Logbuch
WATERGATE.
Hilflos wirkt sie im „Presseclub“, der Talkshow mit Journalisten, die kreuznette Chefredakteurin des jetzt berühmten Dienstes namens CORRECTIV. Ich kenne sie, seitdem sie mir den Gefallen tat, im örtlichen Altersheim über ihr Buch zur Krise der Pflege zu sprechen. Und dann jetzt vor der Kamera ein kleiner Lapsus, der sie straucheln lässt.
Auf die Vorhaltung, dass die Vorgänge auf einem Treffen rechtsextremer Kreise in Potsdam fehlleitend als neue „Wannseekonferenz“ gerahmt worden seien, also einer Wiederholung des historischen Treffens zur sogenannten „Endlösung“ der sogenannten „Judenfrage“, sprich des Beschlusses der Nazis zum Völkermord, sagt sie, das hätten sie nicht getan. Ich erinnere aber, so etwas bei CORRECTIV gelesen zu haben.
Jetzt vernehme ich, diese Quelle sei korrigiert worden. Ich vermute, heimlich. Ach, wenn das stimmt, das diskretiert. „Wenn man die Fakten nicht mehr glauben kann, dann müssen halt die Fakten dranglauben.“ (Brecht) Ich lerne ohnehin, dass der investigativ erkundete Skandal möglicherweise auf einem Abhörprotokoll des Inlandsgeheimdienstes beruht, das den Investigativen mit Duldung der Ministerin aus parteipolitischem Kalkül zugesteckt worden sei. Das klingt wie ein AfD-Narrativ, ist also mit einiger Vorsicht zu genießen.
Obwohl auch WATERGATE am Ende des Tages eine Geheimdienstnummer war. Erfahrungssatz: Ein Haupteinfallstor für schwarzes PR sind die weißen Redaktionen. Wir reden über regierungsseitig „gewünschte Wahrheiten“.
Das Investigative als Staats-PR. Selbst Frank-Walter (der Herr, der das Staatsoberhaupt gibt) wünscht solche wünschenswerte Enthüllungen; hat er gestern eigens gesagt. Ein ordnungspolitisches Paradox.
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WASSER WELTEN.
Zur gesunden Ernährung gehört klares Wasser. Man gießt sich nicht Sirup in den Schlund, die zuckerhaltigen Limonaden, sondern reines Mineralwasser. Es tut mir leid für Coca Cola, aber meine Gesundheit ist wichtiger. Deshalb führe ich neuerdings einen Nussknacker mit mir, wo ich geh und steh.
Man kriegt die Plastikflaschen mit bloßen Händen nicht mehr auf, weil sie neue Drehverschlüsse haben, die an der Flasche befestigt sind; nennt sich „tethered caps“. Eine EU-Vorschrift, damit der Deckel zusammen mit der Flasche im Recycling landet. Wenn die Flasche dort landet. Du kriegst das Luder nicht auf und dann nicht mehr ordentlich zu. Aber dem Umweltschutz soll so laut EU gedient sein.
Den Nussknacker nutzen wir wie eine Zange. Ich habe ihn in einem Lederbeutelchen im Rucksack, in dem auch der Tauchsieder ist. Wozu? Na, zum Abkochen von Kranwasser, wenn unterwegs. Der Sprudel enthält nämlich massenhaft Mikroplastik, für das bloße Auge nicht erkennbar, aber vom Körper gesammelt. Wir trinken so auf Dauer die Flasche.
Deren Stabilität hängt, weil wenig Material im Plastik von der Kohlensäure ab, die von innen Druck verschafft. Kohlensäure, das ist der Sprudel, der aber entweicht, weil man den Deckel nicht mehr gescheit drauf kriegt. Womit aus der Flasche ein labberiger Schlauch wird, der den Rucksack vollsüfft. Ohnehin ist Leitungswasser gesünder, weil keine Mikroplastik.
Aber abkochen sollte man es. Deshalb der Reisetauchsieder. Wo kein Strom, empfiehlt sich eine Gaskartusche und ein Bunsenbrenner. Jetzt höre ich schon wieder die Mauler mit der Mäkelei, das sei zu kompliziert. Also, wenn es die Grünen unter dem Märchenonkel schaffen, eine ganze Erdgasversorgung von der Pipeline auf Kartusche umzustellen und mit den LNG-Kartuschen um die halbe Welt zu schippern, dann kann das ja für den gemeinen Handlungsreisenden nicht so ein Problem sein, oder?
Man muss halt nur wollen wollen. Und sich an Paradoxien gewöhnen. Dann versteht man die EU-Umweltpolitik auch leichter. Die „tethered caps“ gibt es auch bei Verbundkartons (eine Verklebung von Aluminium, Karton und Lack, genannt Tetrapak); da soll man den neuerdings festen Deckel aber abmachen, bevor der Wasserkarton in den Gelben Sack geht, damit beide zusammen verbrannt werden. Nennt sich „thermisches Recycling“. Bitte im gleichen gelben Sack ins Feuer! Und nicht in Sylt an den Strand den vermaledeiten Deckel.
