Logbuch
NATUR LEHRE.
Von der sonnenbeschienen Terrasse eines Herrenhauses in den romantischen Wald lauschend, höre ich immer wieder den Ruf des Kuckucks. Er will unter die Haube. Sein anmutiger Lockgesang hat schon vor Jahrhunderten Uhrmacher fasziniert, die kettengetriebene Wanduhren diesen Doppelton mittels Flöten verliehen; wir verbinden den Schwarzwald mit diesem Kitsch. „Kuck / kuck!“ Dabei besteht zu Gefühlen der Idylle kein Anlass.
Der Kuckuck unter der Haube ist ein Brutparasit. Aus dem Winterasyl in Afrika früh zurückgekehrt, legt das begattete Weibchen ihr Gelege in fremde Nester ab. Die Farbe weiß sie den Eiern der Wirtsfamilie anzupassen. Das überzählige Ei wird entnommen und im Flug flugs fallengelassen. Der Vorgang muss frühzeitig vollzogen sein, bevor die Wirtskinder schlüpfen. So weit, so gut. Kuckuckskinder? Das kommt ja in den besten Familien vor.
Die geschlüpften Kuckuckskinder freilich werfen instinktiv ihre Geschwister aus dem Nest, um die von den törichten Stief-Eltern angelieferte Nahrung ausschließlich für sich nutzen zu können. Der darüber schon früh erstaunte Biologe spricht von Brutparasitismus. Das Verhalten der so anmutig rufenden Schmarotzer entsetzte die christlichen Seelen und faszinierte sie.
Uns erinnert nun der Ruf des Kuckucks an die rüde Natur. Nicht nur, dass er mit endlosen Rufen Weiber zu locken hat, um unter die Haube zu kommen. Ein Kampf um’s Überleben, der jenen gelingt, die sich in ihrer Nische möglichst niederträchtig einrichten. Oder Bürgergeld beziehen. Demnächst an dieser Stelle etwas zur Elster, dem diebischen Nesträuber, und den fliegenden Ratten namens Taube. Ohne Olivenzweig im Maul. Der übelste Nestplünderer freilich ist der Marder. Mein persönlicher Feind. Er geht an die Amsel und unter der Haube an das Zündkabel. Das geht eindeutig zu weit.
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SPÄTE ERKENNTNIS.
Wenn früher Geschichte geschrieben wurde, so geschah das oft mit einer unheilvollen Konzentration auf SCHLACHTEN, militärische Anstrengungen und kriegerische Errungenschaften. Völkerschlachten. Daran ist so gut wie alles falsch, bis auf die durchsichtige Neigung, Feldherren zu loben und das gemeine Fußvolk für einen leider unvermeidlichen Schwund zu halten. Führerkult und Kanonenfutter.
Von der aktuellen israelischen Armee wird berichtet, dass gezielt gegen die höchsten Ränge des Gegners vorgegangen würde. Das wäre neu, dass sich die Feldherren selbst an die Gurgel gingen. Ich lese solche Nachrichten mit der größten Vorsicht, weil das erste Opfer jedes Krieges die Wahrheit ist; auf allen Seiten. Wenn es aber zu einem wesentlichen Teil stimmte, würde es eine alte Logik aussetzen, nämlich die der Opferasymmetrie. Früher führten die Feldherren Fehden, die sie selbst mit großer Wahrscheinlichkeit überlebten, wenn nicht sogar zu historischen Helden werden ließ; das begünstigte ihre Neigung, tiefe Opfer im Fußvolk zu bringen und als unvermeidlich zu erklären. Helden standen auf Gräbern.
Mir klingt der Kanonensong vom frühen Brecht in den Ohren: „Soldaten wohnen / auf Kanonen.“ Solche Kriegsromantik fällt sicher schwerer, wenn ich nicht weiß, wer als nächstes an die Tür des chicen Offizierscasinos klopft oder was durch’s Fenster des Luxushotels anfliegt. Der Krieg kehrte dann zu denen zurück, die ihn veranlassten. Aber das sind Spekulationen eines verstörten Pazifisten, der in bösen Zeiten lebt, in denen ein Gespräch über Bäume schon fast ein Verbrechen ist, da es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt. Hat der späte Brecht gesagt.
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BÜRGERBAUCH.
