Logbuch

ZWEI SEELEN, ACH.

Wo sonst? Wo treffen sich Jungs, wenn sie Zeit haben? Im Baumarkt. Bei Obi spricht mich ein LESER an. Vordergründig verlegen freut mich das natürlich. Man weiß ja nie, wen man erreicht. Das Logbuch erscheint auf drei Plattformen der Sozialen Medien, ich schätze mit insgesamt 3000 regelmäßigen Beziehern und verzeichnet auf der Homepage inzwischen 1662 Glossen. Das ist viel, weil es mich persönlich freut, und herzlich wenig, wenn man sonstige Zahlen aus dieser Welt kennt. Aber man lebt als Autor in der Furcht vor dem Urteil seiner Leser. An zehn oder zwanzig davon denke ich besonders. Zwei, drei fürchte ich.

Die Glossen im Logbuch entstehen als Frühsport, meist bevor der Betrieb bei uns losgeht; die erste meiner wunderbaren Kolleginnen ist um sechs am Start. So entstand eine Leser-Gemeinde. Der älteste unserer Zunft ist dreihundert Jahre dabei, ein Professor in Königsberg. Sein Verleger saß in Riga im Lettischen. Man muss politisch anmerken, dass die ostpreußische Metropole heute Russland ist und Lettland entschieden nicht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Von Immanuel Kant will ich folgendes erzählen: Er war eine sehr liberale Seele und hat Geistlichen zugebilligt, dass sie den Gepflogenheiten ihrer jeweiligen Kirche bei dem folgen, was sie von der Kanzel predigen. Da dürfe man schon mal fünf gerade sein lassen. PR erlaubt. Rigoros war er bei jener Literatur, mit der man unter die Augen seiner LESER trete; dort walte der Geist der Aufklärung. Wahrheitsgebot. Sein Verleger Hartknoch war übrigens engagierter Freimaurer.

Wir unterscheiden seit dreihundert Jahren beim aufgeklärten Menschen zwei Seelen (in einer Brust). Da ist der Bürger als politisches Wesen (citoyen) und der Bürger als ökonomisches (bourgeois). Der Revolutionär und der Spießer. Der erste fährt ein Batterie-Auto, der zweite einen Verbrenner. Der erste will grünen Strom, der zweite französische Kernkraft. Oder noch lieber russisches Gas. Der erste wählt grün oder rot, der zweite schwarz oder gelb.

Wer von dem Citoyen etwas will, ist gut beraten, es dem Bourgeois leicht zu machen. Man nennt das neudeutsch „nudging“, was so was wie „anfüttern“ meint. Oder „deficit spending“, wenn es im großen geschieht. Darf ich mal fragen, was sich die Politik bei der Streichung der Förderung für Elektromobilität genau gedacht hat? Oder bei der Schuldenbremse? Und so rutschen wir hier jeden Morgen vom Banalen ins Grundsätzliche, manchmal auch andersherum.

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DER SCHLÜSSEL.

Volkswagen ist ein Thema und die Medien gieren nach Nachrichten und Kommentaren. Auch auf meiner Mailbox Nachfragen, ob ich Näheres wüsste oder mich in Talkshowsesseln räkeln möchte. Nein. Das mache ich prinzipiell nicht. Aus Respekt vor den aktiven Kollegen. VW steht vor großen Herausforderungen, vielleicht den größten. Alle Beteiligten. Ich drücke die Daumen, wünsche Glückauf und halte die Klappe.

Die einschlägigen Automobilpäpste mögen das anders halten, das ist ihre professorale Freiheit, über Dinge zu plappern, die sie nicht mal halb verstanden haben. Geschenkt. Aber die Öffentlichkeit sollte doch ein Gefühl haben, wo der Hase im Pfeffer liegt. Am Sonntagabend meldet sich in meinem Auto eine Nachricht im Display; ich möge bitte die Batterie im Funkschlüssel erneuern. Wenn der Audi was sagt, höre ich zu (pun intended). Also suche am Montag die Markenwerkstatt auf und stelle mich in die Schlange vor dem Teileverkauf.

Der freundliche Schrauber setzt mir die neue Knopfzelle gleich ein und schickt mich an die Kasse. Ich habe 5,41 € zu zahlen. Für eine Knopfzelle, die beim asiatischen Herstellen keine 10 Cent kosten dürfte. Ich lese auf meinem Schlüssel „Huf“; das kenne ich aus meiner Jugend im Niederbergischen. Huf ist kurz für Hülsbeck und Fürst, eine Gießerei in Velbert, die seit hundert Jahren Schlösser macht. Ich erinnere die, weil sie eine hübsche Tochter hatten, und staune, dass sie die Transformation vom Temperguss zum Elektronikhersteller geschafft haben. So ist der Gang der Dinge, aus der Metallverarbeitung in die Elektronik. Aus Niederberg in die Welt.

