Logbuch

Die Segnung des MONOKAUSALEN.

Wenn die Welt vom Satan bedroht wird... oder die Ölfrage den Nahen Osten bestimmt ... oder die Klimaveränderung am Kohlendioxid liegt ... oder der Klassenkampf ... oder. Zum Beispiel ist dann die Kernenergie ein grüner Ausweg... oder die Liquidierung der Bourgeoise oder der evangelikale Glaube an Gott. Mich macht die Entschiedenheit der Einsinnigen müde.

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Besuch in einer Redaktion einer internationalen Nachrichtenagentur in einem Büroturm. FREE LUNCHES in der Mitte des Großraums. Wasser, Säfte, Obst, Riegel. Ich wage gar nicht nach einer Kantine zu fragen. Oder gar nach dem Casino. Ich bin ein Fossil. Meine Familie stammt arbeitsseitig aus der GHH in Oberhausen-Sterkrade; deren Casino lag auf meinem Schulweg; eine Vorfahrt wie bei einem Regierungspalais (schwarze Daimler mit Chauffeur) und, dem Vernehmen nach, einen Weinkeller mit tausend Flaschen. Und selbst für die Untertage-Belegschaft gab es zum Schichtende einen halben Liter Schnaps. Noch dreißig Jahre später hatte ein Vorsitzender hinter seinem Büro ein Boudoir mit Speisezimmer, privatem Bad und einem Bettchen für den kleinen Bubu nach dem dritten Riesling. Heißt heute „power napping“ oder so. Das macht jene Hälfte der Belegschaft, die zu Hause ist. Für zwei Wochen. Dann ist die andere im Home Office. Die, die da sind, schieben ihre Umhängetaschen unter den Tisch und hängen die vom Radeln durchschwitzte Vliesjacken über die Stuhllehne. Man trägt Sportkleidung in smart, sprich Freizeitdress. Das Büro ähnelt insgesamt einer Wasserstelle für Nomaden.

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Der HÄSSLICHE HOF macht zu, weil er Corona nicht überlebt hat, ein wirklicher Verlust. Er war noch ein wirkliches Privathotel der alten Grandhotellklasse. Ich liebte es, dort zum Lunch in dem wienerischen Speisesaal den Empfehlungen des Kellners zu folgen, der zunächst das Tagesgericht für die Handlungsreisenden anbot und dann den Hummer als Tagesfang nachschob. Oder einen geangelten Fisch (kein Beifang aus dem Netz). Es war nicht alles auf dem neuesten Stand, aber Patina hat ja Charme. Das wirkliche Asset aber war die Bar. Ich habe vergessen, wie sie hieß. Jimmy's mit Idioten-Apostroph, glaube ich. Eine klassische Bar, wie die von Harry in München am Platzl. Zur Buchmesse musste man sich dort so gegen halb Neun einen strategisch guten Platz suchen und bis morgens um drei durchhalten. Ab elf segelte die gesamte Intelligenzia der Republik dort rein und brachte sich auf Touren. Wer sich im Glückszustand des Harald Juhncke ("Leicht einen im Tee und keine Termine.") fit hielt, kriegte eine Menge mit. Die Führung des Suhrkamp Verlages habe ich dort erlebt, als der noch was galt. Den strohdummen Typen von den Publikumsbeschimpfungen. Den ambitionierten Philosophen von der Kunsthochschule in Karlsruhe. Und die Damen der Branche, die definitiv keine waren. Wehmut. Das werde ich denen aus Wuhan nicht verzeihen.

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LICHT AN.

Berlin wäre bei Touristen wie Zugezogenen nicht so attraktiv, hätte es nicht traditionell den Ruf eines ungebremsten Nachtlebens. „Kreuzberger Nächte sind hundert Meter lang und länger“, sangen einst die ortsüblichen Gebrüder Blattschuss. Es ging um die in Berlin angeblich fehlende Sperrstunde. Und die fehlenden Sperrbezirke wie den fehlenden Wehrdienst, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Mythos des NACHTLEBENS setzt historisch auf die ROARING TWENTIES auf, die Zwischenkriegszeit, in der sich ein wildes Partymilieu entfaltete. Ich summe immer noch die Melodien aus dem Kinofilm „Cabaret“ mit Liza Minnelli. Und natürlich die Dreigroschenoper Brechts, zu der es jüngst einen wirklich grandiosen Film gab (Titel MACKIE MESSER von Joachim A. Lang). Aber grundsätzlicher gefragt: Was ist es, dass die großen Städte mit dem Ruf der endlosen Lustbarkeit verbindet? Die Laterne. Licht an?

Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert beginnt in den europäischen Metropolen tatsächlich das „street lightning“. Die Gaslaterne oder dann das elektrische Licht verändern das urbane Leben. Eine weitere Tageszeit spreizt nun deutlich das wache Leben. In einem Buch zur Aufklärung lesen ich von dem „Philosophen der Nacht“, einem Roger Ekirch; ich erinnere mich, mal einen dicken Wälzer von ihm in der Hand gehabt zu haben, wo es um die Geschichte der Dunkelheit ging (ein eher fahriges Werk). Es sei eine Tageszeit für weitere Arbeit, vor allem aber für „Freizeit“ („leisure“) hinzugekommen. Das stimmt für den Schuster, der im Kellerloch, bisher nur auf eine Glaskugel angewiesen war, und nun auch nachts bei seinen Leisten bleiben konnte.

Aber die Erfindung der Freizeit, ist das auch eine städtische Errungenschaft? Man ist ambitionierter. Das aufgehende Licht der großen Städte stehe für ENLIGHTMENT, also „Erleuchtung“, als „Aufklärung“ nur schlecht ins Deutsche übersetzt, nämlich die Flucht aus der Dunkelheit des Unwissens, des Analphabetentums, der Unfähigkeit zu rechnen, des Aberglaubens und der Intoleranz. Die Straßenlaterne als Symbol des Großen Lichts der Aufklärung. Da sieht man mal wieder, wie sehr die Philosophen daneben liegen können.

Was das NACHTLEBEN ausmacht, ist nicht VERNUNFT, sondern ausdrücklich deren Gegenteil, die vorsätzliche Unvernunft. Hier herrscht nicht der klare Verstand, sondern der nachdrücklich vernebelte. Hier kommt zum Zuge das Menschenrecht auf RAUSCH, seit Dionysos, dem Weingott der Antiken, notorisch. Es betätigt sich der Abgrund der menschlichen Seele, wenn nicht der Abgrund des Körperlichen. Dazu braucht es, damit man beim Straucheln nicht allzu sehr strauchelt, ein ganz klein wenig Licht, den Halbschatten einer Gasfunzel, mehr nicht. Kein Neon. Nachts sind alle Katzen grau. Im Dunkeln ist gut munkeln. You name it.