Logbuch
FRECH WIE DRECK.
Ich habe geträumt, ich sei ein Franzmann, der über die Demokratie in Amerika eine vergleichende Studie zu schreiben habe. Das ist kein reiner Blödsinn. Es ist die Rolle von Alexis de Tocqueville, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts damit berühmt wurde und damit die Vergleichende Politikwissenschaft begründete. Ich setze also die französische Brille auf und schaue auf Amerika. Was fiele mir neuerdings vor allem auf?
Es gibt dort eine neue Form der Volkstümlichkeit, in der vermeintliches Fehlverhalten der Unterschicht salonfähig wird. Politik ist vor allem und in allem Propaganda. Das ist nicht nur der lutherische Impuls, dem Volk auf‘s Maul zu schauen, sondern auch dessen Mut zur Deftigkeit. Unter Volk wird dabei verstanden, was die gebildete Oberschicht hierzulande Gosse nennen würde; in Amerika spricht man offen von „poor white trash“, was mir nur schwer über die Lippen kommt, da Menschen nie Müll sind. Aber man gibt dem Müll eine Stimme, was ihm gefällt.
Wenn die Neue Rechte pöbelt, begeistert dieser Bruch der Etikette ihre Anhänger geradezu; die neuen Herren vergreifen sich vorsätzlich im Ton, weil das die eigene Wählerschaft amüsiert. Man ist als Betrachter gut beraten, etwaige peinliche Pannen daraufhin zu befragen, ob sie nicht eine bewusste Operation sind, um die eigene Massenbasis zu aktivieren: kulturelle Attacken. Der Propagandist der Neuen Rechten scheut es nicht, in den Augen seiner Gegner peinlich zu wirken; ihm geht es um den johlenden Applaus der Stammtische. Dort liegt sein Genie.
Es zählt nicht, was die woke-gestimmte Professor:in ungewissen Geschlechts in den efeubewachsenen Unis der Ostküste denkt. Es zählt Joe Six-Pack mit dem roten Nacken in seinem gewehrbewaffneten Pick Up an der Tanke. Das zum kulturellen Bruch in der Bestimmung der Zielgruppe. Das Milieu ist paradigmatisch: Es geht mit symbolischem Willen um diese elementare Soziokultur. Man ist dort national gestimmt, glaubt an rassische Überlegenheit und folgt einem Männlichkeitskult, vor allem aber ist man nostalgisch. Früher war besser. Die Zuwanderung, sprich Überfremdung, hat Unglück gebracht. Arme weiße Veränderungsverlierer vermissen eine Idylle, die sie in Wahrheit nie hatten. Ihre Führer sind so bodenständig wie sie selbst und beweisen das, indem sie regelmäßig ordinär werden. Die Rhetorik ist nach unten offen.
Wie weit das bürgerliche Europa von dieser reaktionären Sentimentalität entfernt ist, sieht man daran, dass es hier die Hoffnung gab, gegen diese Hegemonie könne eine schwarze Frau vom Format der Demokratin Kamala Harris helfen. Oder jetzt der Feminismus von Frau Baerbock, zumal nun Chefin der UNO, also weltbeherrschend. Man lausche Signora Meloni; einen besseren Rat habe ich nicht. Oder Madame Le Pen. Oder welcher Frau aus diesem Block auch immer. Und lerne fürchten.
Wir gehen in einen Kulturkampf, glauben Tocqueville und ich. Das deutsche Gegenmittel, entnehme ich der Presse zu den Koalitionsverhandlungen, in denen die SPD gerade die CDU vorführt, ist die Kombi von Staats-PR und Staatsanwalt. Joe Six-Pack dagegen ist für „free speech“. Wie mag das ausgehen?
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ZOLLVEREIN.
Da, wo ich herkomme, waren Zölle mal ein ganz großes Thema. Und zwar deren Abschaffung. Ich komme, das muss man dem emigrierten Pfälzer Trump erklären, aus Preußen. Der hier erdachte Deutsche Zollverein schuf mal die drittgrößte Industriemacht, nach Großbritannien und den USA. Man war so stolz auf diese Schaffung eines freien Binnenmarktes, dass man in Essen eine Zeche danach benannt hat: ZOLLVEREIN. Der Eiffelturm des Reviers. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts belebte einen Gedanken des 18., nämlich dass der FREE TRADE zum Wohlstand der Völker beitrage. Die Tarife zur Hölle.
