Logbuch

FREMDENLEGION.

Eine besonders böse Truppe soll die Fremdenlegion der Franzosen sein, obwohl zusammengewürfelt, gilt sie bis heute als eiserne Einheit. Soziologisch interessant.

Diese Elitetruppe der französischen Armee nimmt bis heute gern Leute aus aller Welt, die ihren alten Namen vergessen machen wollen und hier ein neues Vaterland finden. Plus neuem, französisch klingendem Vornamen. Früher ein Fluchtort für alte Kameraden der Waffen SS. Unrühmliche Gesellen, jetzt unter weißen Käppis und in martialem Ruf. Ein rauer Haufen von verwegenen Söldnern, die die Anonymität suchen mussten.

Zum legendären Ehrenkodex der Fremdenlegion gehört, dass man niemals einen Kameraden oder eine Waffe zurücklässt. Ein Vorsatz aus den Stellungskriegen. Soziologisch höchst interessant. Er bedient die notorische MATRIX militärischer Gruppen, eine VERTIKALE und eine HORIZONTALE, die deren Zusammenhalt schaffen und garantieren.

Von oben nach unten, in der VERTIKALEN, gilt das Prinzip des Gehorsams, ja, des Kadavergehorsams, der eher den eigenen Tod hinnimmt als dem Feind zu nützen, hier, indem man Waffen in dessen Hände fallen lässt. Dieses Prinzip von „Befehl und Gehorsam“ gilt für alle militärischen oder paramilitärischen Gruppen, also eine klare Kommandostruktur.

Untereinander, also in der HORIZONTALEN, gilt das Prinzip des unbedingt Amikalen, der Kameradschaft bis in den eigenen Tod. Gerade in einem so zusammengewürfelten Haufen aus den Verzweifelten aller Nationen und Welten muss eine neue „Identität“ geschaffen werden. Das gemeinsame und neue Vaterland der Söldner ist die „Legion“. LEGIO PATRIA NOSTRA. Die Kameradschaften nennen sich „amicale“.

In dieser Matrix von hierarchischer und kollegialer Bindung lässt sich dann eine Truppe als „zusammengeschmiedet“ führen. Natürlich waren nur die Mannschaften so verbundene Fremde; das Offizierscorps wurde immer von Franzosen gebildet (sehr seltene Ausnahmen). So weit geht das Vertrauen in die Soziologie der Matrix dann doch nicht.

Der Sold dieser Söldner war immer vergleichsweise hoch. In meiner frühen Jugend spielt der Vietnamkrieg der USA politisch eine große Rolle, den die Amis von den Franzosen geerbt hatten. Die hatten 1954 eine legendäre Schlacht gegen die Vietnamesen verloren, Stichwort Dien Bien Puh. Ich erinnere den historischen Hinweis, dass der Sold der Fremdenlegion so hoch war, dass es immer und bei allen „für Heroin und Blumenmädchen“ gereicht habe. Tja, da hat dann auch die Matrix nicht mehr genützt; so gewinnt man dann doch wohl keine Kriege.

Logbuch

ENTENFUSSBAUM.

Respekt zollen: eine wichtige Tugend für Untergebene. Der Entenfussbaum in meinem Garten hat damit seine Probleme. Eine Warnung.

Wenn ich richtig zähle, sind es sieben, vielleicht auch neun Entenfussbäume, die ich im Laufe der Jahre gepflanzt habe. Deren grünen Blätter färben sich im Herbst in ein lichtes Gelb. Der größte von ihnen, inzwischen vielleicht sechs Meter, hat heute nächtens alle seine Blätter abgeworfen. Noch in schwindende Dunkelheit gehüllt, aber ich sehe schon, ein goldgelber Laub-Teppich umgibt ihn.

Diese, einst aus Japan importieren Bäume, oft in den Tempeln Asiens zu finden, gelten als geheimnisvoll; sie raunen nächtens MEMENTO MORI. Das ist Latein und eine Frechheit. Der Kerl sagt zu seinem Gärtner: „Bedenke, dass Du sterben wirst!“ Seine Gattung, die der Entenfüssigen, ist in fossilen Funden über 200 Millionen Jahre nachgewiesen; sie hat das Aussterben der Dinosaurier überlebt. Ein einzelnes Exemplar in Hiroshima gar die Atombombe. Der Kerl in meinem Garten hat eine große Fresse, weil er glaubt, mich ganz sicher zu überleben.

