Logbuch

ERNTEDANK.

Eine Horde sektiererischer Frömmler landete auf dem Plymouth Rock, einem Felsen in der Neuen Welt, den sie nach dem heimatlichen Hafen benannt hatten, und begannen mangels ordentlicher Proviant im einsetzenden Winter zu verhungern. So weit, so gut.

Leider ließ sich die indigene Bevölkerung zu einem Akt der Barmherzigkeit hinreißen und gab den Inglesen zu essen. Nicht ahnend, dass damit der Völkermord an den roten Indianern eingeleitet war. Das feiert der Amerikaner bis heute als ERNTEDANK. Dazu versammelt er seine Familien um einen Truthahn, dessen Hals stark dem der Dame des Hauses ähnelt.

Es wäre besser gewesen, wenn nicht die Pilgrim Fathers auf dem Plymouth Rock gelandet wäre, sondern der Plymouth Rock auf den Pilgrim Fathers. Sagt mein amerikanischer Freund. Sein Präsident hat vor dem Fest zwei der hässlichen Vögel begnadigt. Bizarr. Die spinnen, die Amis.

Nun also, Schwarzer Freitag. Seit Tagen faseln davon die Schleichwerbungen im Netz davon. Ladenhüter mit zwanzig Prozent Rabatt, nicht mal zum halben Preis. In Berlin stellen die Woken ihren Müll schlicht auf den Bürgersteig und schreiben ZUM VERSCHENKEN dran.

Aus so einem Karton fische ich ein abgegriffenes Taschenbuch mit dem Titel „Nobody loves a drunken indian“ von einem Clair Huffaker. Alter Schwede. Mit Häuptling Flatternder Adler. Wundere mich, dass die Woken das loswerden wollten.

 

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DIE MOFFEN.

Der niederländische Nachbar hat falsch gewählt. Ein rechtspopulistischer Hetzer in blonder Attitüde ist beliebtester Politiker. Das widerspricht unserer Erwartung an die netten Nachbarn. Das ist ja gerade so, als würde bei uns die AfD-Frontfrau Weidel Kanzlerin.

Dabei war der Holländer immer unser besseres Ich. Das ist mein Ernst. Im katholischen Teil meiner Familie flohen Klosterfrauen vor Hitlers Schergen hierhin und betrieben ein Kinderheim, in dem sich auch jüdische Kinder verstecken konnten und so überlebten.

Aber auch vordergründigere Vorzüge sind zu rühmen, das grenzüberschreitende Einkaufen („Die zwei Brüder von Venlo“), die wunderbaren Nordseestrände oder der Bessen Genever und die Küche Südostasiens, ein koloniales Erbe. Und große Mädchen mit loser Moral habe ich zu rühmen. Vor allem aber diese Kombination von Weltläufigkeit und liberalem Denken. Niemand spricht ein besseres Englisch als Kees, der Weltenbürger.

Jetzt wird die Zuwanderungsfrage wahlentscheidend. Islamfeindlichkeit schwelt und wird geschürt. Ich lerne daraus. Für die Migration gilt der Paracelsus-Satz: Das Gift liegt in der Dosis. Man kann offenbar selbst die weltläufigste Bevölkerung überfordern.

Ich werde mir meine Moffenliebe durch das blonde Fallbeil aber nicht verwirken lassen.

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POTEMKINSCHE DÖRFER.

Verlage veranstalten Events, nun gut. Aber es kommt keiner. Auch egal. Über virtuelle Reichweiten.

Selbst alte Fahrensleute kommen gelegentlich noch ans Staunen. Ich sitze im Berliner Tempodrom, das gut und gerne 4000 Besucher zu beherbergen weiß, auf einer Veranstaltung, an der laut Ausrichter 2000 Teilnehmer partizipieren und zähle in den ersten drei Reihen 45 Menschen. Das ist alles. Das Eintrittsgeld lag bei guten 400€ je Nase.

Der Kongress ist als Gipfeltreffen zur Mobilität („Future Mobility Summit“) ausgelobt; auf der Bühne steht ein dreißig Jahre alter VW Polo, ein abgerissenes Fossil, weil die Vortragenden damals einen VW-Auftrag hatten. Die Karre war weit vor dem Drei-Liter-Lupo von Ferdinand Piëch, dessen Pressesprecher ich ganz gut kenne. Es gibt auf dem Kongress nichts Neues, rein gar nichts. Und keine Präsenz.

Nun, der ausrichtende Verlag erläutert sein POTEMKINSCHES DORF so: das sei eben ein hybrides Event. Die restlichen Teilnehmer säßen daheim an den Geräten. Von diesen virtuellen 1955 Teilnehmern tauchen gegen Mittag dann tatsächlich auch noch 200 auf, so dass der Sportpalast nicht ganz so leer bleibt. Nur noch 3755 leere Plätze. Anschließende Berichterstattung ausschließlich in dem Blatt des Veranstalters, keine andere Zeitung, kein Fachblatt, kein TV, nicht mal Radio Freibier.

Dafür aber zu Beginn ein Auftritt von Klimaklebern und „extinction rebellion“-Spinnern auf dem Podium; eingeladen vom Veranstalter und hofiert. Sagt neben mir ein Motorjournalist der alten Garde: „Verarschen kann ich mich allein!“ Na ja, aber nicht mit 1955 Virtuellen an den Volksempfängern in ihren Home Offices.
Wenn es denn stimmt. Alle Verlags-Zahlen über Reichweiten sind von Baron Münchhausen; notorisch übertrieben. Früher um den Faktor zwei, heute um das Hundert- oder Tausendfache.

