Logbuch
WAS DER LANDRAT RÄT.
Der Kanzler hat gesagt, dass das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine tektonische Erschütterung sei. Das heißt zu gut deutsch baulich und meint, das die Brandmauer gefallen. Für die Konservativen wird der leidige Abwehrkampf gegen die Rechtsradikalen schwerer; man kann ihn zwar weiterhin trotzig und noch als Prinzip begründen, aber das Wahlergebnis deckt dies nicht mehr plausibel ab. Die Rechten sind keine Episode mehr.
Was ist geschehen? Der Wähler hat bei einer allgemeinen und freien Wahl und mit sehr hoher Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt landesweit der AfD gut 40% der Stimmen geschenkt, in vielen Städten und ländlichen Gegenden mehr als die Hälfte. Das zumindest zur Kenntnis zu nehmen, ist die Pflicht aller anderen Parteien. Insbesondere der CDU, die es vermasselt hat. Demokratie ist eben auch, wenn die gewinnen, die man selbst nun gar nicht wollte.
In der Verfassung gibt es das schlanke Institut „Regierungsauftrag“ nicht. Jetzt gilt es für alle Gewählten, dass sie sehen müssen, wie sie zu einem Bündnis kommen, das eine Mehrheit im Parlament hat. Oder man lässt sich auf die ewige Hängepartie einer Minderheitsregierung ein. Das Wahlergebnis jedenfalls ist erstmal gesetzt und damit eine Regierung zu bilden. Macht was draus! Andernfalls stehen Neuwahlen an. Niemand, der bei politischem Verstand ist, glaubt, dass dann hier die AfD abschmiert. Wir wissen ja, wer helfen wird. Das brächte eine absolute Mehrheit für die Rechtsradikalen, eine Machtergreifung.
Deshalb finde ich mutig und klug, wenn jetzt ein Landrat der SPD im Salzlandkreis ausspricht, was unausweichlich: Man wird mit der AfD reden müssen. Das ist ordnungspolitisch ein mutiges Statement. Der Mann stellt sich seiner politischen Verantwortung. Er sagt nicht, dass man jeder rechtsradikalen Spinnerei wird folgen müssen. Oder dass man seine Werte und Gesinnung nun Stück für Stück zu Markte tragen soll. Er sagt, dass es undemokratisch wäre, mit diesem klaren Wählervotum nicht politisch umzugehen. Da hat er recht.
Das ist leicht zu verhetzen; deshalb ist es mutig, wenn Markus Braun, so heißt der Mann, nun das Kreuz durchdrückt und sagt: Duckt Euch nicht weg. Dem müssen wir uns politisch stellen. Wir müssen mit denen reden, die fast die Mehrheit haben. Der Landrat sieht zudem, wie der Riss mitten durch sein Land geht. Wir haben eine so verbreitete Reaktanz, dass bloßes Ignorieren nicht hilft. Im Gegenteil.
Keine Zeiten, die nach Bruder Leichtfuß und Schwester Doppelmoral verlangt. Es sind Männer wie Markus Braun aus Bernburg, die den Volkszorn auszuhalten haben und für freie Wahlen auch dann stehen, wenn sie den Gegner an die Macht zu bringen drohen. Wir werden nun alle darauf achten müssen, dass die Blauen nicht die Verfassung brechen. Die Gefahr besteht. Man wird deshalb mit ihnen reden müssen, auch wenn ihnen nicht zu trauen ist. Das ist kein Widerspruch, auch wenn es so klingt. Es ist eine Demokratenpflicht, der nicht auszuweichen ist. Was der Landrat rät, ist richtig.
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DIE MAGDEBURGER HOCHZEIT.
Seit der Dreißigjährige Krieg Sachsen-Anhalt geschleift hat, sprechen wir von der Magdeburger Hochzeit; freilich mit Sarkasmus, weil die Braut sich damals in die Arme eines wirklichen Unholds geworfen hatte. Gemach. Was allen Hagestolzen der Altparteien als Mesalliance erscheint, war diesmal eine Liebesheirat. Die entscheidende Zahl liegt nicht in den 40 Prozent der rechten AfD, sondern in der 80 der Wahlbeteiligung; selten hoch. Signifikant.
