Logbuch

KOMPLIMENT VERGIFTETES.

Der deutsche Philosoph HEGEL soll in Jena (Thüringen) NAPOLEON „den Weltgeist zu Pferde“ genannt haben. Leider falsch.

Der kriegsführende Franzmann war zwar in Jena (Thüringen) und ritt just aus, als der Herr Professor von der Post kam (ein überfälliges Manuskript musste nach Bamberg zum Verleger) und unerwartet vor dem berühmten Besetzer stand. Diesem Hallodri. Beladen mit Hoffnungen aus aller Welt. So weit, so gut.

Tja, Jena (Thüringen). Man sieht ja heutzutage nix mehr von der alten Uni-Stadt, weil die Autobahn durch zwei völlig unmotivierte Tunnel geführt wird. Man darf da nicht abfahren. Ich erinnere aber in der Stadt einen Turm der Linsenschleifer zu Jena. Zeitz oder so. Die zu DDR-Zeiten Tauschgeschäfte machen mussten: Observatorien (in Wolfsburg) gegen Trabi-Motoren (Polo-Aggregate für Eisenach, Thüringen). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Also HEGEL. Er hat NAPOLEON „eine Weltseele zu Pferde“ genannt. Eine SEELE, nicht einen Geist oder gar den Weltgeist. Das ist auch ein Kompliment, aber weit geringerer Dimension. So als würde man, den großen deutschen Philosophen ein „Nachdenkerchen“ nennen. Den WELTGEIST dachte man sich nicht als marodierenden Korse, der sich an den Weinkellern und Ehebetten wie Mädchenstuben Jenas zwecks Fraternisieren verging. Bei dem Weindiebstahl sollen die Franzosen übrigens auf Widerstand gestoßen sein.

Logbuch

HEISSHUNGER.

Nie dem Heißhunger folgen. Nie.

Die Thüringer Bratwurst von dem Grill an der Freien Tankstelle an der Autobahnabfahrt Wanderlitz (oder so) bei den drei Burgen („Die drei Gleichen“) ist schwer verdaulich.

Logbuch

BARFUSS DIE SOLOVIOLINE.

Gestern spielte die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja zusammen mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko das „Concerto funebre“ von Karl Amadeus Hartmann aus dem Jahr 1939. Und sie, die Soloviolinistin, war BARFUSS. Auf der Bühne der Berliner Philharmonie.

Das Publikum war, skurriler Gegensatz, wegen Corona vermummt. Und staunte über die feenhafte Eleganz einer virtuosen Künstlerin, die eine unvermutete Grazie zeigte. Die „Musik der Trauer“, welch ein Widerspruch, erheiterte, ohne eine Spur des Komischen oder Pathetischen. In der Leichtigkeit einer weinenden Violine. Ein großes Kunsterlebnis. Spielt sie immer ohne Schuhe? Kein Ahnung. Das aber war ANMUT. Anmut ohne falsche Würde.

Logbuch

WAHLKAMPF KANN JA JEDER.

Journalisten legen großen Wert darauf, keine PR-Berater zu sein. Politische Journalisten den allergrößten, dass sie selbst nicht Wahlkampf für irgendwen betreiben. Die Mietmäuler, das sind die Öffentlichkeitsarbeiter. Das ist in Ordnung, weil es tatsächlich unterschiedliche Rollen sind. Die moralischen oder juristischen Überhöhungen, mit denen sich die Presse selbst ziert, wenn sie sich als Agens der WAHRHEIT oder VIERTE GEWALT sieht, sollte man ihr zubilligen. Journalisten sind wichtig, werden aber lausig bezahlt, gehören also respektiert.

Eigenartig ist allerdings die Neigung, der jeweils anderen Seite Ratschläge zu erteilen. Unter den PR-Leuten sind es nicht die hellsten Kerzen auf der Torte, die Journalisten auf den Block diktieren wollen, was sie gerne im Blatt läsen. Jüngst lese ich noch in den Sozialen Medien die Petiten eines ehemaligen Firmen-Sprechers (ein „has-been“ der Autoindustrie) dazu, was man nach seiner Meinung über seine alte Firma lesen können soll. Vollmundige Rüge. Medienschelte. Da kann man nur seufzen.

Ebenso wundersam sind die Ratschläge von Journalisten an die Wahlkampfmanager, zum Beispiel dazu, wie man eine sogenannte PR-Krise hätte vermeiden können. Siehe letzte Runde in der Causa BAER & BOCK. Im Handumdrehen ist dann aus einem Pressevertreter ein PR-Genie geworden. In einigen Fällen feiert sich dabei auch noch ein besonderer Zynismus: der Jäger erklärt dem Gejagden, wie er es hätte vermeiden können, dessen Opfer zu werden. Ich glaube, das nennt sich neudeutsch VICTIM BLAMING. Erst niederschreiben, dann bemitleiden, schließlich belehren.

Erfahrene PR-Leute wissen, dass Journalisten kein PR können. Die essen zwar gern, können aber nicht kochen. Der gesamte Medienprozess besteht im Hochkochen, Würzen und Anrichten von NEWS, sprich GESCHICHTEN; das sind die Gerichte. Es ist tatsächlich wie in der Gastronomie. Einige essen gern, andere kochen gern. Die Gourmets der Gerichte sind die Journalisten, die Köche die PR-Manager. Einige wenige; es gibt nicht viele Sterneköche in der PR. Dazwischen laufen sich Heerscharen von Kellnern die Füße platt. Aber das gehört zum blinden Fleck des Journalismus, dass er von PR lebt; ein Tabu.