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VENEDIG.

Die Lagunenstadt ist eine Laune der Natur, die sich ein imperialistischer Stadtstadt zunutze gemacht hat. Man hat eine Stadt ins Wasser gebaut, während sonst das Wasser in die Städte gebaut wird. Typisch italienisch, weil bequem und doch genial.

Beobachtung im elsässischen Kaysersberg, einem alten Städtchen des Weinbaus, wovon das Elsass viele idyllische Exemplare erhalten hat. Schon auf der Fahrt nach Frankreich war mir aufgefallen, dass der Autobahnneubau sehr lange in der Anlage von gewaltigen Drainagen besteht. Es werden endlos Rohre verlegt. Straßenbau eine Frage der Wasserhaltung. Echt?

Die mittelalterliche Stadt ist ganz bestimmt ein Genie der Wasserhaltung. Nicht nur, dass der Fluss durch eine Brücke überspannt wird und dem Ochsenkarren kein Hindernis mehr, aufgeteilt in Bäche verrichtet das Wasser Dienste. Am Badehaus gestaut nährt es den Zufluss zur reißenden Wasserkraft für die Mühlen und Hämmer in den Handwerkerhäusern. Ein anderer Strom füllt die Waschplätze der Frauen; dem großen Restwasser sind Abfälle anvertraut, hoffentlich bevor das feuchte Nass als Lebensmittel entnommen wurde.

Ich frage mich, wie das die ritterliche Burg hoch oben am Berg geregelt hat, zumal sie Belagerungen standzuhalten hatte. Ich mühe mich aus dem Städtchen auf den Burgfries und entdecke im Innenhof das Gemäuer eines Ziehbrunnens. Woher wussten die Rittersleut von der Wasserader? Oder war es wie in Venedig, eine Laune der Natur, klug genutzt?

Dabei fällt mir eine Entdeckung im englischen Hochmoor namens Dartmoor ein. Ich spazierte dort einst auf einem uralten Steinkanal, der aus der unwirtlichen Umgebung bis ins entfernte Plymouth führte, wie mir unser Führer erklärte. Weil die Hafenstadt Süßwasser brauchte. Gebaut hatten die gewaltige Anlage die Römer. Schon der römische Städtebau war eine wasserwirtschaftliche Veranstaltung.

Ich sage nur: Aquädukte (zu Deutsch: Führer des Wassers). Technik, wenn Natur nicht reicht.

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PAUKER.

Das Lehrpersonal der höheren Lehranstalten bestand aus namenlosen Kräften. Und ab und zu ein Pauker. Einen davon erinnere ich gerade, obwohl gut ein halbes Jahrhundert her.

Herr Dr. Ernst König wohnte nicht am Ort der Schule, wie ich armer Fahrschüler auch; ich sah ihn also morgens in den Bus zusteigen und mittags gelegentlich an der Haltestelle. Aktentasche unterm Arm. Obwohl gar nicht mein Klassenlehrer, grüßte ich ihn. Er war eine Legende: der Begründer des örtlichen Schülerkabaretts. Ein politisches Kabarett, wenn Sie mich damals gefragt hätten.

Schon 1947 hatte er, der König, bei den AMNESTIERTEN mitgewirkt, die als MÜNCHNER LACH- UND SCHIESSGESELLSCHAFT nun wirklich berühmt wurden. 1965 gründete er dann in dem Örtchen Kettwig bei Essen an seinem Gymnasium das Schülerkabarett DIE KETTWICHTE. Keine Ahnung, ob es die Tradition noch gibt; jedenfalls haben die immer neuen Ensembles wohl vierzig Programme hingelegt in fünfzig Jahren.

König war ein Kauz. Er soll privat nicht immer umgänglich gewesen sein. Er gewann aber im Kollegium Mitstreiter, Hans Buring ist nachdrücklich zu erwähnen, und ließ mich, den Fahrschüler, für sein Ensemble Stücke schreiben. So, damit ist die Katze aus dem Sack. Ich habe Abi trotz miserabler Noten, weil ich halt Satire konnte. King of political satire! Hat, wenn auch knapp, gereicht für die Allgemeine Hochschulreife. Lob des Paukers.

