Logbuch

ZWISCHEN IDYLLE UND GÜLLE.

Ein guter Gärtner braucht ein mutiges Herz und eine scharfe Schere. Sonst kriegt man in die verdammte Natur keine Struktur. Sagen wir es offen: Ein Rasen ist keine Wiese. Ein Garten kein Acker. Gärtnerei ist die Fähigkeit, die Natur zur Architektur zu zwingen. So zeigt sie dann ihre wahre Schönheit. Erst dann.

Schwäbischer Witz: Der Herr Pfarrer lobt den schwitzenden Gärtner mit den Worten, das sei aber toll, was er und der Herrgott aus dem kleinen Gärtchen gemacht hätten. Antwortet der Schwabe: „Sie hätten sehen müssen, wie es aussah, als der Herrgott es noch alleine hatte!“

Es gibt drei Naturen, mindestens. Die Natur des Bauern, sprich Gülle. Die Natur der Philosophen, sprich Idylle. Und die Natur des Gärtners. Aus Wildwuchs formt er Kunst. Manchmal auch Kitsch; das muss man leider einräumen. Gärten des Grauens, es gibt sie. Wir reden eigentlich von Landschaftsgärten. Scharfe Schere und ab und zu die Kettensäge.

Und was die Ökos unter Natur verstehen, das hat mit Garten so viel zu tun wie Kunsthonig mit Kunst; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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LIEFERKETTE.

Englische Maßanzüge gelten als das edelste vom Edlen, aber man darf es ihnen nicht ansehen. Das kann heute, sagen meine chinesischen Kollegen, das Internet. Mit dem Hubschrauber von Singapur rüber nach Kowloon, Hongkong. Der beste Schneider der Welt, jedenfalls die besten Tuche. Und am Ende ist es ein Fahrrad. Ein Fahrradbote eilt mehrfach quer durch Hongkong, damit der digitale Traum wahr wird. Wie der Rikschafahrer vor hundert Jahren. 

Die neue chinesische Oberklasse achtet auf den Luxus der Kolonialen, also der alten Herren längst vergangener Zeiten. Anzüge lässt man sich in einem Laden machen, der PETE‘S FASHION heißt. Eine Gasse in Kowloon, indische Herrschaften bitten in das klimatisierte Ladenlokal. Im Hinterzimmer ein britischer Club, eine Offiziersmesse. Hier regiert Pete. Gleich zwei seiner Schneider nehmen Maß. Die Festlandchinesen versuchen zu verbergen, dass sie beeindruckt sind.

Man kann in Mustermappen aktuelle und historische Tuche ansehen und befühlen. Manche Tuche ein halbes Jahrhundert alt. Churchill oder Oscar Wilde haben sie getragen. Fällt dann die Wahl, sucht das Internet nach jenem Fleck Hongkongs, wo es davon noch zwei, drei Meter gibt. Ein Click und man geht zu den Drinks. Eine knappe Stunde später ist der Stoff da, einen Tag später der Anzug fertig. Eine freundliche Chinesin bittet im Hotelzimmer zur Anprobe. Wie das alles sein kann? Ein Radfahrer und sein digitales Handy. Wir wissen nicht, wo der Stoff fünfzig Jahre lag und wo er in einer Nacht genäht wurde. Aber wir wissen, dank wessen Pete das alles kann. Dank des Rikschamanns.

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AUFARBEITUNG.

Ein Katalog für Gartenmöbel bietet einen Tisch an in „wiederaufbereitetem“ Teakholz. Das gilt als sowas wie eine Antiquität für Reihenhausbesitzer. Kleinbürger, also. Eine wiederaufbereitete Geschichte, das ist was die AfD vertritt. So eine Art Faschismus Light. Auch Kleinbürger. All das muss auf das sorgsamste von dem unterschieden werden, was man Vergangenheitsaufarbeitung nennt.

Ich lese in der New York Review, dass Aufarbeiten der Vergangenheit so viel bedeute wie „working off the past“. Ja, das könnte den REVISIONISTEN so passen, die Vergangenheit einfach weg arbeiten. Man kann Historie nicht stornieren wie einen Tisch im Restaurant. Die ganze „CANCEL CULTURE“ ist eine Idiotie. Vulgär dumm.

