Logbuch

BINGO BENKO.

Wer vom Fach, schätzt in der Presse bestimmte Blätter mehr als andere, vor allem aber bestimmte Federn. Immer ein Signal für Lesevergnügen und Erkenntnisgewinn ist der Franke Uwe Ritzer aus Nürnberg, Investigativer bei der Süddeutschen. Ohne Journalisten seiner Handwerkskunst wäre das Blatt noch dünner; es ist schon dünn genug.

Heute also präsentiert Ritzer Stilblüten aus den Ermittlungsakten gegen den Finanzjongleur Benko, die nicht ohne Komik sind. Es gab in dem weitverzweigten Imperium einen regelrechten „Staubsauger“, der das filigrane Gebilde ganz ordinär absaugte, damit in Benkos Taschen landete, was hier und dort gewonnen worden war, vieles heimlich unter den Teppich gekehrt, um dann doch eingesammelt zu sein. „Der Staubsauger ist da!“ So hieß es dann bei Benkos. Man lese Ritzer.

Mit den Staubsaugern ist das ja so eine Sache. Man kennt den Kalauer aus dem Direktvertrieb der Wuppertaler Firma Vorwerk, die an der Wohnungstür verkaufte, wo der Vertreter sein Vorwerk zu zeigen ankündigt und die Hausfrau sich das entschieden verbietet. Zudem unvergessen der Vertreterbesuch der fiktiven Firma Hainzelmann bei Hoppenstedts mit der Erkenntnis: „Es saugt und bläst der Hainzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.“

Bei Benkos Buberln Partie schließlich die finanzwirtschaftlich fundamentale Erkenntnis „follow the money“; es sind nicht die Beträge als solche entscheidend, egal wie hoch. Man achte vor allem auf die Fließrichtung. Es waren nicht seine wundertätigen Millionen, die dann wohltätig Kaufhäuser retteten, damit Innenstädte wieder blühten, wo biedere Hausfrauen dann ihr Konsumglück nicht mehr fassen konnten. Obwohl das so in der Presse gefeiert wurde. Außer bei Uwe Ritzer. Aber das hatten wir ja schon eingangs.

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DER SIEBTE TAG.

Wie kann jemand, den man selbst so schätzt, gänzlich unbemerkt derart unbeliebt werden? Ich verstehe den Niedergang des britischen Premiers Sir Keir Starmer nicht. Seine Partei zeigt nicht nur Ambition im inneren Machtkampf; sie überschäumt im Furor gegen diesen braven Mann. Vatermord ist eine normale Form des Generationswechsels in der Politik, den Sozialdemokraten ist aber auch das Gift der stalinistischen Säuberung mitgegeben. Ich bin fassungslos: Wann und wie wächst so viel Hass gegen einen so feinen Kerl?

Nicht, dass mir das neu wäre. Ich bin ja Zeitzeuge der gezielten Entehrung des Gerhard Schröder, dem man, als schon entmachtet, Büro und Fahrer nahm. Das war eine bloße Demütigung und auch so gemeint. Nun bin ich da kein verlässlicher Kritiker; ich mochte den und er hat mir mal den Arsch gerettet, als es für ihn nicht ohne Risiko war. Ich schulde dem was.

Keir Starmer habe ich geschätzt, weit mehr als Tony Blair, den sein transatlantisches Vasallentum einsam machte. Starmer ist ein rechter Sozialdemokrat mit liberaler Seele, ein linker Gentlemen, wenn man eine solche Fülle an Attributen vermeintlich widersprüchlicher Art noch entschlüsseln kann. Er hat Recht gesucht und verteidigt für jene, denen das nicht an der Wiege gesungen war.

Und das in einer Partei, die über weite Flügel und ganze Regionen einen ideologisch zementierten Antisemitismus mit einer Islamophilie verbindet, die nicht nur der Neuen Rechten als Treiber einer migrantisch begründeten Gegengesellschaft gilt. Labour packt in Watte, was Labour zu wählen verspricht. Mich fremdelt vor dem pakistanisch stämmigen Herrn, der da Greater London regiert. Aber darum geht es mir nicht. Keir konnte auch mit dem.

Ich will auf etwas hinweisen, dass unter den Hunnen vielleicht niemand weiß, sprich den Deutschen. Sir Keir Starmer ist mit einer jüdischen Anwältin verheiratet und die Familie mit zwei Kinder lebt im jüdischen Ritus. In aller Stille und Privatheit, jedenfalls nicht zu politischer Münze gemacht. Könnte das einen Anteil am Missfallen im linken Labour-Milieu gehabt haben? Ich frage für einen Freund.

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BRECHTSCHER FRÜHSPORT.