Die GESCHICHTSLOSEN in der Neuen Rechten der nordamerikanischen Kolonien verstehen das nicht, weil es ihre Wähler im Moment nicht reicher macht. Wer die heutigen Republikaner begreifen will, muss begreifen, wem sie unmittelbar nützen. FOLLOW THE MONEY. Wer hier den Wettbewerb nicht wirtschaftlich gewinnt, will es eben politisch wissen. Dabei gilt der schnelle Dollar, nicht der edle Wettkampf fairer Sportsmänner über viele Runden. Das haben sie von ihren Wirtschaftsweisen gelernt: Langfristig? Langfristig sind wir tot. „In God we trust. The rest pays cash! Take the money and run!“
Noch mal für die Geschichtslosen: Zölle sind ein MEGA-Thema, und zwar, wenn man sie aufhebt. Ich gebe zu, dass der Deutsche Zollverein auch ein protektionistisches Moment hatte, aber das war nicht der eigentliche Sinn. Einigkeit und Recht und Freiheit, auch von Zöllen. Werden sich also die schlappen Schüsseln von General Motors und Ford besser verkaufen, wenn die BMW und Porsche 25% teurer sind? Wird Detroit erblühen, wenn die Japaner wieder als Weltkriegsgegner entdeckt sind?
Eingeräumt, es gab eine Epoche, da ist die Welt nach Dearborn gepilgert, um die industrielle Sensation zu betrachten, die ein Wesen namens Elisabeth Dose (Tin Lizzy) hervorbrachte. Das Fließband des Henry Ford war nicht technologisch, aber fertigungstechnisch Weltspitze. Die Karre war klapprig, aber billig. Das ist der Markenkern amerikanischer Autos bis heute geblieben. Auch bei den Batterieschlitten. Wenn bezüglich Tesla heute von ihrer Berliner Produktion gesprochen wird, meint man wahrscheinlich die Montage in Brandenburg; es wird schon beim Geburtsort geschummelt. Brandenburch.
Schöne Autos kommen aus Norditalien, stattliche aus Crewe. Und die Franzosen konnten mal was. Nützliches stammt aus Japan, noch immer. Der zügigste Kopierer ist Chinese. Aber aus Detroit? Wie geht es eigentlich Lee Iacocca; das ist der letzte, von dem ich was gehört habe. Ich will es mal so sagen: Auch wenn die Franzosen heutzutage Hamburger fressen und Whisky saufen, sie stehen kulturgeschichtlich für HAUTE CUISINE. Das wird nicht durch KFC widerlegt, die Fastfoodkette („Kentucky schreit ficken!“), die Geflügelabfälle paniert und in Eimer füllt. Klar? Wer erklärt jetzt bitte JD Vance, was ein Bressehuhn in der Kalbsblase ist?
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SAGEN WAS IST.
In Erfüllung des Augstein-Mottos SAGEN WAS IST (die Paratext-Regel) bringt der SPIEGEL auf dem Titel die „hundert besten Bücher“; in Leipzig ist gerade Messe. Tiefer kann das selbsternannte Sturmgeschütz der Demokratie nicht sinken. Focus. Lokus.
Gestern Abend, das Fernsehgerät als Einschlafhilfe nutzend, höre ich zufällig die berühmte Stimme von Stefan Aust, dem großen deutschen Journalisten. Er lässt sich von einem Nachrichtensender, der ihm mal gehört hat, zu großen zeitgeschichtlichen Themen befragen, an deren Aufklärung er persönlich beteiligt war. Wie immer weiß er seine Eitelkeit hinter feiner Ironie zu verbergen; eine Freude, ihm zu lauschen. Ich mag ihn.
Auch weil ich weiß, wovon er redet. Denn ich war bei vielen seiner Themen Zeitzeuge der allgemeinen Umstände, bei einigen unmittelbar dabei, bei anderen der Informant und bei ganz wenigen wohl auch der Agent Provocateur. Das animiert zu Kolophonie, einer Versuchung, der ich brav widerstehe. Es würde ohnehin niemanden interessieren. Oder die falschen, vor allem die falschen.
Der eigenartige Begriff stammt aus der Buchproduktion vor Erfindung des Buchdrucks. In Klöstern brachten Brüder und Schwestern die langen Tage damit zu, wichtige Manuskript zu kopieren. Im Idealfall geschah das mit peinlich genauer Akkuratesse; aber man kann sich schon vorstellen, dass auch Fehler passierten. Oder eine verdeckte Agenda wirkte. Deshalb wurde ganz am Ende in einer solchen Subskription erwähnt, wer der Kopierer war und zu welchen Zeiten er welche Quellen nutze.
