Logbuch

Jüden und Christ wie Muselmann, alle beten denselben Gott nur an?

Eine uralte Lebenslüge dessen, was heute multikulti heißt. Der Gott jener Islamisten, die gerade mordend vagabundieren, wie es einst christliche Kreuzritter getan, ist nicht der, den wir aus dem Alten Testament kennen. Schon gar nicht hat er etwas mit dem Gott des Jesus von Nazareth zu tun. Es stellt sich überhaupt die Frage, woran man eine Religion messen soll. Ich schlage vor, nicht an ihren Worten, sondern an den Taten.

Was geschieht den Menschen im Namen der Götter? Es ist eine uralte Ausrede der Schriftgelehrten, das Unrecht, das im Namen ihres Gottes getan wird, als Irrlehre abzutun und Ihn trotz des Elends zu preisen und so das Elend zu verlängern.

Schriftgelehrte bewegen vielleicht philologisch etwas, aber nichts politisch. Disclaimer: Ich glaube nicht an einen identischen Gott aller monotheistischen Religionen. Ich habe keine Äquidistanz zu Judentum und Islam. Nicht mal der Katholischen Kirche möchte ich das Evangelium anvertraut wissen.Ich glaube an eine Erfindung des Christentums, die man das Individuum nennt. Der Mensch als moralisch unteilbare Einheit, seine Würde, das ist mein Glaubensbekenntnis.

Jesus macht seine Ethik der Nächstenliebe frei von der Vorherrschaft anderer: Weder Familienbande noch Stammeszugehörigkeiten noch Staatseinflüsse noch schriftgelehrte Pharisäer haben das letzte Wort. Die Gottesähnlichkeit jedes Menschen ist nicht verhandelbar. Ich lausche in Oxford dem alten Larry Siedentop, der über etwas spricht, das man nur schwer übersetzen kann. Er nennt es „Western Liberalism“.

Beide Worte sind in meinem Hinterkopf belegt, das eine durch Cowboys von John Wayne bis Barack Obama, das andere durch Guido Westerwelle und die Jüngelchen von der FDP. Westlicher Liberalismus, das geht gar nicht. Der Oxford Professor für Ideengeschichte meint aber fundamental ein freiheitliches Denken des Abendlandes in christlicher Tradition, das die Menschenrechte des Individuums in den Mittelpunkt allen Denkens stellt.

Die moralische Gleichheit aller Menschen wie die Säkularisierung wie die repräsentative Demokratie gehören hier hin. Klingt schon besser. Auf dem Weg zur Bibliothek des Keble College in der Blackhall Road hatte ich im Taxi von der BBC gehört, dass der türkische Ministerpräsident eine Journalistin eine „schamlose Frau“ nennt, die sich doch wieder vergewissern möge, wo Gott die Frauen hingestellt habe. Er verbat sich Kritik an seiner Politik. Das ist nicht beiläufig. Zunehmend hört man aus dem Islam Stimmen, die die Gleichheit aller Menschen in Frage stellen, jedenfalls, wenn es um Frauen geht.

Kopftücher halte ich für kein politisches Thema, Vollvermummungen in der Öffentlichkeit schon; insbesondere, wenn sie geschlechtsspezifisch zur Anwendung kommen. Das Individuum hat ein Antlitz. Aus dem politischen Milieu, das die schamlosen Frauen geißelt, wenn sie kritische Fragen stellen, höre ich zudem, dass es für Mädchen ungehörig sei, in der Öffentlichkeit zu lachen. Der nun zu erwartende Hinweis, dass der Koran das differenzierter sehe, ist oben schon abgearbeitet.

