Logbuch

ARSCHGEWEIH.

Die Nachtwache als Arschgeweih. Tätowierungen der Museumsbesucher, auch des unteren Rückens, mit Motiven des Hauses, das bietet das Rembrandt-Museum zu Amsterdam. Tattoo for you.

Ich bin ein Freund der Museumspädagogik. Das ist, wenn man eine Cafeteria betreibt, um Publikum anzulocken und für die Kunst zu gewinnen. Oder T-Shirts verkauft. Alles, was hilft. Den Vogel abgeschossen haben die Holländer jetzt mit der Tätowierstube im Museums-Shop zur Popularisierung Rembrandts. Was mich über "tribalism" nachdenken lässt, unsere Neigung, am menschlichen Körper Verunzierungen anzubringen, wie sie bei sogenannten primitiven Völkern gängig waren.

Da ist dann gleich die nächste Klippe. Ich kenne nicht die aktuelle anthropologische Diskussion, aber ich bezweifle, dass man indigene Völker noch als primitiv bezeichnen darf. Dass hat ja schon etwas Wertendes, wenn der weiße Mann in Khaki-Uniform, Modell Hercule Poirot, durch den Urwald schreitet und sich an exotischen Stämmen ergötzt. Hagenbeck soll sie in Hamburg dann im Zoo ausgestellt haben.

Kulturelle Aneignungen also. Was aber ist die Bedeutung der Verunzierung einer Mädchenlippe durch einen Draht? Des Nasenrings? Oder der Tunnel in den Ohrläppchen? Oder des chinesischen Schriftzeichens auf dem Unterschenkel? Ich will es erst gar nicht wissen. Allerdings gibt es interessante Varianten. Das Knast-Tattoo zum Beispiel. Die Mörder-Träne. Oder die Embleme des trunkenen Seemanns. In Duisburg-Ruhrort soll es noch vor Jahren einen Fachmann gegeben haben, der die ganz ungelenke Art beherrschte; deshalb eine Attraktion. Amy Winehouse hatte so was.

Wenn der Körper der Tempel der Seele ist, dann dürfte er ohne Unterhautbemalung zurechtkommen. Aber das ist ein Dünkel; vorkritisch. Dazu sollte sich nämlich nicht abfällig äußern, wer Kleiderordnungen fordert und selbst Blumen am Revers trägt.

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EIN KIND DER LIEBE.

Welches Gemälde würde ich mir kaufen, hätte ich jedes Geld der Welt? Nun, sicher eine LESENDE. Aber welche? Ich wüsste, worauf meine Wahl fiele.

Wir sehen eine Frau in blauer Jacke mit gebundenem Haar, offensichtlich hochschwanger, einen Brief lesend. Sie steht in einem Zimmer eines solide möblierten Patrizierhauses in Holland gegenüber dem Fenster, vor ihr ein Tischchen, das eine abgelegte Perlenkette zeigt, ein Tuch, ein Schmuckkästchen andeutend.

Von Vincent van Gogh, einem Landsmann des Malers, wissen wir, dass er den Ausdruck von Schönheit und Würde in der Schwangeren sah, die, da sie liest, zum gebildeten Delft des 17. Jahrhunderts gehört haben muss. Die lederbeschlagenen Stühle und die opulente Wandkarte der Niederlande deuten auf den Wohlstand des aufgeklärten Bürgertums. Eine eher selbstbewusste als sentimentale Frau, deren Schmuck von Charme und Anmut vergangener Auftritte künden. Sie trägt, ahnen wir, ein Kind der Liebe in sich.

Der Brief könnte von dem fernen Gatten künden, der wie andere Bürger Delfts mit Südostasien Fernhandel treibt. Oder, so wagen wir eher zu vermuten, einer Liebschaft, die offensichtlich nicht ohne Folgen blieb. Die Farben sind selbst dort vage, wo sie auf klare Töne anspielen, Zitronengelb oder das Blau, das der Briefleserin den Namen gab. Die Kraft der Szene liegt im Momenthaften, einem Moment, der eingefangen wurde und doch entrückt ist.

Das Gemälde kündet von einem Geheimnis, das es zugleich bewahrt. Große Kunst. Dafür sind 25 Millionen kein Geld.

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OBEN OHNE.