Dem lateinischen Begriff der Unterschrift (subscriptio) entspricht der griechische des Abschlusses, der Kolophonie. Und es könnte sein, dass es auch dabei zu regelrechten Fälschungen gekommen ist. Die Geschichte muss immer und überall vor ihrer Klitterung geschützt werden. Stefan Aust versteht sich so. Er fügt den großen Ereignissen seiner Zeit eine Unterschrift hinzu; seine Unterschrift. Und macht sie so zu seiner Geschichte. Eine feine Ironie. Ich lausche, wie gesagt, mit Vergnügen.
Da ich Aust und Rudolf Augstein noch im Zusammenspiel erlebt habe, Augstein selten nüchtern, weiß ich, wovon Aust spricht. Nur Zeitzeugen können ermessen, wie treffend seine Charakterisierung von SPIEGEL-TV ist, die da lautet, dass es eine „Wohngemeinschaft mit eigenem Sender“ gewesen sei, die von der Redaktion des SPIEGEL als „Analphabetentruppe“ verachtet wurde. Das hat Gerhard Maus noch genau so zu mir über Aust gesagt. Aber ich gerate in Kolophonien.
Die Geschichte bedarf nicht meiner Unterschrift. Wir sind hier doch nicht beim Notar. Wir dürfen für den Paratext der Geschichte, den wir hier schreiben, allemal ein wenig dichterische Freiheit walten lassen. Sagen, was hätte sein sollen.
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Alle Bosse fliegen übers Kuckucksnest
Die FAZ schickt mit der Erfindung eines „Middelhoff-Syndroms“ die politische wie wirtschaftliche Elite ins Irrenhaus. Es werden Namen genannt: Thomas Middelhoff, Jürgen Schrempp, Christian Wulff, Gerhard Cromme, Heinrich von Pierer, Wendelin Wiedeking, Klaus Zumwinkel, Josef Ackermann, Gerhard Schröder: alles Menschen mit pathologischen Zügen, die an der Grenze zum Irrsinn wandern.
Warum? Sie werden ständig gelobt, sind umgeben von Speichelleckern und identifizieren irgendwann ihre Rolle mit der Person. Das wissen im Wirtschaftsteil der FAZ Georg Meck und Bettina Weiguny, die ein partnerschaftliches Essay zum Größenwahn vorlegen. Was mich von der Groschenheft-Psychologie des dichtenden Ehepaares Meck-Weiguny unterscheidet? Ich kenne die so abgehandelten Personen recht lange, zum größten Teil persönlich. Die Persönlichkeiten werden banal verkannt.
Die Deutungsversuche des Größenwahns gehen mir aber auch fachlich, als Ökonom und Soziologe, schwer durch den Hals. Psychologen als Weltendeuter sind schwer zu ertragen. Menschelndes Klugscheißen nicht nur als konversationsfüllendes Hobby, sondern als Ausweis der Weltweisen. Hitler war Vegetarier und Stalin ließ sich nur von Veterinären behandeln: Was sagt uns das über den Zweiten Weltkrieg? Solche Vulgärpsychologien werden zu Recht als gänzlich unerträglich empfunden, wenn sie in andere Gebiete oder gar alle Gebiete der Menschheit vordringen und dort Sinn stiften wollen. Nun halten diese Menschendeuter also auch Einzug in die Wirtschaftspublizistik, um die Größenwahnsinnigen unter den CEOs der deutschen AGs von den postheroischen Helden zu unterscheiden. Hier steht der Henkel-Chef Kasper Rorsted als Prototyp zur Argumentation. An ihm rühmt man, dass er in der Firma Freundschaften vermeide und nicht werksnah in Hösel, sondern am Starnberger See wohne. Aha.
Man unterstellt den charismatischen Führern, die nicht mehr zuhören können und so zu unwiderstehlichen Verführern werden, dass sie sich zwanghaft ihre eigene Welt simulieren und dieses Wahnreich dann nicht mehr verlassen können. Mit dieser Psychiatrierung der Elite als Cluster entrückter Irrer erklären sich dann für den geneigten FAZ-Leser wirtschaftliche Vorgänge wie das Scheitern der Fusion von Daimler und Chrysler oder der Niedergang der Kaufhäuser im Internet-Zeitalter. Die Sozialpsychologie vom Küchentisch ersetzt hier die Geschichtswissenschaft und die Volkswirtschaftslehre. Das ist ein Gewinn an Unterhaltung. Wenn man liest, was Herr Middelhoff in einem Gefälligkeitsinterview der BILD am SONNTAG über seine Rolle als taschengepfändeter Sündenbock zu erzählen weiß, fühlt man sich eh im Reich der Seifenopern. Da kann ein wenig Hedwig-Courths-Mahler nicht schaden.
