Logbuch
POESIEALBUM.
Poesie? Nur Mädchen hatten so was. Und machten darum ein unheimliches Gewese. Das Poesiealbum. Es war eine Art Freundschaftsbuch, genauer gesagt ein Katalog von Eintragungen der Freundinnen. Wie bei Girlies üblich, der BESTEN Freundinnen. Man musste in Schönschrift etwas Aphoristisches eintragen. Und durfte ja keine Seiten rausreißen; allfällige Warnung davor.
„In allen vier Ecken / Soll Liebe drin stecken.“ Für Jungs war das albern und kitschig. Aber gemach. Das Spießige hat sich erhalten. Mit krauser Stirn sehe ich, was sich alte Männer im Stundentakt per SMS oder WHATSAPP übermitteln. Bildchen und Sprüche der vordergründigsten Art. Und der abgründigsten: „Kommt eine Frau beim Arzt…“ Regelrechte Rituale des Witzchenreissens. Man will antworten mit dem Spruch: „… und heute sinkt für Sie, das Niveau.“ Auch schon wieder so ein Spruch.
Tagebücher und Poesiealben sind kulturhistorisch interessante Quellen. Da gab es doch mal einen Schriftsteller, der Kriegstagebücher sammelte. Ob das mal jemand mit Chatverläufen machen wird? Wahrscheinlich zu leichtflüchtig. Sind halt keine Logbücher (pun intended).
Gestehen wir Nach-Erwerbstätigen es uns ein: das heutige POESIEALBUM heißt FACEBOOK. Jüngere Generationen, einst bei StudiVZ die Begründer, sind längst geflohen. Die Verbohrten nach Twitter, die Albernen auf TikTok und die Arrivierten agieren auf LinkedIn. Wie früher bei Zeitungen entstehen hier auch Gesinnungskriterien der jeweiligen Wahl. Man sagt mir, dass Twitter als X gar nicht mehr gehe, da der Inhaber nicht satisfaktionsfähig sei. Also, das waren Verleger immer nur sehr selten.
Was die Instagrammisierung ausmacht, ist die Manie zum Episodischen. Eigentlich würde ich sagen, dass das pubertante Albernheiten sind, wenn ich nicht auf Facebook sähe, dass gerade die Greise das zum Hobby machen. Waldorf & Städler, wohin ich schaue.
Ja, auch Zoten und Rassismen, auch Drogen und Waffen. Telegram. Da ist mir das Girlie-Gossip der Poesiealben fast lieber. Zum Schluss von dort mein Lieblingsspruch:
„Ursprünglich eignen Sinn /
Laß dir nicht rauben! /
Woran die Menge glaubt, /
Ist leicht zu glauben.“ //
Ist vom ollen f*** you Göte.
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DER WÄHLER.
Auf den Wähler als solchen ist einfach kein Verlass. Er ist ein Kindskopf, eine Beute der niederen Triebe, seinen Launen hoffnungslos unterworfen. Die Idee der Demokratie beruht darauf, dass man zwischen dem einzelnen Depp und der Gesamtheit aller Hanseln unterscheidet. Man nimmt an, dass die versammelten Kindsköpfe der Vernunft zum Siege verhelfen. Wieso eigentlich.
Es gibt gute Wahlergebnisse, wie an der Themse jüngst zum Beispiel; und es gibt bescheuerte, siehe Frankreich. Zu beiden, den Inglesen wie den Franzmännern kann man eine Meinung haben. Dass unsere Nachbarn von der Seine wie die von der Themse die Rechtspopulisten unterhalb der Sperrminorität gehalten haben, das passt uns am Rhein. Stichwort AfD. Hier gibt’s nur einen Unfall von unserem ehedem liberalen Nachbarn Kees zu berichten. Der Holländer wird ruppig, übrigens wie der Schwede.
Der Kern des Problems ist, dass sich die sogenannten Kleinen Leute nicht dem Weltgeist gegenüber in der Verantwortung sehen, sprich Vernunft walten lassen, sondern ihren banalen Klassenstandpunkt vertreten, wenn so eine marxistische Vokabel erlaubt ist. Oder den ihrer schlechten Laune. Insbesondere wenn miese Laune ihre eigentliche Klasse ist. Jetzt kann Monsieur Le President sehen, wie er mit dem Mist zurechtkommt, den die Gelben Westen sich da zusammengewählt haben. Auch nicht einfach.
Der wesentliche Beitrag zur Demokratie kommt aus der Geronto-Diktatur USA, von unserem Hegemon. Dort sagt ein Oberstes Gericht, dass jedweder Mister President gar kein Unrecht nicht walten lassen kann, wenn er im Amt handelt. Das Recht als Hure der Politik. Na, und wie man der Schweigegelder zuschiebt, das weiß er ja, der künftige Hegemon.
Ich bitte also um Unterstützung von Kir Starmer, Beileidsbekundungen bei Emmanuel Macron und eine Bettflasche für den älteren Herrn. Am 28. September 2025 ist übrigens Bundestagswahl, wieder gleichzeitig zum Berlin Marathon. Chaos in der Metropole gewiss. Es wird, darauf kann man wetten, nicht die Vernunft sein, die als Erste durch‘s Ziel gehen wird.
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DER RAUSWURF MIT SCHINKEN.
