Logbuch

VON VÖGELN.

Weil ich werktags früh raus muss, hält die blöde Tugend auch sonntags als Unsitte. Ab fünf Uhr wach, höre ich, wie die Vögel ihren Gesang beginnen. Kurz danach die ersten Flieger, weil in der Pfalz. Der Vogel singt mit endloser Routine, um Weibchen anzulocken und sein Brutrevier gegen Eindringlinge zu verteidigen. Man hört ihn in der Stille der schwindenden Nacht, da die Luft noch ruhig und das Land im Schlaf. Außer ich.

Man weiß nicht so recht, warum der Vogelgesang einen so guten Ruf hat; vielen gilt das elende Gezirpe als melodisch und Ausdruck einer Idylle. Liebesgefühle. Dabei hat das Lied keine Strophe. Kein Text, also Lärm. Besonders einsinnig ein Schlawiner hinter mir am Waldessaum, der die lautliche Kennung der kitschigen Uhren aus dem Schwarzwald nachmacht. Sagen wir es unromantisch, der Gesang der kleinen Flieger dient der Revierabgrenzung und dem Sex. Wie profan.

Die großen Flieger, die weit oben im noch nächtlichen Himmel lärmen, streben nach Rammstein, wir sind in der Pfalz, oder von dort in die Welt. Und dienen, je mehr ich es bedenke, auch der Behauptung von Revieren zur Erhaltung der eigenen Art. Was den Text betrifft, kommt es ebenfalls zu Unklarheiten fundamentaler Art. Der oberste Adler schwätzt vom Ende des Krieges wg. Sieg oder der Ausweitung wg. Terrorgefahr oder diesem oder jenem. Angelockt werden hier nur in zweiter Linie Weibchen, zunächst und vor allem Dollars. Zweihundert Milliarden könnte man noch brauchen. Aber gemach, das Geld ist dann ja nicht weg; nur in den Taschen anderer.

Man kann nicht von Vögeln und Verbrechen reden, ohne das letzte Gedicht des großen Bert Brecht zu zitieren:
„Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité/
Aufwachte gegen Morgen zu/
Und eine Amsel hörte, wußte ich/
Es besser. Schon seit geraumer Zeit/
Hatte ich keine Todesfurcht mehr, da ja nichts/
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt/
Ich selber fehle. Jetzt/
Gelang es mir, mich zu freuen/
Alles Amselgesanges nach mir auch.“

Mir wäre mehr nach Ausschlafen bis in die Puppen. Mit den Puppen. Auch das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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FORTSCHRITT AUF DEM LANDE.

In einem sehr alten Holzlager finde ich Schusterleisten, die jemand zum Brennholz gelegt hat. Ich rette sie. Wie kamen die hier hin? Zeugen einer Zeit der handwerklichen Lederverarbeitung zu wertvollen Schuhen, die heute für einen Spottpreis aus asiatischem Plastik gefertigt im Aldi liegen.

Der Nachbar erzählt mir zum Vorbesitzer des Fachwerkhauses, das ich renoviert habe, der sei Schuster gewesen und damals der fortschrittlichste im Dorf. Er habe bereits 1958 einen Fernseher gehabt und den Dorfkindern das Zusehen erlaubt, eine Sensation, bewegte Bilder in Schwarzweiß und mit Ton. Fußballsiege werden erinnert und Krimis namens „Stahlnetz“.

Ich erfahre mehr. Überhaupt sei „Schuster Chris“, dessen Pfeife nie ausging, ein Mann des Fortschritts gewesen. Er habe als erster einen Traktor erworben, da er nicht mehr an die Kühe glaubte. Welch ein Satz. Auf Nachfrage erfahre ich, dass die Kuhgefährte oder Ochsenkarren Stand der Technik waren. Der Trecker habe einen Holzvergaser gehabt, der einige Probleme bereitete.

Dies notiere ich zu einer Zeit, als sich Vodafone mit Glasfaserkabel in die Häuser drängt, damit das Internet schneller werde und opulenten Filme im „Stream“ heruntergeladen werden können. Wir reden über Veränderungen in einer Generation in Gebäuden, die rund 275 Jahre alt sind. Zwei Jahrhunderte so gut wie nix passiert, dann hat es Wusch gemacht. Ich habe für die alten Leisten ein Regal gebaut; Erinnerungsstücke an schlechtere Zeiten. Ist das so?

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KLEIDERORDNUNG.

Manchmal betrachte ich die Welt mit den Augen meines Vaters und seines. Man ist ja Kind der Altvätersitte. Zum Beispiel in Fragen der Kleiderordnung. So sehe ich in einem Café in Moabit gegenüber vom Knast einen Justizvollzugsbeamten in Uniform und mit Gerät am Gurt, das der Durchsetzung seiner Autorität dient. Soll so sein, weil er den Ordnungsanspruch des Staates vertritt. Aber, bemerke ich tief irritiert, seine schwarzen Lederstiefel sind ungeputzt; nicht nur ein wenig, sondern erkennbar schon länger, regelrecht schäbig abgeschabt. Ungeputzte Stiefel, das geht gar nicht.

