Logbuch
LEERE HÜLLEN.
Wir sehen die Rechte erstarken: Freche Faschisten melden sich wieder zu Wort. Das wundert mich nicht. Ich staune dagegen über die Implosion der LINKEN. Was mal SPD war und was LINKS-Partei, das ganze Spektrum links der Mitte, marginalisiert sich. Wie eine Kirche ohne Pfingsten.
Ich sehe die Köpfe der LINKS-Partei, die verbliebenen, und erinnere ihre Geschichten. Die Elite der DDR, die sich aus der SED rübergerettet hat, meist mit der Lebenslüge, zwar im System gewesen zu sein, nicht aber für die STASI gearbeitet zu haben. Dann die ewigen TROTZKISTEN, die im Westen wirkten. Dann die Freunde des Lafontaine aus der IG Metall und anderen Gewerkschaften. Neuerdings auch aufgestellt: Heldinnen des Grünen, kokett anzusehen. Oder die Dame, die wie Cassius Clay heißt, die ich nicht zuzuordnen weiß. Ein bunter Haufen ohne Agenda, eine Partei ohne Programm, verlorene Verlierer. Und die Kommunistin Sahra Wagenknecht als Josefs späte Rache.
Das Christentum entsteht nicht an Weihnachten oder zu Ostern, sondern an Pfingsten; nämlich erst in dem Moment, in dem der HEILIGE GEIST über sie kommt. Der Glaube ist es, Du Depp! Die LINKE ist von jedwedem GEIST verlassen; jedenfalls einem gemeinsamen. Die Partei eine leere Hülle. So was fällt einfach in sich zusammen. Plopp. Nun sehe ich den Vorsitzenden der wirklichen Volkspartei SPD im TV-Interview vor den Heidschnucken-Idyll seiner Heimat. Nett, glatt, nicht ungeschickt. Seine Mission besteht darin, den Kanzler zu stellen, sagt er. Mehr hat er nicht.
Ich höre einem SPD-Vorsitzenden zu und er sagt schlicht nichts. Nicht ein politischer BEGRIFF, nicht eine inhaltliche KATEGORIE, frei von jeder historischen PERSPEKTIVE. Ich bin wirklich verstört. Er verbittet sich Ratschläge seiner Altvorderen, insbesondere die Sigmar Gabriels. Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren mit dem in Goslar frühstückte und wir über seinen Buchplan sprachen. Geplanter Titel: „Was ist links?“ Ich vermute, nie erschienen. War Gabriel so leer wie Klingbeil? Jetzt jedenfalls ist die SPD im Heidschnucken-Modus.
Plötzlich verstehe ich, was PFINGSTEN bedeutet. Ohne Glaube keine Kirche. Wenn kein GEIST über die Jünger kommt, sind sie einfach ein Haufen eifersüchtiger Trottel, der Vereinsmeierei erlegen.
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AUGSTEIN.
Zwischen dem SPIEGEL und dem Berliner Kleinverlag THE PIONEER der Edelfeder GABOR STEINGART gibt es einen hysterischen Abtausch von eifersüchtigen Kritiken, bei denen nun der Kapitän des PR-Pioniers für sich die Vaterschaft des RUDOLF AUGSTEIN einfordert. Das ist der SPIEGEL-Gründer, zu dessen Kind er sich nun stilisiert.
Anderen Kindern deren Väter streitig zu machen, das gälte im Familiären als unfein. Hier geht es aber um eine Frage des STANDES und der ZUNFT. Wo ist der Hort wirklichen Journalismus? Der beim SPIEGEL wie dem HANDELSBLATT gescheiterte STEINGART sähe das gerne bei sich. AUGSTEIN ist sein Sehnsuchtsvater; das reklamiert er ausdrücklich. Das ist von einer Übergriffigkeit, die mir den Atem verschlägt.
