Logbuch

PAROLE.

Einem Kollegen fällt beim Kramen in der Brieftasche gestern ein Zettelchen heraus, das ich ihm angebe. Er errötet; dort steht zuoberst ein Wort, das er aufsagen können muss, wenn er in seinem Freimaurerorden den Tempel betreten will. Das könne er nicht behalten. Dann wohl seine PIN, ein Internetcode und der Geburtstag seiner Frau. Mann kann sich nicht alles merken.

So war das schon bei den Pfadfindern. Man musste die Parole kennen und auf Geheiß mit fester Stimme aufsagen. Ich weiß sie noch („Kok-a-lol-lol“), kriege aber nicht mehr zusammen, woher der Unsinn kam. In der politischen Rhetorik sucht man nach Parolen, die Gesinnung formulieren und die der Parole Mächtigen eint. Fritze Merz hat gerade etwas Derartiges aus dem Dentistischen versucht; ist aber, wie immer bei dem unglückseligen Rocker aus Brilon, schiefgegangen.

Die amerikanische Rechte hat sich unter dem Trump-Wort der FAKE NEWS gefunden; alles, was ihr zu widersprechen scheint oder auch nur unerwünscht ist, wird damit belegt und ist sofort erledigt. Herr Aiwanger übt sich darin im Bayerischen gegenüber der trotteligen SZ. Die verhängnisvollste Parole unserer Geschichte war die, dass die Juden unser Unglück seien. Das ist übrigens die binnenfaschistische Bedeutung des Aiwanger-Flugblattes, man spielt klammheimlich und verdruckst auf solche Parolen an. Die Vorhaltung, das sei nicht antisemitisch, ist ein faschistischer Witz.

Unter gelernten Linken war „Rotfront“ mal Parole. Bei den Nazis die Heilszumessung an einen Postkartenmaler. In der DDR gab es einen standardisierten Gebrauch von „Freundschaft“. Was die Freimaurer sich zu raunen, habe ich auf dem Zettel mit halbem Auge zwar gelesen, aber sofort wieder vergessen. Im Westerwald lautet der Gruß „Gudde“ (und irgendwas mit „Wäller ho“). In Berlin blickt man grundsätzlich durch andere durch; hier grüßen nur Zugereiste, meist mit schwäbischem Tonfall.

Was also hätten wir für die Schwarzen als Parole, das nicht vorher schon die Braunen hatten, nachdem das mit den Sozialschmarotzern beim Zahnarzt nicht so richtig geklappt hat? „Alles für Deutschland“ ist strafbar, weil historisch Parole der SA. Von „Blut und Ehre“ oder „Treue“ fangen wir erst gar nicht an. Folgt man dem „JFK aus Düsseldorf“ (dortige CDU-MP, der die Haare schönt hat), ist der Markenkern der CDU nicht „konservativ“, sondern „christlich“. Ich schlage deshalb „Gelobt sei Jesus Christus“ vor; notorisch beantwortet mit einem „In Ewigkeit Amen.“ Oder kürzer GRÜSSGOTT, mit klarer lauter Stimme. Vielleicht ergänzt durch eine kurze Bekreuzigung und Blick zum Himmel. Oder ist das zu aufwendig?

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INFORMALITÄT.

Auf einem Kongress in München mit dem verunglückten Namen „Bits & Pretzl“ (Informationseinheiten plus Laugengebäck) hält die ehemalige First Lady Michelle Obama eine Grußrede und kassiert dafür 700.000 € Honorar. Das finde ich stattlich. Und ich gönne es ihr, wenn sie es versteuert, wovon man ausgehen darf.

So wird Prominenz zu Geld gemacht. Leider bin ich selbst davon Lichtjahre entfernt. Ich ehre mich als Redner, so es mal zu einer Einladung kommt, damit, dass ich weder Honorar noch Spesen nehme. Ich will damit den Eindruck erwecken, ich könnte es mir leisten, bescheiden zu sein. Eine Art protestantische Eitelkeit. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Mir fällt unter hundert Rednern auf dem Promi-Kongress auf, dass nur genau einer der Kerle korrekt gekleidet ist, alle anderen aber einer anderen Regel strikt folgen. Man trägt durchgängig auch auf seinen eigenen Portraitfotos Freizeitkleidung. Offenes Hemd, keine Krawatte, eh klar. Eher so ein Stil, mit dem ich zum Sport ginge oder auf die Gartenarbeit. Bis hin zu regelrechter Unterwäsche am Oberkörper. Es herrscht das Gebot der INFORMALTÄT.