Es ist hinreichend bekannt, dass SPAGHETTI CARBONARA niemals der Sahne bedürfen. Ein Sakrileg. Immer nur Ei und Speck. Ich weiß, dass im unglückseligen Städtchen Montabaur ein Italiener beides wahlweise anbietet. Ein Frevel. Aber das ist ja auch der Ort, an dem ein anderer Italiener Ananasscheiben auf die Pizza legt. Der Frevel namens Hawaii. Kulturell ist Montabaur der Kongo. Obwohl es dort gute französische Küche gibt, im Kongo.
Wie Professore Alberto Grandi in seinem Buch „Mythos Nationalgericht - Die erfundenen Traditionen der italienischen Küche“ (HaperCollins) überzeugend nachweist, sind die SPAGHETTI CARBONARA eine Nachahmung des nordamerikanischen Frühstücks mit Eiern und Speck. Das wiederum ist die Erfindung von Edward Bernays, dem Urvater der PR. Dessen Standardwerk „Propaganda - Die Kunst der Public Relations“ ist übrigens mit einem Nachwort von mir für 18 € im Netz zu beziehen.
Der alte Bernays will mehrere Megatrends mittels PR geschaffen haben. Neben dem Speckei auch das Zigarettenrauchen von Frauen in der Öffentlichkeit. Nun, das ist die übliche Eigen-PR: Er hat auf einen kommenden Trend kommerziell gesetzt und dann nachträglich die Vaterschaft verlangt. Der übliche Taschenspielertrick der PR. Das amerikanische Frühstücken ist irischen Ursprungs, die in der neuen Welt die Engländer kopierten. Nennt sich „full fry“ und hat auch noch Heinz seine gebackenen Bohnen.
Ich frühstücke heute einen Toast mit Käse (kaas) und einen mit gekochtem Schinken (ham), nennt sich „uitsmijter“. Holländisch für Rausschmeißer. Das hörte ich gern von meinem Vers.
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LICHT AN.
Berlin wäre bei Touristen wie Zugezogenen nicht so attraktiv, hätte es nicht traditionell den Ruf eines ungebremsten Nachtlebens. „Kreuzberger Nächte sind hundert Meter lang und länger“, sangen einst die ortsüblichen Gebrüder Blattschuss. Es ging um die in Berlin angeblich fehlende Sperrstunde. Und die fehlenden Sperrbezirke wie den fehlenden Wehrdienst, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Mythos des NACHTLEBENS setzt historisch auf die ROARING TWENTIES auf, die Zwischenkriegszeit, in der sich ein wildes Partymilieu entfaltete. Ich summe immer noch die Melodien aus dem Kinofilm „Cabaret“ mit Liza Minnelli. Und natürlich die Dreigroschenoper Brechts, zu der es jüngst einen wirklich grandiosen Film gab (Titel MACKIE MESSER von Joachim A. Lang). Aber grundsätzlicher gefragt: Was ist es, dass die großen Städte mit dem Ruf der endlosen Lustbarkeit verbindet? Die Laterne. Licht an?
Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert beginnt in den europäischen Metropolen tatsächlich das „street lightning“. Die Gaslaterne oder dann das elektrische Licht verändern das urbane Leben. Eine weitere Tageszeit spreizt nun deutlich das wache Leben. In einem Buch zur Aufklärung lesen ich von dem „Philosophen der Nacht“, einem Roger Ekirch; ich erinnere mich, mal einen dicken Wälzer von ihm in der Hand gehabt zu haben, wo es um die Geschichte der Dunkelheit ging (ein eher fahriges Werk). Es sei eine Tageszeit für weitere Arbeit, vor allem aber für „Freizeit“ („leisure“) hinzugekommen. Das stimmt für den Schuster, der im Kellerloch, bisher nur auf eine Glaskugel angewiesen war, und nun auch nachts bei seinen Leisten bleiben konnte.
Aber die Erfindung der Freizeit, ist das auch eine städtische Errungenschaft? Man ist ambitionierter. Das aufgehende Licht der großen Städte stehe für ENLIGHTMENT, also „Erleuchtung“, als „Aufklärung“ nur schlecht ins Deutsche übersetzt, nämlich die Flucht aus der Dunkelheit des Unwissens, des Analphabetentums, der Unfähigkeit zu rechnen, des Aberglaubens und der Intoleranz. Die Straßenlaterne als Symbol des Großen Lichts der Aufklärung. Da sieht man mal wieder, wie sehr die Philosophen daneben liegen können.
Was das NACHTLEBEN ausmacht, ist nicht VERNUNFT, sondern ausdrücklich deren Gegenteil, die vorsätzliche Unvernunft. Hier herrscht nicht der klare Verstand, sondern der nachdrücklich vernebelte. Hier kommt zum Zuge das Menschenrecht auf RAUSCH, seit Dionysos, dem Weingott der Antiken, notorisch. Es betätigt sich der Abgrund der menschlichen Seele, wenn nicht der Abgrund des Körperlichen. Dazu braucht es, damit man beim Straucheln nicht allzu sehr strauchelt, ein ganz klein wenig Licht, den Halbschatten einer Gasfunzel, mehr nicht. Kein Neon. Nachts sind alle Katzen grau. Im Dunkeln ist gut munkeln. You name it.