In den städtischen Freibädern Berlins sind Frauen nicht mehr verpflichtet, bei zweiteiligen Badeanzügen („Bikini“) ein Oberteil zu tragen. Man ist den Männern gleichgestellt, also nur noch zur Bedeckung der primären Geschlechtsmerkmale angehalten. Die sekundären, auch Busen genannt, dürfen zur Schau stehen.

Ich werde darüber nicht aus religiöser Perspektive reden, da ich mich prinzipiell aus Glaubensfragen raushalte. Nur soviel: einen expliziten Verhüllungszwang für Frauen kann man auch sozial lesen, also als Machtfrage, die mit dem Gleichheitsgebot unvereinbar ist. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Mir geht es um zunächst die virile Binnenkultur, sprich die Frage „Männer und Mode“ im Sommer. Schon in den Restaurants greift die Geschmacklosigkeit zur Eskalation in das Unsägliche. Ich sage nur: Bermudas und Sandalen (mit Socken). In den Badeanstalten kommen jetzt wieder die enggeschnittenen Badehosen, die Auskunft darüber erteilen, ob wir Links- oder Rechtsträgerschaft sind. Vorbei die Diskretion der weiten Sporthosen; man trägt wieder Slip. Die Londoner TIMES spricht von „budgie smuggler“, das sind verborgene Wellensittiche. Urkomisch.

Im Osten der großen Stadt feiert die FKK-Kultur der DDR fröhliche Urstände. Da gibt es eine eigene Tradition. „Wir hatten ja nüscht!“ Tja, und dann eben auch nüscht an. Jetzt mein Punkt: Wer erlaubt sich die Freikörperkultur? Eben nicht die Arno-Breker-Gestalten unter uns, sondern jene, bei denen die Natur selbst eine Bedeckung nahegelegt hätte. Und wir reden hier nicht nur über Ästhetik, sondern auch schon über Hygiene.

Und das heißt für den Zeitgenossen: Augen zu und durch.

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Die FDP mutiert zur Gay Party: Der Liberalismus verkommt im Guido-Mobil zum Kasperltheater

Wenn die Engländer zur Zeit des Oscar Wilde ganz unbefangen von einer gay party sprachen, so war das eine heitere, eine fröhliche Zusammenkunft. Erst im Laufe der Zeit hat sich der Begriff zu einer Bezeichnung eines homosexuellen Lebensstils gewandelt. Und an einer heiteren Liberalität in allen Dingen des Lebens kann ich sehr viel Sympathisches finden in einem Land, das für seinen reaktionären Bierernst und seine Bigotterie berüchtigt war.

Jetzt aber lese ich, dass der von WikiLeaks enttarnte Spion Helmut Metzner (41) eine persönliche Website betrieb, in der er sich als „MunterMacherMetzner“ inszenierte und auf Facebook Comicfiguren vom „kleinen Maulwurf“ zur Verharmlosung seiner Agententätigkeit bemüht. Ein Häschenkostüm bot er zum Verleih an, mit dem er selbst schon gelb-blau gefärbte Eier verschenkte und als liberaler Meister Lampe an der Berliner Parade zum Christopher-Street-Day teilnahm. In seiner Internetbiographie klagt der mit einer gelb-blauen Fliege bewehrte Eierfreund, wie er als bekennender und verheirateter Schwuler unter den Verhältnissen in der fränkischen CSU gelitten habe und wie herrlich es nun in der Westerwelle-FDP sei.

Mir vergeht der Humor; aber nicht, ich schwöre, weil ich auch nur im kleinsten Winkel meines Herzens was gegen Schwule hätte. Meine Laune wird nicht bei Klaus Wowereit getrübt und nicht bei Ole von Beust, jedenfalls nicht, weil sie gleichgeschlechtliche Partner haben. Aber hier fährt sich der Liberalismus in die ewige Lächerlichkeit eines Komödienstadels; das Kasperltheater dieser heiteren Herren schmerzt, nicht, dass sie Bachelor sind.

