Logbuch
BODY SHAMING.
Das geht gar nicht. Jemanden hänseln, weil die Natur es mit ihm nicht gut gemeint hat. Nicht alle Menschen sehen so aus, dass sie ein antiker Bildhauer aus Marmor gehauen haben könnte, als Sinnbild des Schönen. Nicht jeder ernährt sich von Tofu wie der notorisch ungeduscht wirkende KARL LAUTERBACH. Wir sind keine Gottesgestalten. In vielem sind viele eher das KRUMME HOLZ, aus dem Immanuel Kant den Menschen gefertigt sah. Es ist mehr als rechtens, dass man Menschen nicht für Dinge tadelt, für die sie nichts können. Segelohren, zum Beispiel. Das gilt auch für FETTLEIBIGKEIT. Nicht immer soll Adipositas durch Fehlverhalten erworben sein. Aber Kundige achten auf ihr Gewicht. Insbesondere Ärzte, denke ich mir. Und der Mann ist Mediziner! Das nächste, was mir durch den Kopf geht, ist KÖRPERSPRACHE. Insbesondere der Gesichtsausdruck, die MIMIK. Wir suchen als Säugetiere aus dem Antlitz unseres Gegenübers dessen Charakter zu lesen, zumindest sein künftiges Verhalten. Das ist die Urfrage: Kann ich meinem Gegenüber trauen? Oder grinst der aus unerklärlichen Gründen irgendwie verräterisch, und sei es nur unmotiviert dämlich? Ich verstehe den Mann nicht; vielleicht ist es ja nur Verlegenheit. Dritter Punkt: Politische Verantwortung wiegt schwer. Und die handelnden Personen verdienen unseren Respekt. Gerade jetzt, wo unsere Staatsbürgerdisziplin gefordert ist. Respekt gegenüber den Regierenden. Auch, wenn sie grotesk überernährt sind und irgendwie schräg grinsen. Ich äußere mich prinzipiell nicht zynisch über Politik, aber behalte doch meine Bürgerrechte. Auch gegenüber dem Leiter des Bundeskanzleramtes, den Angela Merkel da erwählt hat. Diesen HELGE BRAUN finde ich, jetzt ist es raus, irgendwie komisch. Ich fremdle. Der ist nicht wie HELMUT SCHMIDT bei der Springflut oder CHURCHILL, als er dem Unterhaus „blood, sweat and tears“ versprechen musste. Eher wie LUDWIG EHRHART, der Zigarre rauchend und wohlgenährt seine Landsleute zum MASSHALTEN aufforderte, als es vielen noch eher schlecht als recht ging. Er wirkt auf mich linkisch. Der Mann fordert mich zum Radfahren auf. Kann ich dessen Rad mal sehen? Trotzdem folge ich im Wesentlichen seinen Anweisungen , also denen, seiner Runde. Ich bin Preuße und werde es bleiben.
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Immer schon habe ich so gelebt, wie jetzt alle leben sollen. Selten war ich zu großfamiliären Treffen von mehr als fünf Personen aus mehr als zwei Haushalten, nie zu sippenhaften Weihnachtsfeiern oder auf Hochzeiten mit dreihundert Gästen oder zu evangelischen Gottesdiensten westfälischer Sekten. Beim Einkaufen lag mir immer schon sehr am gehörigen Abstand; nur Touristen aus Asien hatten das anders gelernt, davon allerdings einige mit Maske. Die Begrüßung „Küsschen links / Küsschen rechts“ vollzieht man für meine Begriffe englisch, also nur angedeutet und kontaktfrei. Nicht dass Aerosole nicht doch gefährlich sein könnten und ich auch nur eine Spur der Arroganz gegenüber den Infizierten hätte. Wir sind hier alle in Gotteshand. Jenen, die das wahllose Virus erwischt hat, jede Fürsorge und von Herzen gute Genesung. Aber man kann, so hoffe ich, vorsichtig sein oder, so fürchte ich, fahrlässig oder gar grob fahrlässig. Nehmen wir Silvester. Mit tausend Besoffenen nächtens auf der 17. Juni open-air-Knutschen? Eher nicht. Nie. Nach dem Essen in kleinem Kreis und einem guten Schluck ist es auch schon vorgekommen, dass ich die mitternächtliche Knallerei schlicht verschlafen habe. Also zwingt mich der Lockdown nicht zu wirklichem Verzicht. Außer vielleicht dass die gute KÜCHE der GASTLICHKEIT ausfällt. Der wöchentliche Termin im BORCHARDT, im BÄREN, der TRAUBE oder dem VECCHIA , die Weihnachtsferien im SÖLLRING HOF oder dem CHOMBARD, der Martini bei HARRY, alles Sense. In Venedig Hochwasser ohne mich; sehnsüchtig sehe ich die Fernsehbilder. Nun, das ist schon ein Verzicht. Mehr aber nicht. Möge das allgemeine Meiden allgemein nützen.
