Logbuch

NARRATIVE.

Karfreitag ist, so höre ich, gestrichen, Ostern untersagt. Corona und Christus, das geht halt nicht. Anlass genug von Weihnachten zu reden. Dass das neugeborene Jesuskind der verheißene Messias sei, will das Neue Testament auch durch drei Heiden belegen, die einem Stern gefolgt seien, der die Ankunft des Königs der Juden bezeuge. So übersetzt Luther. Mit der Legendenbildung geht es noch nicht im Matthäus-Evangelium, sondern erst im 6. und dann im 12. Jahrhundert nach Christi Geburt so richtig los. Die HEILIGEN DREI KÖNIGE waren dann nämlich angeblich der Grund, den Kölner Dom zu bauen, genauer gesagt, ihre Reliquien. Die hatte der kriegswütige Friedrich Barbarossa zuvor bei der Zerstörung Mailands entwendet, zu seiner Kriegsbeute gemacht und dem neuen Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, zum Geschenk. BAUDOLINO erzählt, dass er die gut erhaltenen Leichname der Sternendeuter aus dem Morgenland aus der Mailänder Krypta klaubte, wie frisch verstorben seien ihre Antlitze gewesen, zwei von weißer Haut und einer ebenholzfarben. Da im Neuen Testament nur Matthäus die Magiere überhaupt erwähnt habe und dann noch Anzahl (drei oder zwölf ?) wie die Namen vergessen, habe er sie kurzerhand Caspar, Melchior und Balthasar genannt. Damit nicht genug: Er habe die Leichen zudem umziehen müssen, weil ihre Kleidung nicht authentisch gewesen sei; er beschwert sich über orientalisch anmutende Pumphosen der Herren und alberne Kopfbedeckungen. Man habe mit viel Mühe im brennenden Mailand bischöfliche Kleidung für die drei zusammensuchen müssen. Wenn der neue Erzbischof von Köln sie zu seiner Weihe mit in die Stadt am Rhein nähme, dürften sie nicht aussehen wie irgendwelche dahergelaufenen Magiere, selbst wenn der Schrein ja nicht offen stünde. Die Debatte um das AUTHENTISCHE ist bis heute nicht abgerissen. Man stößt sich nun an Balthasar; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wesentlich erscheint mir, dass das AUTHENTISCHE eine Frage der Erwartungshaltung ist. Als authentisch gilt, was die Erwartung von dem Wesen einer Sache besonders gut erfüllt. Diese Vorurteile, Ressentiments, legen fest, was als echt gilt und was als gefälscht. Das Authentische ist eine Inszenierung, die sich selbst als Inszenierung leugnet. Ohne geeignete Inszenierung ist das Authentische halt weniger authentisch. Oder, wie BAUDOLINO sagt: „Nicht die Reliquie macht den Glauben, sondern der Glauben die Reliquie.“

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DAS RAD DER GESCHICHTE zurückdrehen. Geht? Mit der Wiedereinführung der Heimarbeit, in unsäglichem Jargon Home Office (engl.: Innenministerium) genannt, ist es wie mit der mediterranen Abschaffung des Acht-Stunden-Tages; das wird auf ewig bleiben. Bei den Mediterranen gibt es wegen der Hitze am Mittag eine kleine Pause. Ein Päuschen, so von 11.30 bis 16.30 h. Morgens zwei Stunden Arbeit, abends drei, dazwischen eben die Siesta. So lässt sich leben. Das schafft niemand mehr ab. So wird es mit den neun oder zehn Stunden der Heimarbeit auch gehen; die schafft auch niemand mehr ab. Warum sollte ein Arbeitgeber zum Vierfachen des Gehalts einer Sekretärin, sagen wir für 200.000€ im Jahr, einen Büroarbeitsplatz in der City unterhalten, wenn er die Mitarbeiterin für 40.000€ Jahresgehalt zuhause in der Vorstadt arbeiten lassen kann? Und die Heimarbeiterin noch happy ist, dass sie gleichzeitig Kinderhüten, Einkaufen und Putzen kann? Das wird bleiben. Ich höre gerade, dass die Britische Fluggesellschaft BA nicht mehr in die vorübergehend geleerten Büros in Heathrow (sündhaft teuer, weil so zentral) zurück will, mit der Verwaltung. Und Banken nicht an die Themse. Bürotürme werden verwaisen. Marmorpaläste leer stehen. Mutti tippt am Couchtisch, Vati hat Telco im Keller, die Kids Video-Games im Schlafzimmer. Hmmm. Hier stimmt doch was nicht. Ganz im Grundsätzlichen.

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DIE ZWEI BEIDEN.

