Logbuch

VON DER PÜNKTLICHKEIT.  

Niemand, der auf die Deutsche Bahn angewiesen ist, ahnt noch, dass dereinst die Bahnhofsuhr ein Symbol für Pünktlichkeit war. Sogar die Einrichtung von Zeitzonen soll mit der Eisenbahn zu tun gehabt haben. Jedenfalls galt der Fahrplan als Messtischblatt eines modernen und metropolen Diktats der Uhrzeit. Während ich das schreibe, tickt an der Wand eine viktorianische Office Clock; wenn aufgezogen und gestellt verlässlich seit 180 Jahren. Habe ich mal vom letzten Urlaubsgeld in Penzance, Cornwall, erworben.

Am Handgelenk bevorzuge ich Mechanisches, gerne Automaten der Schweizer Kunst. Nun leben wir in Zeiten, in denen parfümierte Proleten wie der „Kö-Klaus“ Marken wie Rolex ruinieren und selbst Sinn mittlere Qualität zu Omega-Preisen vertickt. Der asiatische Blender am russischen Handgelenk wird zum Paradigma des vulgären Geschmacks. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht mir um Zeit als sozialem Regulativ.

Da ist nicht mehr alles Victorianisch. Davon weiß jeder ein Lied zu singen, der ein Unternehmen in Indien zu führen hatte. Selbst Subunternehmen kommen und gehen, wann sie wollen. Ich hatte in Mumbai eine Agentur in der Tür stehen, die geschlagene drei Stunden zu spät kam und meine Empörung darüber unverständlich fand. Es sei Monsun, da käme man nie durch. Ich frage sehr Deutsch, ob man, wenn das immer so ist, sich vielleicht darauf einstellen kann? Man kann. Die Herrschaften hatten Schlafsäcke mit. Falls es zu spät würde für den Heimweg. Alta.

Erinnert mich an die Verabredung des braven Soldaten Schwejk mit seinem Freund Wodischka, als jener gezogen wurde. Man vereinbarte sich auf einen Umtrunk im Kelch „um halb Sechs nach dem Krieg“. Das ist aus einer Zeit, als Kriege noch möglich waren, ohne dass ein kalifornischer Oligarch dazu das Internet zur Verfügung stellt. Oder es nachts im Himmel über Rammstein brummt.

Meine eigentliche Beobachtung ist eine charakterologische. Es sind immer die gleichen Typen, die unpünktlich sind. Es kann also nicht an den äußeren Umständen liegen. Für einen Mann von Welt gilt das „akademische Viertel“ in umgekehrtem Sinne. Er ist 15 Minuten vor Termin am Ort und tritt 5 Minuten vorher ein. Semper sine tempore. Für eine Frau von Welt gelten andere Regeln, die zu erörtern mir versagt ist. Semper cum tempore.

Gibt es das noch? Zeitangaben mit c.t. oder s.t.? Vergangene Zeiten. Jetzt wäre noch was zur Generation Z zu sagen, aber das malte dann ein Bild, von Schwejkscher Präzision in indischen Farben. Doppelter Horror. Pünktlich wie die Bahn. Das überfordert mich und meine Office Clock.

Logbuch

ALPTRAUM.

Ich notiere hier ungern Banalitäten aus dem gänzlich Privaten; ich heiße ja nicht Thomas Mann, dessen Tagebücher in den Kamin gehörten, wollte man eine Achtung vor dem Literaten erhalten. Noch schändlicher der ebenfalls notorisch überschätzte Max Frisch, der sein Privatleben schlicht verraten hat. Auch bei Feridun Zaimoglu gab es so einen Moment; eine Ex fand ihr Tagebuch in einem seiner Romane. Wenn ich ein Vorbild für das Logbuch nennen müsste, so wäre es das stets diskrete Arbeitsjournal von Brecht.