Er sollte sich mal meine neue schwedische Motorsäge ansehen, der Hund! Es ist noch nicht raus, wer hier Herr im Garten ist! Der Pinsel bildet sich was ein, weil Goethe ein Gedicht über ihn verfasst hat; eher eine Peinlichkeit. Denn darin beschreibt der pompöse ältere Herr aus Weimar (Thüringen) seine Alters-Affektion gegenüber einer adeligen Frau von Soundso mit Entenfüssen. „Fühlst Du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin?“ Wg. Entenfüsse. Wie pervers ist das denn?

Logbuch

KAMERADEN.

Rechtsanwälte haben sie. Die Mafia hat sie auch. Ärzte reden sich so an. Die KOLLEGIALITÄT, ein verhalten freundschaftlicher Umgang innerhalb der eigenen Gruppe. Früher hieß das KAMERADSCHAFT.

In einer Einladung der Awo (Arbeiterwohlfahrt) zu einer kleinen Rede lese ich einen Begriff, den ich hier gar nicht vermutet hätte. Eine Gründungsmutter dieser karitativen Organisation sprach dereinst vom Ideal der KAMERADSCHAFTLICHKEIT. Jetzt müssen alle Neoliberalen ganz stark sein: das ist sozialistisches Gedankengut von vor hundert Jahren. Es geht um das, was die Franzosen BRÜDERLICHKEIT genannt haben. Ein komischer Begriff, so als sei das Familienleben immer und überall freundschaftlich. Ich kenne mehr feindliche als einander zugewandte Brüder. Und was ist mit den Schwestern?

Das Wort vom Kameraden entstammt der Militärsprache. Und so zweischneidig ist es. „Die Kameradschaft ist dem Soldaten befohlen“, heißt es bis heute. Das mag KOLLEGIALITÄT unter den Uniformierten meinen. Kann aber eben auch eine KONFORMITÄT meinen, die das eigene Gewissen hintanstellt. Als solche gilt sie dann auch in paramilitärischen Gemeinschaften bis hin zur ORGANISIERTEN KRIMINALITÄT. Warum die vermeintlichen Soziokulturen der Mafias bei uns Folklore sind, wissen ohnehin nur die Götter und Petra Reski.

Ursprünglich war Camera das Wort für eine STUBE, eine beheizte Schlafgelegenheit, dann für die Gemeinschaft der dort zwangsweise Zusammenschlafenden, so wird es zu einer SEKUNDÄRTUGEND der „Gezogenen“ oder Verschworenen, einer horizontalen Bindung. Von oben nach unten, sprich vertikal, gilt das Gebot des GEHORSAMS, untereinander, sprich horizontal, das der Kameradschaft. So organisiert sich in militärischen Gemeinschaft die Entantwortung des Einzelnen, die das Töten des Feindes erleichtert. Heute tauscht der Begriff im rechtsradikalen Jargon wieder auf; es sei gewarnt.

Was mich jetzt aber fasziniert: Dies war vor hundert Jahren auch ein Leitbegriff der ARBEITERBEWEGUNG und anderer Reforminitiativen. Ich lese von der KAMERADSCHAFTSEHE als einem Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter, sprich der Emanzipation der Frau. So ist es dann wohl auch in das Selbstverständnis der „Arbeiterwohlfahrt“ eingegangen. Es meint dann da SOLIDARITÄT und einen fürsorglichen Umgang mit denen, denen es nicht schon an der Wiege gesungen wurde. Die Entdeckung der Solidargemeinschaft.

Wie vieles andere auch, die NAZIS haben dies missbraucht und in das totalitäre Konzept der VOLKSGEMEINSCHAFT überführt, eine rassistische Konstruktion, die dann auch den Völkermord rechtfertigen sollte. Zu bitter, um zu kleiner Münze gemacht zu werden, aber eben auch nicht zu vergessen. Endpunkt der Kollektivierung des Individuums. Detail aus dieser antibürgerlichen Vervolksgemeinschaftung: Das SIE wurde als Anrede verpönt und sollte durch ein allgemeines DU ersetzt werden, berichten von den Nazis zwangsbeschulte Zeitzeugen.