Der Wähler hatte wirklich das Wort. Und der Wahlkampf war fair. Wenn also Magdeburg als Braut sich ins Bett der Neuen Rechten legt, vor wem ist die Magd gewichen? Das lässt sich klar sagen. Der Verlierer ist die CDU; sie hat sich halbiert. Klarster Ausdruck des Erdrutsches: Die Schwarzen holen kein einziges Direktmandat mehr; ihr Spitzenkandidat, dessen Namen niemand weiß, nicht mal seinen eigenen Wahlkreis. Der CDU-Kanzler, dessen Namen man weiß, war im Wahlkampf in Hinterzimmern zu verstecken, damit er nicht bespuckt werden konnte. Fritze Merz, das wird schwer. Mönchlein, Mönchlein, Du gehst im Bund nun einen schweren Gang.
Die SPD hat sich bei ihrer Stammwählerschaft hier in der Fläche so gerade mal gehalten. Das macht mich nicht froh, aber ist auch kein Anlass zu Spott. Gilt auch für die Grünen, die Gelben und die Linken. Nur ist jetzt klar, dass die Magd sie nicht mehr heiß und innig mag. Die Brandmauer hat sich nicht als Hindernis erwiesen, wie in allen Klostergärten mit devianten Diven. Die Magd erweist sich als Schlampe und will partout in die blauen Linnen. Aber ist das ein gerechtes Urteil über die Magdeburger Hochzeit? Ich glaube nicht. Die Gattenwahl ist erkennbar nicht dem Rat der Omas gegen Rechts, diesem Tantenverein von Klageweibern, gefolgt. Aber es war doch recht eindeutig, wem die Gunst der Stunde gilt.
Verdutzt steht der politische Publizist da, wie schon im Englischen beim Brexit oder der Wiederwahl des rechten Poplisten in den USA. Das Volk hat leider falsch gewählt. Der türkische Bub in Baden-Württemberg mahnt den Souverän, einen solchen Blödsinn nicht noch mal zu machen. Der grüne Humor der Realitätsverleugnung. Ja, das wird helfen.
Wir werden mit einem Drittel rechter Wähler im Westen leben lernen müssen, wenn es nicht die Hälfte werden soll. Dass ist die Realität, deren Leugnung schlicht albern ist. Ja, wir werden mit diesem Teil der Wählerschaft reden müssen. Immer. Überall. Und selbstverständlich in den Parlamenten gegebenenfalls koalieren. Es gibt in der Demokratie keine Voten vermeintlicher Relevanz. Alles Volksentscheide. Macht was draus. Das ist die historische Ansage aus dem Magdeburger Dom.
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BENZOL IM BLUT.
Die Nachrichten sind voller Autothemen; das lässt den nicht kalt, der Benzol im Blut hat. Man will im Schwäbischen eine Bude schließen, die da aus Zwickau hinkam. Horch. Autoexperten vom Schlage der Dudenhöfers predigen. Mein Problem ist, ich habe den Überblick verloren; ich kann all die Karren nicht mehr auseinanderhalten. Was bitte ist ein byd? Build Your Dreams. Und warum soll ich diesen Götzen anbeten? Ein Goldenes Kalb aus dem Reich der Mitte.
BYD? Wem ein feines Sprachgefühl gegeben, der findet reichlich Gelegenheit, sich über den schlechten Stil seiner Zeitgenossen zu mokieren. So fällt mir in den Sozialen eine Journalistin auf, die in ihren Beiträgen häufig Abkürzungen nutzt und dabei auch dem Jargon einer Jugendsprache verfällt. Ich nehme hin, dass „asap“ meint, dass etwas sobald wie möglich zu geschehen habe, wundere mich aber über ein „lol“, das lautes Gelächter bekundet. Noch übler sind Zahlencodes. 67. Echt? Ja. 67.
Alles beginnt mit dem französischen Kaffeehausphilosophen Roland Barthes, der 1957 über ein Modell des Herstellers Zitrön ausflippt und hinter dem Produktnamen DS das französische Wort für Göttin entdeckt: déesse. Er vergöttert das Auto und nimmt die einer fetten Flunder nachgebildete Karosse als Mythos des Femininen wahr. Einen ähnlichen Kult gab es gegenüber italienischem Design, wenn die Blechbieger Spaghettis waren. Deutsche Wägen waren schon immer geformt wie Kartoffeln und hießen nach Ungeziefer. Sage ich als Sarkast.
Wenn schon Bildungshuberei mit Autonamen, dann richtig. DS ist natürlich Latein, ein „nomen sacrum“, sprich eine heilige Abkürzung für „deus“. Das ist der Gottesname und keine Bordsteinschwalbe aus dem Quartier Latin. Sollte man auseinanderhalten können. Aber wir leben ja in Zeiten, in denen Linguisten nichts mehr gelten. So nennen die Japaner und andere Reisschüsseln ihre Konstrukte Nova, Laputa oder Fikka. Den Vogel schiesst die NSU-Tochter Audi ab mit „etron“, was in Paris die Ärgerlichkeit meint, die der Straßenköter hinterlassen hat. Weiter Weg vom Mythos der Göttin bis zum Hundehaufen.
