Logbuch

ÜBER LEERE GRÄBER.

Ich lese in einem englischen Feuilleton einen Bericht über die erste Woche des Irankrieges, einen Rückblick also auf Mord und Totschlag; es erschließt sich mir kein Plan von irgendeinem, insbesondere wenn man versucht hinter den Ereignissen eine Absicht zu erkennen, die den Begriff Strategie rechtfertigen würde. Es sei denn diese läge in der planmäßigen Erhaltung des Chaos, was ein Widerspruch in sich ist. Aber sein kann.

Während ich das notiere, höre ich kurz und diskant die Osterglocken der nahen Kirche der örtlichen Protestanten. Dazu am Schluss ein Wort. Vorher Wörter der Verstörung über die Kriegsrhetorik der Ideologischen Staatsapparate jetzt auch in den USA und in Israel. Zu den Islamismen bedarf es keines Kommentars. Eigentlich gewohnt im Westen mit den notorischen Lügen der leider nötigen Verteidigung beschwichtigt zu werden, erfahren wir mittlerweile von Plänen der Vernichtung des Feindes in apokalyptischem Jargon. Endlösungen auf allen Seiten.

Der Mossad soll, lese ich, die Straßenkameras in Teheran geheckt haben, so dass man sich dort so gut auskenne wie in Jerusalem, weshalb man chirurgisch Eingriffe vornehme; man assoziiert einen Regimewechsel ohne zivile Opfer. Dann anhaltende Kriegshandlungen mit Mittelstreckenwaffen auf Alliierte, die auch Proxis heißen. Schließlich punktuelle Übergriffe in neutralen Gewässern anderer Erdteile. Konventionelles Bombardieren von Nuklearanlagen. Ölverknappung. Mal dies, mal das. Mit welchem Ziel? Ich verstehe nicht das Geringste.

Das alles kann kein Zufall sein. Ich soll nichts verstehen. Genauer: Ich soll nichts mehr verstehen wollen. Man erzieht mich zur Hinnahme von allem und jedem. Die Verhaltensforschung nennt das intermittierende Verstärkung; führt verlässlich zu Wahnsinn. Vielleicht ist das das Kriegsziel, dass wir nicht mehr beklagen, den Verstand verloren zu haben.

Jetzt zu Ostern. Das Grab ist leer. Weil wir das nicht verstehen, beschäftigen wir uns mit Hasen, die in bunte Hühnereier alberne Motive kratzen und im Garten unter Krokussen verbergen, wo dümmlich vergnügte Infanten sie finden sollen. Frohe Ostern!

Es ist eine gewisse Diskrepanz zu bemerken zwischen dem Zustand der Welt und unserem Glauben an sie.

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ADEL VERPFLICHTET ZU NIX.

Durch Geburt, also bloße Abstammung, etwas ganz Besonderes zu sein und daraus sehr weitgehend Ansprüche ableiten zu dürfen, ist eine Vorstellung, die in meinem Vaterland keine soziale Wirklichkeit mehr hat. Man muss schon sehr tief luftholen, um noch zu verstehen, was GOTTES GNADENTUM mal bedeutete. Die Französische Revolution hat damit in Europa aufgeräumt und zuletzt der österreichische Lump, dem sich Deutschland in die Arme geworfen hat, um einen weiteren Weltkrieg wie einen bisher unbekannten Völkermord zu veranstalten. Danach ist das Staatsoberhaupt auf deutschem Boden eine Beamtenseele in einem renovierungsbedürftigen Gästehaus neben dem Berliner Zoo. Recht so.

Die Briten haben ein Königshaus, wohl abstammend von denen aus Sachsen-Coburg und Gotha, für das sehr lange Elisabeth II gestanden hat und ihr königlicher Gemahl Philipp, irgendwelche Battenbergs; aber ich kenne mich nicht aus und werde dieser Tradition meiner britischen Nachbarn nicht mit Ironie begegnen; ein Fehler, den ich mal begangen habe und ganz sicher nicht wiederholen werde. God Save the King.