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Dummschwätzerthema: AUTONOME MOBILITÄT.
Auch in Mode als „autonomes Fahren“, sprich: Roboter am Steuer. Ein Tesla-Mythos. Der Reihe nach. Haben wir schon beim Fliegen. Eigentlich sind Piloten nämlich Stewardessen, die keinen Saft bringen, sondern in einer engen Kiste namens Cockpit dem Computer beim Fliegen zusehen. Das wird begleitet von FLUGSICHERERN, die einer anderen stationären KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ beim Starten und Landen der mobilen zusehen. Nur, dass es hinten in der Sardinenbüchse Corona gibt, das hat der Rechner noch nicht im Griff: Da ist das Virus autonom. Das bessere Anwendungsgebiet ist aber die Seefahrt. Seit wir GPS haben, kann Captn Ahap ruhig so stockbesoffen sein, dass er den Sextanten nicht mehr halten kann; das Navi weiß ganz sicher, wo es ist. Ich bin sicher, dass es längst U-Boote ohne jede Besatzung gibt, die heimlich, still und leise die Ozeane durchkreuzen. Das werden die Militärs sicher nicht ausgelassen haben, ein Spionage-U-Boot, das niemals auftauchen muss, weil niemand an Bord ist, der frischen Sauerstoff braucht. Vierhundert Jahre nach der MAYFLOWER muss man doch nicht mehr auf maroden Segelschiffen an der Pest verrecken. Es braucht den Seemann nicht mehr. Das autonome Fahren in Automobilen mag auf leeren Autobahnen leichterdings gelingen; das kann mein Audi heute schon, wenn ich ihn lasse. Er hat übrigens, auch wenn ich ihn ausfahre, einen Radius von 900 km je Tankfüllung, deutlich weniger als ein Kernreaktor im U-Boot und deutlich mehr als Tesla, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wo die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ versagt, das ist der Stadtverkehr in Berlin. Weil in Berlin jede Intelligenz versagt. Hier sind Radfahrer weder an die StVO gebunden noch an gesunden Menschenverstand. Nachts unbeleuchtet, aus allen Himmelsrichtungen, zu jedem Unsinn bereit. Und ab und zu ein Lastenrad mit Elektroantrieb und Kleinkindern im Trog, ohne Helm und Gurt, oh Mann, Kurt! Chaos. Straßenkampf. Das kann kein Algorithmus. Stadtverkehr ist überkomplex, jedenfalls dieser. Augen auf und vor allem Fuß von Gas. Das „einzigste“ (Berliner Superlativ), „wo hilft“ (Berliner Relativsatz).
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Maulhelden, keine Märtyrer – warum der Rauswurf der Linken goldrichtig war
Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der bundesdeutschen Demokratie: 50 Abgeordnete des deutschen Bundestages, gewählte Volksvertreter werden vom Präsidenten des Plenarsaales verwiesen; rausgeworfen – wegen ihres Protests gegen den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Darf man in diesem Land nicht mal mehr als Abgeordneter für den Frieden sein? Friedensengel werden rausgeworfen? Ein Skandal?
Die Stimmen derer, die darin einen undemokratischen Auswuchs, gar einen Rückfall in längst vergessene Zeiten sehen, überschlagen sich. In den Kommentarspalten einiger Zeitungen, in den Online-Foren diverser Medienangebote und in den politischen Weblogs, überall tobt der Volkszorn. Es weht ein scharfer Wind gegen Norbert Lammert (CDU), den Parlamentspräsidenten. Man vermutet parteipolitische Interessen hinter seiner Entscheidung, nimmt an, dass hier Menschen, die mutig für ihre Meinung einstehen, hinterrücks mundtot gemacht werden sollen, sieht eine allgemeine Diskriminierung der Linken am Werk.
