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PROJEKTION.

Das eigene Übel hineinzulesen in sein Gegenüber, das nennt der Soziologe eine PROJEKTION. Darum darf man Feindbildern nie trauen; es kann sein, dass sie nur ein Umkehrbild sind und das Unterbewusste des Freundes zum Wesen des Feindes machen.

Das gilt aber auch im sozialen Nahbereich. Beispiel Geschlechterrollen, heutzutage GENDER genannt und Sex. Ich lese in der New York Review of Books einen Essay einer Historikerin über das Werk einer Autorin über die Rolle des Weiblichen im Mittelalter, also vor mehr als tausend Jahren. Die Grundannahme der männlichen Quellen dieser Zeit war, lese ich, dass Männer kalt und trocken seien, Frauen dagegen heiß und feucht. Das schreibt das Frauenbild der bösen Verführerin fort, beginnend mit Eva im Garten Eden.

Ein wesentliches Motiv für die Sittenlehrer, die Fehlverhalten kanonisieren wollten, war die Frage, welche Ausreden die BEICHTE für Fehlverhalten zulassen sollte. Dabei fand die gewollte Nachsicht für männliche Delinquenz natürlich Eingang in die Beschreibung der Wirklichen. Es gibt interessante gynäkologische Spekulationen, warum Prostituierte bei Ausübung ihres Berufes nicht schwanger werden können. Natürlich gegen jeden Augenschein, aber mit der angenehmen Konsequenz, dass Freiern keine Vaterschaft zugerechnet werden konnte.

Der dombauende Bischof von Worms namens Burchard erörtert in seinem berühmten Buch, dem Liber Decretum, eine Ursache für übersteigerte sexuelle Lust bei Männern (die natürlich zu entschuldigen war, weil wesensfremd). Gesteigerte Leidenschaft sei auf eine fehlzubereitete Fischmahlzeit zurück zu führen, also Schuld der häuslichen Köchin. Unter hoher kanonischer Strafe stand eine Hexentechnik, die man nur mit Vorsicht zitieren kann, da unsere Zeiten das Drastische des Mittelalters verloren haben.

Man solle, so Bischof Burchard zu Worms, weibliche Kirchgänger darauf befragen, ob sie lebenden Fisch intravaginal verborgen hätten, den sie später ihren Gatten häuslich zubereitet zu servieren gedenkten, weil diese Zubereitungsart diabolisches Verlangen bei Männern auslöse. Hohe Strafen waren dafür angesetzt; höhere, berichten die Quellen, als für Kindesmord. Projektion als Wahrheitsbeweis der Inquisition. Dunkle Zeiten.

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GRATISMUT.

Den Kriegsparteien im Ukraine-Konflikt habe ich keine Ratschläge zu geben, schon gar nicht solche, deren Konsequenzen ich nicht zu tragen hätte. Da ist die Londoner Korrespondentin des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens Anette Dittert meinungsfreudiger. Die verlässlich linksliberale Stimme kritisiert den Papst mit der Unterstellung, er habe zur Unterwerfung unter das Böse aufgefordert. Ein Jesuit, der die Ehre Gottes schmälert? Ein Jesuit, der die Gegen-Reformation aufgibt? Gemach.

Als 2013 der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio als erster Anhänger der Societas Jesu (SJ) überhaupt zum Papst gewählt wurde und sich dann noch nach einem Hallodri aus Assisi ausgerechnet Franz nannte, war das eine wirkliche Überraschung in katholischen Kreisen. Er hatte eine persönliche Geschichte als Intimus der argentinischen Diktatoren in den 70. und 80. Jahren, war bei den Jesuiten, nach allem, was man da wissen kann, nicht sehr beliebt und galt dem intelligenten Benedict XVI nicht als besonders helle. Seit seiner Gründung im 16. Jahrhundert hatten die SJ-Leute stets herausgehobene Ämter gescheut, zumal das höchste ihrer Kirche. Jetzt dieser Dummbüttel als Stellvertreter Christi.

Man muss wissen, dass die Mitglieder der „Gesellschaft Jesu“ keine Mönche sind und nicht Priester sein müssen, also auch Laienstatus haben können. Was diese Elite eint, weiß man nicht gesichert, aber es muss mit der Gegen-Reformation zu tun haben. Eine Förderung der russischen Orthodoxie scheint Experten unwahrscheinlich. Warum dann die weiße Fahne als Rat an die Ukraine? Ich hole die Geschichte der SJ des Hamburger Zeitgeschichtlers Markus Friedrich aus dem Regal, werde aber nicht schlauer.

