Logbuch

FREE SPEECH - CHANGE OF CONTROL.

Eine Waffe hat ihre Besitzer gewechselt. Einst war das Recht zur freien Rede, die individuelle Freiheit zur Meinungsäußerung, in Händen des bürgerlichen Fortschritts. Wir hörten es von Liberalen, Linken, Sozialisten, Gewerkschaftlern. Wir hatten es als kostbarstes Menschenrecht gelesen bei den Philosophen der Aufklärung wie Milton, Locke und John Stuart Mill. Wir hörten es in der Französischen Revolution und von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. All das fasse ich zusammen als „Mannes Mut vor Königsthronen“. Es klingt für mich immer nach im Luther-Wort an die Inquisition: „Hier steh ich und kann nicht anders!“

Das hat sich geändert. Wir finden die Fanatiker der Freien Rede zunehmend im Milieu der Neuen Rechten, „free speech“ als Kampfruf des Neokonservatismus. Freiheit wird gefordert für den Rassismus von Migrationsgegnern, für die Feinde des Woken, die Gegnern Europas und nationalistische Fanatiker. Es fordern mit dieser Parole Abtreibungsgegner Raum für Frauenfeindlichkeit und das Wort von der Überlegenheit des Weißen ist wieder Währung. Ich erschrecke. Die Gegenaufklärung kauft sich gigantische Kommunikationsplattformen und feiert sie als „free speech“.

Diesem Waffenwechsel entspricht eine Umkehr in dem Wunsch nach Zensur. Einst war sie eine staatliche Gewalt der Adelsherrschaft oder der Religionsdiktatur, sprich betont „rechts“. Heute finden wir die Sehnsucht nach ihr im linken Spektrum und damit begründet, dass ohne Zensur der sozialen Medien die Demokratie gefährdet sei. Es gelte Hassredner zu verfolgen. Man müsse Meinungsäußerung regulieren, höre ich von Linken und Liberalen. Die Pressefreiheit will neuerdings Staatsknete. Der Ruf nach dem Staat, ja, nach der Justiz, erschallt aus linken Kehlen, weil man sonst Verächtlichmachung der Politik zu fürchten habe. Wer einen grünen Minister Schwachkopf nennt, darf morgens um sechs der Hausdurchsuchung einer politischen Polizei seinen PC mitgeben. Soviel Zensur soll sein, zum Schutz der Verfassung, sagt die Linke. Change of control.

Warum geht uns das hier an? Nun, darf ich an ein Logbuch aus dem frühen 18. Jahrhundert erinnern, das „Cato‘s letters“ genannt wurde. Hier erhoben die englischen Journalisten Thomas Gordon und John Trenchard das Wort zu zeitgeistigen Kommentaren. Sie begründeten die moderne Stimme Catos, der sich als politischer Kopf gegen die Cäsaren wandte, die autoritären Häupter einer verfallenden Republik und eines wieder aufkommenden Königtums, sprich der dekadenten Diktatur. Ich wette, das haben Sie nicht gewusst, wie lange es schon die Briefe des Cato gibt und warum. Morgen dazu mehr.

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KÜNSTLERISCHE INTELLIGENZ.

Die Blamage ist perfekt. Der amerikanische Gesundheitsminister hat ein Gutachten zur Gesundheit von Kindern vorgelegt, das sich schon bei erster Durchsicht für Fachwissenschaftler als Fälschung erweist. Mehrere dort zitierte Studien gibt es gar nicht, heult die Fachwelt auf. Und das passiert einem Politiker, der ohnehin für irrationale Verschwörungstheorien bekannt ist; etwa der, dass Impfungen zu Autismus führen.

Die Neue Rechte ersetzt rationale Politik notorisch durch Propaganda; das wissen wir. Warum aber passieren dabei so peinliche Pannen? Darauf habe ich zwei Antworten, die es lohnen näher hinzusehen. Beide führen zu einem wichtigen Schlagwort, dem der KOMPETENZSIMULATION. Das ist die Fähigkeit, mit Schlauheiten angeben zu können, obwohl man wissenschaftlich nichts auf der Pfanne hat. Im Deutschen nennt sich das „Lauterbachen“. Ich kenne solche Simulatoren auch als Akademiker im Amt; so ist das nicht, auch in meinem Fach. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Im online vagabundierenden Milieu des neuen Wissens, bei den sogenannten Raketenwissenschaften, wirken Tech-Oligarchen, die sensationelle Antworten auf die Zukunftsfragen der Menschheit zu beantworten wissen, aber keine Akademiker sind. Die Zukunft der Menschheit auf dem Mars ist ein Marketing-Mythos eines Rüstungsunternehmers namens Musk, aber keine Wissenschaft. Es ist blanker Unsinn. Ein TRIVIALMYTHOS, der Staatsknete besorgt, sonst nix. QAnon. Auch das ist wie Lauterbach, der sich als Epidemiologe simuliert hat, ein Fach, das er nie studiert hat (nur seine Frau, das ist ja wohl nicht dasselbe). So wie Musk nicht das autonom-fahrende Auto erfunden hat; er hat die Firma gekauft, die das aus Mercedes-Know-How herausbastelt. Die Künstlerische Intelligenz Kalifonischer Oligarchen. Ein militärisch industrieller Komplex. Das nutzt KI, mehr nicht.

