Logbuch
MAIL ORDER KAISER.
Wäre ich als GENIE angelegt und nicht nur als Tintenkleckser, hätte ich mein Geld in Wähns und Wellpappe angelegt. Ich hätte nun wirklich wissen können, wo die Zukunft liegt, nämlich in Wähns und Wellpappe. Weil, ich habe seit Schüler- und Studentenzeiten in den Ferien als ZUSTELLER gejobbt, damals noch „Briefträger“ genannt. Noch keine achtzehn zog ich eine gelbe Karre von Haus zu Haus und zahlte eine gewaltige Summe in kleinen Renten aus wie ich GEZ-Gebühren einzog. Und neben den Briefen waren es die Zeitschriften („ADAC“) und Päckchen („Langholz“), die das Leben schwer machten. Im Kern hatte ich damals aber schon alles, was heute den Einzelhandel revolutioniert.
Ab 1966 tauchte damals ein Versandhandel für Bücher auf, den ein gewisser Klaus-Jürgen Kaiser in München als „Mail Order Kaiser“ gegründet hatte. Eine Sensation. Man war als Bibliophiler in der Provinz elektrisiert. Ich bestellte per Postkarte und zahlte dann das Päckchen per Nachnahme. Machte der Bote an der Tür. Das war drei Jahrzehnte bevor Jeff Bezos mit Amazon mit seinem Versandbuchhandel überhaupt begann. Nicht nur ich hatte keine Ahnung, die MAIL ORDER wurde später von Verlagsdeppen wie Springer ruiniert.
Warum hat der Postbote Kläuschen K. mit Sackkarre und umgehängter Geldtasche, der die Dinge an die Tür brachte, nicht geahnt, dass dies einmal ganze Innenstädte veröden würde? Stadtbild. In der Struktur war doch schon alles da, während Fußgängerzonen mit monströsen Ladenlokalen und Department Stores zugebaut wurden. Man wollte selbst in Oer-Erkenschwick sein wie Harrods in Knightsbridge. Welch ein Irrtum. Der Mann mit der Tasche, das war die Zukunft. Ich.
Heute sehe ich auf dem Lande vier, fünf verschiedene Lieferdienste täglich die Dörfer durchpflügen; auch noch Alex von der Post, die jetzt DHL heißt. In der großen Stadt genießen die Paketzusteller das Sonderrecht freien Haltens, wo immer es gefällt, ein eigenes Hoheitsrecht der Laster namens PRIME und ihrer polnischen Kumpels. Abends räumen sie ganze Berge unzugestellter Pakete in Spätis und andere Buden wie Läden, wo sie dann die Generation Z abholt. Und bei Nichtgefallen zurückbringt. Auf den Müll damit; tolle Share Economy. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Man hätte wissen können, dass E-Commerce kommt. Trotzdem hat dann der Bezos in Baltimore noch mal fast dreißig Jahre oben drauf gebraucht, bis er die Internetseite der Tür-zu-Tür-Revolution geregelt hatte. Auf den Moment hätte ich spekulieren sollen und mir ein Monopol an Lieferwagen und Verpackungsmaterial schaffen. Dann wär ich heute der König der Welt. Was sage ich? Mit Wähns und Wellpappe wär ich deren Kaiser.
Logbuch
HURRA-PATRIOTISMUS.
Wo werden die Olympischen Spiele in 11, 15 oder 19 Jahren durchgeführt? Das bedarf baldiger Entscheidung, sagt man mir und das glaube ich. Gut Ding will Weile haben. München hat schon den Finger gehoben; man habe ja bereits bewiesen, dass man das könne. Na, wenn das Voraussetzung ist, dann ist Berlin mit dabei. Hurra! Man erinnert hier gut die fabelhaften Spiele von 1936. Stadion steht noch. Leni Riefenstahls Filme in bester Erinnerung.
Wenn Paris so was macht, dann erblüht die Stadt; man konnte wieder in der Seine schwimmen. London kriegte das sicher mit der Themse auch hin, Berlin mit der Spree allemal. Ich selbst bin mit Emscherwasser getauft und glaube an solche Symbole. Das Problem liegt allerdings nicht im Geographischen, sondern in der Mentalität. Die deutsche Hauptstadt ist von einer eigenartigen Provinzialität. Hier haben sich Heerscharen von Herrschaften angesiedelt, die vor allem vom Verfall profitieren. Man fürchtet Gentrifizierung.
