Logbuch

DER KRAMPF GEGEN RECHTS.

Der berühmte Meinungsforscher Manfred Güllner, ein Urgestein seiner Branche und leidenschaftlicher Roter, neigte zu bissigen Bemerkungen, wenn es um das gegnerische Institut in Allensbach ging, dessen Gründungsmutter nicht frei von braunen Tönen war. Er sagte dann gern: „Sie übersetzen dort Demoskopie mit völkischer Beobachtung.“

Was das Güllnersche Institut heutzutage beobachtet, hat sie, völkischen Züge. Forsa sieht bei der Sonntagsfrage die AfD mit der CDU gleichauf; beide haben je 25 % der Stimmen. Absolute Mehrheit. Die SPD würden noch 13% wählen. Die FDP ist raus. Die Strategie der demokratischen Linken, die uns in diesen Strukturbruch geführt hat, hieß „Kampf gegen Rechts“: na bravo! Ein Krampf; und er dauert an im linken Milieu. Schockstarre.

Die Art, wie die AfD niedergebrüllt wird, allen voran von Omas gegen Rechts, hebt deren junge Frau auf‘s Panier. Ich werde hier nicht diese alerte Zynikerin preisen, aber die bösen alten Frauen der demokratischen Mitte haben sie nicht nur nicht verhindert, sondern groß gemacht. Wir werden Weidel als Kanzlerin sehen, so wie wir Madame LePen nach oben heben, wo Signora Meloni schon ist. Der Krampf gegen Rechts hat jenen Rechtsruck gefördert, den zu verhindern er vorgab.

Die Schwarzen und die Blauen haben die absolute Mehrheit. Die SPD hat sich grotesk verzwergt. Wie die Grünen auch. Noch herrscht bei den Konservativen Scham, in eine Regierung zu gießen, was die Stimmungslage schon als Struktur zeigt. Aber sehe ich Fritze Merz als Fels in der Brandung? Eine Sandburg, irgendwann ein Raub der Wellen. Und, mit Eimerchen und Schüppchen, Lars Klüngelbiel, das dicke Kind als Sozen-Chef? Oder aus Berlin ein Herr Saleh („Die Wohnungen in Volkes Hand!“)? Machen Sie Witze?

Ich schreibe dies in Moabit; aus dem roten Wedding gleich nebenan höre ich ein Lied aus alten Zeiten herüberschallen. „Wer hat uns verraten?“ Es klingt mit der Stimme von Ernst Busch: „Sozialdemokraten!“

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RECONQUISTA, DIE ROLLE RÜCKWÄRTS.

In meiner frühen Jugend machte eine schlichte Jacke mit Stehkragen Mode, weil sie der große Vorsitzende Mao Zedong trug. Ich war damals wohl schon Konzernknecht und trug, wie Bertolt Beitz, grauen Flanell zweireihig mit Binder und Manschetten. Der Mafia gebührten die Nadelstreifen. Kleider machen Leute.

Neunundfünfzig Krawattenmänner waren gestern im Kanzleramt: das ist die Spitze der deutschen Wirtschaft. Auf dem üblichen Gruppenfoto stehen sie rund um den Kanzler. Im Vordergrund ein einzelnes rotes Kleid. Und von Amtswegen die Bundeswirtschaftsministerin. Ich mag das Wort von der Frauenquote gar nicht mehr sagen, so vergeblich ist der Gedanke einer auch nur zufälligen Verteilung der Geschlechter an der Spitze der investitionswilligen Unternehmen meines Vaterlands. Eben kein Mutterland.

Mich fasziniert aber etwas ganz anderes. Wir hatten uns auf den Vorstandsetagen an legere Kleidung gewöhnt. Man trug die Start-up-Uniform von Sneakern und Polohemden, allenfalls ein offenes Oberhemd unterm verknitterten Leinen-Sacco. Jetzt alle im Blaumann, dem einreihigen blauen Anzug, mit Hemd und Krawatte. Eine Kulturrevolution zurückgedreht. Als Volkswagen-Seele sage ich: „Selbst der Olli!“ Schau an. Alle Achtung.

