Logbuch
EIN DRITTES.
Ich sehe gestern abend im TV zufällig Dieter Nuhr, den klugen Satiriker, bei der strunzdummen Frau Maischberger; er äußert sich nachdenkenswert. Ich sinniere.
Satire ist Spottdichtung. Sie übertreibt, um übertriebene Ansprüche zurückzustutzen. Dabei hat sie immer eine Richtung, nämlich von unten nach oben. Satire spottet über jene, die sich Spott verbieten wollen. Man muss das mit aller Entschiedenheit sagen: nicht den Schutzbefohlenen gilt ihre Ironie, sondern den Allzumächtigen.
In meinem Garten steht ein Gedenkstein mit dem Motto VOX POPULI / VOX DEI. Das zu erklärungsbedürftig. Historisch hat sich absolute Macht dadurch zu rechtfertigen gesucht, dass sie angeblich von GOTTES GNADEN herruhe, also die Stimme des Herrschers die Gottes („vox dei“) sei. Dagegen begehrt Satire auf. Sie sagt, dass die Stimme des Volkes („vox populi“) die Stimme Gottes sei. Das ist frech.
Satire ist frech, wo Gehorsam verlangt wird. Das ist ja die Überraschung der Autoritären, dass, wo sie Gehorsam verlangen im Sinne ihrer göttlichen Mission, plötzlich Widerstand entsteht, weil das VOLKSEMPFINDEN dem entgegensteht. Der Gruß vor dem Gesslerhut wird verweigert. Die Stimme Gottes will die Wärmepumpe, aber nicht Lieschen Müller und ihre Stimme des Volkes.
Dem Satiriker ist als Spötter nichts heilig (also von Gottes Gnaden). Mein liebstes Emblem dazu ist ein Sinnbild aus dem Mittelalter, auf dem mehrere Hasen einen Jäger am Spieß rösten. Das ist das eine. Das andere ist, dass Satire immer unentschieden ist, wenn es um radikale Alternativen geht.
Die Mathematik darf sagen: „Es gilt a oder b, ein Drittes ist nicht gegeben. Auf Latein: Tertium non datur.“ In der Politik ist eine solche binäre Radikalität eine Falle, die die Propaganda stellt. Denn eine falsch gestellte Frage kann man nicht durch eine richtige Antwort heilen. Der Satiriker weigert sich, dem binären „a oder b“ zu folgen, auch wenn die Propaganda ihm dies als Pistole an die Schläfe hält.
Der kluge Lateiner sagt: „Tertium datur.“ Es ist immer auch ein Drittes gegeben. Nur tiefreligiöse Glaubensfragen und Aufgaben der Mathematik sind davon ausgenommen. Dieser Dieter Nuhr ist übrigens ein erbärmlicher Künstler; neben dem Spottgesang im TV gestaltet er mit ganz großer Geste abgegriffene Bilder, deren Belanglosigkeit nur von den Pinselquälereien bei IKEA unterboten wird. Kunstgewerbe, viel Gewerbe, wenig Kunst. Echt peinlich.
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KATER.
Ich habe einen KATER, und zwar der hartnäckigeren Art, den MUSKELKATER. Fünf Teakholzbänke und eine Natursteintreppe sind von Moos und Flechten befreit. Das nackte Holz grinst in die vorösterliche Sonne, propper, aber auch angerauter als zuvor und so empfänglicher für neuen Besatz. Das Zauberwort heißt KÄRCHERN mit dem einschlägigen Wasserhochdruckreiniger.
Kein leichtes Unterfangen, weil der zuführende Gartenschlauch verwickelt und beim Stromkabel der Schuko defekt, der Zuleitungsschlauch sperrig wie Sau und die Brühe aus Moos, Vogelkot und Dreck auf den braven Gärtner spritzt. Aber es bleibt das infantile Glück im Dreck gespielt zu haben. Jetzt der MUSKELKATER. Und der sichere Kommentar meines Mediziners: „Dagegen hilft nix!“
Der KATER heißt eigentlich KATARRH und meint den Schnupfen (griechisch für Ausfluss), was das gemeine Volk zur männlichen Katze verballhornt hat. Wie so vieles in der Medizin eine Verlegenheitsdiagnose, ein Synonym halt für ein Wehwehchen. Den Muskelschmerz verspürt nämlich vor allem der steife Stubenhocker; die Sportskanone soll frei davon sein. Zwei Dinge anthropologischer Art beeindrucken den Philosophen.
