Logbuch

CHARISMA.

Wie die Verzauberung eines Hans Wurst zu einem charismatischen FÜHRER gelingen kann, ist ein großes Geheimnis. Aber wenn er dann den Heiligenschein hat, leuchtet er so hell, dass er blendet. Verblendet. Charismatische Führer sind immer VERFÜHRER. Bitter ist das Gegenteil: wenn aus der Heiligen wieder eine ganz normale Trulla wird. Ein Gesamtkunstwerk zerfällt in seine banalen Teile. Man schaut nicht mehr auf, sondern genau hin. So ging es AKK. Fast mitleiderregend. Albern gekleidet, unkonzentriert mit flatternden Blick vor einem leeren Parteitag. Tschö mit Öh. Und kein Wort, keine Silbe, keine Geste von Merkel, der kalten Machiavellistin. Der Ruf dahin. Aus Verehrung des Publikums wird Verachtung. VERLIERER verehrt man nicht. RUHM? Kein Ruhm. Gewogen und für zu leicht befunden wirft die Politik eine ausgepresste Schale auf den Müll. Ich fand AKK nie gut, jetzt aber dauert sie mich. ENTZAUBERUNG. Bitter.

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HAUSTIERE.

Jeder dritte Haushalt hat einen Hund, lese ich. Aber der landet nicht im Topf. Oder auf dem Grill. Er ist Gefährte. Ein Freund. Oder Kindersatz. Ich sehe diese Herrchen, wie sie mit Beutelchen streunend die Kothaufen der Köter einsammeln. Das hat was groteskes. Offensichtlich lebt das Tier doch in keiner artgerechten Haltung. Vom KATZENKLO will ich gar nicht erst reden; das lasse ich meinem Jugendfreund HELGE SCHNEIDER aus Mülheim an der Ruhr. Also, man unterscheide die Wildtiere von den Haustieren und diese beiden von den Heimtieren. Letztere sind etwas tief Perverses. Das Haustier braucht man zur Nahrungsergänzung. Jeder anständige Bergmann hatte früher ein Schwein; außer die zugewanderten Kumpel aus Polen; die hatten eine Ziege. Das Hobby endete regelmäßig in der Hausschlachtung. Die Siedlungen, Kolonie genannt, waren so gebaut: Stall hinterm Haus. Auf dem Land kamen noch die Traktionshilfen dazu, weil man keinen Schlepper hatte, wie der Trekker im Westfälischen hieß. Anders die SPIELTIERE. Dazu kenne ich ein wunderschönes Gedicht aus dem Mittelhochdeutschen. Es geht um jenes Spiel, das heute nur noch die Sprosse der Ölscheichs pflegen: das BEIZEN. Man richtete sich einen Falken ab, um damit der Jagd zu frönen. Ich liebe das Ding so, weil es zeigt, wie schräg das Frauenbild mancher Zeitgenossen ist. Ein früher Dichter aus Kürenberg erzählt: „Ich zog mir einen Falken / Mehr als ein Jahr / Und als er war / Wie ich ihn wollte / Flog er in ein anderes Land.“ Worum es geht? Da hat sich eine hochgestellte Dame, die erzählt hier, einen Liebhaber abgerichtet, der ihr zu Gefallen sein sollte; und der hat sich nach einem Jahr aus dem Staub gemacht. Es darf geseufzt werden. In der zweiten Strophe wird es noch bitterer: die Düpierte sieht den Lover prächtig gekleidet in neuen Diensten. Der Falke, das Sporttier, als Gigolo. Überhaupt ist die Beziehung von FRAUCHEN, welch ein Wort, zu dem Objekt ihrer Pflege, nicht frei von EROTIK; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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KULINARISTIK.

Warum nimmt man ein so zartes Fleisch wie ein Rinderfilet und legt es elend lange in den Backofen, nur weil man es zunächst mit einer Pilz- und Zwiebelpaste eingeschmiert und dann in einen Teig gehüllt hat? Welch ein Unsinn. FILET WELLINGTON heißt dieses Ungericht; nach einem englischen General, der die Franzosen geschlagen hat. Mag ja sein, vielleicht auf dem Schlachtfeld, aber nicht in der Küche. Der Sage nach war das so: Er habe dazu sein siegreiches Schlachtross verwenden lassen. Erst reiten, dann essen, die Engländer sind Barbaren. Womit wir beim Thema PFERDEFLEISCH sind. Historisch ein Arme-Leute-Essen. Den Juden ist es eigentlich verboten, den Mohammedanern wohl auch (oder nur die Esel?), zeitweise selbst den Christen; von den Sinti und Roma wollen wir gar nicht reden, die laufen wie die Hasen, wenn man ihnen Fury anbietet. Das ist eine Gefährtenlogik. Man verspeist nicht seine vertrauten Gesellen. Und es ist Kulturkampf: den Chinesen („gelbe Gefahr“) trauen wir glatt zu, dass Hund und Katze im Topf landen. Aber nicht alles ist zu entschlüsseln. Warum gilt das Pferd als hinreichend gewürdigt, wenn es seinen Bug für rheinischen Sauerbraten mit Rosinen zur Verfügung stellen darf? Da geht dann plötzlich Fury. Die Scham geht ansonsten ja so weit, dass unter meinen Schuhen nach Budapester Art nur noch steht: CORDOVAN. Wohl ein Codewort für Pferdeleder. Man bringt da keine Logik rein. Ein Volk, das bei KFC („Kentucky schreit ficken“ laut RTL) Hühnchenflügel („chicken wings“) knabbert, ekelt sich, wenn der Franzmann sich an Froschschenkeln begeistert. Dabei schmecken die nach Huhn. Ist aber wenig dran. So, das Thema Gänsestopfleber kriegen wir erst nächste Woche, wenn es um Tournedo Rossini geht.