Ein Gentleman ist nicht fett, weil er das für einen Ausdruck der Disziplinlosigkeit hält. Von Carl Hahn, dem langjährigen Patriarchen bei VW, wird erzählt, dass er morgens ein Müsli zu sich nahm und dann nichts mehr; Dinnerverpflichtungen ausgenommen. Gleiches berichtete man aus dem englischen Königshaus, allerdings in der komoderen Form des HIGH TEAs; den guten Sitten anheimgestellt als „Prinz Philip Diät“. Man isst nur ein einziges Mal am Tag; Zwischenmahlzeiten oder night cups ausschließlich und allenfalls als „spirits“.
Der HIGH TEA der nordenglischen und schottischen Lebensart ist nicht mit dem CREAM TEA aus Cornwall zu verwechseln. Wenn frühnachmittags Tanten und Tunten zusammensitzen und frisches Gebäck mit clotted cream und Marmelade füllen, um dazu gezuckerten Milchtee und Sherry zu schlürfen, so darf man das getrost als Ursache der allgemeinen Adipositas betrachten. In keiner Nation ist die gemeine Hausfrau unförmiger als in der englischen.
Der HIGH TEA entstammt der, wie Friedrich Engels es nannte, Arbeitenden Klasse; er ist ein kräftiges Mahl, das nach der Schicht eingenommen wurde, im Stehen und zwar gegen halb Fünf. Neben dem obligatorischen Getränk enthielt es auch deftige Speisen. Viele Häppchen, was so über war. Wer es dabei belässt, kann sich stärken und dem Körper ein Intervall von 24 Stunden gönnen. Ich selbst habe es auf Schottlandreisen kennengelernt, in denen wir das B&B um das breakfast verkürzten, aber dem hohen Tee zusprachen. Einschließlich scones.
Das unter Touristen gefürchtete „full english“ oder „full fried breakfast“ ist ein bäuerlicher Ritus, der hier nicht eigens erwähnt werden muss. Die Offiziersdisziplin von Prinz Philip sei aber empfohlen. Alle Kulturen der Welt raten zum Fasten. Wer sich nach Diabetes sehnt, der folge der notorischen Sucht zur Überernährung, dem kleinen Hunger zwischendurch, mit der vielgliedrigen Zuckermast. So kommt man zur Proletenplauze, die eigentlich ein kleinbürgerliches Phänomen ist. Weil der englische Miner dazu nach zehnstündiger Schicht keine Muße hatte. Wie der Gentleman und Offizier. Eben Helden ohne Bauch. Bravo!
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Friedensbewegte Scheuklappen gegen den Anblick hässlicher Wahrheiten: Afghanistan und die Abzugsperspektive
Das TIME-Magazine, seit jeher gerühmt für seine eindrucksvollen Titelbilder, macht dieser Tage mit einem wirklich erschütternden Foto auf. Ein junges afghanisches Mädchen, bildhübsch und gerade erst 18 Jahre alt. Doch etwas entstellt ihr Gesicht; wo sich normalerweise die Nase befinden sollte, klafft ein ausgefranstes Loch, Folge eines raschen Schnittes mit unsterilem Schneidwerkzeug.
Trüge sie nicht einen Kopfschleier, so böte sich dem Betrachter an der Stelle ihrer Ohren ein ähnliches Bild. Die junge Dame hatte es, so erfährt man, gewagt, ihren prügelnden Ehemann und seine nicht minder gewalttätige Familie zu verlassen. Dafür verurteilte sie ein Kommandeur der lokalen Taliban zu dieser Strafe.
Plötzlich haben ideologisch äußerst sattelfeste Menschen allerorten gewaltig Schaum vor dem Mund. Was ist der Anlass dafür?
Eigentlich eine Kleinigkeit: Es handelt sich um die Überschrift, mit der die Redakteure das Bild versehen haben: „What happens if we leave Afghanistan“. Die Konsequenzen eines Rückzugs, kurz und prägnant in einem Bild.
In der Folge bricht ein Sturm der Entrüstung los, von kriegslüsterner Gräuelpropaganda ist da zu lesen, wackere Onlinekommentatoren urteilen vom heimischen Rechner aus, dass dieses Bild nichts mit afghanischer Realität zu tun habe, von der verwerflichen Instrumentalisierung menschlichen Leids ist da zu lesen.
Ein geschlossenes Weltbild ist seit jeher eine feine Sache. Es gibt die Guten, es gibt die Bösen, dazwischen gibt es meistens nichts. Ackermann ist furchtbar böse, Eisbär Knut ein zahmer Umweltkämpfer und George W. Bush ein Schimpanse.