Die Erfindung des Individuums als Projekt unserer Kultur („inventing the individual“ sagt Siedentop) ist ein langer Prozess, den der Professor als jahrhundertelangen Krieg beschreibt, als einen Bürgerkrieg („civil war“). Der Mensch kämpft sich frei von den Ansprüchen seiner Familie, seines Stammes, seiner Klasse, vor allem seiner Kirche und seines Staates. Der Staatsbegriff ist nicht französisch oder preußisch, sondern sehr englisch: eine Institution, die man leider braucht. Ein Ungeheuer namens Leviathan, dem man auf die Finger sehen muss, weil es sonst übermütig wird.

Ich muss in meinem Hinterkopf die im Deutschen abgegriffenen Schlagwörter um den Neoliberalismus zum Schweigen bringen. Worum es hier geht, ist nicht die Diktatur des deregulierten Marktes, sondern um einen liberalen Staat. Was in dieser Gedankenwelt von persönlicher Freiheit und Selbstbestimmungsrecht, einer liberalen Zivilgesellschaft wie protestantischer Tugend gar nicht geht, ist die Vereinigung der beiden Erzfeinde , also von „state“ und „church“, zu der unheilbringenden Vorstellung eines Gottesstaates, neuerdings wohl Islamischer Staat. Das ist „secularism“, dass jeder nach seiner Fasson selig werden darf, aber weder Religionen noch Staatsapparate Zugriff erhalten auf das, was man kurz und gut Menschenrechte nennt.

Das hatten die Autoren der amerikanischen Verfassung im aufgeklärten Europa gelernt und dann für die USA aufgeschrieben; deshalb gehören die US of A zum Westen. Und so bestimmt der Professor in Oxford das Westliche: „Western beliefs privilege the idea of equality…which underpins the secular state and the idea of fundamental or natural rights. Thus, the only birthright recognized by the liberal tradition is individual freedom.“

Damit sind Aristokraten wie Oligarchen wie Kalifen aus dem Rennen. Darum sage ich: Deren Gott, das ist nicht meiner. Dass meiner christlichen Nächstenliebe egal ist, wer mein Nachbar nach Glaube oder Herkunft ist, ob nun Jude, Mohammedaner oder Katholik, das versteht sich nunmehr von selbst. Das „Jeder-nach-seiner-Fasson“ wird mein Herz aber nicht davon abbringen, westlich zu schlagen.

Quelle: starke-meinungen.de

Logbuch

Gauck hatte den Farbfilm vergessen

Pathos, das ist irgendwie nicht mein Ding. Als der französische Präsident Francois Hollande den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Elsass ans Händchen nahm, ging mir das nicht glatt durch den Hals. Zugegeben, es war nicht so peinlich wie weiland das Händchenhalten des Pfälzer Trumms Helmut Kohl mit dem eher schmächtigen Francois Mitterand. Aber irgendwie haben wir die Fähigkeit zu großen pathetischen Gesten verloren. Typisch für ein Land, das sich nicht mal hat durchgängig darüber freuen können, dass am deutschen Wesen zumindest die Fußballwelt genesen soll. Das Hurra über „….schland“ war nicht immer ein Spiel. Und schon gar nicht ein Sieg.

Vor hundert Jahren hat das Deutsche Reich den Franzosen den Krieg erklärt und einen Kontinent in den Abgrund gestürzt. Wessen Alleinschuld auch immer: Mein Großvater zog in den Schützengraben, weil er glaubte, dies sei seine Pflicht als Deutscher. Es ging 14/18 gegen den Erbfeind. Die demagogische Erfindung des Erbfeindes durch eine nationalistische Politik erspart aktuelle Begründungen für Kriegshandlungen. Sie erklärt den Hass  zum hinreichenden Grund für den Hass. Damals wie heute. Man schaue in den Nahen Osten oder die Ukraine. Mein Großvater hat das Abenteuer überlebt, sonst wär ich nicht da. Meine Familie schüttelt heute den Kopf über den Gang der Geschichte.