Jetzt also rät Papa Franz den Ukrainern zur weißen Flagge. Eine Stimme der Vernunft oder Ausdruck einer Weltverschwörung? Wer ist der salbadernde Opa zu Rom? Ich lege das zur Seite. Welchen Säulenheiligen ziehen wir jetzt zu Rat? Man darf diese Welt nicht mit den Augen Luthers sehen oder in der eisernen Logik Hegels, gar mit dem Zynismus eines Nietzsche. Es gilt das Wort Kants, nach dem der Friedensschluss ein Sieg der Vernunft sei. Sagt jetzt auch der Papst.

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BIBELFEST.

Im Schaufenster eines kleinen Antiquariats hinter der Leipziger Nikolaikirche sehe ich als Angebot die lange Reihe der Blauen Bände, 44 an der Zahl. Für einen Soziologen meiner Ausbildung ist das ein Monument, die MEW, jene schlecht editierte, aber legendäre Studienausgabe der Werke von Marx und Engels. Zumindest die drei Bände MEW 23 bis 25 hatte man in der häuslichen Handbibliothek zu stehen, nämlich DAS KAPITAL, die ökonomische Hauptschrift des Bärtigen aus Trier.

In den achtziger Jahren hallte eine französische Marxrevision („Lire le capital“) an deutschen Universitäten nach; auch wenn man an den damit verbundenen Glaubenskriegen eher aus Exotismus interessiert war, musste man das Hauptwerk des Bärtigen gelesen haben, zumindest sollte man in Konversationen so tun können. Ich habe mich mal dran gesetzt; man brauchte nicht mehr als zwei Wochen konzentrierter Arbeit, um das Ding gelesen zu haben. Textfest zu sein, das war damals schon ein Kriterium.

Im gleichen Schaufenster auch eine Ausgabe des Großen Brockhaus in 30 Bänden. Die ENZYKLOPÄDIE war mal als Konversationslexikon gegründet, sprich als Hilfsmittel zum Klugschwätzen. Wie ich mir die schon als Student leisten konnte, weiß ich heute gar nicht mehr. Heute habe ich zusätzlich noch zwei, drei historische Ausgaben, weil mich mal interessierte, wie historisches Wissen verschwindet. Aber aus dem Projekt ist dann nie was geworden, zu umfangreich.

Das größte Hilfsmittel beim Klugscheißen war KINDLERS LITERATUR LEXIKON, das alle Werke der Weltliteratur so besprach, dass man mit etwas Geschick ein umfängliches Wissen vortäuschen konnte, ohne sein halbes Leben in Bibliotheken zu verbringen. Heute keine Sensation mehr; ich sage nur WIKIPEDIA. Aber VORSICHT, wer abgegriffenes Konversationswissen als wissenschaftliches Studium ausgibt, der muss Plagiatsjäger fürchten.

Die Routine, bestimmte Dinge einfach mal komplett zu lesen, ist bei mir in der Pubertät entstanden, da ich als Pfadfinder mit Pfaffen zu tun hatte. Du konntest sie kaltstellen, indem Du bibelfest warst. Ich habe das Ding damals einfach mal komplett gelesen, dauert vier Wochen. Danach fasst Dich niemand mehr an.

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Liebe Nation: Mutti ist die Beste!

TROTZ ANDERSLAUTENDER LIPPENBEKENNTNISSE: DIE SOZIALDEMOKRATIN MERKEL UND IHR AUSSENMINISTER WOLLEN WEITERREGIEREN

TV-Duelle sind so berühmt, weil auf ihnen ein doppelter Mythos ruht. Zunächst einmal erscheinen alle Duelle wie die dramatische Auseinandersetzung zweier Helden, von denen nur einer überleben kann. Kampf um Troja, großes Kino. Es geht um Krieg oder Frieden, um Wohl oder Wehe. Schon der Altgrieche Homer hat dabei über das Imponiergehabe der duellierenden Feldherren Menelaos und Paris spotten lassen. Auf den Paukböden der studentischen Verbindungen hat sich dann der Kult der Duelle über die Zeiten gerettet. Und seit einem halben Jahrhundert glauben wir daran, dass im Fernseh-Streitgespräch sogar Wahlen entschieden werden. Damals trat der sonnengebräunte John F. Kennedy gegen einen bösbärtigen Richard Nixon an. Nixon wollte sich wie ein verletzter Gladiator in Kennedy verbeißen, dieser aber übersah ihn, gab den Sonnyboy, lächelte in die Kamera und gewann. Die politische Sensation war perfekt.