Wo durchgehende Stadtautobahnen des Teufels sind und Wohnungsbau dem Kalkül der günstigen Restnutzung unterliegt, Verfall also romantisch, erheben militante Transferempfänger sofort die Stimme, wenn sie eine Verdrängung durch dickere Brieftaschen fürchten; Bestandsschutz. Ich verstehe das; wo Ruhr und Emscher fließen, wurden einst vorbildliche Kolonien und tolle Gartenstädte erfunden. Städtebau tut not. Lehrsatz. Was aber Berlin kennzeichnet, das ist die stets gespaltene Meinungsbildung: manche sind dafür, andere dagegen, die Mehrheit ist vor allem beides. Immer und überall. Selbst 1936 hat es einiger Propaganda bedurft, diese Stadt zu begeistern.
Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Über dem Eingangstor von Wimbledon steht: „If you can meet with triumph and desaster/ And treat those two imposters just the same.“ Ja, ich habe auch nachschlagen müssen. „Imposter“ ist der Hochstapler. Sieg und Niederlage sind egal weg doch nur Hochstapler, bloße Angeber. Schönes Wort; stammt übrigens von Kipling. Mit solcher Skepsis empfiehlt sich englische Sportbegeisterung. Empfinde ich als angemessen, da ich dank Leni die Fanfaren von 1936 noch im Ohr habe.
Logbuch
LAMPE VERGESSEN.
Nächtens schlaflos, aber nicht wach, sucht die Phantasie der Ablenkung wegen berühmte Denker auf. Heute HEINRICH HEINE in Paris; der ehedem lebenslustige und liebeshungrige Rheinländer ist ans Bett gefesselt. Wir schreiben 1850 und der Poet wird philosophisch. Er sagt, dass die Franzosen in der gleichnamigen Revolution den Kaiser getötet hätten, der Deutsche KANT aber Gott. Welch’ ein Satz! Man sieht, dass NIETZSCHE den Werbeslogan für sein mickriges Werk bei HEINE geklaut hat; was meine Verachtung für diesen noch steigert. HEINE aber kann meiner Verehrung, trotz Matratzengruft, nicht entgehen.
IMMANUEL KANT also, der in Königsberg seine täglichen Spaziergänge so penibel nach Zeit und Strecke einzuhalten pflegte, dass die Königsberger nach ihm die Uhr zu stellen wussten. So der Mythos. Freilich mit verstecktem Sinn. Man nannte ihn „den Mann nach der Uhr“ in einer Zeit, da die Taschenuhr in Mode kam und als High Tech ihrer Zeit galt. Sie löste die Herrschaft des Kirchturms über die Zeit ab und gab sie dem mündigen Bürger selbst in die Hand. Der Klerus bekam Konkurrenz. Gott verlor sich. Das ist das eine.
Das andere ist die strikte Ritualisierung, die der Königsberger Professor über sein Leben verhängte, weil er wusste, dass er noch mehr zu schreiben hatte, als ihm Lebenskraft gegeben sein würde. Der Klarheit seiner Gedanken wäre ein Lotterleben als Bohemien nicht zuträglich gewesen. Diese selbstgewählte Disziplin unterscheidet den Menschen vom Tiersein. Das gilt übrigens auch für den morgendlichen Eintrag ins Logbuch. Erst danach ist an Frühstück zu denken; die heutige ist übrigens die zweitausendste Glosse an dieser Stelle. Nicht alle gut, aber im Morgengrauen.
Man kann nicht schließen, ohne von dem braven Lampe zu sprechen, des Philosophen treuer Diener, für den er dann doch einen naiven Gottesglauben gelten lassen wollte. Ansonsten hatte sich auch Gott der Universalität zu beugen. Lehrsatz. Dem recht alten KANT war sein Diener schon verstorben und er selbst wurde zunehmend dement; er rief oft nach ihm, weil ihm dessen Tod entfallen war. Immer natürlich vergeblich. Man fand in seinen Aufzeichnungen die ermahnende Notiz: „Lampe unbedingt vergessen.“ Was er nicht konnte. Herzerschütternd.
Logbuch
Burj Dubai, der höchste Turm der Welt: ein gigantisches Menetekel
Heute wird er offiziell eröffnet, der allerneueste Superlativ des Wolkenkratzens. In Dubai wird der Hochhausgigant 800 Meter in den Himmel ragen, ein bisher für unmöglich gehaltenes Wagnis der Stahlbeton-Architektur.
Fast 190 Etagen hat das Monster mit einer Nutzfläche von 300.000 Quadratmetern. 50 Aufzüge bringen täglich 35.000 Menschen mit Spitzengeschwindigkeit in Büros und Luxuswohnungen, die für 30.000 € pro Quadratmeter zu haben sind.