Ich sitze mit meinem Vater im Garten von Schloss Hugenpoet und wir genießen den Sommer. Der alte Herr ist über neunzig und hat ein weiteres Abenteuer überlebt. Er erzählt vom Beginn des Zweiten Weltkrieges. Es sei ein Tag wie dieser gewesen, als sein Vater und dessen Bruder, beide heimgekehrte Kriegsteilnehmer, in den Himmel geschaut hätten, wo die Bomber in Richtung Frankreich flogen. Seine Altvorderen hätten sich gefreut. Jetzt, so war ihre Hoffnung nach der Schmach des verlorenen Krieges, jetzt zeigen wir es dem Franzmann aber. Die Luftwaffe der Herren Hitler und Göring sollte es richten. Mein Vater schüttelt den Kopf über diesen Irrsinn und sagt uns, den Nachgeborenen: Es war ein schöner Sommertag wie dieser.

Teile meiner Familie sind mit Hurra in den Ersten Weltkrieg gezogen und das Pathos hielt für einen meiner Onkel, auch angesichts seiner Arbeitslosigkeit, noch an, andere mussten in die Uniform gezwungen werden, weitere Generationen haben den Kriegsdienst gänzlich verweigert und zeigen nunmehr eine Allergie gegen nationales Pathos. Das Elsass, mal französisch, mal deutsch, ist eine gute Region zur Dokumentation des Wechselgangs der Geschichte. Die verbrüderten Staatspräsidenten sprechen sich gegen „übersteigerten Nationalismus“ aus und halten Händchen. Auch das geht mir nur schlecht durch den Hals. Es ist eine selbstbewahrheitende Formulierung. Das Problem ist nicht der übertriebene Nationalismus, sondern der Nationalismus.

Die Nation ist eine demagogische Konstruktion, in der sich ein Staat eine konstruierte Identität der historischen Überlegenheit gibt. Was eigentlich nur ein Vertragswerk ist, mit den eigenen Bürgern wie den Nachbarn, wird umgelogen in eine ethnische oder kulturelle Identität, die, wie alle Ressentiments, stimmt und auch wieder nicht. Identität wird zur Superiorität, Menschen zu Herrenmenschen. Der politisch entscheidende Punkt liegt nicht in den sprachlichen oder rassischen Wurzeln, die mögen einlinig oder vielfältig sein. Die Nation ist dort ein Kampfbegriff, wo sie ihre Identität über die anderer Staaten stellt. Das ist der böse Klang, den die Parole „Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt“ erhalten hat.

Deshalb sehen wir mit einer inneren Distanz, wie der deutsche Präsident Händchen hält und anschließend klug spricht, und konzentrieren uns auf die Sonnenbrille, die der Pfarrer aus dem Osten dabei peinlicherweise trägt. Sagt die Blonde am Tisch: „Er hat wieder den Farbfilm vergessen.“ Schloss Hugenpoet ist eine Wehrburg aus der Zeit Karls des Großen, eines deutsch-französischen Kaisers. Sie wurde mit Wassergräben umfriedet. Der Trutzcharakter der Anlage zeugt davon, dass es keine friedlichen Zeiten waren, in der man solche Pfalzen errichten musste, um sich seines Lebens sicher zu sein. Wir trinken einen Elsässer Riesling zum Essen und blinzeln in die Sonne. Im Wassergraben schwimmt träge ein riesiger Fisch, den sie Koi nennen.

Fragt mein alter Herr: „Und, sind die Engländer klüger als wir?“ Ich antworte als einer, der die „reeducation“ verinnerlicht hat: Einst ja, jetzt nicht mehr. Weil wir klüger geworden sind. Und im Englischen ist „pathetic“ heute ein Schimpfwort. Man sagt es mit tiefer Abscheu über Leute, die eine Welle machen. Weil man vermutet, dass hinter den großen Gesten niedere Motive lauern. Klug. Man kann Patriot sein, ohne dem Nationalismus anheimzufallen.

