Logbuch
KLARTEXT.
Mit der Forderung nach Transparenz weist sich der politische IDIOT aus. Wer Verantwortung trägt, will vor allem sein VERHETZUNGSPOTENTIAL verringern. Politik in der Kontroverse ist ein Vermeidungsverhalten; man will nicht vorgeführt werden.
Als guter Interviewer gilt, wer einem Politiker ein Wort entlockt, das diesem später leidtut. Das ist das ganze Kalkül der LANZ-Herrschaften, einen rhetorischen Hinterhalt zustande zu kriegen. Dazu lauert in den Hinterzimmern der Talkshows eine ganze Bande von Redakteuren, die sich als Heckschützen bewähren, indem sie dem Talkshow-Gastgeber Gemeinheiten zuflüstern. Dazu ist der kleine Knopf im Ohr des fabelhaften Lanz. Er ist nur die Rampensau einer sehr intriganten Truppe.
Es geht darum, eine sprachliche Wendung zu entlocken, mittels derer man seinen Gast, der als Opfer gesehen wird, möglichst nachhaltig in Schwierigkeiten bringen kann. Festnageln will man den Tropf, in Nöte bringen. Die moralische Oberwelle dabei ist, dass man so der WAHRHEIT auf die Spur komme. Im Grunde halten Journalisten jedes ihrer Gegenüber für einen routinierten Lügner, den zu entlarven der Herrgott ihnen das Recht gegeben hat. Wer hier naiv in die Klartextfalle läuft, verendet in ihr. Das wissen erfahrene Politiker. Darum sind sie alle angstmotivierte ZWANGSCHARAKTERE.
So empfinden die Olaf Scholze dieser Welt: überall lauern Heckenschützen und Fallensteller. Wortverdreher, Agenten des politischen Gegners. Und wehe, wer hier Naivität zeigt. Ein klares Wort und Du bist verloren. Der ganze politische Instinkt ist der des Fallenvermeidens. Ein klarer Satz, ein ehrliches Wort: und Du bist politisch tot.
Nicht weil man hat lügen wollte, jedenfalls meistens nicht, sondern weil man den Anlass zu seiner Verhetzung selbst geliefert hat. Durch Ehrlichkeit, ein Laienimpuls.
Schadensvermeidung als Manie. Deshalb die Flucht ins Ungefähre. Merkel konnte das, Scholz kann das. Beide etwas spröde. Die Genies der Fallenvermeidung sind die Märchenerzähler. Baerbock ist da ambitioniert, aber mit beschränktem intellektuellen Haushalt. Habrecht aber, der kann es wirklich, ein begabter Mythologe aus tausend und einer Nacht. Der Magier des Authentischen. Der nächste Kanzler. Nachdem Scholz zurücktreten musste, weil ihm ein Klartext entglitten war.
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MITTEL. DAS MILDESTE.
Ich lese im Polizeirecht, sehr lehrreich. Eine Maßnahme bedarf der Erforderlichkeit und dann muss sie angemessen sein. Jeweils das mildeste aller möglichen Mittel.
Ich fordere eine Übertragung dieses Gedankens auf den Kommunikationsstil bei Twitter. Der dortige Einwand schlichter Geister, dass Hass keine Meinung sei, ist begrifflich wirr und durchschaubar; er bemüht die Vorstellung von berechtigten Tabus. Das ist nicht mehr als eine Moralisierung. Läppisch. Ein Replik muss zielführend sein und von zurückhaltender Schärfe. BE KIND (engl.).
Ich fordere eine Übertragung auf Umgangsformen. Man ist immer freundlich, gerade wenn es nichts bringt. Und jenen gegenüber, die es nicht verdient haben. KINDNESS IS THE BEST POLICY. Sollte die Freundlichkeit nicht mehr Mittel der Wahl sein, so ist es das dann, als Notbehelf, das Ignorieren. Man begibt sich nicht in Kneipenschlägereien. Ehrenhändel sind idiotisch. Satisfaktion bieten nur die, die sie nötig haben.
Ich fordere eine Übertragung auf die Kriegsführung. Im Angriff wie der Verteidigung. Machiavelli war da anderer Meinung. Jedenfalls, wenn man seine Ratschläge für bare Münze nimmt. Kenner wissen, dass seine Schrift über den Fürsten ein buhlendes Bewerbungsschreiben war. Er wollte sich als Höfling andienen, daher dieser Hang zum Verbalradikalen. Er war, das Wort habe ich heute gelernt, deshalb „eskalationsbesoffen“. Ein böser Rausch.
Vor solchem Rausch warnt meine Geschichte zu Recht.
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ZWEITE MEINUNG.
Früher holte man sich bei wichtigen Entscheidungen eine zweite Meinung ein, bei einem weiteren Experten. Das ist vorbei. Jetzt sind alle Entscheidungen alternativlos. Frage: das Ende der deliberativen Demokratie?