Dann zweitens zu dem, was die Textautomaten so an Texten können. Es wird nach dem Analogieprinzip Semantik simuliert. Da das menschliche Hirn ähnlich arbeitet und die Grundgesamtheit bei großen Rechnern recht hoch ist, sind die Ergebnisse nicht schlecht. Ja, schon heute ist CHAT GPT schlauer als viele Menschen, was daran liegt, wie doof die meisten sind und dass man als Doofer ganz kommod durch‘s Leben kommen kann. Die Künstliche Intelligenz simuliert die natürliche, die wiederum auch nach dem Ähnlichkeitsprinzip arbeitet. Kybernetisch Analogiebildung. Dabei kann das Künstliche bis ins Künstlerische gehen. Fälschungen nicht ausgeschlossen. Das Wahrheitsprinzip ist hohe Häufigkeit.

Mit diesen beiden Vorbehalten ausgestattet sehen wir einer Wissenschaftlichen Studie auf den zweiten oder dritten Blick an, ob sie stimmen kann. Auf den ersten Blick wirkt die KOMPETENZSIMULATION immer ganz passabel; das ist ja, was der Rechner kann. Es braucht immer öfter den wirklich studierten Experten, um die Camouflage zu durchschauen. Das ist intellektuell jenseits von Lauterbach und JFK jun., den Kompetenzsimulatoren in der Politik. Wir erleben Bildungsidioten an der Macht, ganz gleich, ob sie für das Impfen oder dagegen sind. SchlauMeier. KlugScheißer.

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WEGSCHAUEN WOLLEN.

Was sich so vornehm „selektive Wahrnehmung“ nennt, ist keine Unart unserer Sinne selbst, sondern ein Schaltfehler im Hirn. Man kennt es von unnötigen Staus auf der Autobahn, wo der Verkehr auch auf der Gegenfahrbahn stockt, weil es „Gaffer“ gibt, die unbedingt ein Bild vom Horror des Unfalls mitkriegen wollen und so den nächsten Stau erzeugen. Weiterer Auffahrunfall programmiert. Warum wollen wir gaffen?

Seit wir mit dem iPhone in die Welt blicken, konzentriert sich das Gaffen auf das kleine Scheißding in unserer Hand; die jüngere Generation hat mindestens zwei Online-Instrumente simultan an. Softpornos und schale Gags, Terror des Episodischen. Die Belohnungsstruktur der endlosen Folge von Filmchen mit Pointe macht uns zu Schoßhündchen des Internets, die auf Leckerli lauern und dabei anregt mit dem Schwanz wedeln. Und Elon wirft wieder eines, wenn unsere Aufmerksamkeit abzuschweifen droht. Wir sind zu Appetenz-Sklaven des Episodischen geworden.

Mir fällt auf, wieviel ich von der amtierenden amerikanischen Klasse weiß, was ich nie zu wissen hätte hoffen wollen. Ich werde an den Stellschrauben in meinem Hirn drehen und den gelben Clown künftig vorsätzlich ignorieren. Die nächsten tausend Strafzölle darf er ohne mich verhängen, zurücknehmen oder was auch immer „Social Truth“ verkünden will. Ich schaue künftig weg. Ich sage fürderhin mit Karl Valentin: „Nicht mal ignorieren!“

Darf ich einen Gedanken des fabelhaften Immanuel Kant vortragen? Er handelt „von der Macht des Gemüts durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Wir können, weil wir wollen. Auch das Wegschauen.

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Babyklappen sind ein Gebot der Menschenwürde

Man kann mit Leuten, die keine Kinder haben, nicht über Kinder reden. Und mit Moralisten nicht über Politik. So lebensfremd, wie es sich anhört, wenn zölibatäre Priester oder greise Professoren leibhaftigen Müttern raten, so verhängnisvoll ist es, wenn man Prinzipienreiterei über die Nächstenliebe stellt.

Eine christliche Kultur besteht im Verzeihen gegenüber dem reuigen Sünder, nicht in der rigorosen Sanktionierung falschen Lebens. Das Wort sie sollen lassen stahn, hat Luther gesagt. Nun also: Jesus hat angesichts der Steinigung einer Ehebrecherin danach gefragt, wer das Recht habe, den ersten Stein zu werfen. Hier kommt eine Antwort: Der Deutsche Ethikrat krempelt gerade seine Ärmel auf.

Von Gesetzes wegen darf sich diese Kohorte von pensionsreifen Wissenschaftlern  als Deutscher Ethikrat bezeichnen und sich nun, das Bürgerliche Gesetzbuch und einen Regierungsauftrag im Rücken, zu ethischen Fragen der sogenannten Lebenswissenschaften äußern.