Quelle: starke-meinungen.de

Logbuch

BILD Dir Deine Meinung: Kein Judenhass

Man kann froh sein, dass der Springer Verlag vor den Gefahren des Antisemitismus geschützt ist. Das hat auch historische Gründe. Der Gründungsverleger ließ in der Nachkriegszeit seine Berater einen Kanon festlegen, dem sein verlegerisches Imperium unterworfen sein sollte. Und dazu gehörte für ihn, dass die judenfeindlichen Gesinnungen, die in den Vorurteilen der Menschen schlummern, nicht mehr politisch zum Tragen kommen sollten. Gut so.

Allerdings kam der Grundsatz damals aus der Feder eines alten Nazis, der sein Vertrauen genoss, übrigens ebenso wie jüdische Köpfe, die die eigenartige Melange in Axel Cäsars Freundeskreis offenbar zu ertragen wussten. Wie man das wissen kann? Nun, die Formulierung ist verräterisch. Man befürworte, heißt es dort, das Existenzrecht des jüdischen Volkes. Ups, „des Volkes“?

Das Existenzrecht eines Volkes kann nur befürworten, wer auch das Gegenteil denken kann: den Völkermord, die sogenannte Endlösung. Was der umlackierte Nazis sagen wollte, betrifft das Exsitenzrecht des jüdischen Staates, also von Israel. Das ist eine Nachricht, das ist ein Bekenntnis. Die verunglückte Formulierung sagt lediglich Selbstverständliches. Für jedes Volk, jede Religion.

Das Existenzrecht eines Menschen wie eines Volkes kann man weder befürworten noch bestreiten. Es geht also um die staatliche Identität Israels. Dass dies eine Nachricht ist, hängt mit der Gründungssituation des Staates Israel zusammen. Und natürlich mit der Geschichte dieses Volkes. Jedenfalls gehört die Existenzberechtigung  Israels, Merkel hat es betont, zur Staatsräson Deutschlands.

Eine notwendige Unterscheidung besteht zur jeweiligen Außen- und Sicherheitspolitik der jeweiligen Regierung dieses Staates. Im Unterscheid zu vielen, wenn nicht allen Nachbarstaaten ist Israel unstrittig eine Demokratie, womit man von einer demokratisch legitimierten Politik reden kann, aber eben auch von einer Politik, die sich selbst nicht als alternativlos versteht.

Von einem Staat kann man reden, wenn seine Bürger sein Gewaltmonopol akzeptieren und seine Nachbarn die Integrität der Grenzen. Hierzu gilt der Umkehrschluss: Man wird die Grenzen seiner Nachbarn akzeptieren müssen. Ob die sogenannte Siedlungspolitik Israels dem entspricht, weiß ich nicht zu sagen. Vieles von dem, was ich an islamistischer Propaganda zur territorialen Frage höre, ist gänzlich unakzeptabel; eigentlich alles.

Ob die Palästinenser ein Staatsvolk sind, dem die staatliche Souveränität verweigert wird, weiß ich auch nicht zu sagen. Sowohl bei den Palästinensern wie bei den Kurden scheint diese Frage von einer erheblichen Komplexität. Man wird das ergründen können, denke ich, aber aus dem Bauch weiß ich es nicht zu sagen. Die Vernichtunsrhetorik der Islamisten bedarf keiner Würdigung. Das verbiete sich von selbst: siehe oben.

Überflüssig zu sagen, dass wir keiner Religion gewähren, die Menschen zum Brudermord aufzustacheln; nicht mal zum Mord an dem Ungläubigen. Wir hören Unsägliches von fanatischen Moslems. Wir hören schwerverdauliches von Parteien und Politikern in Israel. Selbst Regierungsmitglieder nehmen Positionen ein, die sich mit meinem europäischen Verständnis eines aufgeklärten freiheitlichen Staates nicht vertragen. Würde ich solche Töne in meinem Vaterland hören, würde ich noch deutlicher.

