Logbuch

WEIN AUS PLASTIKBECHERN.

Die Amis sind Kulturbanausen. Eh klar. Glaubt man. Ich habe an einer Verköstigung von „Rhinevine“ teilgenommen, wo es die warme Sürge mit Eiswürfeln aus Plastikbechern gab. An der Universität von Minneapolis Minnesota. Warmer Riesling geht gar nicht. Aber Vorsicht, werte Germanen. Ich habe mit Umberto Eco in seiner Mailänder Bibliothek einen sauteuren Roten aus Puglia getrunken, den er urplötzlich hinter Büchern herholte, und zwar aus Plastikbechern. Jetzt Ihr! Leicht angesäuselt spreche ich ihn darauf an; er rollt sich ab. In Deutschland seien die Gläser besser, schon klar, aber der Rote ein Dreck. Eco sagte, dass das Anlösen von angetrocknetem Spülmittel in muffigen Kristallgläsern ein barbarischer Akt sei. Er bestand auf der geschmacklichen Überlegenheit des Plastikbechers. Ich erleben das im Süden auch bei Familienfesten, ausgezeichnetes Essen, großer Tisch im Hof, Plastikgeschirr. Demnächst mehr zu seiner unmöglichen Bibliotheksleiter. Ecos, in Mailand. Also, Stil stelle ich mir anders vor.

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DAS MENU.

Es geht das Wissen verloren, wie man ein perfektes Menu kocht. Es nimmt die Fast-Food-Idiotie zu. Speisenfolge ist eine KOMPOSITION. Das Menu ist eine künstlerische Anstrengung. Denn ein Sonntagsmahl ist wie ein Gemälde oder ein Gedicht. Ich denke an Alici, kleine rohe Fische in Öl, Zitrone und Radieschen. Dann Spaghetti Carbonara (keine Sahne !). Schließlich Kalbsnierchen, scharf gebraten in Knoblauchbutter. Zum Schluss Nusstorte. Dazu einen schweren Weißen aus Sizilien. Über Jahrhunderte waren die die Grundlage für die teuren, aber schmalbrüstigen Franzosen. Ein perfektes Gedicht? Das von dem römischen Brunnen von C F Meyer. Oder die Zwei Segel, auch von ihm. Und ein tolles Bild? Ich würde sagen, das aus dem Pariser Vergnügungspark mit dem Thekenfräulein, wo man im Spiegel den Saal sieht und irgendwie auch den bestellenden Gast. Oder der flandrische Geldwechsler und seine Frau. Es geht auch beim Menu um den Perspektivenwechsel.

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EINFACHE LEUTE.

Respekt vor den Nöten der Armen, dem Leben der einfachen Leute. Was der HELDENKULT vielleicht verstellt. Wenn man die Verehrung der HEILIGEN & HELDEN gegen den Strich bürstet, entdeckt man dahinter die Ängste der Gläubigen, die Abgründe ihres ABERGLAUBENs. Lese gestern etwas zum Heiligen NIKOLAUS von Myra, jener Gestalt, die wir am 6. Dezember ehren. Nikolaus, der früher mit Knecht Ruprecht kam und die Kinder tadelte, um sie dann zu loben. Geht auf einen historischen Bischof zurück. Wurde im Volksglauben einer der Nothelfer. Erste Überraschung: er war ein Türke (kam aus der Region Kleinasien, das ist heute türkisch). Zweite Überraschung: zeitgenössische Bilder zeigen ihn häufig mit drei Goldklumpen oder goldenen Äpfeln. Die soll er drei Töchtern eines verarmten Edelmanns zugeworfen haben, weil die, wie es heißt, mitgiftlos waren. Hallo? Jetzt kommt es: Um zu verhindern, dass sie „in ein Freudenhaus verkauft“ würden. Das also stand als Perspektive für Unverheiratete zu befürchten. Dritte Überraschung: Nikolaus immer wieder auf Bildern mit drei lebendigen Knaben. Die hatte er, der Wunderheiler, aus der Pökeltonne eines Wirtes befreit, in der sie, zerteilt und eingesalzen, gelegen hatten. Hausmannskost, Essen satt. Man glaubt es nicht; heutzutage glaubt man es nicht mehr. In der Pökeltonne eines Wirtes? Anderseits. Jetzt, wo ich seuchenbedingt „statt Borchardt nunmehr Bofrost“ habe: Hat vielleicht doch sein Gutes, dass die Wirte gerade serienweise pleitegehen.

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Sic transit gloria mundi

Der britische Premierminister gerät in diesen Tagen unter Druck, weil er sehenden Auges einen Regierungssprecher eingestellt hatte, der in dem Pressereich des dortigen Axel Springer, eines Australiers namens Rupert Murdoch, eine Boulevardzeitung durch illegales Abhören von 600 Promi-Handies und Schmieren von Polizisten schlau gemacht hatte. Der Boulevard-Journalist Andy Coulson wurde Medienberater der Konservativen Partei und zog dann in die Regierungszentrale als Camerons Sprecher ein; jetzt muss er, da nach 130 Prozesstagen verurteilt, in den Knast.