Ich habe RUDOLF AUGSTEIN noch erleben dürfen; stockbesoffen und gut gelaunt im Chilehaus, als noch STEFAN AUST sein Ziehsohn war. Den rufe ich gleich mal an; ich habe noch ein wichtiges Thema mit ihm aus den alten Zeiten. Schon jetzt ist klar, dass ich nicht zitieren werde, was er zu der Buhlvaterschaft des ehrpusseligen Musikdampferkapitäns sagen wird. Wir können uns auf unsere Diskretion verlassen. Nur soviel: Ich habe Zweifel, dass mir der damalige Ziehsohn bei der Beurteilung des heutigen Buhlsohnes widersprechen wird. Meine These war ja:
„The Pioneer is PR!“
Jetzt zu AUGSTEIN. Dessen Motto „Sagen, was ist!“ spricht mir aus dem Herzen, weil Journalismus der Kampf um WIRKLICHKEIT ist. Wenn das zum Kampf um WAHRHEIT verkommt, handelt es sich um Propaganda. Immer und überall. Bei den Berliner Pionieren in der milden Form, PR genannt. Dass sich PR heutzutage des Journalismus bedient, das ist nun wirklich keine Sensation mehr. Sagen, was ist.
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QUAL DER WAHL.
Was Berlin so alles bietet. In dem von Touristen zu besuchenden Hotel am Spreebogen setzt man auf Verlässlichkeit. Die kleine Abendkarte ist seit Monaten, wenn nicht Jahren gleich. Den Tisch bucht man, da im Hotel das Telefon selten bedient, über einen Internetdienst. Wenn man Glück hat, ist Mehmet abends da und der Service wird perfekt.
Es gibt ein Gericht, das die Karte mit „1 kg gebratene Riesengarnelen“ verzeichnet. Kostet 56€, was für einen Gang in einem Hotelrestaurant ja ein Wort ist. Und zwei Pfund Garnelen, das ist opulent. Übrigens gleichbleibender Qualität, also Tiefkühlkost. Ich bin froh, dass der sehr meinungsstarke Gordon Ramsay („kitchen nightmares“) jetzt nicht am Nachbartisch sitzt.
Anders bei Fabrizio. Wir haben für gestern zu fünft einen Tisch, den mein Büro bei ihm gebucht hatte; er fragt dann, wer kommt. Nachmittags um drei klingelt mein Handy. Es ist Fabrizio vom Fischmarkt. Er kann einen Wolfsbarsch in vorzüglicher Angelware kriegen, zu sechs Pfund. Ob wir den wollen? Wir wollten, habe ich aus dem Bauch entschieden. Übrigens hat Gordon Ramsay es auch am Knie, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Wolfsbarsch ein Prachtexemplar, zubereitet in einer Salzkruste. Das Köstlichste an „loup de mer“, was wir je hatten. Ein Raubfisch von Armeslänge, fettarm und zart. Pro Nase hat der weniger gekostet als der Tiefkühlbeutel Garnelen bei „Carl & Sophie“. Im „San Giorgio“ von Fabrizio Fiorentino gab es dann als Extra noch den Auftritt seines Vaters, der meine etwas nachlässige Frisur mit dem abfälligen Hinweis quittierte, ob ich jetzt Dirigent sei.
Mehr wird hier nicht verraten. Sonst sitzt demnächst zwar nicht Gordon Ramsay am Nachbartisch, sondern einer meiner Facebook-Freunde. Oder schlimmer noch, ein Anonymus von X mit blauem Haken. Oder Peter Sloterdijk in kurzen Hosen.
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Gauck hatte den Farbfilm vergessen
Pathos, das ist irgendwie nicht mein Ding. Als der französische Präsident Francois Hollande den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Elsass ans Händchen nahm, ging mir das nicht glatt durch den Hals. Zugegeben, es war nicht so peinlich wie weiland das Händchenhalten des Pfälzer Trumms Helmut Kohl mit dem eher schmächtigen Francois Mitterand. Aber irgendwie haben wir die Fähigkeit zu großen pathetischen Gesten verloren. Typisch für ein Land, das sich nicht mal hat durchgängig darüber freuen können, dass am deutschen Wesen zumindest die Fußballwelt genesen soll. Das Hurra über „….schland“ war nicht immer ein Spiel. Und schon gar nicht ein Sieg.
Vor hundert Jahren hat das Deutsche Reich den Franzosen den Krieg erklärt und einen Kontinent in den Abgrund gestürzt. Wessen Alleinschuld auch immer: Mein Großvater zog in den Schützengraben, weil er glaubte, dies sei seine Pflicht als Deutscher. Es ging 14/18 gegen den Erbfeind. Die demagogische Erfindung des Erbfeindes durch eine nationalistische Politik erspart aktuelle Begründungen für Kriegshandlungen. Sie erklärt den Hass zum hinreichenden Grund für den Hass. Damals wie heute. Man schaue in den Nahen Osten oder die Ukraine. Mein Großvater hat das Abenteuer überlebt, sonst wär ich nicht da. Meine Familie schüttelt heute den Kopf über den Gang der Geschichte.