Warum? Niemand will mehr aussehen, als habe Mutti ihn für ein KONVENTIONELLES Ereignis zurecht gemacht. Der englische Geschäftsanzug ist verschwunden. Vor allem aber das geknöpfte Oberhemd mit Manschette. Vom Binder, dem halsumschlingenden Schmucktuch ganz zu schweigen. Die Uniform heißt CASUAL. Es gibt für diese Vermeidungsangst gegenüber Förmlichen einen tieferen Grund.

Der Gentleman unserer Tage ist immer LEISURE, in Freizeitambition; er trägt, was früher der PLAYBOY trugt, eine sportive Strandkleidung: Gunter Sachs in St. Tropez. Das historische Lacoste. Bei den Proleten unter den Neu-Modischen ist das heutzutage ein offenes Oberhemd mit Innenbordüre im Kragen. Boh, so geht heute piefig: Joe Kaeser als Mode-Ikone.

Der Grund? Diese Generation will zeigen, dass ihr der HOMO FABER zuwider ist, der Mensch als Schmied. „Business“ ist out. Sie spielen (!) den HOMO LUDENS, den Menschen als Spieler. Lauter wohlbetuchte PLAYBOYS dem Anschein nach. Und Spießer in der Seele. Sage ich. Ich habe mir gerade zum Nadelstreifen eine Krawatte rausgelegt. Allerdings Einreiher ohne Weste, weil sommerlich. Korrekt ist das nicht. Eigentlich trägt man immer dreiteilig, außer im Garten. Der Mann von Michelle kommt ja auch nicht zu ihren Keynotes in Turnschuhen. Oder? Sicher bin ich da nicht.

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VERQUER.

Es begann mit Gutenberg, die maschinengestützte Publizität. Der zürnende Martin Luther nutzte das Internet seiner Zeit, den Buchdruck mit beweglichen Lettern, zu Flugblättern gegen den Papst und die Katholischen. Auflage damals: wenige hundert. Folge: die Reformation, eine Revolution.

Der geschäftstüchtige Albrecht Dürer erfand die Kennung AD gegen die zahlreichen Raubdrucke seiner Kunst. Die maschinengestützte Kunst brachte die Fälscher ins Geschäft. Und das Geschäft wuchs. Der arme Poet ist eine Metapher aus der Zeit vor dem Internet. Von Anfang an gehen hohe Auflage und klare Autorenschaft zusammen. Geschäft und Macht.

Von Elon Musk lese ich, dass er auf seinem Dienst X, früher Twitter, 157 Millionen Follower hat; eine ungeheuerliche Zahl. Man ist ja einiges an Angeberei zu den Reichweiten im Internet gewohnt, aber die Zahl haut mich doch um. Sie zeigt, dass hier eine Macht entstanden ist, die quer zu den staatlichen Hierarchien liegt.

Dann lese ich, dass seine satellitengestützte Internetbude im Ukrainekrieg schon mal abgeschaltet worden sei, um eine der beiden Kriegsparteien vor einem Angriff der anderen zu schützen, dem damit die Datenbasis fehlte. Das habe er, der kalifornische Oligarch entschieden. War die Macht von Verlegern schon immer so groß? Man rät mir, mich mal mit dem Verleger Rupert Murdoch zu beschäftigen.

Selbst der bei Springer geschasste Julian Reichelt habe auf YouTube 40.000 Follower. Das ist für einen Influencer nicht mal viel. Und zu Elon Musk um den Divisor 4000 geringer. Verglichen mit meinen Lesern ist das der Faktor 40.000. Rechne ist das richtig? Das sind Größenordnungen, denen unsere Vorstellungskraft nicht mehr zu folgen weiß. Wirkliche Macht. Quer zur Politik.

Wenn die Quere nur für wirtschaftliche Zwecke missbraucht wird, dann ist man ja noch beruhigt. Soll er halt Batterie-Autos verkaufen. Ich glaube aber, dass er sich mit anderen Oligarchen darüber streitet, wer der nächste Präsident werden soll. Können die das beeinflussen? Ich fürchte ja.

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Clowns an der Macht

Der amerikanische Präsident gilt als eitel und minderbegabt. Der englische Premierminister als ein Scharlatan. In beiden Ländern, sagen die Kommentare, sei die Lüge an der Macht. Fremdschämen allenthalben über das miese Niveau der Herrschenden. Unser Autor Klaus Kocks  warnt vor vorschnellem Spott.