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Schottland: Das war echt knapp

Die schottischen Nationalisten haben ihren Separationskrieg verloren. Europa atmet auf. Doch die Büchse der Pandora ist geöffnet. Beim nächsten Mal im Baskenland oder in Bayern könnte es klappen. Denn, so sagen die Nationalgestimmten, Blut ist dicker als Pappe. Der Siegeszug des Nationalen scheint nicht aufzuhalten. Wiedergeburt der autochthonen Nationen? Was wirklich nicht mehr zu schließen ist, das ist die Schere von europäischer Zentralregierung und regionalen Stammeskulturen.

Wer unverbrüchlich weiß, was deutsch ist, hat zugleich einen Stiernacken, Knasttattoos und einen IQ, mit dem man in Lüdenscheid in die Nordkurve passt.

Nationalisten sind „fanatics without a case“: Sie verherrlichen eine edle Rasse oder eine besondere Masse, die es außerhalb ihres dumpfen Empfindens gar nicht gibt und deren Ansprüchen sie selbst am wenigsten entsprechen. Das sah man am lächerlichsten bei Joseph Goebbels, der die hochgewachsene blonde Herrenrasse verherrlichte und ein Gnom mit Klumpfuß war. Wir sind in der Welt der Ressentiments. Die Schotten sind mutige Hünen und die Engländer bucklige Schwuchteln, hörte ich noch eine Woche vor der Abstimmung in Edinburgh in meiner Bar.

Das ist das große Unglück der räsonierenden Menschheit, dass sich die Dummen ihrer Sache immer so sicher sind. Und die Klugen so voller Zweifel. Dem schlichten Gemüt stehen klare Gegensätze vor Augen. Schotte oder Engländer, Bayer oder Preuße. Die Dinge sind gut oder schlecht. Das eine ist des Himmels, das andere der Hölle. Eine Sache ist gewonnen oder verloren. In einer Welt chargierender Grautöne erkennt der Depp schwarz oder weiß.

Den Idioten ist alles selbstverständlich. Sie halten für Natur und Gesetz, was bloßer Zufall und Menschenwerk ist. Ich kenne einen englischen Witz über Waliser und Schotten, den ich hier nicht erzählen kann. Er ist Ausdruck deftiger Vorurteile. Er will in englischem Hochmut die blöden Bewohner von Wales und die Bravehearts in den Highlands beleidigen. Es geht um die Art, wie in Edinburgh oder in Cardiff, beziehungsweise den jeweils umgebenden ländlichen Gebieten, den Schafen unter Zuhilfenahme von hohen Gummistiefeln von den Bauernlümmeln beigewohnt wird.

Der englische Humor weiß auch von Dingen zu berichten, die er für typisch irisch hält. Dass nur ein toter Ire ein guter Ire sei, gehört dabei zum Geringsten. Und in Nordirland, der zu London loyalen Provinz, gibt es Anekdoten über die katholischen Nationaliren, die man noch weniger wiederholen kann als die Frage, wie es beim sheep shagging zugeht. Iren, Schotten und Waliser sind für den Engländer Wesen von einem anderen Stern. Man nenne einen Franken Oberbayer oder einen Badener Schwabe oder einen Westfalen Rheinländer…Die Menschen sind Stammeswesen.

Nationalstaaten sind zerbrechliche juristische Konstruktionen, die sich aus Zusammenschlüssen mehrerer Stämme ergeben haben, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die Deutschen haben Jahrhunderte um die Einheit kämpfen müssen und immer neidvoll nach Frankreich und England geschielt. Das waren Nationen mit Metropolen, vom Herrgott in Granit gehauen. Nun, in Großbritannien ist die Illusion, dass dieses Konstrukt vom Schöpfer selbst stamme, zerbrochen. Little Britain, das Ununited Kingdom, hätte als Flagge nur noch einen Jack, die zusammengezimmerte Union des Union Jack wäre dahingewesen. Das Vereinigte Königreich hat aber trotz der knappen Rettung vor der Separation die Selbstverständlichkeit des Vereinigungswillens verloren. Die Ehe ist nicht mehr heil, wenn die Scheidung nur vertagt wird.

Aber es gibt über den Stammeskulturen einer Region eine Sonne, die die meisten, die unter ihr wandeln, erleuchtet. Das Abendland hat Aufklärung und Moderne zustandegebracht, und wir haben ein Gefühl, was westliche Werte denn nun sind. Der politische Ausdruck dessen ist Europa und Nordamerika, das Transatlantische, der Westen. Unter diesem Schirm werden die Nationalstaaten aber weiter zerfallen, und aus ihrem Mosaik kann auf dem Kontinent werden, was die USA politisch sind: ein gigantischer Föderalstaat. Die darunter handelnden Größen künftiger Politik werden Texas heißen oder Bayern, Wales oder Baskenland.

Kann das gut gehen? Ja. Es braucht eine starke Zentralregierung, sprich Europa, und Subsidiarität. Was das ist, kriegen wir später.

Quelle: starke-meinungen.de