Die Karre hat fünf oder sechs Schlösser, die ich mit Fingerdruck schließe und wie von Geisterhand öffne, weil das Funkbiest in meiner Hosentasche schlummert. Was übrigens auch der grimmige Dieb weiß, der an Autos kommt, die sich nächtens aus der Garage mit dem Schlüssel im Flur unterhalten und dabei zu belauschen sind. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Gesamtkosten des Schließsystems, ich habe keine Ahnung, aber sicher ein Tausender. Bei BMW, erzählt mir ein Freund, kriegst Du dafür zwei neue Außenspiegel (in denen die Rundumkamera schlummert); die waren ihm gezielt geklaut worden.

Es ist unsere Bequemlichkeit als Kunden, die eine technische Aufrüstung anheizt, die aus einem gebogenen Blech mit Rädern ein Ensemble von Computern macht, das nur noch ein sehr guter Rechner steuern kann, während ein recht schlechter das Lenkrad hält. Ich habe das Bild der Velberter Schleifer noch im Kopf, die bedeckt mit Metallstaub auf ihren Böcken saßen, kistenweise Bier soffen und Gussteile entgrateten; dazu braucht es heute einen Kybernetiker. Das ist der technologische Sprung.

Das andere ist die Inflation. Fünf Euro sind nach richtigem Geld zehn Mark. Für eine Scheißbatterie. Nun, der Kaffee, den ich mir nach meinem Werkstattbesuch beim Bäcker geholt habe, kostet 4,80 €; auch zehn Mark. Für ne Tass Kaff. Fazit? Eine Binse. Wir sind zum Strukturwandel gezwungen; das ist der Schlüssel.

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HOME OFFICE DIE ZWEITE.

Während des Hausarrestes, zu dem wir während der Corona-Seuche gezwungen wurden, wärmte man ein Konzept aus ganz alten Zeiten auf, die Heimarbeit. Da sich ein Schwachsinn in diesem Land nur hält, wenn er Englisch benamst wird, erfand irgendein Realschüler den Begriff des HOME OFFICE (bei den Inglesen eigentlich das Innenministerium).

Den Fleißigen bürdet das die doppelte Last von Lohnarbeit und Kindesbetreuung wie Hausarbeit auf; es wandelt Wohnzimmer zu Folterkellern mit Teams oder Zoom. Den Faulen gefiel das. Die Morgentoilette konnte sich auf den Oberkörper beschränken; untenrum wurde gegammelt. Seine Dienstpflichten waren in bester Beamtenmanier auf den Anschein der Präsenz zu beschränken. Die wirkliche Arbeit tat das, was sie immer tut, sie geht dahin, wo sie erledigt wird. Oder bleibt halt unerledigt. Schlendrian kommt immer an.

Die Produktivität des indirekten Bereichs sank in den Keller. An ihre Stelle trat Hygge, Gemütlichkeit. Szenenwechsel. Ich interessiere mich für Glashäuser, in denen man ein exotisches Klima simuliert, um, sagen wir, Palmen zu züchten. Bei einem Besuch im englischen KEW erhalte ich den Hinweis auf das österreichische SCHÖNBRUNN; toller Glas-Stahl-Palast im Garten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die junge habsburgische Kaiserin hatte beschlossen SCHÖNBRUNN zur Residenz auszubauen und dort zu leben und zu herrschen. Ein HOME OFFICE des aufgeklärten Absolutismus für Austria, Böhmen und Ungarn. Ich schlendre durch den Palast und halte vor ihrem Bett inne. Ein Monstrum von etlichen Quadratmetern. Man belehrt mich, dort habe sie nicht nächtens geknackt, sondern nur des Morgens ihren Hofstaat empfangen, im Bett, am Bett besser gesagt. Da sie oft das Wochenbett zu teilen hatte, hätte sich das ohnehin angeboten.

Das ist die Idee: HOME OFFICE DIE ZWEITE. Ich bleibe in der Kiste und empfange Klienten wie Kollegen im Boudoir. Und für Videokonferenzen braucht auch kein Mensch Schreibtische. Wenn Maria Theresia ein Weltreich aus den Kissen regieren konnte, dann wird mir das ja wohl auch noch gelingen. Powered by Pyjama.