Logbuch

Politik in der Ohnsorg-Falle: Sie lullt noch ein, aber erweckt nicht mehr

Der König ist tot, es lebe der König. Nach langen Verhandlungen hat Schwarz-Gelb eine neue Regierung gezaubert, aber das Hurra bleibt aus. Kein Hosianna, keine Begeisterungsstürme. Der Berg Merkel kreißte und gebar ein Mäuse-Kabinett. Statt klarer Kante ist man nun Brüderle und Schwesterlein. Sozialdemokraten allenthalben, jetzt kommen sie aus der Union und der FDP. Das Wahlversprechen der Steuersenkung verschwindet in Abgabenerhöhung und Kreditfinanzierung. Der Souverän gähnt.

Politik in der Ohnsorg-Falle; sie versucht noch die Possen des alten Boulevard, aber begeistert nicht mehr. Allenfalls erreicht sie noch das Altersheim, in dem die schweigende Mehrheit sich an dem idealen Schwiegersohn Philipp Rösler erfreut, den seine Biographie als vietnamesisches Waisenkind und Stabsarzt beflügelt. Ob nun Staatstheater oder Komödienstadl, Berlin will bewirken, was der Name des Hamburger Boulevardtheaters von Heidi Kabel verspricht: Wir sollen ohne Sorge sein. Die da oben machen das schon. Valium für’s Volk.

Politische Inszenierung hat es immer gegeben, weil Politik oft nichts anderes ist als ihre Inszenierung. Erfolgreiche Politiker wie Merkel und Westerwelle leben vom Anschein einer Authentizität, die niemand so recht beim Namen zu nennen weiß. Und für die sich niemand etwas kaufen kann. Selbst beim Friedensnobelpreisträger Obama fragen die Menschen mittlerweile nach den Taten hinter den großen Worten.

Die dahinschmelzende Euphorie ist aber nur die Spitze eines Eisberges, der unter der Wasserlinie so gewaltig ist, dass er das Staatsschiff durchaus in Bedrängnis bringen kann. Man schließe Panik auf der Titanic nicht aus. Wir erleben eine auf Dauer gesetzte Ruhe vor dem Sturm.  Hinter dem schwarz-gelben Valium verbirgt sich ein hälftig gespaltenes Land mit einem unaufhaltsamen Sog in eine Politik des „Sowohl-als-auch“.

Das schwarz-gelbe Gleichgewicht ist labil. Es ist nicht sicher, dass die neue Regierung eine volle Legislaturperiode im Amt bleibt. Wenn fehlende Begeisterung in Unwillen umschlägt, hilft die alte Farbenlehre nicht mehr. Im Parlament werden wir Misstrauensvoten erleben. Aber die wirklichen Veränderungen haben außerhalb des Reichstages stattgefunden.

Man darf die Zeichen der Zeit ernst nehmen. Quelle starb an Ebay, da hilft es nicht, mit 50 Millionen Staatsknete einen Papierkatalog zu drucken. Die größte parteipolitische Kraft im Land sind die Nichtwähler.  Die SPD hat schon ein ganzes Jahrzehnt die Zahl ihrer Stammwähler halbiert. Von der Union weiß niemand mehr, ob sie noch eine Partei ist, weil sich die Frage für Merkels Wählerverein nicht stellt. Und selbst die kühnen Bürgerbewegungen, die ehemals jungen Potentiale, altern sich in die politische Demenz. Man muss hinschauen, auf das wirkliche Leben.

Im Zug von Göttingen nach Berlin sitzt in der Ersten Klasse Jürgen Trittin und spielt mit seinem weißen Mädchen-PC. Den Schnurrbart hat der gelernte Jungkommunist sich inzwischen abgenommen, und es kleidet ihn graues Tuch. Der Zug gleitet durch Sachsen-Anhalt, eine Landschaft, ruiniert durch diese unsinnigen Windmühlen, die ich mit meinen Steuern subventioniere. Das ist sein Werk, der faule Zauber der Windenergie.

Alt ist der Chef der Grünen geworden, das Haupthaar licht. Er hat noch immer die ungelenke Körpersprache eines zu lang gewachsenen Pubertanden und eine Sprache wie die seiner eigenen Tante. Selbst am Handy salbadert er. Seine Kumpels aus alten Tagen jobben mittlerweile mit obszöner Prahlsucht als Industrielobbyisten. Nur er ist irgendwie übriggeblieben. Meine Augen und Ohren betreten eine charismafreie Zone. Aber ich grüße freundlich. Der Mann will noch Außenminister werden, fürchte ich. Und für ausgeschlossen halte ich nach Westerwelle, dem Außenminister, der in Deutschland nur Deutsch spricht, gar nichts.