Zum Krieg in der Ukraine kann man nicht unterschiedlicher Meinung sein. Die Stimmungslage ist so, dass sie keine Stimmungen zulässt. Wer hier im freien Westen nicht dem vorherrschenden Urteil folgt, und zwar schnell und mit großer Entschiedenheit, wird dem Bösen zugerechnet. Die Polarisierung der Kriegsparteien spiegelt sich in einer Polarisierung der Meinungen. Ein abwägender Diskurs wird als Kollaboration mit dem Feind gedeutet. Der Ton wird sehr schnell pöbelnd.
Auf eine eigenartige Weise wiederholt sich das Diskussionsklima aus der Pandemie des Corona-Virus. Sprich aus der Anti-Pest-Politik. Eine widersprüchliche Abfolge staatlicher Maßnahmen, angeblich Diktate der Wissenschaft, wurde politisch durchgesetzt und deren Gegner dämonisiert. Wohlgemerkt hier schreibt jemand, der viermal geimpft ist und frei von jedem Querdenken. Aber eben auch bei Verstand: Wir hatten einen rüden staatlichen DEZISIONISMUS. Bis hin zum Hausarrest. Das ist etwas anderes als das, was Opa Habermas unter dem herrschaftsfreien Diskurs deliberativer Demokratie und deren Konsenspolitik versteht.
Man könnte noch auf die apokalyptische Klimapolitik eingehen, die ähnlich ultimativ argumentiert. Wer zu der „menschengemachten“ Erderwärmung Fragen stellt, bewegt sich auf den Status des „Klimaleugners“ zu ; ein fundamentales Verdikt. Ich frage mich, wann das begonnen hat und erinnere einen Begriff, den Angela Merkel zur Begründung staatlicher Maßnahmen gewählt hat: Ihre Entscheidung sei ALTERNATIVLOS. Das ist eigentlich keine Begründung, weil die Verweigerung eines Grundes und im Kern die Aufgabe von argumentierender Politik. Es ist die Ansage, dass eine zweite Meinung nicht nötig sei. Nein, eigentlich ist es die Ansage, dass eine abweichende Meinung gar nicht möglich sei. Die politische Macht setzt ihre eigene Legitimation aus. Willkommen im Prärogativen.
Keine zweite Meinung mehr? Wenn es auch gedanklich keine Alternativen mehr gäbe, es also schon falsch wäre, nach möglichen anderen Bewertungen zu fragen, dann wäre das das Ende des politischen Diskurses überhaupt. Solches höre ich von meiner Geschichte ungern. Das kann ja nicht sein. Wenn man aber eine Schlussfolgerung nicht teilt, gilt es im Vorhergehenden nach dem Fehler zu suchen. Auf geht‘s!
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Das Wesen des Casino-Kapitalismus am Beispiel von Lunch und Dinner
Noch eine Koch-Show. Zu berichten ist von einem Essen im Casino-Kapitalismus und der Sehnsucht nach anderen Verhältnissen. Dem Verlangen nach mediterraner Lebensart in einer Welt der Fast-Food-Verpflegung.
Aber der Reihe nach. Die amerikanische Börsenaufsicht nähert sich der Investmentbank Goldman Sachs mit dem Verdacht, dass das Haus sich zur letzten Finanzkrise betrügerisch verhalten haben könnte. Die deutsche Bundesregierung verfolgt die Vorgänge mit einigem Interesse. Der amerikanische Präsident hatte angekündigt, sich die gewaltigen Steuergelder, die er in die Banken gepumpt hat, zurückzuholen. Da will Merkel nicht zurückstehen. Während man mit müdem Grinsen und Erinnerungen an das berühmte Hornberger Schießen kämpft, springt ein Detail zur Weltwirtschaftskrise und ihren Verursachern ins Auge. Die problematischen Immobilienfonds, die die Blase platzen ließen, sind von dem US-Hedgefonds Paulson & Co. mitentwickelt worden, der sodann darauf wettete, dass sie scheitern werden.
Das erschwert die Unschuldsvermutung und ist zugleich ein besonders hübsches Exempel für das, was nicht nur Marxisten den Casino-Kapitalismus nennen. Die Logik solcher Wetten liegt in der Zeitachse: Man kann wissen, dass es sich um ein Kartenhaus handelt, auf dessen Stabilität man wettet, man kann wissen, dass ein Schneeballsystem nicht ewig hält, man muss nur rechtzeitig wieder raus aus der Abzocke.