Seriös sei das nicht, was in Amerika und England da an PR-getriebener Politik veranstaltet wird, finden die „Altparteien“. Das amüsiert die spaßigen Erfolgspolitiker, die sich diesen Begriff der Altparteien ausgedacht haben. Und den der Systemmedien. Der Populist lebt vom anti-elitären Syndrom. Man darf aber das diabolische Potenzial der vermeintlichen Trottel nicht unterschätzen. Denn, bei Licht besehen, ist der Spott über Donald Trump und Boris Johnson  zu billig, weil unpolitisch. Die hochgezogenen Augenbrauen verstehen nämlich nicht, dass das Lächerliche dieser Figuren in den Augen des Betrachters liegt, nicht in dem Objekt der voreiligen Missbilligung selbst. Schon immer waren Macht und Mythos liiert, eine Neigungsehe zwischen Herrschaft und deren Theatralisierung. Die Geschichte ist voller Lügen dieser Art: Napoleon war ein herrschsüchtiger Zwerg, Cäsar lag mit sehr korpulenten Männern im Badehaus, Nero, der Irre, hat sich den Brand Roms zuzurechnen lassen und Caligula, ein anderer Kaiser, schließlich sein Pferd geheiratet. Der Mythos, auch wenn ein dreistes Märchen, schadet Macht nicht, er begründet sie.

Spaltung des Publikums

Adolf Hitler war für den amerikanischen Komiker Charlie Chaplin eine rundheraus alberne Figur, die er nur zu kopieren brauchte, um sie dem allgemeinen Gelächter auszusetzen. Für seine Gefolgsleute, immerhin eine Mehrheit im deutschen Volk, wirkte der „Führer“ aber nicht  lächerlich. Der italienische Faschistenführer Benito Mussolini mag von Widerstandskämpfern als Waldschrat verspottet worden sein; seine Anhänger verehrten den kleinen dicken Mann als heroischen „duce“. Wir mögen im Zeitalter der gesetzten Damentrios (AM, UvdL, AKK) irritiert sein, wenn sich Putin mit nacktem Oberkörper bei der Jagd zeigt; viele russische Seelen fremdeln ob des starken Mannes eben nicht. Die Welt ist ein Theater. Die neuen Helden spalten ihr Publikum. Und zwar mit politischem Kalkül.

Politisch inkorrekt aus Vorsatz

Wenn die bildungsbürgerliche Brille Aufsteiger betrachtet, die aus einfachen Verhältnissen emporgekommen sind, so neigt sie zur Betonung der kulturellen Defizite und der unfreiwilligen Komik dieser Zukurzgekommenen, die es auf den Thron geschafft haben. Gelegentlich geht es um mehr als Bildungsdefizite. Dann nämlich, wenn die Polemik in Rassismus abgleitet oder in andere Tabubrüche massiver Art. Aber, aber… Erlauben wir uns ein Gedankenexperiment: Betrachten wir den muskulösen Putin auf der Bärenjagd aus den Augen des Bauern, der von seiner Hände Arbeit nicht mehr leben kann und den glorreichen Zeiten der russischen Weltmacht nachtrauert. Dem gefällt das Bild, weil er es als Symbol liest. Und Putin gefällt seine Lesart, weil sie seine Macht begründet. In den Public Relations, der PR, ist man mit den Mitteln nicht zimperlich. Ebenso PR ist die Inszenierung von Trump und Johnson als Kämpfer wider das Establishment, wurden beide doch in privilegierte Umstände hineingeboren.

Nützliche Idioten

Wollen wir gar behaupten, dass die Clowns an der Macht aus einer raffinierten Strategie so handeln? Spielen die Irren an der Macht das Irre nur? Werden wir als Wähler also verschaukelt? Ja klar, aber das gilt immer und ist hier nicht der springende Punkt. Der Populist wird von der Begeisterung seiner Wähler wegen seiner Tabubrüche getragen, nicht trotz dieser. Werden seine Anhänger, die sich über die deftigen Parolen Trumps oder BoJos begeistern, also für dumm verkauft, regelrecht verschaukelt? Die Frage beantwortet sich dialektisch: Ja, sie sind Opfer einer wirklich perfiden Demagogie. Die Clowns spielen mit dieser Rolle und damit mit ihren Anhängern. Nur mit ihren Anhänger oder auch mit ihren Gegnern? Was nun, wenn auch wir, die klugen Kritiker des bösen Clowns, ein unfreiwilliger Teil dieses Spiels sind? Die bildungsbürgerlichen Kritiker der Clowns auf den Königsthronen wären dann nur die nützlichen Idioten in deren Spiel um die Mythen der Macht. Der Autor dieser Zeilen eingeschlossen.

Quelle: starke-meinungen.de