Völlig im Unklaren bin ich mir über Israel als jüdischen Staat einer sogenannten Einstaatenlösung, wenn das bedeutet, dass die nicht-jüdischen Bevölkerungsteile, die dann möglicherweise in der Mehrheit wären, nur eingeschränkte Rechte genössen. Aber man redet wohl noch über das Zweistaatenmodell, das schwierig genug ist in einer Anrainerwelt der Gottesstaaten islamistischer Prägung.

Ob Israel gegenwärtig einen Angriffskrieg führt oder zu einer Verteidigung gezwungen wurde und ob diese Verteidigung angemessen ist, das weiß ich auch nicht so recht zu sagen. Meine Unkenntnis ist erheblich. Warum melde ich mich trotzdem zu Wort? Weil mir an den Unterschieden liegt. Das Existenzrecht von Juden oder der israelischen Bevölkerung jüdischer Kultur und des Staates Israel sind etwas anderes als die Frage, ob eine Außen- und Sicherheitspolitik klug ist.

Wenn man das gesagt hat, kräuseln sich aber schon die Stirnen der Kombattanden. Man ist nur noch wenige Sätze von einer Zuordnung entfernt, die den zweifelnden Betrachter dämonisiert und ihn im Freund-Feind-Verhältnis der Vernichtung durch eine der beiden Seiten anheimstellt. Was also ist das Thema? Menschen, Religionen, Migrationen, Kulturen, Klassen, Parteien, Staatsorgane, Politiken, Hegemonialmächte, Nationen, Bündnispartner? Jedenfalls nicht vermeintliche Herrenrassen oder ebensolche Religionen und deren vermeintliche Überlegenheit.

Es bleibt ein unpolitischer Wunsch: Mögen die Waffen schweigen. Jeder Krieg ist ein Verbrechen an den Menschen, vielleicht ein staatspolitisch unvermeidliches Verbrechen, aber immer ein Verbrechen.

Quelle: starke-meinungen.de

Logbuch

Redest du noch oder pöbelst du schon?

Die Konversation, das Miteinander als Unterhaltung, ändert sich allerorten. Das Weiße Haus redet als Regierung wie ein zügelloser Zecher am Stammtisch. Selbst gesetzte Wutbürger schlagen in der Politik einen Ton an, den man früher eben nicht als bürgerlich bezeichnet hätte. Die Hassrede wird Gemeingut. Allenthalben herrscht ein Informalitäts-Gebot; man muss unbedingt locker sein. Unser Autor Klaus Kocks fragt nach den politischen Konsequenzen der neuen Alltagskultur.

Eine Gesellschaft besteht ausschließlich aus der Kommunikation, die sie bildet. Das hat der große Soziologe Niklas Luhmann gesagt. Wenn das stimmt, besteht Anlass zu tiefer Sorge. Die Menschen verlieren den Respekt vor einander, weil sie keinen Respekt mehr vor der anderen Meinung haben. Oder der anderen Religion oder Hautfarbe. Den Ton beherrscht dabei ein Zwang zur Originalität, zum allseits und immer Lockeren, der Privatheit verletzt und Pöbeln als Ausdrucksform anerkennt. Die neue Distanzlosigkeit muss erschrecken. „Klar, Alta, was ich voll Geiles meine?“

Das Gutsherren-Du

In autoritär geführten Unternehmen herrschte früher ein Umgangston, der sehr genau zwischen den Hierarchien zu unterscheiden wusste; jedenfalls war immer klar, wer den Herrn und wer den Diener zu geben hatte. In der Aktiengesellschaft, in der ich meine ersten Sporen als Manager verdiente, wurde ein sogenannter Gutsherrenton gepflegt. Der Boss in dem Laden adressierte mich, seinen Redenschreiber, also den Stift des Meisters, mit einem „Du“ und dem Nachnamen, mal quasi-kameradschaftlich, mal in harschem Befehlston. Auf akademische Titel wurde gegenüber Untergebenen sowieso immer verzichtet. Im Umkehrverhältnis adressierte man den Vorstandsvorsitzenden, so man überhaupt in der Stellung war, ihn anzusprechen, mit seinem Adelstitel als „Herr von XY“. Es gab Nuancen in dieser Montankultur zu dem Feudalsystem des Absolutismus, allein die Machtfrage blieb auch hier nie offen. Die Struktur stand immer vor der Funktion. Man trug eisenbeschlagene Schuhe („Budapester“) und dreiteilige Anzüge in grauem Flanell, dazu selbstverständlich Krawatte.

