Logbuch

ADJU-TANTEN.

Ein Unternehmenslenker soll ein guter Redner sein, der beste. Ich kenne den Herrn gar nicht. Nie gehört. Aber sein Redenschreiber gibt jetzt Interviews, wie er das hingekriegt hat. Ich bin irritiert.

Aus der Schule geplaudert. Von Ferdinand Piëch habe ich einiges gelernt. Unter anderem das mit den ADJU-TANTEN. Er fragte, wenn er ein GENIE entdeckte, stets: „Wer macht ihm das?“ Das zeigt eine gehörige Portion Skepsis, nämlich die Erfahrung, dass hinter der besonderen Begabung oft Handwerk steckt, angeeignetes Handwerk. Piëch interessierte sich stets für die BOGENSPANNER.

Ein Begriff aus der Welt von Pfeil und Bogen, als dem mittelalterlichen Schützen die gespannte Armbrust gereicht wurde. Die Franzosen schnitten den englischen Kriegsgefangenen übrigens den Mittelfinger von der spannenden Hand. Seitdem ist der hochgereckte Mittelfinger (digitus impudus) übrigens ein Ausweis der noch vorhandenen Wehrhaftigkeit. „Ich kann noch!“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Im Montanwesen heißt der ADLATUS handfest ZUSCHLÄGER. Übrigens nicht wegen des geschwungenen Schmiedehammers oder seiner besonderen Fertigkeiten bei Kneipenschlägereien, sondern wegen des geheimen Wissens um Legierungen, also des mineralischen Zuschlags zum verhütteten Metall. Im Militärischen sprich man von den ADJUNTANTEN, die dem Feldherrn zur Hand gehen. Wir Pazifisten machten uns über die lustig durch eine kleine Sprechpause zwischen dem AJU und den TANTEN. So wie beim Gendern.

Aber bleiben wir im Zivilen, dem Kampf mit Worten. In meinem Beruf sind es die Redenschreiber, die die großen Worte großer Männer zu Papier bringen, bevor sie deren Lippen verlassen. Auch ich habe als ein solcher Tintenkleckser begonnen; GHOSTWRITER genannt, ein verborgenes Amt. Hier erklärt sich das Interesse von Ferdinand Piëch, der nicht von Hause aus als Meister der Worte galt; er wollte wissen, wer das CHARISMA gebastelt hatte, mit dem andere GENIES auftraten. Weil es ein Geheimnis zu sein hat, wer den Rhetor fütterte.

PR ist die okkulte Kunst, Handwerk als Begabung erscheinen zu lassen, Profession als Berufung, Geschick als Gabe. Wir konstruieren das Authentische. Damit prahlt man nicht.

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PUTINS FEIND UND HELFER.

Der ukrainische Fascho-Bewunderer im Gewand eines Botschafters scheint entlassen. Er war hierzulande Putins bester Mann.

Mehr ist nicht zu sagen.

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VERNEINUNG. DOPPELTE.

„Die Ukraine darf den Krieg nicht verlieren.“ Dieser Satz des Kanzlers enthält eine doppelte Verneinung. Das klingt umständlich, ist aber klug. Denn nichts, rein gar nichts ist alternativlos.

Wenn man einen Mathematiker fragt, dann ist eine doppelte Verneinung nichts anderes als eine Zustimmung. Die AUSSAGENLOGIK kann so rigoros sein, weil sie eine eiserne Grundregel hat: Ein Drittes ist ausgeschlossen (tertium non datur). Danach gilt die Aussage „a“ oder die Aussage „nicht a“. Alles andere lässt sie nicht gelten, die Mathematik.

So einfach ist das wirkliche Leben nur für FANATIKER, die den nachdenklicheren Teil der Menschheit zu einer Entscheidung zwingen wollen. Dass eine bestimmte Politik alternativlos sei, ist eine wirklich fundamentale Dummheit. Das ist der Kriegszustand in der Philosophie: Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlage ich Dir den Schädel ein. In den Worten des großen Bert Brecht: „Wer a sagt, muss nicht b sagen; er kann auch erkennen, dass a falsch war.“

Einen Krieg kann man nur böse gewinnen, durch Unterwerfung oder Vernichtung des Feindes. Also gar nicht. Einen Krieg kann man nur beenden. Auf dem Waffenstillstand darf dann nicht der Ludergeruch der Niederlage liegen, für keinen der Kombattanten. Sonst gebiert er keinen Frieden.

Ich weiß, wovon ich rede, weil ich die Unzufriedenheit meines Großvaters väterlicherseits mit dem Ende des Ersten Weltkrieges erinnere, die auch (!) dazu beitrug, dass mein Vater in den Zweiten ziehen musste. Er selbst glaubte, dass es nur ein Zufall war, dass er diesen Irrsinn überlebte. Sonst wäre, geht mir durch den Kopf, dieses Logbuch schlicht leer.

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STAATSVERSAGEN.

Ich war in einer halben Stunde bestens bedient. Leider zu einem etwas blöden Anlass. Mein Führerschein macht vier Wochen Urlaub bei der Bußgeldstelle der Kreisverwaltung Montabaur. Ich durfte ihn da abgeben. Höflich, nett, effizient. Hätte in Berlin mindestens sechs Stunden gedauert. Auf den Bürgerämtern Berlins liegen, Stand heute, 250.000 Anträge unbearbeitet, sagt die Presse am Ort. Das sind so „unwichtige“ Dinge wie Pässe oder Geburtsurkunden.

Mir erläutert ein Insider der Berliner Bürokratie, warum die Qualifikation der Beamten sehr überschaubar sei. Jeder halbwegs qualifizierte wechsele zu den Bundesbehörden am Ort, wo besser gezahlt werde. Was auf Landesebene zurückbleibe, müsse es, weil es an Qualifikation mangelt. Das ist ein böser Vorwurf und ich bitte alle zu Unrecht getadelten um Nachsicht.

Aber immer diese Possen: Eine Berliner Bürgerin braucht für drei Fotokopien eine Beglaubigung. Sie zieht sich eine Nummer und wartet anderthalb Stunden. Dann endlich an der Reihe, wird sie von der Senatsbediensteten rüde ermahnt, so gehe das nicht. Sie könne eine (1) Beglaubigung haben. Für die anderen beiden Beglaubigungen müsse sie sich gefälligst jeweils eine neue, eigene Nummer ziehen, um erneut zu warten. Ob das heute noch bis Feierabend klappt …

Der Ruf der Berliner Behörden ist so schlecht, dass man skeptisch wird, ob das überhaupt stimmen kann. Jedes Mal, wenn es mir anders ergeht, bedanke ich mich überschwänglich. Noch Freitag bei den Parkhostessen bei der Anwohnerkontrolle, ansichtig des niedersächsischen Kennzeichens. Die Gesichter echt verdutzt. Die glaubten, sie sind einem Irren begegnet. Sie haben unter sich achselzuckend dann „Westdeutscher“ gesagt. Das ist das gleiche.