Das empfohlene Entfernen des festverbundenen Deckel beim Wasserkarton fällt leicht mit einer Zange oder starken Schere; kommt mit in den Beutel für Nussknacker und Tauchsieder.
Geht doch! Mit ein wenig gutem Willen.
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KLOSTERLEBEN.
Aufenthalt in einem Kloster aus dem 12. Jahrhundert im Vorharz. Oberhalb der Kirche ein riesiger Saal als Veranda mit Blick in den Dom, eine Nonnenempore. So konnten die Klosterfrauen am Gottesdienst teilnehmen, ohne sich unter‘s Volk mischen zu müssen.
In mir entsteht Interesse, wie denn wohl das Binnenleben in so einem Kloster war. Unter der offiziellen Liturgie muss es ja gemenschelt haben. Das Kloster war eben nicht nur ein riesiger landwirtschaftlicher Betrieb, bis heute treibt der Laden Ackerbau, sondern auch eine eigene Welt. Mein Indiz: Sie brennen bis heute Schnaps. Da musste man nicht heimlich am Messwein nippen, man hatte richtigen Schabau.
Es gab seit Jahrhunderten also eine frühe Variante der Debatte „Teller oder Tank?“, und zwar als „Teller oder Flasche?“ Ich koste den am Ort gebrannten Doppelkorn (!) namens AURUM (Gold) und finde ihn ausdestilliert und rund. Für einen Freund der „kleinen Lage“ (Bier&Korn) geradezu ideal. Ja, ich weiß, Rentnergedeck. Trotzdem lecker, wie der Holländer sagt.
Mein Kloster ging über die Jahrhunderte zwischen den unterschiedlichen Orden hin und her. Und nach der sogenannten Reformation auch zwischen den Katholischen und Evangelischen. Was war da wohl so los in einem lutherischen Nonnenkloster mit zweihundert Damen ganz unterschiedlicher Herkunft und der Kombi aus Korn und Doppelkorn, sprich Brot und Schnaps?
Man darf sich die mittelalterliche Entscheidung, ins Kloster zu gehen, ja nicht nur als religiösen Erweckungsakt vorstellen. Unverheiratete suchten dort der Not zu entrinnen, höhere Töchter wurden in die Hierarchie geradezu hineingekauft, verfolgte Hebammen entronnen so der Hexenverbrennung. Ich bin sicher, dass der offiziellen Geschichte der Klöster tausend kleine Geschichten des Allzumenschlichen entsprechen. Innenleben mit Nonnen. Aber der kalte Stein meiner Zelle redet ja nicht.
Wenn ich Dan Brown wäre oder Umberto Eco oder der unsägliche Günther Grass (ein großer Plagiator), da würde ich jetzt die Bibliotheken durchforsten und aus alten Romanen dieses Milieus großzügig abschreiben. Ein „Bestseller“ wäre geboren. Aber dazu bin ich irgendwie nicht geschäftstüchtig genug. Es ist ein Elend mit meiner Mutter Sohn.
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Das Weihnachts-Interview: Kant zum Kult von Kundus
Weihnachten im Felde: das ist ein sehr deutsches Thema. Das Feldlager in Kundus wird just zur adventlichen Kulisse politischer Kundgebungen. Kaum ist der Bundesverteidigungsminister nebst Gattin und Talkmaster Kerner aus dem Kriegsgebiet zurückgekehrt, darf die Truppe eine neue Bühne für einen weiteren Besuch zimmern: Die Kanzlerin reist mit zu Guttenberg an.
Fotos flattern uns auf den Adventstisch, die Merkel mit zu Guttenberg und Offizieren betend in der Ehrenhalle der Bundeswehr zu Kundus zeigen, vor einem geschmückten Weihnachtsbaum, im Gedenken an die Gefallenen. Ehre, wem Ehre gebührt. Aber man darf in diesem Zusammenhang nicht nur von Kriegspropaganda sprechen, man muss es, wenn Sachfragen der Außen- und Verteidigungspolitik derart zu Personality-Formaten des Boulevard gewandelt werden. Wir sprachen mit Moral in der Politik und Showbusiness statt Politik mit dem Königsberger Philosophen Professor Immanuel Kant.