Zwei Milliarden Euro hat der Turmbau gekostet; als die königlichen Bauherren etwas klamm wurden, haben die Vettern aus dem benachbarten Emirat ausgeholfen. Taipeh 101, einem Monster in Taiwan, wollte man den Titel des höchsten Gebäudes abringen. Nur bis knapp 600 Meter Bauhöhe herrscht im Burj Dubai Bewohnbarkeit. Die oben darauf gesetzten 200 Meter beherbergen Technik und geben dem Willen Ausdruck, jetzt dort zu sein, wo Gott wohnt.
Das Werk soll den Meister loben, und alle Rechtschaffenden wünschen ihm Segen. Wie bei jeder Einweihung wird es gehaltvolle Festreden geben, über die wir noch keine gesicherte Nachrichtenlage haben. Ein Text wird aber wohl nicht zitiert werden. Er handelt von einem Bauwerk mit nur knapp 100 Metern Höhe, das allerdings noch nicht mit Stahlbeton gebaut wurde.
Beim Turmbau zu Babylon verstand Gott dieses Projekt des Hochmutes sehr wohl. Wir lesen im Ersten Buch Mose: „Er sprach: Seht nur, das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich vornehmen.“ Der Herr reagiert nachhaltig, er lässt zwar die Hardware stehen, geht seinem Volk aber an die Software.
Die Sprachen wurden verwirrt und die Menschen wegen des „communications break down“ über die ganze Erde verstreut. Die Vorgabe „bis in den Himmel“ für die Bauhöhe hat dem alttestamentarischen Gott nicht gefallen, weil er wusste, welchen Anspruch sie stellt: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, sprich die Maßlosigkeit. Neudeutsch: Gier ist geil.
Was aber ist das Maß aller Dinge? Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. Für mich war es als kleiner Junge neben den Malakofftürmen der Zeche Neue Hoffnung (30 Meter) der Oberhausener Gasometer, der es auf über 100 Meter bringt. Im Freibad an seiner Seite habe ich gelegen und mich an seiner Größe berauscht. Er war Teil einer epochemachenden industriellen Struktur rund um die Stahlerzeugung der „Gute Hoffnungs Hütte“, welch ein Name, welch ein Programm. 350.000 Kubikmeter Kokereigas fanden hier Platz, als wir noch nicht am Tropf des Erdgases der Russen und Norweger hingen.
Bis heute ist der Gasometer für mich ein Triumph der Technik, Sinnbild des protestantischen Traums der Glückseligkeit durch Arbeit.
Katholischen Seelen ist natürlich der Kölner Dom das Maß aller Dinge, mit 150 Metern überragt er den profanen Gasspeicher; seine kulturgeschichtliche Bedeutung dahingestellt. Damit erreicht er aber auch keine schwindelerregendere Höhe als die Cheops-Pyramide, die dreitausend Jahre vorher zu vergleichbaren Zwecken entstand.
Nicht der Religion, sondern dem Geschäft dienten die jeweils über 400 Meter hohen Twin Towers in New York, aufeinandergestellt könnten sie also dem Dubai-Riesen die Stirn geboten haben, rein rechnerisch. Nirgendwo findet man in diesen Tagen einen Höhenvergleich des Burj Dubai mit dem New Yorker World Trade Center, das ja bekanntermaßen nicht mehr steht. Und das ist natürlich kein Zufall. Der Schrecken vor dem Menetekel sitzt tief.
Der architektonische Gigant in der Wüste, der gerade bezogen wird, ist komplett verglast, so als wolle man dem Treibhauseffekt ein Denkmal setzen. Bei der allfälligen Sonneneinstrahlung ist der Energiebedarf zur Kühlung des gläsernen Menetekel aberwitzig. Der Natur wird die Stirn geboten. Der Wasserverbrauch jedes Nutzers wird summa summarum bei fast 600 Liter täglich liegen, in der Wüste.
Der vermeintliche Triumph der Technik ist in sich absurd. Als sei er von ökologischer Gesinnung, bricht gleichzeitig der Immobilienmarkt in Dubai zusammen. Analysten sehen Wertberichtigungen um 50 oder 75 Prozent, nach unten, versteht sich. Die Blase ist geplatzt.
Man darf moralisieren: Neben den Gott der Stärke und der Tatkraft, den allgewaltigen Fortitudo, haben die alten Griechen die Göttin des Maßes und des Ausgleichs, Temperantia, gestellt und die schwertbewaffnete Justitia. Mit diesen beiden Anmutigen soll sich die Schaffenskraft verbinden. Das schien der Antike klug. Und ich will gar nicht wiederholen, was der Römer Cato über die Turmbauprojekte in Carthago dachte.
Quelle: starke-meinungen.de