Darin war mein Opa  streng. Die ganze Woche im Pütt, hätte er nie sonntags die Straße mit ungeputzten Schuhen betreten. Im Gegenteil, das war ein eigenes Ritual mit stattlichen Rosshaarbürsten, schwarzer Wichse und ein wenig Spucke. Ich habe es als Kind bestaunt. Die Kleiderordnung in der Berliner Innenverwaltung ist laxer. Auch das Tätowierverbot an Händen und im Gesicht wird umgangen, selbst bei Polizisten, die sich doch optisch von ihrer Kernklientel unterscheiden sollten. Weil ich sie respektiere; sie haben keinen leichten Job.

Beamter, das ist kein White Collar Job mehr, jedenfalls wenn man darunter einen steifen Kragen versteht. Für Anwälte vor Gericht besteht die sogenannte Robenpflicht, eine Berufstracht, die die Würde des Gerichts wahren soll. Was ich hier in Moabit an Kleidung darunter sehe, das ist zu einem wesentlichen Teil durchaus unterhalb der C&A-Schwelle („cheap & awful“). Gerne würde ich Anwälte achten wie Richter; aber da gibt es wohl einen Klassenunterschied. Interessant ist die historische Begründung der Berufstracht; man wollte soziale Unterschiede ausgleichen. Das sagt man in England auch zum Sinn der Schuluniformen. Egalisiert Dienstkleidung? Berlin findet, dazu dient eher Freizeitmode, auch im Dienst. Und Tattoos mit Rechtschreibfehlern.

Die französischen Staatsbahnen haben gerade eine Schminkvorschrift für ihre Bediensteten herausgegeben, wonach man den französischen Chic zu zeigen habe, der sich „elegance“ nennt. Nun, elegant ist vielleicht noch die Flugoma bei der Lufthansa, aber nicht das rustikalere Wesen der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG. Wie der Herr, so das Gescherr; gilt auch für Herrinnen. Was in den Bezirken der Stadt so von Amtsträger:innen getragen wird, das hätte meinen Großvater verwirrt.

Und so sehe ich bei dem Umschließer aus dem Knast mit den ungeputzten Schuhen, dass er zu allem Überfluss auch noch seine Nägel kaut. Nun, wir hatten Fälle der Onychophagie auch schon in höchsten Ämtern; elegant ist es aber eher nicht. Dann schon lieber diese aufwendig gestalteten Krallen asiatischer Provenienz; french nails genannt, obwohl nicht elegant. Sehe ich auch unter Roben, wie dekadent.

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MERKEL AUF ELBA.

Man sollte es unbedingt vermeiden, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, jedenfalls zum Einschlafen. Man bringt die durcheinander. Noch schlimmer, wenn man sich HÖRBÜCHER antut, die auch bei schon geschlossenen Lidern noch erklingen und so in den Schlaf begleiten. Sie werden in der TRAUMWELT ihr Unwesen treiben. Und zu irren Mischformen führen.

Der arme Professor begegnet dem Weltenherrscher. Hegel trifft im gerade besetzten Jena 1806 auf Napoleon Bonaparte, der durch die geschliffene Stadt reitet, und ist von den Socken. Die WELTSEELE zu Pferde glaubt er gesehen zu haben, den alles Umspannenden. Die Französische Revolution ist das Ereignis seiner Generation; wie für Merkel der Mauerfall. Jena, die berühmte Universitätsstadt, ist zudem von Napoleons Truppen geplündert. Frauen, Töchter, ja auch Mütter und Großmütter, finden sich von den Franzosen par force fraternisiert. Und der arme Prof hat Angst um sein letztes Manuskript, das er gerade auf die Post gegeben hat. Ob das in den Kriegswirren auch ankommt? Er hat keine Kopie, der Verleger in Bamberg zürnt und jetzt das: der WELTGEIST triumphiert über Preußen.

Nicht hoch zu Pferde, sondern in gewohnt tapsigen Schritten verlässt die FRAU BUNDESKANZLERIN ihre Aura der Macht. Sie verdrückt sich, im Wortsinn. Mehr vom Amt als vom Alter gezeichnet, gelegentlich wegen unerklärter Schüttelanfällen bei Staatsakten sitzend, stets in jener protestantischen Kluft, dem Hosenanzug nunmehr erweiterter Konfektion. Die Hände zur Raute gefaltet. Das Ende einer Ära, spärlich, in Teilen auch kläglich. Das eine Hörbuch handelt vom aktuellen MACHTVERFALL Merkels, in vielen Details. Das andere von der Französischen Revolution und HEGELS WELT. Ich folge den jüngsten Werken von Robin Alexander und von Jürgen Kaube. Und werfe alles durcheinander.

Der eine sagt, nur das Ganze sei das Wahre. Die andere ist gefangen im Flickschustern, jede Strategie vermeidend. Gegensätzlicher kann Machtausübung nicht sein. Ein aufgehender Stern, ein verglimmender. Ein erhabener TITAN, eine tragisch AUSGEBRANNTE. Mir träumt, dass Merkel, nachdem sie auch noch im Russlandfeldzug und in der Völkerschlacht bei Leipzig gescheitert ist, nach Elba auswandern muss. In die Verbannung. Oder war das Napoleon? Und der andere Fall, sitzt auf Rügen im ewigen Exil? Das muss Merkel sein, oder? Ich werfe alles durcheinander. Na ja, Träume sind Schäume.