Wie ging das praktisch? Stand auf der Einladung eine Kleiderordnung? Das glaube ich nicht. Woher hatten aber neunundfünfzig Muttis morgens die Instruktion, was sie ihren Gatten rauslegen? Man kann sich das nur so vorstellen, dass die ganze Kohorte grübelte, was haben wohl Merz und Klüngelbiel an, der Kanzler und sein Finanzminister? In unterschiedlichen Größen, versteht sich. So dass dann die weißen Turnschuhe im Schrank blieben und wieder der blaue Binder geflochten werden musste. Hoffentlich konnte Mutti das noch.

Ja, ich weiß, es waren 61 Topmanager im Kanzleramt; zwei hatten die Zeichen der Zeit verschlafen. Einen davon kennt kein Mensch, der andere war jener, den sie im Pressechor „das Knäckebrot“ nennen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich jedenfalls sage: Jede Kulturrevolution gebiert ihr Kostüm, auch eine rückwärts. Wir werden Zeugen einer RECONQUISTA. Sie kommen wieder die Blaumänner mit Schlips. Die Mao-Joppe der Habeck-Ära bleibt im Schrank. Man weiß ja nie.

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SCHLÜSSELROMAN.

„Was liest Du?“, so fragt ein alter Freund und Kommilitone; und er meint damit, was man gerade im Moment zur Lektüre habe. Regelmäßig empfiehlt er dann seine neuste Entdeckung. Jüngst aufschlussreiche Romane mit aktuellem Bezug, eigentlich Satiren auf die Berliner Gegenwart. Man erkennt leicht, welche Zustände und welche Personen im Roman gemeint sind, auch wenn ihnen dort jeweils ein anderer Name gegeben.

Man nennt das SCHLÜSSELROMAN, weil leicht zu entschlüsseln. Die Dichtung legt nur einen zaghaften Schleier über‘s Leben, um dann, so getarnt, um so brutaler zuschlagen zu können. Wir sind bei der alten Frage: Was darf Satire? Ist Kabarett Kunst oder freche Politik? Ich finde in den Romanen zum Beispiel Passagen, die politischen Parteien nicht gefallen dürften, weil recht böse. Hier der FDP und der SPD.

Ein Liberaler aus dem Norddeutschen, eigentlich Braunschweiger, findet seine Trinkgewohnheiten karikiert und sich mit dem Attribut eines fleischgewordenen Herrenwitzes versehen. Nun wird er als absolute Person der Zeitgeschichte (so heißt das im Presserecht) daran nichts ändern können, weil mögliche Meinung, aber genießt das die Freiheit der Künste, nur weil Herr Meier hier Müller heißt? Gute Frage. Ich selbst habe ihn, den Herrenwitz, schon Herrenwitze reißen hören, im wahren Leben.

Der im Willy Brandt Haus residierenden Partei wird ein übles Binnenklima unterstellt; es herrsche dort unter den Anwärtern auf Höheres Neid, Missgunst, Intrige, Verrat. Unter der Hegemonie der Solidarität tobe Stalin. Dieses Pandämonium des Profanen habe die SPD ruiniert. Nun könnte man sich fragen, ob da andere Parteien anders seien, aber das ist nicht mein literarisches Problem. Ich frage als Wortarbeiter: Darf ich als Dichter sagen, was ich als Journalist beweisen können müsste?

Ich hätte dazu allerdings eine Quelle. Und die saß nicht in der Poststelle. „The nice guys are in the mail room.“ Sie saß ziemlich weit oben. Meine Quelle war einer der Chefs in dem Bumms. Und er hat das Haus genauso geschildert. Nicht mal „unter drei“, sondern outspoken und frei. Aber ich zitiere sie nicht, die Quelle. Weil einem Journalisten nix heilig ist, außer das. Allenfalls einen Schlüsselroman, den könnte ich erwägen. Andererseits ein irrer Aufwand, diese tausend Worte im Dienste einer einzigen Beleidigung. Das muss doch auch mit einem kleinen Wortspiel gehen.

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Schmelztiegel, Salatschüssel oder Mosaik: Was denn nun, Herr Bundespräsident?