Aber ich habe schlecht geträumt. Jetzt ist es raus. Wieder habe ich einen Termin nicht halten können. Es passiert mir ehrlicherweise dauernd, dass ich mich verlaufen habe, den Flieger nicht mehr kriege oder den Raum nicht finde. Und neuerdings versagt dann auch immer das vermaledeite Handy. Im Traum, versteht sich. Warum erwähne ich es? Weil ich ein Loblied auf die Segnungen des Top Managements halten will. Du hast nämlich ein Büro, das alle Unbill des Lebens von Dir abhält.

Die Lebenslüge der Arrivierten ist, dass die Verantwortung schwer auf ihnen laste. It‘s lonely at the top. Unsinn, man ist nie allein; buchstäblich nie. Man hat einen Stab. Von der Wiege bis zum Grab. Mein Respekt für den Führenden (sic) liegt nicht darin, dass sie gelegentlich führen, sondern darin, dass sie das immer müssen; stets, ohne Unterbrechung. Die Elite fährt immer Doppelschicht. Ansonsten ist das Leben aber kommod.

Da ist die Chefsekretärin oder Büroleiterin, die immer alles weiß. Da sind Assistentinnen, die deren schlechte Laune auszuhalten haben und sich vor Ort die Hacken abrennen. Früher war da auch einer Deiner beiden Fahrer und Deine Lieblingskutsche. Die Piloten in der Werksfliege wussten, wer Du warst und welchen Wein Du willst. Vor allem ist da immer irgendwo im Hintergrund Dein Mann für‘s Grobe, der sich die Hände schmutzig macht, während Du den Sonny gibst. Ich kriegte abends stets einen Tageszettel für den nächsten Tag, den ich dann brav ablief. Und den Herrgott einen guten Mann sein ließ. Easy go.

Ich habe damals besser geschlafen. Jedenfalls hatte ich andere Angstträume. Ach so, das mit der schlechten Laune der Büroleiterin, das möchte ich bitte zurücknehmen dürfen. Mein Luca Brasi sagt, das wäre klüger. Die sei nie launenhaft, habe sie ihm versichert. Ich merke, er hat Angst vor ihr. Nein, sagt er, nur einen Mörderrespekt. Und wenn Luca Mörder sagt, meint er Mörder. In den Vorzimmern haben selbst die Götter zu kuschen. So ist das auf dem Olymp.

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NOCH SO EINE GESCHICHTE.

Leo Kofler hieß nicht wirklich so, nahm ich an. Mich hatten zwei seiner Pseudonyme irritiert, da sie beide den Anspruch auf WAHRHEIT formulierten. Man konnte bei Stanislaw Warynski noch im Zweifel sein, bei Jules Dévérité schon nicht mehr. Julius von der Wahrheit. Unter dem polnischen wie dem französischen Tarnnamen hatte er publiziert; ich glaube sogar zunächst seine Diss, dann seine Habil.

Leo war Spross jüdischer Großgrundbesitzer in Galizien, heute Ukraine; seine Familie floh vor den zaristischen Truppen nach Wien, wo er bei Max Adler hörte. Nach Halle an der Saale verschlagen, musste er vor dem DDR-Regime fliehen und hat es in Köln nur zu Lehrtätigkeiten an Volkshochschulen bringen können, bis er in Bochum die Lehrstuhlvertretung des Soziologen Urs Jaeggi bekam. Welch ein Leben.

Ich machte in einer seiner Vorlesungen das Hänschen und wurde zu seinem Spottobjekt. Er nannte mich einen „Großbürger aus kleinen Verhältnissen“; und das kam so. Kofler sprach, wie eigentlich immer, über Georg Lukacs und räumte ein, dass er nicht wisse, wo das Motto von dessen „Ästhetik“, ein Marxzitat, bei Marx stehe. Zufällig hatte ich die Stelle aber am Vorabend entdeckt und hob den Finger. „Da kann ich aushelfen, Herr Professor.“ Ich gab den Flaneur.

Leo war tief beeindruckt und fragte mich etwas, was ihm gar nicht zustand, aber typisch Kofler war, nämlich ob ich großbürgerlicher Abstammung sei. Ich konterte lachend: „Nein, aus kleinsten Verhältnissen!“ Damit war ich künftig, überall, wo er mich am Institut sah, der Bourgeois de Petite. Im Spott des großen Kofler zu stehen, das war schon was.