Ambitioniert wie immer und katholisch der Landmaschinenhersteller BMW, der für seine SUV-Dosen gleich Jesus selbst bemüht. Das griechische Chi mit dem folgenden P steht unter den heiligen Namen für Christus. XPI ist dann der Genitiv, ein grammatisch gebeugtes XPS (Christus). Das geht mir beim ersten Kaffee durch den Kopf; ich blättere dabei noch in dem Buch zur Lorcher Litanei, von der wir gestern gehandelt haben. Da wir von Audi (Ingolstadt) und NSU (Neckarsulm) sprachen, ich lese hier in der mittelalterlichen Quelle: „dne audi nos“. Ha! Domine (dne), das ist der Vokativ zu Dominus. Das heißt nichts anderes als: „Herr, erhöre uns!“ Herr, erhöre uns.
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Alle Bosse fliegen übers Kuckucksnest
Die FAZ schickt mit der Erfindung eines „Middelhoff-Syndroms“ die politische wie wirtschaftliche Elite ins Irrenhaus. Es werden Namen genannt: Thomas Middelhoff, Jürgen Schrempp, Christian Wulff, Gerhard Cromme, Heinrich von Pierer, Wendelin Wiedeking, Klaus Zumwinkel, Josef Ackermann, Gerhard Schröder: alles Menschen mit pathologischen Zügen, die an der Grenze zum Irrsinn wandern.
Warum? Sie werden ständig gelobt, sind umgeben von Speichelleckern und identifizieren irgendwann ihre Rolle mit der Person. Das wissen im Wirtschaftsteil der FAZ Georg Meck und Bettina Weiguny, die ein partnerschaftliches Essay zum Größenwahn vorlegen. Was mich von der Groschenheft-Psychologie des dichtenden Ehepaares Meck-Weiguny unterscheidet? Ich kenne die so abgehandelten Personen recht lange, zum größten Teil persönlich. Die Persönlichkeiten werden banal verkannt.
Die Deutungsversuche des Größenwahns gehen mir aber auch fachlich, als Ökonom und Soziologe, schwer durch den Hals. Psychologen als Weltendeuter sind schwer zu ertragen. Menschelndes Klugscheißen nicht nur als konversationsfüllendes Hobby, sondern als Ausweis der Weltweisen. Hitler war Vegetarier und Stalin ließ sich nur von Veterinären behandeln: Was sagt uns das über den Zweiten Weltkrieg? Solche Vulgärpsychologien werden zu Recht als gänzlich unerträglich empfunden, wenn sie in andere Gebiete oder gar alle Gebiete der Menschheit vordringen und dort Sinn stiften wollen. Nun halten diese Menschendeuter also auch Einzug in die Wirtschaftspublizistik, um die Größenwahnsinnigen unter den CEOs der deutschen AGs von den postheroischen Helden zu unterscheiden. Hier steht der Henkel-Chef Kasper Rorsted als Prototyp zur Argumentation. An ihm rühmt man, dass er in der Firma Freundschaften vermeide und nicht werksnah in Hösel, sondern am Starnberger See wohne. Aha.
Man unterstellt den charismatischen Führern, die nicht mehr zuhören können und so zu unwiderstehlichen Verführern werden, dass sie sich zwanghaft ihre eigene Welt simulieren und dieses Wahnreich dann nicht mehr verlassen können. Mit dieser Psychiatrierung der Elite als Cluster entrückter Irrer erklären sich dann für den geneigten FAZ-Leser wirtschaftliche Vorgänge wie das Scheitern der Fusion von Daimler und Chrysler oder der Niedergang der Kaufhäuser im Internet-Zeitalter. Die Sozialpsychologie vom Küchentisch ersetzt hier die Geschichtswissenschaft und die Volkswirtschaftslehre. Das ist ein Gewinn an Unterhaltung. Wenn man liest, was Herr Middelhoff in einem Gefälligkeitsinterview der BILD am SONNTAG über seine Rolle als taschengepfändeter Sündenbock zu erzählen weiß, fühlt man sich eh im Reich der Seifenopern. Da kann ein wenig Hedwig-Courths-Mahler nicht schaden.