Dafür wird an der Börse keine Glocke geläutet, aber es gab wohl einige wenige, die rechtzeitig wussten, was die Glocke geschlagen hatte: die Kriegsgewinnler der Krise. Goldman Sachs legt Wert auf die Feststellung, dazu nicht zu gehören. Man habe nur 15 Millionen Dollar mit den giftigen Papieren verdient, aber 90 Millionen Dollar eigene Verluste damit gemacht. Kann ein Gentleman mehr sagen? Nein, ein Gentleman kann nicht mehr sagen.
Bleibt aber die Frage, was Casino-Kapitalismus ist und ob es einen nachhaltigeren Weg gibt, sein Geld zu machen. Immobilienfonds scheinen nicht (mehr) dazu zu gehören. Die Preise für Gewerbeimmobilien fallen weltweit. Es kommt zu Notverkäufen. So soll das Sony-Center auf dem Potsdamer Platz in Berlin, vor zwei Jahren von der Bank Morgan Stanley für rund 600 Millionen Euro erworben, gerade an einen südkoreanischen Pensionsfonds gegangen sein, für 500 Millionen Euro. Ein Verlust von 100 Millionen Euro, das ist, wie der Berliner sagt, manch einen sein ganzet.
Serviert wird eine papierdünne Fleischscheibe in einer mit reichlich Fett kross gebratenen Panade, auf der eine Zitrone thront, die saftfrei ist. Das Schnitzel schmeckt wie in der Mikrowelle aufgewärmt, was auch die Trockenheit der Südfrucht erklären würde. Man arbeitet sich im Menu durch Tiefkühlkostartiges. Als die mit 86 Euro stattliche Rechnung zur Bezahlung ansteht und der Gast einen 100 Euroschein darbietet, lässt die Serviererin aus Friedrichshain verlauten: „Kann ick nich wexeln, Sie sind mein erster Gast!“ Ein offensichtliches Kalkül auf 14 Euro Trinkgeld.
Zeit für eine Debatte um die Abzocke bleibt nicht. Die Tür bricht auf und eine Busladung an Gästen ergießt sich in das Restaurant. Das Konzept ist klar. Der Laden kann seine sicher exorbitante Miete an die südkoreanischen Rentner nur zahlen, indem er Legionen von Einmalgästen durchschleust, denen man naturgemäß alles antun kann, weil sie nicht mehr wiederkommen. Meine Seele schmerzt, weil Lutter & Wegner, das waren dereinst die Weinlieferanten von E. T. A. Hoffmann, eine erste Adresse.
Heute finde ich ein Angebot in der qualitativen Klasse von McDoof und WürgerKing. Vor allem aber glaube ich nicht, dass die Geschäftsidee aufgehen kann. Der Blüm-Satz von der sicheren Rente dürfte auch in Südkorea falsch sein. Wie viele miese Schnitzel müssen sie verkaufen, bis 100 Millionen Verlust ausgeglichen sind? Für solche Geschäftsideen müssen jeden Morgen hunderte neuer Idioten aufstehen. Die Marketing-Kosten bezogen auf einen Stammkunden gehen gegen Null. Die Rendite von Gastronomiebetrieben in sogenannten Spitzenlagen nimmt die gleiche Richtung, sprich auf Null, oder drunter.
Szenenwechsel. Abends sind wir im Ristorante San Giorgio in Charlottenburg, Mommsenstrasse 36. Eine beschauliche Gegend mit mittelpreisigen Wohnhäusern. Man sieht die Herren Westerwelle und Pofalla dort wohnen. Kohl hat hier regelmäßig gegessen und Schröder; heute ersetzt die Granden der wortgewaltige PR-Manager Hans-Hermann Tietje. Ein Familienbetrieb, Domenico Fiorentino aus Apulien und sein Sohn Fabricio (Berliner Tonlage) führen mit ihrem Koch Tommy Hubbert ein kleines Restaurant mit recht guter Qualität, aber ohne Sternekochambitionen. Domenico ist ein Weltmann mit der ausgesuchten Unhöflichkeit eines Italieners, der nichts von Stutzern hält.
Wir essen Bodenständiges mit eigener Kreativität, Penne mit dicken Bohnen und Speck für 9 Euro 50 und hauchdünn geschnittene Leber „al burro e salvia con puré di patate“ für 17 Euro 50. Das beste Kartoffelpürree der Stadt, dazu ein erlesener, aber nicht verstiegener Wein aus Venetien. Alles in allem geben wir hier zwanzig, dreißig Euro mehr aus als im Lutter & Wegner und sind gleichwohl hochzufrieden.
Man isst bei Freunden, kommt wieder und weint seinem Geld nicht nach. Selbst wenn die Rendite die Ackermannschen 25-Prozent erreichen würde, was sie in der Realwirtschaft niemals wird schaffen können (geht nur mit Wucher). Dies ist nicht die Welt koksender Investmentbanker, die Champagner in Londoner Stripclubs fließen lassen.
Quelle: starke-meinungen.de