Dass die Amerikaner spinnen, gehört zum Allgemeingut, insbesondere, wenn es um die Frage der Political Correctness geht. Wenn man ein böses Wort sagt, knurrt sofort jemand: „Watch your language!“ In New York wurde ich gerade bei einem Geschäftsessen nachdrücklich belehrt, dass es in dieser Hauptstadt der Einwanderung keinen „melting pot“ gebe, ein Wort,das ich noch aus dem Gymnasium im Kopf hatte.

Und schon bin ich als urdeutscher „Kraut“ geoutet; man ist fürsorglich empört. Denn der Schmelztiegel meine ja, dass die kulturellen Identitäten der Zuwanderer verschmelzen würden. Dagegen verwahre sich der New Yorker Banker jüdischer Abstammung wie der italostämmige Fuhrunternehmer wie der irischkatholische Pizza-Mogul, sagt mir ein White Anglosaxon Protestant (WASP), der mit einer White Italo-American Catholic (WIAC)  verheiratet ist, während ein Hardworking Asian Immigrant (HWAI) unserer Dreierrunde das Essen serviert, das vermutlich ein Latino-Amerikaner aus Texas (Tex-Max ?) zubereitet hat.

Ist also Assimilation auch in New York ein Verbrechen, so wie der türkische Ministerpräsident es den Gastarbeitern aus der Türkei zugerufen hat, die inzwischen meine Landsleute sind? Assimilation ist auch hier ein Unwort, weil es kulturelle Unterwerfung meint. Selbst die Vorstellung einer Integration wird mit spitzen Fingern angefasst.

Der Eid auf die Verfassung sei nur beiläufig ideologisch, im Kern gehe es um das Recht auf Privateigentum und das Tragen von Waffen. Skurril. Ich flüchte mich in unserer heikel werdenden Diskussion in den soziologischen Fachjargon. Dann sagt man so Sachen wie: Die kontinuierliche  Akkommodation der Migranten führt zu einer Absorption von anomischem Verhalten aus dem Kontext ihrer Herkunftsethnien und in  zwei bis drei Generationen  zu einer umfassenden Akkulturation; spätestens die Enkel sind dann richtige Amerikaner.

Das habe ich als deutscher Professor mal so vorgetragen. Joe und Betsy gucken mich an, als sei ein Fremder aus einer anderen Galaxie an ihren Tisch gelangt. „Don’t be so German!“ Das sei doch ganz einfach, nämlich wie beim Salat. Der Salat bestehe aus diesem und jenem Grünzeug und etwas Obst und ein, zwei Körnern, die zwar in der Salatschüssel zusammenträfen, aber doch ihre Eigenart behielten. New York ist kein Melting Pot, sondern eine Salad Bowl. Big Apple als Salatschüssel, gänzlich unsoziologisch, aber plausibel. Da staune ich.

Mein amerikanischer Freund findet, das sei schon wieder ein typisch deutscher Gedanke. Und seine wohlerzogene Dottoressa hält mir in gebrochenem Deutsch ein Zitat entgegen: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Das finde ich gemein und wechsele endgültig das Thema. Auf dem Rückflug verarbeite ich meinen Ärger und erkenne, dass wir die Diskussion um Leitkultur und Nationalcharakter mit unzulänglichen Bildern, vor allem aber in „vollkommener Begriffsblindheit“ (Jürgen Kaube, FAZ) führen.

Von der politischen Klasse ist dazu keine Hilfe zu erwarten; Merkel ist stolz, Sarrazin nicht gelesen zu haben, und Gabriel bescheuert genug, ihn aus der SPD ausschließen zu wollen. Aber unser Staatsoberhaupt, das könnte doch Weisung geben.  Christian Wulff ist als Bundespräsident mit dem Anspruch angetreten, aus der ersten Behörde des Landes eine Denkfabrik zu machen. Gut gebrüllt, Löwe!

Was also hat die Denkfabrik herausgebracht zur Frage von Assimilation, Integration oder Segregation von ausländischen Zuwanderern? Nichts als schwammige Phrasen der Anbiederung und vieldeutige Gesten auf türkischem Boden. Der Islam gehört zu Deutschland: Dümmer geht es nimmer. Als Löwe gesprungen, als Bettvorleger gelandet.