In der Tat war meine Klugschwätzerei etwas keck formuliert. Ich hatte nämlich eine französische Phrase genutzt, die später zu einiger Berühmtheit kommen sollte. Ich hatte in den Hörsaal gerufen: „Lire le Capital!“ Ja, so war das, als die Soziologie noch wesentlich war. Ich schwör. Beim Julius von der Wahrheit.

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Die Klimapolitik der Vereinten Nationen: Auch hier stinkt der Fisch vom Kopf

Es gibt Bücher, die man mit wildem Interesse in die Hand nimmt und dann weglegt mit dem tiefen Bedürfnis, sich die Hände waschen zu wollen. Von einer solchen schwülstigen Schlüpfrigkeit ist zu berichten und einer ungeheuren politischen Anmaßung eines selbsternannten Öko-Diktators.

Von wem ist zu lesen? Von einem alternden Wissenschaftler in der Lebenskrise, alles erreicht und doch nicht zufrieden. Er begibt sich auf eine spirituelle Reise quer durch den indischen Subkontinent. Im Norden betrachtet er die Ausläufer des Himalaja, die, vom Eis befreit, beinahe nackt in der Sonne liegen, er seufzt ob der menschengemachten Katastrophe.

Nacktheit soll danach auch seine weitere Reise bestimmen: Obwohl die eine, seine große romantische Liebe stets platonisch bleibt, kommt der ergraute Akademiker viel herum, seine Exkursionen führen ihn durch die Betten Indiens; tiefe geschlechtliche Vereinigungen zwischen tiefen Meditationen… Diese schwülstig-schwülen Altmännerfantasien entstammen dem Roman ‚Return to Almora’, den der britische Telegraph umgehend für den ‚Bad Sex in Fiction’-Award nominiert sehen wollte.

Unterirdisch schlechte Softerotik, so das Urteil der Kritiker. Wahrscheinlich hätte das Büchlein nie die Aufmerksamkeitsschwelle überschritten, wäre da nicht der prominente Autor. Das indische Lakengewühle entstammt der Feder des umtriebigen Oberexperten der Vereinten Nationen Rajendra Pachauri, seines Zeichens Vorsitzender des Weltklimarates IPCC. Die UN will die Welt vor dem Weltklima retten; er führt den Völkerbund an, obwohl als Wissenschaftler von bescheidenen Kenntnissen – über das indische Eisenbahnwesen, jetzt Guru der Erderwärmung. Ein Mann von vielen Talenten.

Auch dem furchtbaren Talent, die United Nations und ihre Klimapolitik Hohn, Spott und Verachtung auszusetzen. Die schlüpfrigen Abenteuer eines ergrauten Katheder-Casanovas (deren Protagonist bösartige Kritiker als eine Verkörperung Pachauris bezeichnet haben) reihen sich ein in eine ganze Serie von Peinlichkeiten, Skandälchen und Skandalen, die den Weltklimarat umgeben. In den zwei Jahren seit der Verleihung des Nobelpreises haben es die Beteiligten verstanden, das Image und die Reputation der Institution nachhaltiger zu ruinieren, als dies ihren vermeintlichen Gegnern je möglich gewesen wäre.

Auch wenn die Aufdeckung der ganz großen Verschwörung ausblieb, das Bild der Robin Hoods der Atmosphäre bekam unschöne Risse. Dann kam das Verwirrspiel um die Gletscherschmelze hinzu. Gegen jede Regel wissenschaftlicher Redlichkeit wurden hier ungeprüfte Daten von einer Studie in die nächste weitergereicht, wurde eine probabilistische Formulierung aus einer alten russischen Arbeit (mögliche partielle Gletscherschmelze bis 2350) zu einer definiten Aussage (totale Gletscherschmelze bis 2035) gemacht.

