Logbuch

TESLA AUCH SCHON DA.

Gestern Sportverletzung mit Diagnose Mittelfußknochenbruch im Limburger MRT, eine perfekte radiologische Einrichtung in einem Einkaufszentrum; seltsamer Ort, aber monströse Technik. Hervorragende medizinische Versorgung. Auf der mächtigen Maschine steht zu meiner Überraschung nicht SIEMENS oder PHILIPS, sondern TESLA. Kann das sein? Elon jetzt auch hier?

Man wünscht sich, dass der gebrochene Knochen wieder heilen würde, so wie man einen gebrochenen Stab zusammenleimen kann. Ich zweifle, dass Elon, der Gott unserer Zeit, auch das noch kann. Noch ein Wunderheiler, wie der Nazarener? Eigentlich gilt bei Bruch des Gebeins als Heilungszauber der Zweite Merseburger Zauberspruch. Da nicht jeder im Althochdeutschen zuhause, zitieren wir ihn hier in einer neuhochdeutschen Übertragung. Es geht um einen Jagdunfall und das Besprechen als Wunder der Heilung.

„Phol und Wotan ritten in das Gehölz.
Da wurde dem Balders-Fohlen sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester von Sunna, da besprach ihn Frija, die Schwester von Folla, da besprach ihn Wotan, der es wohl verstand:
Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliederverrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein!“

Man lasse sich da nicht von Orthopäden reinquatschen. Die Episode vom Jagdunfall der göttlichen Phol und Wotan hat Wirkkraft. Man spreche mir nach:
„sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.“

Geht doch! Stammt aus dem 9. Jahrhundert. Da war in Merseburg noch keine Raffinerie und Amerika nicht entdeckt. Und Donald Trump konnte nach einer fabelhaften Rede des britischen Königs nicht in seinem Tagebuch notieren: „Two Kings“. So sollen sie geleimt sein. Sose gelimida sin.

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FREUNDSCHAFTSDIENSTE.

Beruflich beschäftige ich mich in Berlin mit der E-Mobilität, der Kostendämpfung im Gesundheitswesen und der Plattformstrategie im Internet. Auf dem Land sind es andere Dinge, die mir zu denken geben. Zeitsprung.

Was wenn plötzlich Bedarf nach ärztlichem Rat? Es geht um eine Sportverletzung. Ich schicke dem Doc eine Mail, er ruft mich auf dem Handy an, man kann die Patientin noch vor Beginn der Sprechstunde dazwischen fummeln. Danke Doc. So geht auf dem Land Hausarzt. Ich bringe ihm heute eine Pulle Wein vorbei.

Was wenn plötzlich Bedarf nach einem Ersatzteil für den Selbstzünder? Es geht um einen durchstochenen Reifen. Ich rufe den Meister in der Niederlassung an; er schaut mal im Internet, ob er noch einen einzelnen dieses Fabrikats kriegt. Rückruf. Er hat einen. Morgen mittags können sie mir den mal eben zwischendurch aufziehen. Gern geschehen.

Was wenn überraschend Schreibblockade? Der tägliche Dienst setzt aus. Ein ehemaliger Chefredakteur, jetzt geneigter Leser, sieht das sofort und schickt einen Hinweis auf eine interessante TV-Doku, zu deren Thema mir bestimmt was einfiele, meint er. Der Mann ist ein Held jener Regionalpresse, die mal die gedruckte Demokratie ausgemacht hat. Selten geworden.

Übrigens gehört die Werkstatt des urdeutschen Fabrikats neuerdings dem holländischen Importeur, der schon ewig dabei ist. Er hat in Gründerzeiten aus dem historischen Käfer den Transporter entwickelt; ich habe dessen Skizze mal im VW-Archiv in Händen gehalten. Lange her, den Transporter fahre ich heute noch, als T6 in sechster Generation. Der Selbstzünder, eine Reiselimousine, wird der letzte sein; er wird künftig nicht mehr gebaut. Verlorene Zeiten.

Mir fällt auf, dass viele Dinge, die mir im Alltag so Freude bereiten, aus einer anderen Zeit sind. Ich buche zur Not meine Arzttermine über den Internetdienst Doctolib. Aber ein leibhaftiger Hausarzt ist etwas anderes. Ich ersteigere mir zur Not einen Slot bei MacPit, aber eine Vertragswerkstatt des Vertrauens, das ist etwas anderes.