Dann gibt es da aber eine Obsession der englischen Boulevardpresse mit den Ausläufern der Königlichen Familie, die mich irritiert. Jüngst geht es der Yellow Press um das „House of York“, sprich die familiären Angelegenheiten des nicht inthronisierten Sohns der vorgenannten Elisabeth, einem Andrew, und seiner rothaarigen Gattin Sarah Ferguson, beide in den Klatschspalten als „Andy & Furgie“.

Es überrascht mich, welchen Aufwand an Schnorrerei man offensichtlich treiben muss, um ein internationales Lotterleben zu entfalten. Wie man Zwielichtigem um den Bart gehen muss, ja Verbrechern zu Dienste zu sein hat, um in die sündhaft teuren Hotelsuiten der gänzlich Verruchten zu kommen und die Privatflieger wirklich Reicher nutzen zu dürfen. Tragisch fast, weil man etwas zu verhökern sucht, das man nur vermeintlich besitzt und selbst dann keinen Wert hat, die Nähe zum Thron.
Einem Thron, der selbst nur noch ein leerer Mythos ist. Wie leer kann das sein, berechtigt weil von adliger Natur?

Randy Andy übte zeitweise ein für ihn erfundenes Amt aus; er war „UK special representative for international trade and investment“, womit seine Spesen wohl zu einem guten Teil auf das Finanzministerium gingen, sprich den Steuerzahler. Als solcher verkehrte er am säkularen Hof von Jeffrey Epstein. Vorgeschlagen hatte ihn für den Posten als Regierungsvertreter der britische Handelsminister Peter Mandelson. Man kannte und schätze sich. Zugeführt haben soll ihm Epsteins Gattin Ghislaine Maxwell, die Tochter des englischen Verlegers, die 17jährige Tochter eines Handwerkers, der die Klima-Anlage in Mar-a-Lago reparierte. So angeblich unwidersprochen der britische Historiker Andrew Loenie.

Es gibt Gerüchte, die von so Schäbigem künden, dass man nicht anders kann, als an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben. Selbst zu Ostern. Selbst, wenn Kompromat.

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FIESE MÖP.

Der britische Spionageschriftsteller John Le Carré, eigentlich David Cornwall, galt vielen seiner Leser als englischer Gentleman untadeliger Art; zunächst, weil Schweizer Charakter, zuletzt noch, da er dem Brexit widerstand und als Greis noch Ire wurde. Ich lese, dass er seine professionelle Karriere begonnen hat, indem er als junger Student in Oxford für den MI 5 seine Kommilitonen linker Gesinnung ausspionierte. Das Milieu der Schlapphüte.

Der Heiligenmaler Carravaggio hat uns vor Werken stehen lassen, die so gewaltig das Menschliche im Göttlichen zeigen, dass wir schon bei bloßer Betrachtung um Fassung ringen. Ich lese nun, dass er ein wirklich runtergekommener Kneipenschläger und Hurenbock war, der sich die elendesten Figuren der Gosse ins Studio holte und bei schlechtem Licht in edelste Rollen schlüpfen ließ. Seine Jungfrau wirkt so erhaben, weil vom Lotterbett. Das Helle im Dunklen.

Das Elisabethanische Zeitalter hat uns William Shakespeare geschenkt, den Titan der Charakterologie; wir denken die Abgründe der menschlichen Seele in seinen Figuren. Freilich steht er im Verdacht, vieles in seinem gigantischen Werk nicht selbst verfasst zu haben, sondern bei seinem Zeitgenossen Christopher Marlowe geklaut. Es wurde gar vermutet, dass Shakespeare eigentlich Marlowe sei. Ich lese vom Gegenteil, der Rivale nur ein Neider. Und die eigenen Stücke, bis heute Flops; über Jahrhunderte. „So I have heard and do in part believe it“, sagt Horatio im Hamlet.

Jetzt über einen Freund des Jeffrey Epstein, den britischen Labour-Politiker Lord Peter Mandelson, einer meiner Berufskollegen ganz berühmter Art. Ich kenne den Prinzen des Dunklen, wie sie ihn nannten, seit seiner Tage als PR-Manager von Tony Blair. Öffentliche Auftritte mit ihm habe ich allerdings in letzter Zeit eher gemieden, zuletzt als eine Delegation ihn in seinem Londoner Büro von „Global Counsel“ besuchte; ich schwänzte den Termin lieber. Peter war von Hause aus ein Mendelsohn, wie Epstein und dessen Gefährtin, geborene Maxwell. Alle dem Milieu von David Cornwall nicht fern.