Im gleichen Zug, einen Wagen weiter, sitzt die Abgeordnete Dr. Carola Reimann, in Braunschweig zugestiegen. Welch ein Unterschied, eine junge Frau, glänzend aussehend, naturwissenschaftlich gebildet, blitzgescheit, hat ihren Wahlkreis in schwierigem Umfeld direkt geholt. Ich werfe ihr einen symbolischen Kuss zu. Mit der Melancholie eines männlichen Endfünfzigers weiß ich, díese Generation ist die Zukunft, nicht der Jürgen T. oder ich, sprich wir, die älteren Herren.

Zweites Beispiel aus dem wirklichen Leben. Greenpeace startet eine der legendären Aktionen, die dann die Fernsehnachrichten in Atem halten sollen. Zufällig bin ich Zeuge, weil ich im Berliner Tiergarten auf einer Parkbank sitze und mich mit den unvermeidlichen Rentnern unterhalte. Endlich ist was los, aber wir werden Zeuge einer erbärmlichen PR-Nummer. Einige wenige Mutige der Greenpeace-Kletterer seilen sich an der Berliner Siegessäule ab. Man hängt ein Spannplakat an die Goldelse. Merkel soll sich um das Klima kümmern. Man verteilt Zettel. Darauf stehen Sätze, die so schlecht formuliert sind, dass sie geradezu darum betteln, niemals zitiert zu werden.

Es geht, so viel muss aber doch gesagt sein, um die Zukunft der Menschheit. Und warum dann eine behängte Goldelse? Leere Symbole zeugen von der Enigmatisierung der Politik. Und ihrer Wirkungslosigkeit. Von alldem wird außer mir und den anderen Rentnern niemand erfahren. Kein TV-Sender, keine Zeitung, niemand berichtet über den abgestandenen Quark der Ökos, die so gründlich verlernt haben, wie es geht. Greenpeace besteigt keine Gipfel mehr, sie seilen sich nur noch ab.

Drittes Beispiel für die Politik in der Ohnsorg-Falle. Eine Story um Kinder aus Ghana und Gattinnen der Staatsoberhäupter, von der wir nie erfahren hätten, wenn nicht ein Korrespondent des Tagesspiegel  in Stockholm zufällig in einem schwedischen Umweltmagazin geblättert hätte. Man lernt, wie die Valium-Pandemie wirkt. Die alten Charaden der Politik sind nur noch peinlich. Der Reihe nach.

Als der italienische Ministerpräsident eine Erdbebenkatastrophe zu verdauen hatte, sorgte der notorische Populist sich vor allem um gute Stimmung. Die in Zelten untergebrachten Opfer durften aus seinem Mund erfahren, das sei ja wie ein Camping-Urlaub. Aber man kennt den Medienzaren Berlusconi schlecht, nähme man an, er müsse sich auf flotte Sprüche beschränken. Silvio lud den G8-Gipfel, die Staatsmänner der führenden Industrienationen, in das erdbebenzerstörte L’Aquila. Völker der Welt, schaut auf diese Stadt.

Bei den Events mit den ganz Großen gibt es immer ein sogenanntes Damenprogramm, unter dem man sich bitte nichts Anrüchiges für den späteren Abend vorstellen möge. Die mitreisenden Ehefrauen der Staatsoberhäupter müssen tagsüber irgendwie verlustifiziert werden. In Italien durften die Gattinnen hungernde Negerkinder füttern, mit dem Sojamaisbrei der Vereinten Nationen aus großen Schöpfkellen. Organisiert haben das die UN und ihr World Food Program höchstselbst.

Da teilten dann die First Ladies wie die Heilsarmee Essen aus. Sarah Brown aus England und Gursharan Kaur aus Indien und vom EU-Hofmeister Baroso seine Margarita, sie alle machten die Suppenküchen-Nummer. Speisung der Armen, das kennen wir aus der Bibel. Merkel hatte nur mit dem irischen Pop-Sänger Bono, einem Afrika-Gut-Menschen, für die Kameras posiert, aber hier gab es richtig was auf den Teller.

Allen Anstrengungen zum Trotz erweckt diese Politik niemanden mehr. Die Medien verweigern sich schon. Die Inszenierungswut läuft ins Leere. In der Zeitung gibt es noch eine kleine Notiz. Und in der Blogosphäre redet niemand darüber. Das Ohnsorg-Theater bleibt leer. Wer wollte darüber traurig sein.

Quelle: starke-meinungen.de