Und ich ertrage Twitter, weil ich dort klassischen Journalismus schreiben und verbreiten kann. Ich bin ein Mann von Gestern. Ich liebe Freundschaftsdienste und gewähre sie, hoffe ich.

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MONTANKULTUR.

Am Samstag mit Kutti & Uli Verköstigung eines Rieslings aus dem Elsässischen, ein Clos Ste. Hune von Trimbach; schon ein ganz großes Gewächs. Der Weinbau im hohen Rheingraben ernährte nicht seinen Mann, man legte in den nahen Vogesen im Bergbau auf Erze an. Nebenerwerbslandwirtschaft, es könnte allerdings auch andersherum sein, dass der Pütt die Nebensache war; aber solche Mischformen gab es immer und überall. In den Bergen gegenüber, dem Schwarzwald, fertigten die Bauern im Winter Kuckucksuhren. Dank an Mehmet vom Carl & Sophie für einen grandiosen Abend mit Freunden.

Wo ich geh und steh entdecke ich Montankultur. Im Westerwald hause ich im Buchfinkenland, was ein Spottname war für die bei Sonnenaufgang singend in die Erzgruben der Nachbarschaft ziehenden Bergleute. Zuhause Kuh und Schwein im Stall. Man ging im nahen Holzappel auf Erz, übrigens mit belgischem Know-how, da man bei den Welschen schon verhütten konnte. So wie der Ruhrbergbau nicht ohne die Iren ausgekommen wäre. Siehe Zeche Erin („Eire“/ Ire) in Castrop.

Der Carl von der vorgenannten Sophie war der legendäre „Bimmel-Bolle“, Betreiber einer Großmeierei, die über die Spree mit Milch versorgt wurde. Wegen fehlender Kühltechnik eilend über Pferd und Wagen ausgeliefert, wovon die Glocke am Kutschbock in den Kiezen kündete. So auch auf der von Hugenotten besiedelten Insel Moabit, begrenzt vom Spreebogen und Heimat des Montanmagnaten Borsig, der hier Lokomotiven baute. Zuwanderung aus Frankreich, dann, viel später, Polen, bevor die Türken kamen. „Anton, sächtä Cerwinsky für mich…“.

Jedenfalls sehe ich, wo ich gehe und stehe, Montankultur. Du kriegst den Jungen aus dem Pott; aber den Pott nicht aus dem Jungen.

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Die FDP mutiert zur Gay Party: Der Liberalismus verkommt im Guido-Mobil zum Kasperltheater

Wenn die Engländer zur Zeit des Oscar Wilde ganz unbefangen von einer gay party sprachen, so war das eine heitere, eine fröhliche Zusammenkunft. Erst im Laufe der Zeit hat sich der Begriff zu einer Bezeichnung eines homosexuellen Lebensstils gewandelt. Und an einer heiteren Liberalität in allen Dingen des Lebens kann ich sehr viel Sympathisches finden in einem Land, das für seinen reaktionären Bierernst und seine Bigotterie berüchtigt war.

Jetzt aber lese ich, dass der von WikiLeaks enttarnte Spion Helmut Metzner (41) eine persönliche Website betrieb, in der er sich als „MunterMacherMetzner“ inszenierte und auf Facebook Comicfiguren vom „kleinen Maulwurf“ zur Verharmlosung seiner Agententätigkeit bemüht. Ein Häschenkostüm bot er zum Verleih an, mit dem er selbst schon gelb-blau gefärbte Eier verschenkte und als liberaler Meister Lampe an der Berliner Parade zum Christopher-Street-Day teilnahm. In seiner Internetbiographie klagt der mit einer gelb-blauen Fliege bewehrte Eierfreund, wie er als bekennender und verheirateter Schwuler unter den Verhältnissen in der fränkischen CSU gelitten habe und wie herrlich es nun in der Westerwelle-FDP sei.

Mir vergeht der Humor; aber nicht, ich schwöre, weil ich auch nur im kleinsten Winkel meines Herzens was gegen Schwule hätte. Meine Laune wird nicht bei Klaus Wowereit getrübt und nicht bei Ole von Beust, jedenfalls nicht, weil sie gleichgeschlechtliche Partner haben. Aber hier fährt sich der Liberalismus in die ewige Lächerlichkeit eines Komödienstadels; das Kasperltheater dieser heiteren Herren schmerzt, nicht, dass sie Bachelor sind.