Heldenepos. Als die SPD noch zwischen Willy Brandt schwankte und Helmut Schmidt, da war klar, wer sie war. Sie war genau dazwischen. Als sie noch zwischen Gerhard Schröder schwankte und Oskar Lafontaine, wusste man, worum es ging. Bis der Fahnenflucht beging. Dieses Schwanken gehört zu ihren Erbanlagen; ich sage nur Karl Kautsky vs. Eduard Bernstein, Karl Liebknecht vs. Philipp Scheidemann, Carlo Schmid vs. Kurt Schumacher, SPD vs. USPD. Aus diesem Stoff sind Heldensagen. Wie komme ich drauf? Ich lese etwas zur afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Die schwankte zwischen Martin Luther King jr. und Malcom X. Der eine die Bibel unter dem Arm, der andere zeitweise sunnitischer Moslem, eher eine Maschinenpistole handhabend. Die Historische Forschung sieht die beiden mittlerweile nicht mehr als „Dichotomie“, sondern eher als unterschiedliche Enden eines Spektrums. Martin & Malcolm hatten Schnittmengen, haben aber einen Teufel getan, dies zu zeigen. Man bekämpft sich nach außen, aber im Herzen auf gemeinsamen Terrain. Gemeinsames etwa in den Zusammenhang von „black dignity“ und „black citizenship.“ Die Debatte um den Vietnamkrieg habe King radikalisiert und die Schnittmenge gemeinsamer Überzeugung vergrößert. Daran mangelt es im Moment, an einer solchen epochalen Frage, die die Geister nicht scheidet, sondern zusammenbringt. Dabei hätte Corona das doch sein können. Aber wo sind die großen Geister? Gähnen ist die Geste der Stunde. Müde Bräsigkeit im Kanzleramt wie in Bellevue, Laienschauspieler um den Parteivorsitz bei der Union, linkische Grinsemänner bei Roten wie Grünen, eine marginalisierte Linke wie Rechte und die Liberalen ein Pausenzeichen … Wir erleben die VERLANGWEILIGUNG DER POLITIK. Das ist sträflich. Ich will Helden kämpfen sehen. Blood on the carpet!

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LICHT AN.

Berlin wäre bei Touristen wie Zugezogenen nicht so attraktiv, hätte es nicht traditionell den Ruf eines ungebremsten Nachtlebens. „Kreuzberger Nächte sind hundert Meter lang und länger“, sangen einst die ortsüblichen Gebrüder Blattschuss. Es ging um die in Berlin angeblich fehlende Sperrstunde. Und die fehlenden Sperrbezirke wie den fehlenden Wehrdienst, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Mythos des NACHTLEBENS setzt historisch auf die ROARING TWENTIES auf, die Zwischenkriegszeit, in der sich ein wildes Partymilieu entfaltete. Ich summe immer noch die Melodien aus dem Kinofilm „Cabaret“ mit Liza Minnelli. Und natürlich die Dreigroschenoper Brechts, zu der es jüngst einen wirklich grandiosen Film gab (Titel MACKIE MESSER von Joachim A. Lang). Aber grundsätzlicher gefragt: Was ist es, dass die großen Städte mit dem Ruf der endlosen Lustbarkeit verbindet? Die Laterne. Licht an?

Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert beginnt in den europäischen Metropolen tatsächlich das „street lightning“. Die Gaslaterne oder dann das elektrische Licht verändern das urbane Leben. Eine weitere Tageszeit spreizt nun deutlich das wache Leben. In einem Buch zur Aufklärung lesen ich von dem „Philosophen der Nacht“, einem Roger Ekirch; ich erinnere mich, mal einen dicken Wälzer von ihm in der Hand gehabt zu haben, wo es um die Geschichte der Dunkelheit ging (ein eher fahriges Werk). Es sei eine Tageszeit für weitere Arbeit, vor allem aber für „Freizeit“ („leisure“) hinzugekommen. Das stimmt für den Schuster, der im Kellerloch, bisher nur auf eine Glaskugel angewiesen war, und nun auch nachts bei seinen Leisten bleiben konnte.

Aber die Erfindung der Freizeit, ist das auch eine städtische Errungenschaft? Man ist ambitionierter. Das aufgehende Licht der großen Städte stehe für ENLIGHTMENT, also „Erleuchtung“, als „Aufklärung“ nur schlecht ins Deutsche übersetzt, nämlich die Flucht aus der Dunkelheit des Unwissens, des Analphabetentums, der Unfähigkeit zu rechnen, des Aberglaubens und der Intoleranz. Die Straßenlaterne als Symbol des Großen Lichts der Aufklärung. Da sieht man mal wieder, wie sehr die Philosophen daneben liegen können.

Was das NACHTLEBEN ausmacht, ist nicht VERNUNFT, sondern ausdrücklich deren Gegenteil, die vorsätzliche Unvernunft. Hier herrscht nicht der klare Verstand, sondern der nachdrücklich vernebelte. Hier kommt zum Zuge das Menschenrecht auf RAUSCH, seit Dionysos, dem Weingott der Antiken, notorisch. Es betätigt sich der Abgrund der menschlichen Seele, wenn nicht der Abgrund des Körperlichen. Dazu braucht es, damit man beim Straucheln nicht allzu sehr strauchelt, ein ganz klein wenig Licht, den Halbschatten einer Gasfunzel, mehr nicht. Kein Neon. Nachts sind alle Katzen grau. Im Dunkeln ist gut munkeln. You name it.