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Freund-Feind-Beziehungen als Wesen der Politik

Politik ist paradox. Sie ist die Fähigkeit, das Trennende herauszustellen, obwohl man auf das Gemeinsame hinaus soll. Durch die Betonung des Trennenden schließt man nämlich die Reihen der Anhänger, deren Votum dann die Macht verleiht, die man braucht, um beim Gemeinsamen das durchzusetzen, was einem näher liegt. Wer das kann, der ist dann ein charismatischer Politiker.

Politik ist also zunächst Differenz und Dissens und erst dann, wenn sie gelingt, Kompromiss und Konsens. Im Wesen einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft liegt es, dass es Gegner geben mag, aber daraus keine Feinde werden sollten. Man darf anderer Meinungen sein, ohne dem anderen den Schädel einschlagen zu müssen. Das alles ist leichter gedacht als getan.
Wer das Trennende zwischen den Menschen betonen will, um damit Politik zu machen, der rührt an Tabus. In diesem Graubereich von unterschiedlichen Meinungen einerseits und Verfeindung andererseits gibt es keine klaren Grenzlinien; jedenfalls kann man darüber streiten, wie weit man gehen darf in seiner Polemik gegen den anderen. Wieder eine Paradoxie: Wie bei allen Vergewaltigungen hat nämlich das Opfer das Recht zu definieren, wann eine Grenze überschritten wurde, nicht der Täter. Das ist das eine. Und das andere ist: Das Recht zu beleidigen, steht höher als das Recht, nicht beleidigt zu werden. Beispiel: Ikonoklasmus, sprich das Bildverbot bestimmter Religionen, und das Recht von Karikaturisten, dagegen zu verstoßen.
Dispute auf vermintem Gebiet, ab und zu fliegt einer in die Luft oder beide. Man hat das auch erleben können bei der Diskussion über die genitale Beschneidung von Kindern. Für die einen ein gottgegebener Ritus, der ihre Identität stiftet. Für andere Kindesmisshandlung, jedenfalls ein Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht des Kindes. Wer sich äußert, gerät zwischen die Fronten und ist schnell als Feind identifiziert. Manchmal zu Recht, oft zu Unrecht; vielleicht auch umgekehrt. In den Social Media muss man registrieren, wie dünn die Decke der Zivilisation dann wird. Vom Mokieren zum Mordaufruf sind es manchmal nur Minuten. Wehe, wenn die eigene Unkultur dann noch Rechtfertigung durch eine Revoluzzerreligion erfährt. Den Ideologen ist alles klar, immer.
Mir ist es gerade eben so ergangen, dass ich auf „facebook“ den Kontakt zu einem Journalisten habe blockieren lassen, ihn also aus meiner virtuellen Welt als Stimme getilgt habe. Jetzt plagt mich der Gedanke, ob ich dabei nicht zu empfindlich war. Es geht um einen Intendanten a.D. und österreichischen Titularprofessor, der seinem Ärger darüber, dass in Berlin vom Parlament ein neuer Regierender gewählt wird und es nicht zu Neuwahlen kommt, Ausdruck verliehen hat. Die Berliner SPD bestimmt nicht in Hinterzimmern, wer aufgestellt wird, sondern führt eine Mitgliederbefragung durch, wen sie nominieren soll. Es gibt drei Kandidaten und 17000 Mitglieder, die jetzt eine Briefwahl vornehmen können.
Der Intendant a. D. nennt das ganze eine Perversion der Demokratie und wirft der SPD schiere Machterhaltungspolitik vor. Dass die CDU eine Neuwahl hätte herbeiführen können, bleibt unberücksichtigt. Nun gut, die Schwarzen suchen das Böse bei den Roten und umgekehrt. Nun kommen wir zur Sollbruchstelle. Der österreichische Professor aus Hessen nennt die abstimmenden Sozialdemokraten wörtlich „Volks-Genossen“. Es ist richtig, dass sich die Sozis als „Genossen“ anreden. Es ist auch richtig, dass die Anrede „Parteigenosse“ nur innerhalb der NSDAP üblich war. Und vor allem ist unbestreitbar, dass „Volksgenossen“ eine politische Kategorie des Faschismus war, die es den Juden verwehren sollte, noch deutsche Staatsangehörige zu sein. Der Herr belegt Sozialdemokraten mit einem üblen Nazi-Jargon, und er tut es berechnend.
An dem Punkt sind die Sozis irgendwie komisch. Es gehört zu ihrer DNA, dass sie die einzige Partei waren, die im Reichstag gegen die Machtergreifung Hitlers gestimmt haben. Die politischen Kräfte, in deren Tradition unser Intendant steht, haben mit Hurra den Steigbügel für Hitler gehalten, die Sozis unter dem legendären Otto Wels nicht und sind dafür ins KZ gegangen. Deshalb kann man finden, dass der Jargon vom Volksgenossen zu weit geht. Auf der anderen Seite hatte ich (als Berufskollege meines Gegenübers) den Herrn Intendanten wegen seiner Vergangenheit als Spin Doctor eines gewissen Alfred Dregger aus der hessischen Union als „Dreggers Dreckschleuder“ bezeichnet (ich meinte seine Verdienste um den rechtspopulistischen Diskurs dieses Politikers der Union). Auch nicht die feine Art.
Politik ist paradox; wir selbst sind es. Manchmal weiß ich nach dem Streit nicht mehr, wer Recht hatte. Vor allem kommen mir am nächsten Morgen viele Reaktionen als überzogen vor. Auch meine. Ein Ausweg kann nur darin liegen, dass wir lernen, über das Streiten zu streiten. Das ist der Diskurs über die Grenzen der Diskurse. Ich fürchte, dabei geht es dann noch polemischer zu: “paradise lost“. Aus dem Dilemma erlöst nur eine stramme Religion. Verloren, wer frei davon.

Quelle: starke-meinungen.de