Versuchen wir es also begrifflich strikter. Dies ist ein freies Land, das Religionsfreiheit bietet  und eine Bewertung der Menschen nach ihrer Abstammung ausschließt. Stichwort: Die Menschenwürde ist unantastbar. Kein Gottesstaat, kein christliches Abendland germanischer oder gar arischer  Herkunft.  Die Bundesrepublik ist wie jeder säkulare Staat  eine ganz nüchterne juristische Konstruktion. Nach innen behauptet der Staat ein Machtmonopol und gewährt den Bürgern im Gegenzug Sicherheit durch Recht und Gesetz. Nach außen verlangt er von anderen Staaten mindestens die Respektierung seiner Grenzen. Die Begriffe Volk und Nation haben hier systematisch nichts zu suchen.

Der vermeintliche Begriff „Staatsvolk“ ist irreführend. Staatsbürger halten die Gesetze des Leviathan ein und genießen dafür seinen Schutz; das ist alles. Jenseits des Staatlichen liegt nur noch Privatheit, in der jeder nach seiner Facon selig werden kann. Ja, Religion ist Privatsache. Ja, Abstammung und Geschlecht spielen keine Rolle. Aber Schulpflicht ist kein Elternrecht, sondern das Menschenrecht des Kindes, das der Staat auch gegen den Elternwillen durchzusetzen hat. Eine arrangierte Heirat hat nichts mit religiösen oder kulturellen Eigenarten zu tun, sondern ist ein Verbrechen, das strafwürdig ist. Insgesamt ist der Staat etwas ganz Profanes.

Damit beginnt zugleich die Crux. Die Menschen ertragen das Profane schlecht. Sie suchen sich Mythen, um dem Profanen einen höheren Sinn zu geben. Das ist nicht nur eine private Regung, das ist nicht nur der Kausalnexus für die Entstehung aller Religionen, sondern zumeist eine Frage von Macht, sprich Politik und dem Kampf um Macht. Hier beginnt der Staat sich selbst zu erfinden als Nation.

Wir sind als Rasse, als Stamm, als Volksgenossen, als nationale Wesen, was unsere Feinde nicht sind. Und so definiert sich der italienische Nationalcharakter durch Koch- und Liebeskünste, der deutsche durch Pünktlichkeit, Fleiß und ein properes Polizeiwesen und der polnische mittels allgemeinem Schlendrian, während das Russische in Melancholie und Wodka ertrinkt. Nationale Vorstellungen sind ein Mummenschanz von Vulgärmythen, die distinktiv gegeneinander geschärft werden, aber eigentlich alle aus dem gleichen mythischen Sumpf stammen.

Jeder Nationalcharakter ist ein Ressentiment – und wie bei allen, die durch Vorurteile beseelt sind, bestätigt das Leben die Sichtweise, die man ihm entgegenbringt. Wir sehen nur, was wir bereits im Kopf  haben, nicht umgekehrt, hat schon der alte Cato gesagt. Eine Leitkultur gibt es nur für politische Hetzer, die damit nach dieser oder jener Macht greifen. Menschenrechte und bürgerliche Rechtsordnung, Gewaltenteilung und repräsentative Demokratie, das sind die einzigen Leuchtfeuer der Moderne.

Alles andere ist religiöser Fanatismus, rassistischer Wahn oder Stammesritual. Als aufgeklärte Weltbürger, die wir seit dem 18. Jahrhundert sein sollten, stehen wir nicht für die nationalen Mosaiken von Priestern oder Politikern zur Verfügung, die sich Nationen bauen, um deren Führer sein zu können. Gott, wie deutsch, denke ich, als ich in Frankfurt lande. Salatschüssel eben. Das werde ich jetzt in Schloss Bellevue vortragen. Das versteht auch Wulff. Also nicht wundern, wenn Sie demnächst den Herrn Bundespräsidenten von der Salatschüssel reden hören. Wir werden dann brav applaudieren und seine Denkfabrik loben.

Quelle: starke-meinungen.de