Dabei ist der Jargon doch zurecht genau. Wir haben in der Kernenergie immer gewusst, dass, wenn jemand von einer Wiederaufbereitungsanlage sprach, es sich um einen Öko handelt; die Dinger heißen nämlich Wiederaufarbeitungsanlage. So auch mit der Bewältigung der Vergangenheit. Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen, wenn man darunter versteht, dass man sie durch irgendeinen selbstkritischen Diskurs in ihrer Virulenz erledigen kann.

Und löschen („cancel“) lässt sich hier schon gar nichts. Als könne man Zeit aufheben. Wir sind immer, wer wir geworden sind. Historische Schuld ist keine persönliche Schuld, klar. Aber sie ist Schuld. Und wenn darunter nur zu verstehen ist, das wir sie nicht leugnen sollten. Aber der Vorschlag, aus dem Dom zu Magdeburg die Säule des Balthasars zu entfernen, weil erkennbar ein Moor aus den Kreuzzügen ist, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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MERKEL AUF ELBA.

Man sollte es unbedingt vermeiden, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, jedenfalls zum Einschlafen. Man bringt die durcheinander. Noch schlimmer, wenn man sich HÖRBÜCHER antut, die auch bei schon geschlossenen Lidern noch erklingen und so in den Schlaf begleiten. Sie werden in der TRAUMWELT ihr Unwesen treiben. Und zu irren Mischformen führen.

Der arme Professor begegnet dem Weltenherrscher. Hegel trifft im gerade besetzten Jena 1806 auf Napoleon Bonaparte, der durch die geschliffene Stadt reitet, und ist von den Socken. Die WELTSEELE zu Pferde glaubt er gesehen zu haben, den alles Umspannenden. Die Französische Revolution ist das Ereignis seiner Generation; wie für Merkel der Mauerfall. Jena, die berühmte Universitätsstadt, ist zudem von Napoleons Truppen geplündert. Frauen, Töchter, ja auch Mütter und Großmütter, finden sich von den Franzosen par force fraternisiert. Und der arme Prof hat Angst um sein letztes Manuskript, das er gerade auf die Post gegeben hat. Ob das in den Kriegswirren auch ankommt? Er hat keine Kopie, der Verleger in Bamberg zürnt und jetzt das: der WELTGEIST triumphiert über Preußen.

Nicht hoch zu Pferde, sondern in gewohnt tapsigen Schritten verlässt die FRAU BUNDESKANZLERIN ihre Aura der Macht. Sie verdrückt sich, im Wortsinn. Mehr vom Amt als vom Alter gezeichnet, gelegentlich wegen unerklärter Schüttelanfällen bei Staatsakten sitzend, stets in jener protestantischen Kluft, dem Hosenanzug nunmehr erweiterter Konfektion. Die Hände zur Raute gefaltet. Das Ende einer Ära, spärlich, in Teilen auch kläglich. Das eine Hörbuch handelt vom aktuellen MACHTVERFALL Merkels, in vielen Details. Das andere von der Französischen Revolution und HEGELS WELT. Ich folge den jüngsten Werken von Robin Alexander und von Jürgen Kaube. Und werfe alles durcheinander.

Der eine sagt, nur das Ganze sei das Wahre. Die andere ist gefangen im Flickschustern, jede Strategie vermeidend. Gegensätzlicher kann Machtausübung nicht sein. Ein aufgehender Stern, ein verglimmender. Ein erhabener TITAN, eine tragisch AUSGEBRANNTE. Mir träumt, dass Merkel, nachdem sie auch noch im Russlandfeldzug und in der Völkerschlacht bei Leipzig gescheitert ist, nach Elba auswandern muss. In die Verbannung. Oder war das Napoleon? Und der andere Fall, sitzt auf Rügen im ewigen Exil? Das muss Merkel sein, oder? Ich werfe alles durcheinander. Na ja, Träume sind Schäume.