Meck-Weiguny als Courths-Malheur, das ist einfach nicht gut genug. Die Psycho-Nummer verpasst die wirklichen Geschichten. Ich will das an der Person des Thomas Middelhoff, genannt Big T, erläutern. Ich habe ihn beraten und werde keine Indiskretionen begehen, aber doch ist aus seinem Leben etwas zu erzählen. Der Mann hatte sich mit seiner Familie auf einem alten Fabrikgelände in Bielefeld, einer C-Lage in einer D-Gegend, in einem ganzen Areal ein eigenes Dorf gebaut. Es gab neben seinem Herrensitz in bescheidener Vorstadtvillenqualität das Häuschen seines pensionierten Vaters, das Gebäude der Domestiken, den mit Enten besetzten Teich und den englischen Garten mit geometrischen Buchshecken, alles in allem eine Idylle. Von hier jettete er nach New York, wo er durch geschickte Deals mit Herren, die er beim Vornamen nannte, die Bertelsmann-Gründerfamilie zu Milliardären machte. Zur Kommunion seiner Tochter soll er dreißig Minuten vorher aus NY einfliegend gelandet sein, gerade noch rechtzeitig. Der Bürger als Edelmann, würde der Franzose sagen.
Thomas Middelhoff ist ein katholischer Junge aus dem Düsseldorfer Kleinbürgertum, der in der Dot-Com-Blase eine besonders große Blase blasen wollte und das in einem Haus, das aus Buchclubs erwachsen war, auch konnte. Und er traf auf Eigner, die nicht von den Kapitalmärkten träumten, sondern davon die Firma den Kindern lassen zu können. In diesem Kontext fiel Big T aus der Zeit. Ein Held auf der Waldbühne in Ostwestfalen (einschließlich Gastspiel am Broadway) ist nicht notwendig der Staats- und Hauptakt in einem Shakespearedrama. Uns sollten also die alten und die neuen Zeiten interessieren, nicht, was irgendwelche Headhunter oder sogenannte Coaches in die Seelen jener lesen, die sie nur aus zweiter Hand, bestenfalls dem Manager Magazin kennen. Diese journalistische Psychiatrierung erklärt nichts, selbst wenn die Gemeinten wirklich eine Klatsche haben. It’s the economy, stupid!
Wir reden von ursprünglich inhabergeführten Verlagshäusern zwischen Hamburg und Gütersloh, die ihre Führungskräfte bezahlten wie Vorstände von Investmentbanken. Wir reden von der Internetblase vor dem großen Zusammenbruch der Kapitalmärkte. Wir reden von etwas, das „deal making“ heißt und Millionen bringt. Wir reden von Jetset. Ich habe mal in Davos mitbekommen, wie eine Figur aus diesem Geschäft, die auch nur einen Vornamen hatte, meine Mitarbeiterin anmachte, um dann mit ihr nach London zum Frühstück zu fliegen, und nachmittags wieder in Davos war, weil Jürgen G. da zu einem Skilauf geladen hatte. Geld spielt keine Rolex. Das ist eine andere Welt als die des Einzelhandels in bigotten Großstadtkaufhäusern, in denen schlecht gelaunte Verkäuferinnen miteinander über die Belastungen des Klimakteriums plauschen, statt Kunden zu bedienen. Und nicht alle Irren sind gleich.
Der Sturz von der Spanischen Treppe beispielsweise hat eine andere Logik, die Dietmar Hawranek gerade im SPIEGEL am Beispiel GM/Opel aufschließt: in der Autoindustrie geht es um Autos, also um Technik, zu denen Finanzer, die sich um Controlling, ihre Trinkgewohnheiten und Assistentinnen kümmern, einen anderen Zugang haben als begabte Ingenieure. Alles Krimis der Wirtschaft, Romane der Technik, Dramen des historischen Wandels, aber doch nicht der Courths-Mahler-Motive, die die Heftchenromane füllen.
Auf JFK treffe ich Edward N. Luttwak, der neben seinen Bemühungen als Historiker eben auch im Aufsichtsrat einer bedeutende Airline sitzt. Er verflucht die Kleingeister in den Vorständen und lobt die Größenwahnsinnigen: „Yet everyone in the industry has to accept the fact that contrary to all logic entire airlines can go up with a charismatic leader or go down with an earnest plodder.“ Bei der Lufthansa haben sie sich für den zweiten Weg entschlossen. Luttwak zitiert Napoleon: „In war, moral power is to physical three parts out of four.“ Er empfiehlt mir das neue Buch seines Kumpels in Oxford Archie Brown (The Myth of the Strong Leader), der sich vierhundert Seiten daran abarbeite, dass bei den Charismatischen etwas nicht stimme. „Right he is, but who the fuck cares?“
Quelle: starke-meinungen.de