Wer bisher nicht wusste, dass es das als akademische Disziplin gibt, die Lebenswissenschaft, dem ist nun geholfen: diese höchste Autorität in Sachen Moral ist für die Abschaffung von Babyklappen und gegen das Recht auf anonyme Geburten. Dies sind Einrichtungen für Mütter in höchster seelischer Not, für Frauen, die ihr Neugeborenes nicht betreuen zu können glauben – und es nicht töten wollen. Alle kommen wir aus den Schößen unserer Mütter, denen allein dafür unser lebenslanger Respekt zu gelten hat. Elternschaft steht unter dem besonderen Schutz des Staates, auch die verunglückende.

Achtzig Babyklappen gibt es in diesem Land und 130 Angebote zu einer anonymen Betreuung von Niederkommenden. Das verstoße aber gegen das Kindesrecht darauf, seine Herkunft zu kennen. Wohl wahr. Als Findelkind geboren zu werden, das ist nicht wünschenswert. Die rechtliche Situation des Babys ist freilich nicht auskömmlicher, wenn die verzweifelte Mutter es in die nächste Mülltonne wirft oder in Blumentöpfen oder Tiefkühltruhen versteckt. Die Zeitungen sind voll von solchen Fällen.

Was hier Ethik heißt, ist  Machtmissbrauch von Gesinnungswächtern, die selbstgerecht ein Prinzip über das Leben stellen. Am Ende dieser Straße der ethischen Lebenswissenschaften steht die Diktatur des Guten, die das Leben vor sich selbst beschützen will.

Wir nähern uns einer Jahreszeit, in der die Geburtsumstände unseres Religionsstifters allgemein rituelle Würdigung erfahren. Man kann dabei offensichtlich als weihnachtsselige Nation vor der Krippe hinschmelzen und mit den barbarischsten Argumenten gegen Schwangere in Not hantieren. In jener Zeitung, hinter der früher immer ein kluger Kopf steckt, wird die Babyklappe ökonomisch erwogen. Sie erfülle das Saysche Gesetz der Ökonomie, nach der sich jedes Angebot seine Nachfrage schaffe. Mit der Babyklappe würden künstlich erst die Findelkinder produziert; sie setze falsche Anreize für die Mütter. Sie würden Verantwortung abgeben, sich aber den Vollkosten entziehen.

Die Klappen zu schließen, sei nicht nur moralisch und juristisch, sondern auch ökonomisch anzuraten. Na dann, wenn es sich auch noch volkswirtschaftlich rechnet. Vielleicht sollte man dann das Übel doch an der Wurzel packen und auch die Zeugungen dem ökonomischen Kalkül unterwerfen. Dem steht zur Zeit nur die religiöse Vorstellung entgegen, dass der Gebrauch von Präservativen des Teufels ist. Weil aber auch hier das Angebot die Nachfrage schafft, das Verhütungsmittel provoziert ja geradezu den Verkehr, sollte die Frankfurter Allgemeine jetzt auch ein Verbot von Kondomen fordern, oder?

Das alles ist nicht nur absurd, es ist würdelos. Und die Menschenwürde ist ein Verfassungsinstitut. Man kannte schon die Spekulation, dass die Suppenküchen der Heilsarmee die Ursache der Armut sind. Malthus hat recht, wenn sie verhungern, verschandeln sie nicht mehr das Straßenbild, die Pauperisten. Denn die Armut stammt ja, einer alten bürgerlichen Sottise zufolge, von der „pauverté“; und das Volk soll doch, wenn es kein Brot hat, Kuchen essen.

Hier greift ein Abgrund an Zynismus platzt, der im moralischen Fundamentalismus von irgendwelchen Ratssitzungen keinen Schaden anrichtet, der aber niemals Leitlinie politischen Handelns sein darf. Das Abstruse hebt argumentativ sein Haupt: Weil es Babyklappen gibt, werden junge und/oder arme Frauen ungewollt schwanger, deshalb verlassen verantwortungslose Männer sie, dies lässt sie Schwangerschaftsdepressionen ausleben und zur Kindsmörderin werden. Man kennt das Lied und die Herren Verfasser, das sind nicht nur die Zynisten der Zölibatären, sondern auch rigorose Protestanten.

Sekundiert wird dem moralischen Rigorismus von der Sozialpsychologie, eine der windigsten Wissenschaften, die wir unter all den Dampfplauderern und Menschheitsrettern kennen. Denn dort stellt man fest, dass die Findelkindeinlieferinnen gar nicht die potenziellen Kindsmörderinnen seien, statistisch gesehen sozusagen im arithmetischen Mittel. Der Sozialstaat gewährt hier aber Aufsicht und adoptiert vorausgreifend die Ungeborenen, als deren Mündel er nun die Mütter im Unglück vergehen lässt. Solchen Zynismus haben wir als Studenten immer „SA/SP“ gescholten, Sozialarbeit und Sozialpädagogik, der bevormundende Berufsethos der Caritas-Despoten des Fürsorgestaates.

Quelle: starke-meinungen.de