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CHARAKTER ZEIGEN.

Der englische Satiriker Konstantin Kisin vereint ein scharfes Urteil mit den Umgangsformen der akademischen Oberklasse. Er ist rhetorisch rigoros. Das gefällt nicht jedem. Ich schätze ihn.

Seine Gegner mögen seine Aufsässigkeit gegen den Zeitgeist nicht; er ist alles, nur nicht „woke“. Seine britischen Feinde verweisen auf seine russische Herkunft und die jüdische Abstammung. In den USA ist diese Kennung als emigrierter Jude aus Osteuropa schon länger eine latente Disposition; jetzt höre ich es auch in Oxbridge als Allusion. Töne vergangener Zeiten.

Kisin ist ein Intellektueller erheblichen Vermögens, ein kluger Kopf, und zu großer sprachlicher Schärfe befähigt. Er räsoniert; daher kommt seine satirische Kraft. Er nutzt Redefreiheit als zentrale Kategorie der westlichen Kultur. Opfer sind emotionale Attitüden und ideologische Schlappen des zeitgeistbewegten Spießers, der allenthalben sein leeres Haupt hebt. Und die Macht will, nicht nur an den Unis.

Ich will ein Beispiel aus seiner Rede vor dem Oxforder Union Chamber zitieren. Das einzige Mittel, sagt er dort, gegen Rassismus sei, die Menschen nicht nach der Herkunft, sondern dem Charakter zu bewerten („content of the character“). Punkt. Großartig!

Darf ich ergänzen? Nicht nach dem Charakter, den sie selbst zu haben meinen, sondern nach dem, den sie uns zeigen.

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Die FDP mutiert zur Gay Party: Der Liberalismus verkommt im Guido-Mobil zum Kasperltheater

Wenn die Engländer zur Zeit des Oscar Wilde ganz unbefangen von einer gay party sprachen, so war das eine heitere, eine fröhliche Zusammenkunft. Erst im Laufe der Zeit hat sich der Begriff zu einer Bezeichnung eines homosexuellen Lebensstils gewandelt. Und an einer heiteren Liberalität in allen Dingen des Lebens kann ich sehr viel Sympathisches finden in einem Land, das für seinen reaktionären Bierernst und seine Bigotterie berüchtigt war.

Jetzt aber lese ich, dass der von WikiLeaks enttarnte Spion Helmut Metzner (41) eine persönliche Website betrieb, in der er sich als „MunterMacherMetzner“ inszenierte und auf Facebook Comicfiguren vom „kleinen Maulwurf“ zur Verharmlosung seiner Agententätigkeit bemüht. Ein Häschenkostüm bot er zum Verleih an, mit dem er selbst schon gelb-blau gefärbte Eier verschenkte und als liberaler Meister Lampe an der Berliner Parade zum Christopher-Street-Day teilnahm. In seiner Internetbiographie klagt der mit einer gelb-blauen Fliege bewehrte Eierfreund, wie er als bekennender und verheirateter Schwuler unter den Verhältnissen in der fränkischen CSU gelitten habe und wie herrlich es nun in der Westerwelle-FDP sei.

Mir vergeht der Humor; aber nicht, ich schwöre, weil ich auch nur im kleinsten Winkel meines Herzens was gegen Schwule hätte. Meine Laune wird nicht bei Klaus Wowereit getrübt und nicht bei Ole von Beust, jedenfalls nicht, weil sie gleichgeschlechtliche Partner haben. Aber hier fährt sich der Liberalismus in die ewige Lächerlichkeit eines Komödienstadels; das Kasperltheater dieser heiteren Herren schmerzt, nicht, dass sie Bachelor sind.