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Alles Kundschafter des Friedens: Warum Spionage wie Gegenspionage sein müssen

Meine englischen Freunde meinen, wenn sie „Blitz“ sagen, kein Aufleuchten im Gewitter, sondern den Blitzkrieg, den die deutsche Luftwaffe unter Hermann Göring gegen sie geflogen hat. Sie erinnern sich an Bomben über London und Coventry und summen dabei von Vera Lynn „We‘ll meet again“, das sentimentale Lied jener, die im Kampf gegen Hitler ihr Leben lassen sollten. Es waren nicht wenige, und es waren nicht die schlechtesten. Ich frage erst gar nicht, ob sie uns, den Hunnen, die zweimal im letzten Jahrhundert die Welt in einen Krieg gestürzt haben, trauen. Ich frage vorsichtig nach Merkel. Und sie antworten mit der Gegenfrage, ob das die Dame sei, deren Familie freiwillig aus dem Westen in den Osten gezogen sei, die im Kommunismus groß wurde und dann Kohl, den Helden der Wiedervereinigung, aus lauter Dankbarkeit gestürzt habe. Ja, sage ich, eben jene. Man zeigt leicht gequält eine steife Oberlippe. Natürlich trauen sie Merkel nicht.

In Mailand treffe ich Jeff, einen amerikanischen Juden, der in der US-Army gedient hat und mit dem Haufen in Franken gelegen hat. Nach dem Austausch über fränkische Würste und das Bier (die Brüste der dortigen Mädel eingeschlossen), reden wir über den NSA, jenen Nachrichtendienst, der Europa erzürnt. Jeff sagt, er traue keinem Nachrichtendienst. Obwohl er keinen Zweifel an seinem Patriotismus zu dem Land lässt, das seine Heimat ist, ist er doch ein kritischer Soldat. Sie schicken dich in die Scheiße, sagt er, und lügen vorher wie nachher. Und du hast das Problem, weil es dein Arsch ist, den sie dir abschießen. Wir sprechen offen über den Irak, in den er fast gemusst hätte. Und dann wage ich erst gar nicht mehr die Frage, ob er, da er schon seinem Geheimdienst nicht traut, denn meinem traut. In seinem Hinterkopf schlummert eine Erinnerung an einen mit deutscher Perfektion organisierten Holocaust, in dem er seine Ahnen verloren hat. Nicht wenige und nicht die schlechtesten.

Russen sind sentimental, insbesondere wenn sie saufen, also fast immer. Mein Freund Sergej spricht unter Tränen vom großen vaterländischen Krieg, aus dem sein Väterchen nicht heimgekehrt ist. Später am Abend, ein oder zwei Flaschen vom Wässerchen weiter, erfahre ich, dass sein Vater sehr wohl zurückkam, aber der Genosse Stalin einen Dreh fand, ihn dann nach Sibirien zu verfrachten, wo er verschollen ist. Wir trinken darauf, dass die Schufte Hitler und Stalin in der Hölle bleiben mögen, bis sie zufriert.  Kein anderes Land hat soviel Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg zu beklagen, wie die der Roten Armee und die unter der russischen Zivilbevölkerung. Die Verrohung ergriff beide Seiten. Natürlich sahen es viele Rotarmisten als ihr Siegerrecht an, sich an deutschen Mädchen und Frauen zu vergehen. Nicht wenige sind dem nur durch Fraternisieren entgangen, und nicht die schlechtesten.

In Italien darf man zwar vom Faschismus sprechen, aber nicht Mussolini erwähnen. Die deutsche Annahme, dass der Führer nur eine Kopie des Duce war, ist ganz falsch, eine Idiotie der Kartoffelfresser. In Italien waren nahezu alle im Widerstand. Nicht  wenige, aber sicher die besten, also eigentlich alle. Man singt „ciao bella ciao“, das große Lied des Partisanen, der in den Bergen unter einer Blume liegt. Der italienische Nationalcharakter hält das Bescheißen unter Freunden für Sportsgeist. Niemand käme auf die Idee, einem italienischen Staatsdiener irgend etwas zu glauben. Man zahlt ja nicht mal Steuern. Und den deutschen Diensten, kann man denen trauen? Ich frage das, und schon tut es mir leid. Ich blicke in Gesichter, die das blanke Entsetzen zu Fratzen verzerrt. Wie blöd kann man sein?

Man hat in New York nach wie vor ein klares Gefühl dafür, dass die Anschläge am 11. September (9/11) von Herrschaften begangen wurden, die zuvor in Hamburg lebten. Warum zum Teufel soll man darauf verzichten, Deutschland zu überwachen? Weil dies ein souveräner Staat ist? Und was, wenn, ganz ausnahmsweise, mal nicht? Die größte Hoffnung auf Stabilität, sprich Frieden, liegt in einem möglichst dichten System von Spionage und Gegenspionage. Ich finde den DDR-Jargon für Spione durchaus treffend: Kundschafter des Friedens. Im Sinne des Gleichgewichts des Schreckens möchte ich darum bitten, dass sich bitte alle Nationen an dem Spiel beteiligen. Ich schlafe ruhiger, wenn es niemanden gibt, der glaubt, seine Arglist bliebe unentdeckt.

Quelle: starke-meinungen.de