Ein Fehler, der jeden Proseminaristen den Kopf kosten würde, wurde hier zur Grundlage fleißig publizierter Katastrophenszenarien und politischer Handlungsanweisungen, und das, obwohl er beim IPCC seit über drei Jahren bekannt war. Das Institut des eisenbahnaffinen Nachwuchsschriftstellers Pachauri warb übrigens bis zuletzt hoch dotierte Aufträge auf Basis der falschen Daten ein; von der Klimadebatte profitierende Firmen zählen zu seinen Hauptsponsoren.

Trotz aller bunten Peinlichkeiten und unübersehbaren Interessenkonflikte (gegen die es beim Weltklimarat im Übrigen kein verbindliches Regelwerk gibt), die hier abgelaufene Entwicklung lässt sich nicht allein an der Person Pachauris festmachen, auch die zynischen Forscher aus East Anglia trifft nur eine kleine Teilschuld.

Der Fehler liegt vielmehr im System. Wir haben es mit einer Weltenretter-Bürokratie zu tun, die sich als Kaste installiert. Klimaforschung und Klimaschutz sind boomende Geschäftsfelder, die Ökonomisierung der Ökologie hat längst begonnen. Von der kalten Prekarisierung bedrohte Wissenschaftler fühlen auf einmal die behagliche Nähe zu den Fleischtöpfen. Die Produktion zeitgemäß-wünschenswerter Ergebnisse verheißt akademischen und monetären Segen, Katastrophenprognosen sorgen schließlich für die lang erträumte öffentliche Aufmerksamkeit. Finanzielle Zuwendungen von profitierenden Unternehmen sind für bislang wenig geförderte Forscher mit randständigen Forschungsgebieten ein ergiebiger Regen nach langer Dürre.

Für sich genommen ist all dies noch nicht verwerflich, Forschungsförderung und das Einwerben von Drittmitteln haben Tradition und ermöglichen wissenschaftlichen Fortschritt. Aber, und genau daran mangelt es der gegenwärtigen Klimaforschung, geförderte Wissenschaft erfordert Transparenz. Wer profitiert von den Prognosen und wer hat die Studie bezahlt? Erfindet der Entdecker neuer Katastrophenszenarien vielleicht nur eine bequeme ökonomische Basis für sich und sein Team? Ist das peer-review in Wahrheit ein pal-review? Die Krähen hacken sich nicht nur kein Auge aus, sie nähren sich im Kartell.

Der Glaube an den Robin Hood im Laborkittel ist einfältig, der Klimaforscher in der Förderung der Solarfirma unterscheidet sich nicht von jedwedem Lobbyisten. Es ist allemal an der Zeit, von dem moralisch hohen Ross zu steigen. Ein weiteres systemisches Problem betrifft die politische Aktivität der Klimaforscher. Gestartet ist der Weltklimarat als eine Institution zur Bereitstellung fundierten Expertenwissens für die Politik. Mit der Materie exzellent vertraute Fachleute sollten, so die Ausgangsidee, fundierten Rat an die (fachfremden) Politiker geben können, Expertisen als Basis legislativer Entscheidungen liefern.

Die Debatte rund um den Klimawandel ist weit entfernt von rationaler Argumentation, in einem Klima höchster emotionaler Aufladung soll das Bild eines traurigen Eisbären auf der schmelzenden Scholle direkt ans Herz des Rezipienten rühren, den Beschützerinstinkt für das robbenfressende Raubtier wecken. Jeder Vorabenddarsteller darf sich im Klimazirkus als Experte profilieren, Eisenbahningenieure mit fragwürdigem literarischen Talent treiben Experten und Politiker vor sich her.

Darunter leidet schlussendlich die Reputation eines ganzen Forschungszweiges: Die Unterminierung elementarer wissenschaftlicher Standards, die völlige Intransparenz finanzieller Interessen, die moralinschwangere Abwehr jedweder Kritik als Ketzerei und schließlich auch die Anmaßung politischer Kompetenzen treiben die populäre Klimaforschung an den prekären Abgrund heran. Daraus wird sie auch das süßeste Eisbärenbaby irgendwann nicht mehr retten können. Schon heute sind UN und Klimaforschung nachhaltig diskreditiert.

Quelle: starke-meinungen.de