Logbuch
FEUERWERK zu Sylvester?
Es gibt Fragen, die so belanglos sind, dass man sie niemals durch eine Antwort ehren sollte, auch keine einsilbige.
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Gestern sah ich einen Bodyguard in der Stadt, blickte ihn fragend an und er schüttelte den Kopf. Er war privat, außer Dienst. Ich hätte seinem Schützling sonst die Hand geschüttelt (den Ellbogen geboten). DIENSTBARE GEISTER. Wenn man lange mit Politik zu tun hatte, erkennt man die Spitzenpolitiker am KOMMANDO. So nennen sich die Sicherheitsbeamten, die die Großkopferten routinemäßig begleiten. Und die kennen einen, man nickt sich stumm zu. Auch wenn ab und zu so etwas wie „Bad in der Menge“ inszeniert wird, Merkel im Supermarkt etwa, die Sicherheitslage ist so prekär, dass sich VIPs ohne Kommando gar nicht mehr bewegen können. Das John-Lennon-Syndrom hat sich in Volkszornzeiten ins Absurde gesteigert. Dass die AfD inzwischen schon den Mob ins Parlament schleusen kann, ist mehr als ein Skandal. Die Verachtung, die ich als postpubertanter Revoluzzer vor den „Schweine Bullen“ rhetorisch hatte, ist Respekt gewichen. Die machen einen Scheißjob für wenig Geld. Und wenn etwas schief geht, läuft der Instinkt der Medien als erstes gegen sie. Vielleicht zu Recht, aber ich kenne viele Situationen, in denen die Beamten wirklichen Frechheiten ausgesetzt sind. Die Knochen hinhalten. Ja, Übergriffe gibt es wohl auch, aber ich sehe weit öfter die andere Zumutung. Schließen wir versöhnlich mit KANT und seinem Diener Lampe, der ihm ein Leben lang treu gedient hatte. Selbst als dieser schon verstorben war, rief Kant noch nächtelang nach ihm. Seine einsetzende Demenz ließ ihn dessen Tod immer wieder vergessen. So fand man, als auch Kant das Zeitliche gesegnet hatte, auf seinem Nachttisch einen Zettel mit einer Notiz in der Handschrift des dement gewordenen Meisters: „Lampe unbedingt vergessen!“
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Alles weiß draußen. RAUREIF. Der Winter kommt. Mit dem ersten Frost werden die letzten Blätter vom gelben Ginkgo bald fallen. Mal schauen, ob die Natur sich an die ideologische Großwetterlage hält und es mild bleibt. Mir wäre nach knackigem Frost. Naturgemachter Winter mit kräftig Schnee. Meine Gärtnerin, die den dann frühmorgens wegschippen müsste, wird mich für bescheuert halten. EIS UND SCHNEE.
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DINNER FOR DESASTER.
Das englische Landleben zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm noch nachwirkt, was man unter der traditionellen Herrschaft von Adel und höherem Bürgertum ein GESELLSCHAFTSLEBEN genannt hat. Traditionen werden gepflegt, insofern ist das Ritual von Miss Sophie so absurd nicht. Ich werde Zeuge eines Gesellschaftsspiels, das in gehobener Konversation eben davon handelt. Skurriles aus dem Land von Rosamunde Pilcher. Wir nehmen als Hunnen teil, so nennt der witzelnde Tommy uns Germanen.
Die Idee beim DESASTER DINNER ist es, sich ein möglichst unheilvolles Abendessen zu ersinnen, sowohl was die Gangfolge angeht als auch die Kombination der Gäste. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Alle Bemühungen richten sich auf eine möglichst illustre Katastrophe, kulinarisch wie sozial. Wie gesagt, schwarzer Humor.
Man erinnert sich dabei seiner eigenen Katastrophen. Etwa als ich mit der Blonden bei einem größeren Dinner ausgerechnet das Ehepaar Thilo und Ursula am Tisch hatte. Nimmer habe ich in tiefere Trostlosigkeit geschaut als bei dieser traurigen Figuration normalisierten Rassismus; ach wie elend. Und selten war es peinlicher als bei jenen beiden Familienvätern, die mit fünfzig Lenzen entdeckt hatten, dass sie beide vom anderen Ufer und zudem füreinander gedacht. Ich sage nur: gebundene Rüschenbluse mit Schleife. Aber es soll jeder nach seiner Façon selig werden.
Da er sich gerade wieder politisch zu Wort meldet, um Muttis Rache an Merz eine Stimme zu geben, reden wir auch, weil er absolute Person der Zeitgeschichte, über Krischan, wie er zum ersten Mal seine spätere Mehrfachfrau mitbrachte und sich vor Besitzerstolz nicht lassen konnte, das Schwitzhändchen. Oder über die angebliche Pastorengattin aus Thüringen, eigentlich Küchenhilfe, die beim Presseball im Leihkostüm die weißen Handschuhe bis in die Achselhöhlen trug und sich derer nicht zu entledigen wusste, als es galt, das Brot zu brechen, und das einer selbsternannten Botschafterin des grünen Evangeliums.
Bei den Speisen geben Innereien und Rohes sowie Unverzehrbares dankbaren Gesprächsstoff. Oder sehr traditionelle Zubereitungsformen. Schafsmagen. Für mich noch immer der Ekel als solcher: blanchierter Hummer in der Entenpresse. Oder Mulligatawny-Soup, die historisch aus Schildkröten gekocht wird, deren etwas ranzige Strenge mit indischem Pfeffer übertönt wird; Kipling ist mein Zeuge.