Ich war schon bei den Spaß-Wahlkämpfen von Guido Westerwelle irritiert, weil sie von den Albernheiten eines Milieus getränkt waren, das der Wähler in seiner Mehrheit nicht mehr versteht. In der Politik ist man aber für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich. Wenn ein heterosexueller Mann ein Wohnmobil am Straßenrand stehen sieht, dann denkt er eben nicht an Theodor Heuss oder Graf Lambsdorff. Die Zahl 18 auf der Schuhsohle, das Guido-Mobil, die Kultivierung gelb-blauer Eier, das entstammt einem soziolektischen Esprit. Das alles sind milieutypische Scherze, die man durchaus teilen kann, aber sie verweisen im Sinne politischer Symbolik eben nicht auf den intellektuellen Kern des Liberalismus. Nun also im Büro des Außenministers Herr MunterMacherMetzner, der Spion, der aus dem Warmen kam.

Das ist so bitter, dass man schon Angst vor der eigenen Ironie entwickelt. Was noch? Man muss den Humor auch verlieren, weil es um Fragen des nationalen Interesses geht. Der Mann war Büroleiter des FDP-Vorsitzenden Westerwelle, des amtierenden Bundesaußenministers. Er hat WikiLeaks zufolge eine ausländische Macht über Meinungsunterschiede zwischen den Koalitionsparteien in Fragen der Abrüstung informiert; unzweifelhaft Fragen von nationalem Interesse, auch wenn für die Bündnis- und Schutzmacht spioniert wird.

Dem aufmerksamen Beobachter entging nicht:  Seine Händen zitterten und unter dem lichten Haupthaar zeigte sich Angstschweiß, aber es wurde stramm geleugnet. Auch auf meine Vorhaltung, dies sei eine Tatsachenbehauptung wider besseres Wissen, blieb Niebel stur: „Ich bestreite, dass es einen Informanten gibt.“ Die Woche war noch nicht um, da musste der nunmehr enttarnte und geständige Muntermacher-Agent bei der FDP umgesetzt werden.

Aber der Unwillen geht über das Krisenmanagement von Westerwelle und seinem Ausputzer Niebel hinaus. Erinnern wir uns, die FDP, das war für das bürgerliche Lager mal das feinste Tuch, das die Republik zu bieten hatte. Der Liberalismus hatte eine gediegene Attraktivität bis weit in die Sozialdemokratie hinein. Das ist der Fluch des Jürgen Möllemann: Er hat sich selbst gerichtet, aber das Halbseidene ist geblieben.

Die FDP ist eine Partei mit Hautgout. Auch ihre Freunde schämen sich ihrer. Die seriöse Frankfurter Allgemeine zitiert Stimmen aus der FDP, die sich gegen ein Regime sogenannter „Mickey-Mouse-Bubis“ wehren. Der Begriff von den schwulen Seilschaften fällt. Genau an dieser Stelle muss man staatspolitisch energisch werden. Die Frage ist nicht, welcher sexuellen Orientierung die handelnden Politiker folgen. Das hat nicht zu interessieren; und es interessiert auch nicht. Nach diesen privaten und persönlichen Dingen hat der Wähler nicht gefragt.

Er ist dank einem unterentwickelten ordnungspolitischen Anstand mit solchen Lebensstilfragen belästigt worden. Es war nicht die Idee des Souveräns, erst die Mehrwertsteuer für Hoteliers zu senken und dann als Bundesaußenminister auf einer Hoteleinweihung zu reden, die der Lebenspartner gegen Honorar organisiert hatte. Solche Strategien staatsbürgerlichen Verhaltens entstehen im Guido-Mobil. Man inszeniere sich jetzt also nicht in der gay party als diskriminierte Minderheit. Es geht um den erst geleugneten, dann schamvoll versteckten MunterMacherMaulwurf.

Die Frage ist, wie ernst man den Liberalismus noch nehmen kann, wenn Denunziantentum oder gar Landesverrat in der Attitüde heiterer Party-Jokes zur Regel werden. Wir wollen anständig regiert werden, von integren Persönlichkeiten.

Und wir respektieren Politikerpersönlichkeiten, für die die Pflicht mehr als Party ist. Konkret: Wer den Bundesfinanzminister gegenüber einer ausländischen Macht als zornigen alten Mann, gar als Neurotiker oder Mann unter Drogen (alles FDP-Jargon) diffamiert, verwirkt unser Vertrauen. Schluss damit. Die Party ist aus.

Quelle: starke-meinungen.de