Überhaupt durchgängig das Personal eines Stücks des Elisabethaners. Seltsam, dass mir all diese gerade heute durch den Kopf gehen.

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Osterbotschaft von den Börsen: Nach der Krise ist vor der Krise

Auferstehung allerorten. Das von unserem Staatsoberhaupt an den Kapitalmärkten ausgemachte Monster hat seinen Schwarzen Freitag hinter sich gebracht. Kaum sind vom Eise befreit Strom und Bäche, sprießen sie wieder, die Boni.

Im Frühling der Banker lassen sich die Geldhäuser nicht lumpen. Der Chef des Schweizer Bankhauses Credit Suisse darf ein Jahreseinkommen von 89 Millionen Schweizerfranken sein eigen nennen. Die weltgrößte Investment Bank Goldman Sachs schüttet ein Topf von 16 Milliarden Dollar aus, gemildert durch eine Ablasszahlung von 500 Millionen Dollar an karitative Zwecke. Fassungslose Wut bemächtigt sich der politischen Klasse.

US-Präsident Obama bekräftigt, „tough on bonuses“ zu bleiben. In Großbritannien erklärt Lord Mandelson den Chef des Investment Bankings bei Barclays zur Unperson („unacceptable face“), weil dieser ein Salär von 63 Millionen Pfund Sterling nach Hause bringt. Im braven Vaterland bleibt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank unter 10 Millionen Euro, ein Zeichen der Bescheidenheit, wohlverdient, weil die Deutsche nicht den Haushalt plünderte, um sich aus der Krise zu winden.

Wenn also die Belohnungen für Wucherer in der Londoner City, in Zürich und an der Wall Street wieder sprießen, muss die internationale Finanzkrise überwunden sein. Zeit, darüber nachzudenken, wie sie begann. Und warum. Am Anfang stand ein Landwirtschaftshelfer aus Mexico, der aus dem Pflücken von Erdbeeren ein Jahreseinkommen von 14.000 Dollar erzielte.

Obwohl er kein Wort Englisch sprach und das Erdbeerenpflücken niemanden ein ganzes Jahr ernähren kann, ereilte unseren Freund, nennen wir ihn José Feliciano, das schwäbische Gelüst, ein Häusle zu bauen. Der Immobilienerwerb wurde durch einen Kredit ermöglicht, in Höhe von 750.000 Dollar. Selbst wenn der Kredit zinslos vergeben worden wäre, wäre die Hypothek nicht in 100 Jahren zu tilgen gewesen. Strawberry-Jo scheiterte schon an der nächsten Rate.

Wenn man wissen will, wie so was geht, interessiere man sich für das Berliner Luxushotel Adlon, dessen Inneneinrichtung und die Rendite der entsprechenden Fonds. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zurück zum amerikanischen Wolkenkratzer, in dessen Erdgeschoss der Kreditvertrag von José Feliciano schlummerte. Oben gab es für die Zeichner des Turm-Fonds geringe Risiken und dementsprechend magere Zinsen. Unten winkten Anlegern dicke Rendite (mit entsprechenden Risiken, versteht sich).

Und was haben die deutschen Landesbanken gekauft? Na klar, das Souterrain von Strawberry-Joe. Da war ja mehr zu holen. Eine eigenartige Logik für Banken in öffentlicher Hand. Das eben kennzeichnet die Ablösung der Finanzwirtschaft von dem realen Wirtschaften, wie es der Stahlbaron oder Schuster kennt.

Der Kapitalmarkt ist ein Casino, in dem völlig ruchlos auf alles und jedes gewettet wird, und zwar so lange, bis die Kartenhäuser zusammenfallen. Dann verdient niemand mehr außer jenen, die gewettet haben, dass die Kartenhäuser zusammenfallen. Da gibt es dann noch mal richtig Geld. Aber auch die „credit-default swaps“ sind, wie Michael Lewis („The Big Short“) jüngst brillant beschreibt, eine andere Geschichte. Denn nicht José Feliciano, der arme Tropf mit der unbezahlbaren Hypothek, stand am Anfang der Krise, sondern ein Investmentbanker bei einem privaten Bankhaus, das wir hier mal King David Bros. nennen wollen.