Erstens bekommt ihn der absteigende Wanderer bedeutend leichter und schmerzhafter als der aufsteigende. Wir sind als Gipfelstürmer gemacht.
Zweitens ist eine ideale Therapie das Ausstreichen der Muskeln nach Wärmeanwendung durch eine schöne Physio. Das ist unsere zweite Bestimmung, gestreichelt zu werden.
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JOSEFI.
Heut ist der JOSEFI, der Josefstag. Fast vergessen, zeigt er doch, dass es Tradition gibt, die zu erhalten, es allemal wert gewesen wäre. Gefeiert wurde dereinst der Gatte der Mutter unseres Religionsstifters. Warum so kompliziert? Nun, MARIA & JOSEF waren zwar die Eltern des Nazareners, aus der Konfiguration jeder Krippe klar erkenntlich (plus Ochs und Esel und drei Zukunftsforscher aus dem Orient). In der Mitte das Jesuskind. Das war es dann aber auch schon mit der Glaubensgewissheit.
Josef, der Schreiner, war nur der „Nährvater“ von Jesus, nicht der Erzeuger, weil man seiner Mutter einen Status zugebilligt hat, der narrative Folgen hatte. Maria war demnach frei von der Erbsünde und musste folglich nicht ins Fegefeuer; damit musste ihre Empfängnis aber „immacolatus“ sein, unbefleckt, womit Gottessohn eben auch dessen (!) Sohn sein musste, also eine Jungfrauengeburt anzunehmen war. Eine theologisch höchst verwickelte Angelegenheit. Ganze Schlachten zwischen den Orden des Mittelalters haben darum stattgefunden.
Ich könnte die Dinge weiter komplizieren, indem ich nach MARIA MAGDALENA frage, nach der anderen Maria im Leben des Messias. Da gäbe es einiges zu fragen. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Den JOSEF zu feiern, ist sicherer. Er ist der Heilige der Handwerker, damit der Held der Arbeit. Er hat sich um die Alimente nicht gedrückt, also ein anständiger Kerl. Und er steht für den Starkbieranstich, ein rechter Maibock. Darauf ein Festmärzen.
Das darf der Christenmensch. Eben diesem JOSEF verdanken wir nämlich den Leitsatz: „Flüssiges bricht Fasten nicht!“ Was könnte klüger sein?
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Das Wesen des Casino-Kapitalismus am Beispiel von Lunch und Dinner
Noch eine Koch-Show. Zu berichten ist von einem Essen im Casino-Kapitalismus und der Sehnsucht nach anderen Verhältnissen. Dem Verlangen nach mediterraner Lebensart in einer Welt der Fast-Food-Verpflegung.
Aber der Reihe nach. Die amerikanische Börsenaufsicht nähert sich der Investmentbank Goldman Sachs mit dem Verdacht, dass das Haus sich zur letzten Finanzkrise betrügerisch verhalten haben könnte. Die deutsche Bundesregierung verfolgt die Vorgänge mit einigem Interesse. Der amerikanische Präsident hatte angekündigt, sich die gewaltigen Steuergelder, die er in die Banken gepumpt hat, zurückzuholen. Da will Merkel nicht zurückstehen. Während man mit müdem Grinsen und Erinnerungen an das berühmte Hornberger Schießen kämpft, springt ein Detail zur Weltwirtschaftskrise und ihren Verursachern ins Auge. Die problematischen Immobilienfonds, die die Blase platzen ließen, sind von dem US-Hedgefonds Paulson & Co. mitentwickelt worden, der sodann darauf wettete, dass sie scheitern werden.
Das erschwert die Unschuldsvermutung und ist zugleich ein besonders hübsches Exempel für das, was nicht nur Marxisten den Casino-Kapitalismus nennen. Die Logik solcher Wetten liegt in der Zeitachse: Man kann wissen, dass es sich um ein Kartenhaus handelt, auf dessen Stabilität man wettet, man kann wissen, dass ein Schneeballsystem nicht ewig hält, man muss nur rechtzeitig wieder raus aus der Abzocke.
Dafür wird an der Börse keine Glocke geläutet, aber es gab wohl einige wenige, die rechtzeitig wussten, was die Glocke geschlagen hatte: die Kriegsgewinnler der Krise. Goldman Sachs legt Wert auf die Feststellung, dazu nicht zu gehören. Man habe nur 15 Millionen Dollar mit den giftigen Papieren verdient, aber 90 Millionen Dollar eigene Verluste damit gemacht. Kann ein Gentleman mehr sagen? Nein, ein Gentleman kann nicht mehr sagen.