Ich war schon bei den Spaß-Wahlkämpfen von Guido Westerwelle irritiert, weil sie von den Albernheiten eines Milieus getränkt waren, das der Wähler in seiner Mehrheit nicht mehr versteht. In der Politik ist man aber für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich. Wenn ein heterosexueller Mann ein Wohnmobil am Straßenrand stehen sieht, dann denkt er eben nicht an Theodor Heuss oder Graf Lambsdorff. Die Zahl 18 auf der Schuhsohle, das Guido-Mobil, die Kultivierung gelb-blauer Eier, das entstammt einem soziolektischen Esprit. Das alles sind milieutypische Scherze, die man durchaus teilen kann, aber sie verweisen im Sinne politischer Symbolik eben nicht auf den intellektuellen Kern des Liberalismus. Nun also im Büro des Außenministers Herr MunterMacherMetzner, der Spion, der aus dem Warmen kam.

Das ist so bitter, dass man schon Angst vor der eigenen Ironie entwickelt. Was noch? Man muss den Humor auch verlieren, weil es um Fragen des nationalen Interesses geht. Der Mann war Büroleiter des FDP-Vorsitzenden Westerwelle, des amtierenden Bundesaußenministers. Er hat WikiLeaks zufolge eine ausländische Macht über Meinungsunterschiede zwischen den Koalitionsparteien in Fragen der Abrüstung informiert; unzweifelhaft Fragen von nationalem Interesse, auch wenn für die Bündnis- und Schutzmacht spioniert wird.

Dem aufmerksamen Beobachter entging nicht:  Seine Händen zitterten und unter dem lichten Haupthaar zeigte sich Angstschweiß, aber es wurde stramm geleugnet. Auch auf meine Vorhaltung, dies sei eine Tatsachenbehauptung wider besseres Wissen, blieb Niebel stur: „Ich bestreite, dass es einen Informanten gibt.“ Die Woche war noch nicht um, da musste der nunmehr enttarnte und geständige Muntermacher-Agent bei der FDP umgesetzt werden.

Aber der Unwillen geht über das Krisenmanagement von Westerwelle und seinem Ausputzer Niebel hinaus. Erinnern wir uns, die FDP, das war für das bürgerliche Lager mal das feinste Tuch, das die Republik zu bieten hatte. Der Liberalismus hatte eine gediegene Attraktivität bis weit in die Sozialdemokratie hinein. Das ist der Fluch des Jürgen Möllemann: Er hat sich selbst gerichtet, aber das Halbseidene ist geblieben.

Die FDP ist eine Partei mit Hautgout. Auch ihre Freunde schämen sich ihrer. Die seriöse Frankfurter Allgemeine zitiert Stimmen aus der FDP, die sich gegen ein Regime sogenannter „Mickey-Mouse-Bubis“ wehren. Der Begriff von den schwulen Seilschaften fällt. Genau an dieser Stelle muss man staatspolitisch energisch werden. Die Frage ist nicht, welcher sexuellen Orientierung die handelnden Politiker folgen. Das hat nicht zu interessieren; und es interessiert auch nicht. Nach diesen privaten und persönlichen Dingen hat der Wähler nicht gefragt.

Er ist dank einem unterentwickelten ordnungspolitischen Anstand mit solchen Lebensstilfragen belästigt worden. Es war nicht die Idee des Souveräns, erst die Mehrwertsteuer für Hoteliers zu senken und dann als Bundesaußenminister auf einer Hoteleinweihung zu reden, die der Lebenspartner gegen Honorar organisiert hatte. Solche Strategien staatsbürgerlichen Verhaltens entstehen im Guido-Mobil. Man inszeniere sich jetzt also nicht in der gay party als diskriminierte Minderheit. Es geht um den erst geleugneten, dann schamvoll versteckten MunterMacherMaulwurf.

Die Frage ist, wie ernst man den Liberalismus noch nehmen kann, wenn Denunziantentum oder gar Landesverrat in der Attitüde heiterer Party-Jokes zur Regel werden. Wir wollen anständig regiert werden, von integren Persönlichkeiten.

Und wir respektieren Politikerpersönlichkeiten, für die die Pflicht mehr als Party ist. Konkret: Wer den Bundesfinanzminister gegenüber einer ausländischen Macht als zornigen alten Mann, gar als Neurotiker oder Mann unter Drogen (alles FDP-Jargon) diffamiert, verwirkt unser Vertrauen. Schluss damit. Die Party ist aus.

Quelle: starke-meinungen.de