt, sind umgeben von Speichelleckern und identifizieren irgendwann ihre Rolle mit der Person. Das wissen im Wirtschaftsteil der FAZ Georg Meck und Bettina Weiguny, die ein partnerschaftliches Essay zum Größenwahn vorlegen. Was mich von der Groschenheft-Psychologie des dichtenden Ehepaares Meck-Weiguny unterscheidet? Ich kenne die so abgehandelten Personen recht lange, zum größten Teil persönlich. Die Persönlichkeiten werden banal verkannt.

Die Deutungsversuche des Größenwahns gehen mir aber auch fachlich, als Ökonom und Soziologe, schwer durch den Hals. Psychologen als Weltendeuter sind  schwer zu ertragen. Menschelndes Klugscheißen nicht  nur als  konversationsfüllendes Hobby, sondern als Ausweis der Weltweisen. Hitler war Vegetarier und Stalin ließ sich nur von Veterinären behandeln: Was sagt uns das über den Zweiten Weltkrieg? Solche Vulgärpsychologien werden zu Recht als gänzlich unerträglich empfunden, wenn sie in andere Gebiete oder gar alle Gebiete der Menschheit vordringen und dort Sinn stiften wollen. Nun halten diese Menschendeuter also auch Einzug in die Wirtschaftspublizistik, um die Größenwahnsinnigen unter den CEOs der deutschen AGs von den postheroischen Helden zu unterscheiden. Hier steht der Henkel-Chef Kasper Rorsted als Prototyp zur Argumentation. An ihm rühmt man, dass er in der Firma Freundschaften vermeide und nicht werksnah in Hösel, sondern am Starnberger See wohne. Aha.

Man unterstellt den charismatischen Führern, die nicht mehr zuhören können und so zu unwiderstehlichen Verführern werden, dass sie sich zwanghaft ihre eigene Welt simulieren und dieses Wahnreich dann nicht mehr verlassen können. Mit dieser Psychiatrierung der Elite als Cluster entrückter Irrer erklären sich dann für den geneigten FAZ-Leser wirtschaftliche Vorgänge wie das Scheitern der Fusion von Daimler und Chrysler oder der Niedergang der Kaufhäuser im Internet-Zeitalter.  Die Sozialpsychologie vom Küchentisch ersetzt hier die Geschichtswissenschaft und die Volkswirtschaftslehre. Das ist ein Gewinn an Unterhaltung. Wenn man liest, was Herr Middelhoff in einem Gefälligkeitsinterview der BILD am SONNTAG über seine Rolle als taschengepfändeter Sündenbock zu erzählen weiß, fühlt man sich eh im Reich der Seifenopern. Da kann ein wenig Hedwig-Courths-Mahler nicht schaden.

Meck-Weiguny als Courths-Malheur, das ist einfach nicht gut genug. Die Psycho-Nummer verpasst die wirklichen Geschichten. Ich will das an der Person des Thomas Middelhoff, genannt Big T, erläutern. Ich habe ihn beraten und werde keine Indiskretionen begehen, aber doch ist aus seinem Leben etwas zu erzählen. Der Mann hatte sich mit seiner Familie auf einem alten Fabrikgelände in Bielefeld, einer C-Lage in einer D-Gegend, in einem ganzen Areal ein eigenes Dorf gebaut. Es gab neben seinem Herrensitz in bescheidener Vorstadtvillenqualität das Häuschen seines pensionierten Vaters, das Gebäude der Domestiken, den mit Enten besetzten Teich und den englischen Garten mit geometrischen Buchshecken, alles in allem eine Idylle. Von hier jettete er nach New York, wo er durch geschickte Deals mit Herren, die er beim Vornamen nannte, die Bertelsmann-Gründerfamilie zu Milliardären machte. Zur Kommunion seiner Tochter soll er dreißig Minuten vorher aus NY einfliegend gelandet sein, gerade noch rechtzeitig. Der Bürger als Edelmann, würde der Franzose sagen.

Thomas Middelhoff ist ein katholischer Junge aus dem Düsseldorfer Kleinbürgertum, der in der Dot-Com-Blase eine besonders große Blase blasen wollte und das in einem Haus, das aus Buchclubs erwachsen war, auch konnte. Und er traf auf Eigner, die nicht von den Kapitalmärkten träumten, sondern davon die Firma den Kindern lassen zu können. In diesem Kontext fiel Big T aus der Zeit. Ein Held auf der Waldbühne in Ostwestfalen (einschließlich Gastspiel am Broadway) ist nicht notwendig der Staats- und Hauptakt in einem Shakespearedrama.  Uns sollten also die alten und die neuen Zeiten interessieren, nicht, was irgendwelche Headhunter oder sogenannte Coaches in die Seelen jener lesen, die sie nur aus zweiter Hand, bestenfalls dem Manager Magazin kennen. Diese journalistische Psychiatrierung erklärt nichts, selbst wenn die Gemeinten wirklich eine Klatsche haben. It’s the economy, stupid!

Wir reden von ursprünglich inhabergeführten Verlagshäusern zwischen Hamburg und Gütersloh, die ihre Führungskräfte bezahlten wie Vorstände von Investmentbanken. Wir reden von der Internetblase vor dem großen Zusammenbruch der Kapitalmärkte. Wir reden von etwas, das „deal making“ heißt und Millionen bringt. Wir reden von Jetset. Ich habe mal in Davos mitbekommen, wie eine Figur aus diesem Geschäft, die auch nur einen Vornamen hatte, meine Mitarbeiterin anmachte, um dann mit ihr nach London zum Frühstück zu fliegen, und nachmittags wieder in Davos war, weil Jürgen G. da zu einem Skilauf geladen hatte. Geld spielt keine Rolex. Das ist eine andere Welt als die des Einzelhandels in bigotten Großstadtkaufhäusern, in denen schlecht gelaunte Verkäuferinnen miteinander über die Belastungen des Klimakteriums plauschen, statt Kunden zu bedienen. Und nicht alle Irren sind gleich.

Der Sturz von der Spanischen Treppe beispielsweise hat eine andere Logik, die Dietmar Hawranek gerade im SPIEGEL am Beispiel GM/Opel aufschließt:  in der Autoindustrie geht es um Autos, also um Technik, zu denen Finanzer, die sich um Controlling, ihre Trinkgewohnheiten und Assistentinnen kümmern, einen anderen Zugang haben als begabte Ingenieure. Alles Krimis der Wirtschaft, Romane der Technik, Dramen des historischen Wandels, aber doch nicht der Courths-Mahler-Motive, die die Heftchenromane füllen.

Auf JFK treffe ich Edward N. Luttwak, der neben seinen Bemühungen als Historiker eben auch im Aufsichtsrat einer bedeutende Airline sitzt. Er verflucht die Kleingeister in den Vorständen und lobt die Größenwahnsinnigen: „Yet everyone in the industry has to accept the fact that contrary to all logic entire airlines can go up with a charismatic leader or go down with an earnest plodder.“ Bei der Lufthansa haben sie sich für den zweiten Weg entschlossen. Luttwak zitiert Napoleon: „In war, moral power is to physical three parts out of four.“ Er empfiehlt mir das neue Buch seines Kumpels in Oxford Archie Brown (The Myth of the Strong Leader), der sich vierhundert Seiten daran abarbeite, dass bei den Charismatischen etwas nicht stimme. „Right he is, but who the fuck cares?“

Quelle: starke-meinungen.de