Es wird wilde Arithmetik betrieben, die 50 Verwiesenen vom Freitag werden den insgesamt nur 23 Ausgeschlossenen der vergangenen 60 Jahre gegenübergestellt, mit Hinblick auf die Parteizugehörigkeit Lammerts wird eine autoritär-antidemokratische Unionslinie von Globke über Oberländer und Filbinger bis hinein in die Neuzeit konstruiert. Und dennoch, nüchtern betrachtet lässt sich die Entscheidung, die der Bundestagspräsident da am vergangenen Freitag getroffen hat, nur als notwendig und richtig charakterisieren.
Ein unabhängiges Parlament, ein Ort, an dem gewählte Volksvertreter unbeeinflusst von kurzfristigen populistischen Affekten repräsentative Entscheidungen für den demokratischen Souverän treffen können ist, gerade auch in Deutschland, ein mühselig errungenes Gut. Es ist Produkt eines Kampfes, der vor über 170 Jahren mit dem Aufbegehren einiger demokratisch gesinnter Menschen gegen die autoritären Obrigkeiten begann.
Eben hierin ergründet sich auch sein Normzweck: Nicht der lauteste Schreihals soll das politische Tagesgeschäft bestimmen, nicht derjenige, der in der Einschüchterung von Parlamentariern die höchste Kunstfertigkeit besitzt, sondern der in freier, gleicher, unmittelbarer, direkter und geheimer Wahl legitimierte Repräsentant.
Diese Grundsätze hat die Linkspartei hier mit Füßen getreten. Ihr Auftreten am vergangenen Freitag hat so gar nichts von einem demokratischen Märtyrer wie Otto Wels, der sich mutig der überbordenden Bedrohung entgegenstellt, der dem Ungeist sein ‚Nein’ entgegenruft, es ist vielmehr der Versuch einer populistischen Instrumentalisierung der eigenen Parlamentspräsenz. Die Bannmeile wird durch diejenigen gebrochen, die durch sie geschützt werden sollen. Die Linke trägt den Druck der Straße hinein in den Plenarsaal.
Man mag zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan stehen, wie man will, man mag gegen ihn demonstrieren, agitieren, anschreien, man mag ihm als Abgeordneter seine Zustimmung versagen (dies haben übrigens, unter strikter Einhaltung der demokratischen Spielregeln, am vergangenen Freitag über 40 Abgeordnete aus allen Fraktionen, einschließlich Union und FDP getan). Allein seiner Ablehnung die Beachtung jedweden demokratischen Anstands zu opfern, verbietet sich.
Der Missbrauch des Parlaments als Agitationsbühne hat unter Populisten Tradition. Aus Italien sind einem die Ausfälle der Lega Nord gegenwärtig, aus dem Europaparlament die der United Kingdom Independence Party. Selbst der Bundestag blieb nicht gänzlich verschont, hier echauffierte sich Ronald Schill über Einwanderer bis man ihm das Mikrofon abstellte. Jetzt also die Linkspartei, die sich auf dem Rücken der Opfer eines Bombenangriffs profiliert.
Weit entfernt davon, ein eigenes tragfähiges Konzept zur Beendigung des deutschen Auslandseinsatzes vorgelegt zu haben, geht man mit den Namen getöteter Zivilisten hausieren – die Körper sind kaum begraben, da beginnt die politische Leichenfledderei. In einem Abgrund an Pietätlosigkeit werden Opfer (wessen Opfer eigentlich, die der NATO, die bombardieren ließ oder viel mehr die der Taliban, die sich und ihre Waffen hinter Frauen und Kindern verstecken?) zu Zeugen der eigenen verqueren Haltung gemacht. Da verkommen elend gestorbene Menschen zur Staffage in einem Schaustück von Maulheldentum, Populismus und Heuchelei.
Die Würde des Bundestages, die Bedeutung funktionsfähiger demokratischer Organe gebietet es, dass dem konsequent Einhalt geboten wird, auch um den Preis des Ausschlusses einer stattlichen Anzahl von Abgeordneten. Die Anzahl der Sünder macht den Sündenfall nicht legitimer.
Quelle: starke-meinungen.de