Ein geschlossenes Weltbild macht glücklich und erfolgreich, mediale Popularität generiert sich eben leichter ohne große Selbstreflexionen. Da darf dann eine Sahra Wagenknecht allwöchentlich ihre wirtschaftspolitischen Überzeugungen von Vorvorgestern unters Volk bringen, da gestattet man es einer Alice Schwarzer, geifernd zu präjudizieren und journalistische Kolleginnen, die es gewagt haben, Grautöne zu sehen, mit Tiernamen zu belegen.
Ein geschlossenes Weltbild sichert auch Minoritäten Dominanz, wie verquer ein Argument auch sein mag, oft und laut genug herausgerufen, bringt es den Gegner schon zur Ruhe. Schweigespirale nannte das die kürzliche verstorbene Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann einst. Was man auch sonst von der Dame halten mag, hier hatte sie wohl leider recht, die alltägliche Beobachtung einschlägiger Medien und Foren legt diesen Schluss zumindest nahe.
Immer schon hatten die glücklichen Inhaber einer festen Weltsicht ihre lieben Beschäftigungsobjekte, sei es Israel (furchtbar böse), Windkraft (ziemlich super) oder Einwanderung (klasse, aber bitte doch wohl nicht im eigenen Stadtviertel). Seit einigen Jahren steht nun auch der Militäreinsatz am Hindukusch auf der Agenda.
Kaum war der erste Schock des 11. Septembers verflogen, brandete die neue Pazifismuswelle auf. Rumsfeld und Cheney wurden zu Industriemarionetten erklärt, die PACE-Fahne flatterte fortan fröhlich am Balkon der sündteuren Altbauwohnung und ein verschmitztes ‚Soldaten sind Mörder’-Schildchen blitzte in manchem handgefertigten Kirschholzbücherregal auf.
Die Veröffentlichung der geheimen US-Papiere auf der Plattform Wikileaks wurde für viele dieser überaus engagierten Menschen dann zu einem ganz persönlichen Woodstock-Erlebnis: Die hässliche Fratze der militärischen Großmacht, endlich war sie demaskiert. Ein edles und friedliebendes Bergvolk, seit Jahren unter dem Joch einer menschenverachtenden Besatzungstruppe, hatte man es nicht schon immer gewusst?
Und dann erst die Enthüllenden: gewitzte junge Männer, die digitale Bohème, hier als siegreicher David gegen den verachteten Goliath.
Alles hätte so schön sein können, bis dann dieser Tage diese unselige Zeitschrift erschien.
Verstümmelungen im Afghanistan des Jahres 2009, acht Jahre nach Kriegsbeginn, als Argument gegen einen raschen Abzug der Koalitionstruppen? Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Und überhaupt, haben die das Geschehen etwa verhindert?
Im stillen Kämmerlein (wir erinnern uns, die Schweigespirale und die Dominanz lauter und aggressiver Meinungen…) mag sich manch einer ob dieses zutiefst schwachsinnigen Argumentes wundern: Sind in Deutschland begangene Verbrechen ein Grund zur Abschaffung der Polizei? Weil die Koalitionstruppen (die immerhin medizinische Versorgung und Bildung für Frauen erst wieder möglich gemacht haben) hier nichts tun konnten, wäre es besser, sie abzuziehen? Wohl dem, in dessen Weltbild dies Sinn ergibt.
Wenn wie hier der Mensch des Menschen Wolf wird, wenn indigene oder ( wie im Fall der meisten Taliban) nicht-indigene Bevölkerungsgruppen Frauen zu Bestandteilen des Sachenrechts erklären, dann ist die starke Hand des Staates gefordert, der regelnde und strafende Leviathan, der den Gewaltverzicht notfalls auch gewaltsam durchsetzt. Wenn wie im Falle Afghanistans nun aber der eigentlich zuständige Staat verlässlich zwischen Kalifat und Kleptokratie pendelt, dann wird externes Eingreifen zur Pflicht, im Interesse der Sicherheit, im Interesse der elementaren Menschenrechte.
Mag die Moralistenposition hinter der Friedensfahne auch noch so angenehm sein, mag das feste Weltbild mit dem amerikanischen Aggressor als verlässlichem Hauptfeind auch noch soviel soziale Akzeptanz mit sich bringen, hier ist beides schlicht fehl am Platze. Der Weg zu einem vermeintlichen Frieden wird zunehmend mit engsten Scheuklappen beschritten. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind Anstand, Moral und Menschenrechte – und nicht zuletzt auch gepeinigte afghanische Mädchen.
Quelle: starke-meinungen.de