Meck-Weiguny als Courths-Malheur, das ist einfach nicht gut genug. Die Psycho-Nummer verpasst die wirklichen Geschichten. Ich will das an der Person des Thomas Middelhoff, genannt Big T, erläutern. Ich habe ihn beraten und werde keine Indiskretionen begehen, aber doch ist aus seinem Leben etwas zu erzählen. Der Mann hatte sich mit seiner Familie auf einem alten Fabrikgelände in Bielefeld, einer C-Lage in einer D-Gegend, in einem ganzen Areal ein eigenes Dorf gebaut. Es gab neben seinem Herrensitz in bescheidener Vorstadtvillenqualität das Häuschen seines pensionierten Vaters, das Gebäude der Domestiken, den mit Enten besetzten Teich und den englischen Garten mit geometrischen Buchshecken, alles in allem eine Idylle. Von hier jettete er nach New York, wo er durch geschickte Deals mit Herren, die er beim Vornamen nannte, die Bertelsmann-Gründerfamilie zu Milliardären machte. Zur Kommunion seiner Tochter soll er dreißig Minuten vorher aus NY einfliegend gelandet sein, gerade noch rechtzeitig. Der Bürger als Edelmann, würde der Franzose sagen.
Thomas Middelhoff ist ein katholischer Junge aus dem Düsseldorfer Kleinbürgertum, der in der Dot-Com-Blase eine besonders große Blase blasen wollte und das in einem Haus, das aus Buchclubs erwachsen war, auch konnte. Und er traf auf Eigner, die nicht von den Kapitalmärkten träumten, sondern davon die Firma den Kindern lassen zu können. In diesem Kontext fiel Big T aus der Zeit. Ein Held auf der Waldbühne in Ostwestfalen (einschließlich Gastspiel am Broadway) ist nicht notwendig der Staats- und Hauptakt in einem Shakespearedrama. Uns sollten also die alten und die neuen Zeiten interessieren, nicht, was irgendwelche Headhunter oder sogenannte Coaches in die Seelen jener lesen, die sie nur aus zweiter Hand, bestenfalls dem Manager Magazin kennen. Diese journalistische Psychiatrierung erklärt nichts, selbst wenn die Gemeinten wirklich eine Klatsche haben. It’s the economy, stupid!
Wir reden von ursprünglich inhabergeführten Verlagshäusern zwischen Hamburg und Gütersloh, die ihre Führungskräfte bezahlten wie Vorstände von Investmentbanken. Wir reden von der Internetblase vor dem großen Zusammenbruch der Kapitalmärkte. Wir reden von etwas, das „deal making“ heißt und Millionen bringt. Wir reden von Jetset. Ich habe mal in Davos mitbekommen, wie eine Figur aus diesem Geschäft, die auch nur einen Vornamen hatte, meine Mitarbeiterin anmachte, um dann mit ihr nach London zum Frühstück zu fliegen, und nachmittags wieder in Davos war, weil Jürgen G. da zu einem Skilauf geladen hatte. Geld spielt keine Rolex. Das ist eine andere Welt als die des Einzelhandels in bigotten Großstadtkaufhäusern, in denen schlecht gelaunte Verkäuferinnen miteinander über die Belastungen des Klimakteriums plauschen, statt Kunden zu bedienen. Und nicht alle Irren sind gleich.
Der Sturz von der Spanischen Treppe beispielsweise hat eine andere Logik, die Dietmar Hawranek gerade im SPIEGEL am Beispiel GM/Opel aufschließt: in der Autoindustrie geht es um Autos, also um Technik, zu denen Finanzer, die sich um Controlling, ihre Trinkgewohnheiten und Assistentinnen kümmern, einen anderen Zugang haben als begabte Ingenieure. Alles Krimis der Wirtschaft, Romane der Technik, Dramen des historischen Wandels, aber doch nicht der Courths-Mahler-Motive, die die Heftchenromane füllen.
Auf JFK treffe ich Edward N. Luttwak, der neben seinen Bemühungen als Historiker eben auch im Aufsichtsrat einer bedeutende Airline sitzt. Er verflucht die Kleingeister in den Vorständen und lobt die Größenwahnsinnigen: „Yet everyone in the industry has to accept the fact that contrary to all logic entire airlines can go up with a charismatic leader or go down with an earnest plodder.“ Bei der Lufthansa haben sie sich für den zweiten Weg entschlossen. Luttwak zitiert Napoleon: „In war, moral power is to physical three parts out of four.“ Er empfiehlt mir das neue Buch seines Kumpels in Oxford Archie Brown (The Myth of the Strong Leader), der sich vierhundert Seiten daran abarbeite, dass bei den Charismatischen etwas nicht stimme. „Right he is, but who the fuck cares?“
Quelle: starke-meinungen.de