Ich war schon bei den Spaß-Wahlkämpfen von Guido Westerwelle irritiert, weil sie von den Albernheiten eines Milieus getränkt waren, das der Wähler in seiner Mehrheit nicht mehr versteht. In der Politik ist man aber für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich. Wenn ein heterosexueller Mann ein Wohnmobil am Straßenrand stehen sieht, dann denkt er eben nicht an Theodor Heuss oder Graf Lambsdorff. Die Zahl 18 auf der Schuhsohle, das Guido-Mobil, die Kultivierung gelb-blauer Eier, das entstammt einem soziolektischen Esprit. Das alles sind milieutypische Scherze, die man durchaus teilen kann, aber sie verweisen im Sinne politischer Symbolik eben nicht auf den intellektuellen Kern des Liberalismus. Nun also im Büro des Außenministers Herr MunterMacherMetzner, der Spion, der aus dem Warmen kam.

Das ist so bitter, dass man schon Angst vor der eigenen Ironie entwickelt. Was noch? Man muss den Humor auch verlieren, weil es um Fragen des nationalen Interesses geht. Der Mann war Büroleiter des FDP-Vorsitzenden Westerwelle, des amtierenden Bundesaußenministers. Er hat WikiLeaks zufolge eine ausländische Macht über Meinungsunterschiede zwischen den Koalitionsparteien in Fragen der Abrüstung informiert; unzweifelhaft Fragen von nationalem Interesse, auch wenn für die Bündnis- und Schutzmacht spioniert wird.

Dem aufmerksamen Beobachter entging nicht:  Seine Händen zitterten und unter dem lichten Haupthaar zeigte sich Angstschweiß, aber es wurde stramm geleugnet. Auch auf meine Vorhaltung, dies sei eine Tatsachenbehauptung wider besseres Wissen, blieb Niebel stur: „Ich bestreite, dass es einen Informanten gibt.“ Die Woche war noch nicht um, da musste der nunmehr enttarnte und geständige Muntermacher-Agent bei der FDP umgesetzt werden.

Aber der Unwillen geht über das Krisenmanagement von Westerwelle und seinem Ausputzer Niebel hinaus. Erinnern wir uns, die FDP, das war für das bürgerliche Lager mal das feinste Tuch, das die Republik zu bieten hatte. Der Liberalismus hatte eine gediegene Attraktivität bis weit in die Sozialdemokratie hinein. Das ist der Fluch des Jürgen Möllemann: Er hat sich selbst gerichtet, aber das Halbseidene ist geblieben.

Die FDP ist eine Partei mit Hautgout. Auch ihre Freunde schämen sich ihrer. Die seriöse Frankfurter Allgemeine zitiert Stimmen aus der FDP, die sich gegen ein Regime sogenannter „Mickey-Mouse-Bubis“ wehren. Der Begriff von den schwulen Seilschaften fällt. Genau an dieser Stelle muss man staatspolitisch energisch werden. Die Frage ist nicht, welcher sexuellen Orientierung die handelnden Politiker folgen. Das hat nicht zu interessieren; und es interessiert auch nicht. Nach diesen privaten und persönlichen Dingen hat der Wähler nicht gefragt.

Er ist dank einem unterentwickelten ordnungspolitischen Anstand mit solchen Lebensstilfragen belästigt worden. Es war nicht die Idee des Souveräns, erst die Mehrwertsteuer für Hoteliers zu senken und dann als Bundesaußenminister auf einer Hoteleinweihung zu reden, die der Lebenspartner gegen Honorar organisiert hatte. Solche Strategien staatsbürgerlichen Verhaltens entstehen im Guido-Mobil. Man inszeniere sich jetzt also nicht in der gay party als diskriminierte Minderheit. Es geht um den erst geleugneten, dann schamvoll versteckten MunterMacherMaulwurf.

Die Frage ist, wie ernst man den Liberalismus noch nehmen kann, wenn Denunziantentum oder gar Landesverrat in der Attitüde heiterer Party-Jokes zur Regel werden. Wir wollen anständig regiert werden, von integren Persönlichkeiten.

Und wir respektieren Politikerpersönlichkeiten, für die die Pflicht mehr als Party ist. Konkret: Wer den Bundesfinanzminister gegenüber einer ausländischen Macht als zornigen alten Mann, gar als Neurotiker oder Mann unter Drogen (alles FDP-Jargon) diffamiert, verwirkt unser Vertrauen. Schluss damit. Die Party ist aus.

Quelle: starke-meinungen.de