Idylle eines Sommermorgens mit Blick in den Garten majestätischer Bäume und satten Grüns, dann auf einen malerischen See, zwei Segel, Enten ein einzelner Schwimmer und ein Kuckuck.

Der Blick streift die weißen Pylonen des Hauses, hinter ihnen hundertjährige Eichen. Da stellt sich der Naive die Frage, ob nicht schon die Vorliebe der Griechen für Säulen eigentlich eine Verehrung des runden Stammes der Waldgesellen war. Schließlich simulierten sie die ebenmäßigen Pylonen aus Steinquadern, die sie dann rundschliffen. Auch das Heim der Athene, Lieblingstochter der Zeus, war ein Säulenhain. Nicht Quader, runde Steinstämme. Der erhabene Baum als Archetyp.

Weiteres von Römern. Die Jungs haben sich halt Zeit genommen, ewig war ihre Stadt ja eh. Sie unterpflanzten die behäbigen Eichen mit schnell wucherndem Laub, um so zügigeres Wachstum zu erzeugen, vor allem aber geraderes. Schließlich sollten es die Kiele großer Kriegsschiffe geben. Wo man Aufscherung der Stämme brauchte, Gestalten nach dem Ypsilon, pflegte man solche Neigungen der Natur ein, zwei Menschengenerationen mit scharfer Schere und gab sie dann als massives Bauteil in den Schiffbau. Navigare necesse est. Schiffen tut not.

Jetzt zur Idylle am Scharmützelsee, dem Davos des Ostens. Die Russen hatten, da die hier noch lagen, das für die Eingeborenen gesperrt. Er war rigoros der Iwan, doof war er nicht. Vorher hatte hier die Nomenklatura der DDR-Sommerfrische geübt. Der Alte war auch hier. Ich erinnere seine Liste der Vergnügen am Morgen. Es grüßt sein Nachgeborener.

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HÖHERE INTELLIGENZ.

Es gibt Themen, die schreien nach Fachleuten. Experten. KI zum Beispiel. Man sagt der KI, kurz für KÜNSTLICHE INTELLIGENZ, nach, dass sie sich bemühe, so schlau zu werden wie die natürliche. Womit unsere grauen Zellen gemeint sind, das menschliche Hirn. Wir reden jetzt schon mit Computern und bald die mit uns. Dass der Rechner sich schwer dabei tun wird, mit uns zu plaudern, das ist ein falsches Menschenbild. Die meisten Menschen kommen gut damit zurecht, das sie relativ doof sind. Der Rechner aber lernt gnadenlos dazu. Das Auto wird bald intelligenter als der Fahrer sein. Schon der Opel Manta war schlauer als der sprichwörtliche Mantafahrer. Vom autonom fahrenden Tesla ganz zu schweigen…

ARTIFICAL INTELLIGENCE hat den Vorteil, sich nicht selbst clever geben zu müssen, sich nicht rechtfertigen zu müssen; sie bastelt sich ihre eigenen Algorithmen, egal wie unplausibel man das als Laie nun finden mag. Nur der Erfolg zählt. Die Black Box ist nicht eitel. Ich habe dafür gestern ein schlagendes Beispiel gehört.

Stichwort HOSPITALISIERUNG. Zu der Frage, wo eine Pandemie-Welle wann ausgebrochen sein könnte, wertet ein befreundeter Geheimdienst weltweit die Überflugfotos von Parkplätzen aus. Parkplätze an Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen. Wenn es hier zu Ungewöhnlichem, sprich Signifikanzen der Mobilität, kommt (insbesondere im Vergleich in der längeren Zeitreihe), also eine atypische Belegung stattfindet, dann hat das Gründe. Man misst also HOSPITALISIERUNG an der Parkplatznutzung. Das ist ja auch bei uns das neue Stichwort, die Hospitalisierung.

Mit der Parkplatzanalyse ist dann die jeweilige Regierungspolitik in Propagandafragen machtlos, weil man das zwar in Pressekonferenzen dementieren kann, aber eben nicht in der Sache entkräften. Der Parkplatz weiß es nämlich vor dem Arzt, also auch vor dem Gesundheitsamt und vor der Politik. Überall auf der Welt. Mit sehr interessanten Vergleichszahlen. Man hat so den verlässlichsten Indikator, ein Quartal vor der WHO und unabhängig von Staatsgrenzen.

Sage ich ja, die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ in der BLACK BOX ist ein echt pragmatischer Hund. Jetzt hoffe ich nur, dass mein Beispiel auch stimmt. Denn bei Geheimdiensten, da kann „künstlich“ auch „artifiziell“ im Sinne von „gefälscht“ bedeuten. DESINFORMATION ist deren Spezialität. Man müsste wirkliche Experten fragen können. Nein, nicht Alexa. Einen klugen Akademiker dieses Fachs. „Siri, nenne mir Experten für KI!“