Ich sitze mit meinem Vater im Garten von Schloss Hugenpoet und wir genießen den Sommer. Der alte Herr ist über neunzig und hat ein weiteres Abenteuer überlebt. Er erzählt vom Beginn des Zweiten Weltkrieges. Es sei ein Tag wie dieser gewesen, als sein Vater und dessen Bruder, beide heimgekehrte Kriegsteilnehmer, in den Himmel geschaut hätten, wo die Bomber in Richtung Frankreich flogen. Seine Altvorderen hätten sich gefreut. Jetzt, so war ihre Hoffnung nach der Schmach des verlorenen Krieges, jetzt zeigen wir es dem Franzmann aber. Die Luftwaffe der Herren Hitler und Göring sollte es richten. Mein Vater schüttelt den Kopf über diesen Irrsinn und sagt uns, den Nachgeborenen: Es war ein schöner Sommertag wie dieser.
Teile meiner Familie sind mit Hurra in den Ersten Weltkrieg gezogen und das Pathos hielt für einen meiner Onkel, auch angesichts seiner Arbeitslosigkeit, noch an, andere mussten in die Uniform gezwungen werden, weitere Generationen haben den Kriegsdienst gänzlich verweigert und zeigen nunmehr eine Allergie gegen nationales Pathos. Das Elsass, mal französisch, mal deutsch, ist eine gute Region zur Dokumentation des Wechselgangs der Geschichte. Die verbrüderten Staatspräsidenten sprechen sich gegen „übersteigerten Nationalismus“ aus und halten Händchen. Auch das geht mir nur schlecht durch den Hals. Es ist eine selbstbewahrheitende Formulierung. Das Problem ist nicht der übertriebene Nationalismus, sondern der Nationalismus.
Die Nation ist eine demagogische Konstruktion, in der sich ein Staat eine konstruierte Identität der historischen Überlegenheit gibt. Was eigentlich nur ein Vertragswerk ist, mit den eigenen Bürgern wie den Nachbarn, wird umgelogen in eine ethnische oder kulturelle Identität, die, wie alle Ressentiments, stimmt und auch wieder nicht. Identität wird zur Superiorität, Menschen zu Herrenmenschen. Der politisch entscheidende Punkt liegt nicht in den sprachlichen oder rassischen Wurzeln, die mögen einlinig oder vielfältig sein. Die Nation ist dort ein Kampfbegriff, wo sie ihre Identität über die anderer Staaten stellt. Das ist der böse Klang, den die Parole „Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt“ erhalten hat.
Deshalb sehen wir mit einer inneren Distanz, wie der deutsche Präsident Händchen hält und anschließend klug spricht, und konzentrieren uns auf die Sonnenbrille, die der Pfarrer aus dem Osten dabei peinlicherweise trägt. Sagt die Blonde am Tisch: „Er hat wieder den Farbfilm vergessen.“ Schloss Hugenpoet ist eine Wehrburg aus der Zeit Karls des Großen, eines deutsch-französischen Kaisers. Sie wurde mit Wassergräben umfriedet. Der Trutzcharakter der Anlage zeugt davon, dass es keine friedlichen Zeiten waren, in der man solche Pfalzen errichten musste, um sich seines Lebens sicher zu sein. Wir trinken einen Elsässer Riesling zum Essen und blinzeln in die Sonne. Im Wassergraben schwimmt träge ein riesiger Fisch, den sie Koi nennen.
Fragt mein alter Herr: „Und, sind die Engländer klüger als wir?“ Ich antworte als einer, der die „reeducation“ verinnerlicht hat: Einst ja, jetzt nicht mehr. Weil wir klüger geworden sind. Und im Englischen ist „pathetic“ heute ein Schimpfwort. Man sagt es mit tiefer Abscheu über Leute, die eine Welle machen. Weil man vermutet, dass hinter den großen Gesten niedere Motive lauern. Klug. Man kann Patriot sein, ohne dem Nationalismus anheimzufallen.
Quelle: starke-meinungen.de