Bleibt aber die Frage, was Casino-Kapitalismus ist und ob es einen nachhaltigeren Weg gibt, sein Geld zu machen. Immobilienfonds scheinen nicht (mehr) dazu zu gehören. Die Preise für Gewerbeimmobilien fallen weltweit. Es kommt zu Notverkäufen. So soll das Sony-Center auf dem Potsdamer Platz in Berlin, vor zwei Jahren von der Bank Morgan Stanley für rund 600 Millionen Euro erworben, gerade an einen südkoreanischen Pensionsfonds gegangen sein, für 500 Millionen Euro. Ein Verlust von 100 Millionen Euro, das ist, wie der Berliner sagt, manch einen sein ganzet.
Serviert wird eine papierdünne Fleischscheibe in einer mit reichlich Fett kross gebratenen Panade, auf der eine Zitrone thront, die saftfrei ist. Das Schnitzel schmeckt wie in der Mikrowelle aufgewärmt, was auch die Trockenheit der Südfrucht erklären würde. Man arbeitet sich im Menu durch Tiefkühlkostartiges. Als die mit 86 Euro stattliche Rechnung zur Bezahlung ansteht und der Gast einen 100 Euroschein darbietet, lässt die Serviererin aus Friedrichshain verlauten: „Kann ick nich wexeln, Sie sind mein erster Gast!“ Ein offensichtliches Kalkül auf 14 Euro Trinkgeld.
Zeit für eine Debatte um die Abzocke bleibt nicht. Die Tür bricht auf und eine Busladung an Gästen ergießt sich in das Restaurant. Das Konzept ist klar. Der Laden kann seine sicher exorbitante Miete an die südkoreanischen Rentner nur zahlen, indem er Legionen von Einmalgästen durchschleust, denen man naturgemäß alles antun kann, weil sie nicht mehr wiederkommen. Meine Seele schmerzt, weil Lutter & Wegner, das waren dereinst die Weinlieferanten von E. T. A. Hoffmann, eine erste Adresse.
Heute finde ich ein Angebot in der qualitativen Klasse von McDoof und WürgerKing. Vor allem aber glaube ich nicht, dass die Geschäftsidee aufgehen kann. Der Blüm-Satz von der sicheren Rente dürfte auch in Südkorea falsch sein. Wie viele miese Schnitzel müssen sie verkaufen, bis 100 Millionen Verlust ausgeglichen sind? Für solche Geschäftsideen müssen jeden Morgen hunderte neuer Idioten aufstehen. Die Marketing-Kosten bezogen auf einen Stammkunden gehen gegen Null. Die Rendite von Gastronomiebetrieben in sogenannten Spitzenlagen nimmt die gleiche Richtung, sprich auf Null, oder drunter.
Szenenwechsel. Abends sind wir im Ristorante San Giorgio in Charlottenburg, Mommsenstrasse 36. Eine beschauliche Gegend mit mittelpreisigen Wohnhäusern. Man sieht die Herren Westerwelle und Pofalla dort wohnen. Kohl hat hier regelmäßig gegessen und Schröder; heute ersetzt die Granden der wortgewaltige PR-Manager Hans-Hermann Tietje. Ein Familienbetrieb, Domenico Fiorentino aus Apulien und sein Sohn Fabricio (Berliner Tonlage) führen mit ihrem Koch Tommy Hubbert ein kleines Restaurant mit recht guter Qualität, aber ohne Sternekochambitionen. Domenico ist ein Weltmann mit der ausgesuchten Unhöflichkeit eines Italieners, der nichts von Stutzern hält.
Wir essen Bodenständiges mit eigener Kreativität, Penne mit dicken Bohnen und Speck für 9 Euro 50 und hauchdünn geschnittene Leber „al burro e salvia con puré di patate“ für 17 Euro 50. Das beste Kartoffelpürree der Stadt, dazu ein erlesener, aber nicht verstiegener Wein aus Venetien. Alles in allem geben wir hier zwanzig, dreißig Euro mehr aus als im Lutter & Wegner und sind gleichwohl hochzufrieden.
Man isst bei Freunden, kommt wieder und weint seinem Geld nicht nach. Selbst wenn die Rendite die Ackermannschen 25-Prozent erreichen würde, was sie in der Realwirtschaft niemals wird schaffen können (geht nur mit Wucher). Dies ist nicht die Welt koksender Investmentbanker, die Champagner in Londoner Stripclubs fließen lassen.
Quelle: starke-meinungen.de