Aber auch das ist ein Mythos, denn TV-Duelle entscheiden keine Wahlen. Sie bestätigen die ohnehin vorhandenen Ressentiments, bei Freunden wie Feinden der Kandidaten. Das Fernsehen mobilisiert bestenfalls, aber es erteilt Wählern keine Lektionen. Alles andere ist Kaffeesatzleserei, an der sich leider auch seriöse Meinungsforscher und eitle Professoren beteiligen. Die wissenschaftliche Tiefe solcher Duell-Analysen entspricht im Kern den Diskussionen beim Hahnenkampf im mexikanischen Hinterhof oder den Wetten beim Kirmesboxen auf dem Schützenfest. Es gewinnt immer die Politik, und es verliert der Wähler. Das TV-Duell hat keine Wahl geboten, es suggerierte alternative Lösungen, die additiv sind. Die Helden der großen Koalition haben sich in Wirklichkeit im Doppelpack angeboten. Was die Sozis programmatisch offerieren, das kriegt die Nation auch bei Angela Merkel. In Wahrheit wollte Steinmeier schon den ganzen Wahlkampf über die große Koalition. Die Republik kollabiert politisch in der Mitte.

Das Gerede, Getue, Geplätscher beim TV-Duell Merkel-Steinmeier war mitnichten ein Kampf. Es war wie beim letzten Familienfest das übliche Geplänkel von Tante Paula und Onkel Günter, nur dass die Tante jetzt Angela hieß und der Onkel Frank Bindestrich Walter. Gleichwohl hat Angie, wie ihre Fans sagen, gewonnen; zusammen mit ihrem Lieblings-Außenminister Steinmeier. Denn Deutschland fühlt sich gut regiert.

Merkel ist ferner zu skeptisch und zu sehr Ossi, um dem Zwang zu erliegen, ständig einen Punkt machen zu müssen. Sie geht in keine Luther-Pose: „Hier steh` ich und kann nicht anders“. Kein Männer-Brimborium. Näher ist ihr das Vermögen des geseiften Ferkels, jedem Zugriff entwischen zu können. Merkels Rede ist wie Warmduschen, ohne nass zu werden. Aber man merkt, dass eine Wölfin in dem Schafspelz lauert. Man weiß, Mama kann auch anders! Aber Mama lässt es bei mütterlichem Ernst und liebevoller Unbeholfenheit. Sie ist nie brillant, sie ist nie peinlich. Middle of the road, heißt das im Englischen.

Steinmeier ist davon nicht weit weg, er war mittelmäßig wie immer. Er gab weder den strahlenden John F. Kennedy, noch den kühnen Menelaos, jenen Siegreichen aus dem trojanischen Krieg. Er hat kein Hai-Lächeln wie Schröder und keine Zornes-Stirn wie Joschka Fischer. Sein Gesicht bleibt Teig. Kein Spieler, kein Kämpfer, kein Schlitzohr, kein Showstar, er hat etwas Orientalisches. So reiht er Sprechblasen über Gewichtiges, und die zerplatzten Blasen legen sich wie Mehltau über uns.

Merkel will nicht auf den Punkt kommen, er kann nicht. Wie Merkel ist er nicht sportlich, nicht schön, nicht das, was Jugendliche „geil“ nennen. Er ist ermüdend authentisch, ein authentischer IG Metall-Sekretär, der es zum Büroleiter geschafft hat, den es dann irgendwie an die Spitze eines Wahlkampfes gespült hat. Jemand, der sich redlich Mühe gibt. In Schulnoten ist er immer vier plus und Merkel immer zwei minus. Wir wollen Blut und Spiele und kriegen Worthülsen und Schachtelsätze. Man hat eher Mitleid mit Steinmeier. Seine Freunde loben ihn so, wie man es in der Sonderpädagogik tut: besorgt gönnerhaft. Dafür, dass er es eigentlich nicht kann, war er nicht schlecht. So auch unser Urteil, ein Achtungserfolg. Es ist also wie bei Homer. Zu dem unterlegenen Duellanten Paris sagt dort die schöne Helena: „So kommst Du vom Kampfe zurück, lieber sähe ich Dich getötet. Noch kürzlich prahltest Du, ihn zu besiegen.“ War wohl nix, würden wir heute sagen. Getretener Quark, hat Goethe gesagt, wird breit, aber nicht stark.

Haben Plasberg, Illner und Konsorten die Wahl entschieden? Senken wir unsere Daumen nach einem Kampf der Gladiatoren im Circus Maximus? Die Spitzen der Talkmaster-Kunst haben einen bunten Abend veranstaltet. Wahlkampf im Seniorenheim. Mehr nicht. Jedes Volk hat die Politiker, die es verdient. Und die Journalisten obendrauf. Gute Nacht.

Quelle: starke-meinungen.de