Freigesprochen wurde die Verlagsleiterin Rebekah Brooks, eine Frau, die ich wirklich bewundert habe. Sie hatte den Charme einer Heiligen, die Macht einer Regentin und den Jargon der Gosse; die Kombination ist unschlagbar. Brooks ist eine Journalistin, die sich hochgeschrieben hat von der halbstudierten Schulschönheit zur ungelernten Tippse zur Skandalreporterin zur Chefredakteurin einer rüden Boulevardzeitung zur Chefin des Verlagshauses; alle Achtung. Wegen ihrer wilden roten Haare nennt man sie ehrfurchtsvoll mehrdeutig „the red top.“

Mit Freunden war ich von Oxford aus auf’s Land gefahren. Der Dekan der Altphilologen hatte ein Landhaus, bescheiden Hütte (cottage) genannt, in den Cotswolds, einer Idylle des englischen Landlebens, und John nahm uns an einem sonnigen Nachmittag mit zu einer Garteneröffnung in der Nähe von Chipping Norton. So etwas gibt es nur in der Nation der Gartenverrückten. Wenn das Grün hinter’m Haus einigermaßen in Schuss ist, lädt man Freunde und Bekannte zu einer Eröffnung, auf der Tee und  fingerbreite Gurkensandwiches gereicht werden. Man staunt dann pflichtschuldig über Rosen und Stauden und den Ginkgo, der dieses Jahr besonders prächtig ist. Der örtliche Pfarrer ist anwesend. Als er erfährt, dass ich Deutscher bin, sagt er den Satz, den er auf Deutsch kann: „Nickt auf den Bodden spukken.“ Ob das entsprechende Emailschild noch immer in deutschen Zügen hänge, will er wissen. Man hält die als Hunnen titulierten Deutschen hier nicht unbedingt für eine Kulturnation.

Mitten in einem belanglosen Gespräch über bunte Blumen namens Cosmeen, auf deren Erde man Teereste gießen soll, erfahre ich, dass die Rote Spitze ihr Pferd an David ausgeliehen habe. Man tuschelt. Ich versuche wissend auszusehen, was mir nicht gelingt. John klärt mich auf, nachdem er mich an die Seite gezogen hat. Der Premierminister David Cameron hat seine Hütte (siehe oben) ganz in der Nähe. Und Rebekah (siehe auch oben) lässt ihn reiten, auf ihrem Gaul, versteht sich.  Gelächter. Man zitiert im Garten eine E-Mail von Rebekah an den Parteichef der Konservativen, dass man in dieser Sache jetzt zusammen sei, die bei einer Untersuchungskommission herausgekommen sei. Die Sache ist allerdings nicht Sex’n Ride, sondern das Engagement dieses Teils der Boulevardpresse für eine bestimmte Partei angesichts der nächsten Wahl. Man hatte in der „Sun“ (Porno auf Seite 3) die Sozialdemokraten unter Gordon Brown aufgegeben und sich den konservativen Oxfordjungs unter Cameron angeschlossen. Die Gartenparty in den Cotswolds hat mir gezeigt, was es heißt, wenn die Eliten eines Landes noch nicht separiert sind. Wer wundert sich dann, dass man einen gefallenen Journalisten auch dann in die Regierungsmannschaft nimmt, wenn seine Enttarnung als Krimineller droht?

Und dann kam sie selbst. Sportlich gekleidet, groß, schreitend, unglaubliches Lächeln, leichte Züge des Lasziven, ein Schwall an lockigem Haar in feuerroter Farbe, alle Männer entzündet und wohl auch die eine oder andere Frau, der vertikale Ausdruck einer sehr horizontalen Idee. An diese Szene werde ich jetzt erinnert, da es Rupert Murdoch gelungen ist, seinen CEO Brooks aus dem Strafprozess unbelastet herauszuholen. Wir sehen nämlich hier, was der Traum des unbeholfenen Christian Wulff mit den Schwitzhändchen war, als er noch in der Gnade der Chefredakteure des Boulevard stand und unter den Reichen der Republik wandelte, auf wessen Kosten auch immer. Die Spitze des Staates mit den tiefsten Brieftaschen und dem Sex der Vorstädte vereint, so sieht das Glück jener aus, die in der Klassengesellschaft ganz nach oben wollen. Auf der Hinfahrt hatte der River Avon Flut und strahlte als prächtiger Strom in der Morgensonne. Jetzt, da wir wieder in die Steinwüste Oxfords streben, beherrscht Ebbe das Bild: Man sieht nur noch ein Tal voller Schlamm und Schmutz und mitten drin ein Rinnsal. Sic transit.

Quelle: starke-meinungen.de