Kocks: „Professor Kant, die Befürworter der Talkshow in Kundus führen an, dass man auch zu modernen Mitteln der Kommunikation greifen müsse, um den Menschen im Lande Sinn und Zweck der Politik zu erklären. Für einen modernen Patriotismus sei jedes Mittel recht. Was sagt das über den Zustand der politischen Kultur?“
Kant: „Eine Politik, welche, was den Punkt der Mittel betrifft, nicht bedenklich ist (also die des Polikasters), ist Demagogie. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleibt, und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Daß der größte Theil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“
Kocks: „Aber muss nicht gerade eine wertgebundene Politik Sorge tragen, von breiten Kreisen der Bevölkerung verstanden zu werden? Da kann doch Personalisierung, die Einbeziehung der eigenen Familie, wie wir es bei Wulff und zu Guttenberg erleben, nur helfen. Braucht nicht gerade die moralische Politik eine gewisse Raffinesse der Darstellung?“
Kocks: „Es geht nicht um Rechtsbrüche. Der Auslandseinsatz der Bundeswehr ist ja parlamentarisch gedeckt. Meine Frage bezog sich auf das Verhältnis von Moral und Politik. Sind diese Truppenbesuche nicht auch ein moralisches Vorbild für eine Gesellschaft, die immer gleichgültiger gegenüber Grundwerten wird? Brauchen wir nicht mehr politische Moralisten?“
Kant: „Ich kann mir nun zwar einen moralischen Politiker, das ist, einen, der die Prinzipien der Staatsklugheit so nimmt, dass sie mit der Moral zusammen bestehen können, aber nicht einen politischen Moralisten denken, der sich eine Moral so schmiedet, wie es der Vorteil des Staatsmannes sich zuträglich findet.“
Kocks: „Sie sind sehr rigoros, was den Anspruch angeht, nachdem die Maximen unseres Handelns zugleich immer auch als Grundsätze einer allgemeinen Gesetzgebung annehmbar sein sollten. Ist das aber nicht doch reine Theorie, fern der politischen Praxis?“
Kant: „Es kann keinen Streit der Politik als ausübender Rechtslehre mit der Moral, als einer solchen, aber theoretischen geben (mithin keinen Streit der Praxis mit der Theorie): man müsste denn unter der letzteren eine allgemeine Klugheitslehre, das ist eine Theorie der Maximen, verstehen, zu seinen auf Vorteil berechneten Absichten die tauglichsten Mittel zu wählen, das ist, leugnen, dass es überhaupt eine Moral gebe.“
Kocks: „Aufgabe der Politik ist es doch, so lautet, glaube ich, der Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Und die tatsächliche Bedrohung etwa durch Terrorakte wird in diesen Tagen ja geschürt. Auf jedem Bahnhof stehen schießbereite Polizisten. Hilft in dieser Welt Prinzipienreiterei?“
Kant: „Die politischen Maximen müssen nicht von der aus ihrer Befolgung zu erwartenden Wohlfahrt und Glückseligkeit eines jeden Staats, also nicht vom Zweck, den sich ein jeder derselben zum Gegenstande macht (vom Wollen), sondern von dem reinen Begriff der Rechtspflicht (vom Sollen, dessen Prinzip a priori durch reine Vernunft gegeben ist) ausgehen, die physischen Folgen daraus mögen auch sein, welche sie wollen.“
Kant: „Wir müssen annehmen, die reinen Rechtsprinzipien haben objektive Realität, das ist, sie lassen sich ausführen; und danach müsse auch von Seiten des Volks im Staate und weiterhin von Seiten der Staaten gegeneinander gehandelt werden; die empirische Politik mag auch dagegen einwenden, was sie wolle. Die wahre Politik kann also keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben.“
Kocks: „Und doch lodert allenthalben Doppelmoral und Unfrieden. Und in Afghanistan, haben wir gelernt, findet der Krieg gegen den Terror statt, wie im Irak. Wie blauäugig muss man sein, um in einer solchen Welt vom ewigen Frieden zu reden?“
Kant: „Es soll kein Krieg sein. Also ist nicht die Frage, ob der ewige Friede ein Ding oder Unding sei, sondern wir müssen so handeln, als ob das Ding sei, was vielleicht nicht ist, und auf Begründung desselben und diejenige Konstitution, die uns dazu die tauglichste scheint, hinwirken, um ihn herbeizuführen und dem heillosen Kriegsführen ein Ende zu machen.“
Kant: „Nationalstolz und Nationalhass sind Instinkte, die die Tierheit an uns dirigieren, aber durch Maximen der Vernunft ersetzt werden müssen. Um dessenwillen ist der Nationalwahn, jener Wahn, den Regierungen so gerne sehen, auszurotten, an dessen Stelle Patriotismus und Kosmopolitismus treten muß.“
Kocks: „Und das kann man in einer Verfassung haben, Vaterlandsliebe und Weltbürgertum? Sie träumen vom ewigen Frieden!“
Kant: „Wir reden von einer auf Freiheitsprinzipien gegründeten Verfassung aus der Idee der Vernunft. Drei Definitivartikel zum ewigen Frieden, einer unausführbaren Idee, wenngleich letztes Ziel des ganzen Völkerrechts: 1. Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein. 2. Das Völkerrecht soll auf einem Föderalismus freier Staaten beruhen. 3. Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein.“
Kocks: „ Hospitalität? Das Lateinische hat ja mit dem Begriff „hospes“ ein und dasselbe Wort für den Fremden wie für den Gast. Meinen Sie das: Der Fremde als Gast, Gastfreundschaft als Prinzip, auch im weltbürgerlichen Maßstab?“
Kant: „Er versteht schon recht. Frohe Weihnacht, Friede auf Erden und den Menschen einen Wohlgefallen.“
Kocks: “Professor Kant, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.“
Quelle: starke-meinungen.de