Smart & casual

Heute ist es in den Unternehmen ganzjährig wie im Rheinland an Weiberfastnacht; der Schlips ist weg. Ich habe noch in einem großen Verlagshaus erlebt, wie die versammelten Manager sich den Binder vom Hals rissen, wenn der CEO „sans cravate“ dem Firmenflieger entstieg. Sie nannten ihn, den Herrn Doktor an ihrer Spitze, damals salopp „Big T“, weil sein Vornahme Thomas lautete. Es begann ein Wandel von der alten Firmensprache hin zum Idiolekt der Ghetto-Gangs. Man pflegt seitdem eine Anredeform, die sich „on first names“ nennt und selbst vor Spitznamen nicht zurückscheut. Dazu hat der Vorstandsvorsitzende, jetzt „chief executive officer“, seinen christlichen Taufnamen auf eine einsilbige Kurzform heruntergekürzt, die dem amerikanischen Idiom entgegenkommt. Es ist wie in dem Kinderlied, „Jill and Joe“ sind darob happy und froh. Man trägt keine Krawatten, oft gar eine ausdrückliche Freizeitkleidung, die sich selbst als „smart casual“ definiert. Turnschuhe im Büro gehen auch. Ich bin irritiert: Zwischen dem Plauderton von Schulmädchen und Personalentscheidungen des Aufsichtsrates besteht im Stil kein Unterschied mehr. Und so hat es den Anschein, als stehe nun die Funktion über der Struktur. Weil ja nur noch Leistung zähle… Das ist ein Trugschluss. Am Ende des Tages macht der Boss das Licht über deiner Karriere aus, wenn ihm danach ist. Auch wenn er nun nicht mehr Heinrich von Plittwitz heißt, sondern Joe Kaiser.

Pöbelnde Propaganda

Mein Onkel Heinz, der nach dem Krieg als ehemaliger Marineoffizier zum gehobeneren Teil der Familie gehörte, war Nachrichtenchef im Bundespresseamt unter Adenauer. Er gab sich stets die allergrößte Mühe, als Diplomat zu erscheinen. So war er sehr darauf bedacht, seine proletarischen Wurzeln als Sohn eines Bergmanns nicht mehr aufscheinen zu lassen. Der Regierungssprecher, sein Chef, war damals, wenn ich mich recht erinnere, auch Offizier und ein Herr mit Adelstitel. Die Regierung war, so wie die Banken, wie die Unternehmen, ein geordneter Raum. Nie hätte mein Onkel Heinz für möglich gehalten, was uns heute als regierungsamtliche Kommunikation aus dem Weißen Haus erreicht. Donald Trump pflegt, vermutlich von der Bettkante, einen Twitter-Stil, der nicht nur informell ist, sondern ganz bewusst die Grenze zum Stammtisch überschreitet. Seine Sprache wird als rassistisch erlebt. Der Mann wertet rigoros, ja, er pöbelt, was die durch ihn reicher gewordene Upper Class an der Wall Street hinnimmt und den Lastwagenfahrer Joe Sixpack im Honky Tonk erfreut. Es findet eine rhetorische Deregulierung des Ghetto-Slang und der Schmährede statt, und zwar von höchster Stelle. Wie weit man sinken kann, erlebt, wer die Boulevardzeitungen liest, die die englischen Rechtspopulisten auf ihrer Mission begleiten. Dem entsprechend heißt der amtierende Premierminister zwar nicht kurz und knackig Joe, aber eben doch BoJo.