Dieser John Goodfella gestaltete die achtziger Jahre an der Wall Street, wurde ihr König genannt, weil er eine wirkliche Trendwende einleitete. Goodfella behagte nicht, dass er ständig mit eigenem Geld und zu eigenem Risiko unterwegs war. King David Bros. war eine Partnerschaft von persönlich haftenden Bankern. Der Ausbruch aus dieser Verantwortung hieß „going public“. Mit diesem Schlachtruf wurden die Investmenthäuser in Aktiengesellschaften gewandelt.

Die Verantwortung für undurchschaubarste Geschäfte wechselte zu den neuen Eignern, den Investoren. Investoren aber sind, alter Börsenspruch, in mehrfacher Hinsicht Idioten; sachlicher formuliert, Junkies, die auf den nächsten Druck warten. Solange diese Koksnasen mit strammen Dividenden und steigenden Kursen bedient wurden, wuchsen die Bäume in den Himmel. Schneeballsysteme wie die des betrügerischen Bernie Welloff waren nur die Spitze des Eisbergs.

Der Wandel vom Inhaber zum Vorstandsvorsitzenden einer AG war ein Wandel in ein undurchschaubareres System, der Eintritt in ein großes Casino, ein Spiel mit dem Geld anderer Leute. Dass Aufsichtsräte und Bankenaufsicht versagten, mag korrigierbar sein, vielleicht gehört es aber auch zum System. Bernie Welloff hat sein Spiel auf beiden Feldern gespielt. Niemand ist für nichts mehr zur Verantwortung zu ziehen und niemand zieht zur Verantwortung, solange die eigene Kasse stimmt.

Das System steuert sich intern über Incentives in exorbitanter Höhe, den Boni, die jene erhalten, die die Geschwindigkeit der sich drehenden Spirale immer noch mehr zu erhöhen wissen. Und die höchste Form der Kollektivierung ist erreicht, wenn der Schaden für den Kollaps des ganzen Systems dem Steuerzahler in Rechnung gestellt wird. Staatshaftung.

Unvorstellbare Mengen an Mitteln haben die Regierungen in das Bankenloch geworfen, Schulden unserer Kinder und Kindeskinder. Das Ganze ist freilich nicht unvorhersehbar geschehen. Die Krise vorausgesehen wurde bereits vor 100 Jahren. In Zürich, Spiegelgasse 14, las 1916 ein junger Forscher 148 Bücher und 232 Beiträge aus 49 Periodika und widmete sich kritisch dem Finanzkapital und der sich verselbständigenden Finanzoligarchie.

Ich krame den verblichenen roten Band aus meiner Studentenbibliothek, lese nach 35 Jahre wieder und bin verblüfft. Das fast einhundert Jahre alte Buch mit dem Titel „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ ist erhellend, was aber doch nicht sein kann, es stammt von einem Wise Guy namens Wladimir Iljitsch Uljanow.

Nach dem glücklichen José und den Goodfellas der Wall Street ist dies endlich mal ein Klarname in diesem Kommentar. Wir reden über Lenin. Es mutet schon grotesk an, dass die Kapitalmärkte der kruden Geschichtslogik des Marxismus-Leninismus Recht geben wollen.

Wollte man dem im Wege stehen, würde man das Grundgesetz der Börsen von „Kollektivierung der Verantwortung & Privatisierung der Profite“ durchbrechen müssen. Eine historisch einmalige Chance dazu hatte die Politik, als die Banken um Staatsknete anstanden. Das historische Fenster stand in der Sekunde auf, als die Wall Street nach 700 Milliarden Dollar griff. Vielleicht noch mal, als es um die Nachschläge ging. Jetzt, da die Staatsknete überwiesen ist und die Boni wieder sprießen, ist sie vertan. Warten wir also auf den nächsten Schwarzen Freitag. Der nächste Winter kommt bestimmt.

Quelle: starke-meinungen.de