Ruinierter Respekt

Wer die vergangenen Zeiten Deutschlands noch mal besichtigen möchte, der reise nach Österreich. Hier heißen die Braunen zwar Blaue oder Freiheitliche, aber ansonsten stimmt halt noch der bourgeois-feudale Ton. Ein respektloser Respekt macht den Umgang aus. Man spürt noch, das ist die Stadt von Karl Kraus. Im Kaffeehaus sagt der Kellner zu meiner Freude nicht nur „Küss die Hand, Gnä Frau“, sondern auch: „Und wenn einer gar nichts ist, dann sage ich halt „Herr Geheimrat“. Jedweder Fachhochschüler wird hier mit „Magister“ adressiert. Es ist fast wie in Italien, wo schon ein regelmäßiger Besuch der Mittelschule zu einem lebenslangen Titel  als „dottore“ in der Anrede führt. Im Ernst: Die Adelstitel sind bei uns abgeschafft (seit 1919) und selbst der Doktortitel ist Namensbestandteil. Das aber ist er. Einen promovierten Akademiker unter Verzicht auf den Titel anzureden, dieses Privileg ist ausschließlich eben solchen vorbehalten. Eine weitere Gradierung besteht darin, mit welchem Prädikat der Herr Kollege oder die Frau Kollegin abgeschlossen hat, und wo. Ich darf das hier erwähnen, weil ich ein „summa cum laude“ mein Eigen nenne; leider nur an einer staatlichen Universität; für Oxbridge hat es bei mir finanziell nicht ganz gereicht. Was ist das hier, wovon vermeintlich geschwärmt wird? Die überkommene Etikette einer Standes- oder gar Klassengesellschaft? Ja! Was spricht für sie, außer einer verquasten Nostalgie? Es gab ein formales Gerüst des Respekts. Das ist bei Jill & Joe ruiniert. Im Informalitätsgebot der neuen Zeiten führen das allgemeine Duzen und die Enttabuisierung der Schmährede nicht zu mehr Achtung vor der Privatsphäre, sondern zu weniger. Jeder Übergriff scheint legitim.

Wut & Hass

Wer die Konversation, wenn man das so nennen darf, auf Facebook, vor allem aber auf Twitter verfolgt, kann dem Trend zur Wut- und Hassrede nicht entgehen. Es wird rigoros diskriminiert. Selbst geringe Differenzen eskalieren zu fundamentalen Auseinandersetzungen. Das Privileg des Pöbelns bleibt nicht auf die Präsidenten und Premiers, die Köpfe des Populismus, beschränkt, es wird zur Volkstugend. Der obligatorische Achtungsabstand vor der Meinung eines anderen ist dahin. Viele Pöbler sind zudem im Schutz der Anonymität einer Sockenpuppe unterwegs. Heckenschützen, feige auch noch. Das verändert das politische Klima. Politik selbst konzipiert sich nach etwas, das sie selbst „Verhetzungspotenzial“ nennt.

Das ist die neue Schere im Kopf: „Was könnten niederträchtige Gegner oder auch nur schlecht gelaunte Trolle aus meiner Äußerung anschließend machen?“ Und der Debattenstil wandelt sich in zwei Schritten gen Abgrund. Der erste ist das Ersetzen einer abwägenden Beurteilung durch eine rigorose moralische Kategorisierung. Es ist nicht mehr die gemächliche Waage der Justizia, die uns leitmotivisch vorschwebt, sondern die „Schubläden von gut und böse“ der Moralaposteln, in die jeder Vorgang rechts oder links gesteckt wird, ob nun ethischer Natur oder nicht. Im zweiten Schritt geht es auf das Schafott. Wo sich Empörung entfalten lässt, bahnt sie sich den Weg zur Guillotine. Man will Köpfe rollen sehen. Gelegentlich nicht mal sprichwörtlich, sondern wirklich. Das ist nicht, was Marquis Posa sich vorgestellt hat, als er forderte: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“

Quelle: starke-meinungen.de